Buchbesprechung
Marienpflanzen
Der geheimnisvolle Garten Marias in Symbolik, Heilkunde und Kunst
Maria und ihre Pflanzen sind das Thema des schon auf den ersten Blick freundlich anmutenden Buchs von Simone Widauer. Und auch der zweite Blick auf wunderschöne, geheimnisvolle Marienbildnisse lädt zum Blättern und Lesen ein.
Aus der Vielzahl von Pflanzen und Blumen, die mit der heiligen Maria seit Jahrhunderten in Verbindung gebracht werden, hat Simone Widauer acht ausgewählt und stellt sie unter immer neuen Blickwinkeln einfühlsam vor. Sie beginnt ihre Vorstellung mit dem kleinen, zarten Boten des Frühlings, dem Gänseblümchen, das einer Legende nach aus Tränen der Maria entstand und auch ein Sinnbild ist dafür, dass Sensibilität und Stärke sich nicht ausschließen. Ich erfahre, dass Gänse diese Blume eben nicht fressen, dass die Gans in alter Zeit für Fruchtbarkeit und das Leben selbst stand und die auch Marienblume oder Maßliebchen genannte Pflanze die Seelenpflanze der Kinder ist. Rosen und Lilien auf Marienbildnissen waren mir vertraut, aber Gänseblümchen und Walderdbeeren habe ich bislang übersehen.
Interessant ist auch die letzte Pflanze, das Porträt der „vornehmen Dame“ Akelei, einer geheimnisvollen Zauberpflanze, deren Heilkraft fast in Vergessenheit geraten und die im Wortsinn auch durchaus mit Vorsicht zu genießen ist.
Bereits auf den ersten Seiten des Buchs wird deutlich, dass Marienpflanzen nicht nur dazu aufforden, sich mit den tieferen Schichten des Christentums zu befassen, sondern bis zu den vorchristlichen Wurzeln zurückzukehren, damit die symbolische Bedeutung der Pflanzen offenbar wird. Zu beiden Ebenen kann die Autorin, Kunsthistorikerin und Religionswissenschaftlerin eine Fülle von Informationen bieten.
Aber selbstverständlich ist es schwierig, bei einem so umfassenden Thema alle Erwartungen zu erfüllen. So hätte ich mir gewünscht, mehr über die dreifältigen Göttinnen und ihren Bezug zu Maria zu erfahren, die uns hierzulande doch recht häufig in Kirchen und Kapellen begegnen, die „Unserer lieben Frau“ oder „Unseren lieben Frauen“ geweiht sind. Doch wie die Autorin im Kapitel „Patronin oder Matrone“ selbst anmerkt, wäre das im Rahmen dieses Buchs vielleicht zu weit gegangen. Auch kann unter diesem Gesichtspunkt das Betrachten der Marienpflanzen in der Heilkunde eher ein kurzes Beleuchten sein. Doch dadurch wird das Buch nicht weniger lesenswert.
Auch die sich aus dem Lesen ergebende Imagination oder gar eigene Gestaltung eines beschützten Mariengartens als Ort der Besinnung ist wohltuend in einer Zeit, die Sehnsucht nach Geborgensein und einem Heraustreten aus dem oft atemlosen Alltagsgeschehen mit sich bringt.
Hinter der Vermittlung geschichtlicher Zusammenhänge ist das vorliegende Buch vor allem ein Plädoyer für eine Wiederbesinnung auf die lebensspendenden und beschützenden Aspekte einer naturgemäß weiblichen Urmutter und der nachfolgenden Göttinnen-Trinitäten, die schließlich in Maria eine christliche Dimension fanden – als Verkörperung der Liebe zur Schöpfung und zu den Geschöpfen.
Simone Widauer möchte mit ihrem Buch dazu inspirieren, „beim Betrachten der Marienbilder oder bei der Begegnung mit einer Marienpflanze … die uralte Spur der Verbundenheit unseres inneren Wesens mit der Natur wieder aufzunehmen“. Ich empfehle, diese Einladung anzunehmen. Und wenn ich im kommenden Frühjahr das erste Veilchen sehe, werde ich mich hüten, es zu pflücken, sondern mich demütig zur Erde beugen, um lediglich daran zu riechen.
AT-Verlag, Baden und München 2009, 180 Seiten, 19,90 Euro
ISBN: ISBN 978-3038004-11-0

