Zur Konfliktbereitschaft

in Zur Konfliktbereitschaft

am 21.01.2005 schrieb Groepler-Roeser:

bedürfen die Erfahrungswissenschaften einer Umgestaltung hinsichtlich ihrer äußerlichen Wahrnehmung?

Im Editorial der KursKontakte des 16. Jahrgangs vom Dezember 2004/ Januar 2005 habe ich mit großem Erstaunen einen sehr aufrichtigen Satz gelesen. Ich möchte ihn an dieser Stelle als den Eingang in einen möglichen Paradigmenwechsel der Erfahrungswissenschaften zitieren:

"Die Zeiten esoterischer Nabelschau sind vorbei: Ein ganzheitliches Denken nimmt auch den Organismus als Teil der Selbstheilung wahr. "Heil“ bedeutet "ganz“ und das Ganze schließt den Konflikt nicht aus. Nur wenn wir uns - von Friedenslust beseelt - zur Reibung anbieten, entsteht Wärme im gesellschaftlichen Reifeprozess.“

Johannes Heimrath

Ein geradezu arriviertes Bedürfnis nach fast einem Jahrhundert des Kultes, des ignoranten Spirituellen und der vermeintlich elitären Geheimgesellschaften. Dieser Satz zeitigt das Heranreifen einer so lang ersehnten Offenheit einer bisher fremden Wärme in einem tatsächlichen Prozess ehrlicher - eben menschlicher Auseinandersetzung.

Sind es neue Befunde oder anders gereifte Prozesse der jahrelang forschenden Wissenschaftler, die sich oftmals einer sinnentleerten psychischen Verfolgung ausgesetzt sahen und teilweise auch noch sehen, nur weil sie den Mut hatten, neue und dennoch traditionelle methodische Wege zu gehen und zu akzeptieren?

"Und was ist überhaupt ein Erfahrungswissenschaftler?“, wird man nicht selten in der anderen Anderswelt (Kirchhoff invers) gefragt. Ich habe diese Frage sehr häufig gestellt bekommen, weil ich mich seit Jahren auf eine besonders zynische Weise mit der Geschlossenheit esoterischer Denksysteme befasst habe und viele Menschen aus meinem Umfeld gern gewusst hätten, womit ich mich da eigentlich beschäftige.

Nun ist es schwer jemandem zu erklären, was Lithopunktur, Chakren, Geomantie und so vieles anderes Neubegriffliches bedeuten kann. Wie aber erklärt man einem Menschen, dass diese durchaus interessanten (und ich halte sie keinesfalls für unwissenschaftlich) und komplexen Forschungsthemen eine merkwürdige Geschlossenheit um sich produzieren.

Das war und ist die eigentliche Bruchstelle der Kommunikation zwischen den Welten. Das Andersdenken deswegen verstehen zu können, weil es ausgebreitet vor mir liegt, damit wir es in seiner Gesamtheit, im Ganzen erfassen können.

Die Öffnung, nicht inszeniert als ein reines Bühnenstück, ist sehr oft und in uns allen verbunden mit einem großen Stück Mut, sich selbst einer kritischen Betrachtung freizugeben und ihr sich im besten Falle auch zu unterziehen. Angst und Verletzung sind jedem Menschen aus seiner eigenen Geschichte bekannt und allein deswegen weniger gern gesehene Gäste in unserem Podium der Gefühle.

Hätten wir nicht alle viel lieber Applaus, als wirklich streitende Kritik?
Was aber ist Applaus? Nicht treffender floss es aus der Feder Epiktets (um 50 n.u.Z.)

"Wie die Sonne nicht auf Lob und Bitte wartet, um aufzugehen, sondern eben leuchtet und von der ganzen Welt begrüßt wird, so darfst auch du weder schmeicheln noch Beifall brauchen, um Gutes zu tun."

Das sicherlich entscheidende Wort Epiktets liegt in der Bescheidenheit selbst und gibt sich unkommentiert frei.

Auch Applaus kann vernichtend sein, wenn er nebenbei und in Unkenntnis unseres eigentlichen Anliegens auf uns niederfährt. Ich denke an eine Kirche, in der nach einem Orgelkonzert applaudiert wird.
Schlimmer noch ist der Applaus für den im Boxkampf getroffenen und vielleicht am Boden liegenden Menschen, dem er nicht einmal gilt.
Applaus und Lob sind leider zu Konventionen verkommen, die in einer betrüblichen Undifferenziertheit als Wettermacher vermeintliche gesellschaftliche Verlierer produzieren.

Eine wirklich heilsame Gegenmethode ist das Selbstbewusstsein, sich einer kritischen Auseinandersetzung zu stellen, deren eigentlicher Entwicklungsprozess mir immer wieder zeigt, was ich schon weiß, was ich schon verstehe und wie ich damit umgehen kann. Ich werde m i r bewusst. Die spiegelnde Wirkung von Kritik kann sich frei entfalten.

Diese Form der Reibung verursacht in mir mehr Wärme, mehr Erkenntnis, als die Strafe des fehlenden oder nur schwachen Applaus’ dessen Hohelied auf mich ich doch so sehr erwartet hatte.

Dieser Prozess der Abkehr von der esoterischen Nabelschau trägt vieles Wichtige hinaus und macht es den Menschen, die bisher ahnungs- oft auch empfindungslos umherirren und eine Heimat suchen zugänglich.
Ein weiteres Zögern wäre sicher unverzeihlich, weil die politische und damit auch die soziale Kälte in einer rasanten Geschwindigkeit immer mehr Bereiche der Gesellschaft, aber vor allem das Individuum trifft.

Aus dieser inneren Machtlosigkeit des Systems gibt es nun einen möglichen Ausweg mehr.
Um so schöner, dass er aus dem "Innen“ in einer Zeit entsteht, deren Seelen es bitter nötig haben.


Groepler-Roeser

PS:
Sollte mich nun der ein oder andere Mensch aus meiner Vergangenheit des Verrats an einem gemeinsamen Ideal brandmarken wollen, so muß ich hic et nunc gestehen, daß ich zu keiner Zeit auf der Seite von Systemen gestanden habe, sondern der Glaube an einen tatsächlich freien Willen mein größter Impuls war und auch weiterhin sein wird.

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