Buchbesprechung

Kymatik

Wellenphänomene und Schwingungen

von Hans A. Jenny

Buchbesprechung von Lara Mallien

 Es ist ein faszinieren-des Spiel: Man streicht mit einem Geigenbogen den Rand einer Metallplatte, die mit feinem Sand bestreut ist. Sobald ein Ton erklingt, legt sich der Sand in wunderschöne Muster, als würde wie von Zauberhand eine geheime Matrix sichtbar.
Die Arbeiten des Entdeckers dieser Platten, Ernst Florens Chladni (1756–1827), blieben mehr als ein Jahrhundert unbeachtet, bis der Schweizer Naturwissenschaftler, Mediziner und Maler Hans Jenny (1904–1972) sie verfeinerte. Er übertrug nun mittels eines Kristalls elektrische Impulse auf die Chladni-Platte, so dass man minutiös jede Veränderung der Schwingung in den Sandmustern ablesen konnte. Aber das ist nur eines von vielen Experimenten, die Jenny erfand.
Ihn trieb die Frage um, warum sich in der Natur bestimmte Formen ausbilden. Als Schlüssel zur Formbildung erkannte er die Periodizität, das heißt die sich rhythmisch wiederholenden Muster und Kreisläufe in der Natur: „So ist das ganze Pflanzenreich ein gigantisches Beispiel sich wiederholender Elemente, makro-, mikro- und elektronenmikroskopisch ein unendliches Bild von Geweben … Die Organismen steigern sich ja dann zu reinen Erscheinungen der Schwingungsnatur in den Lautbildungen; und die Sprache selbst ist wieder eine Steigerung innerhalb dieses Gebietes.“
Die Wissenschaft, mit der Jenny die Schwingungsnatur der Welt erforschen wollte, nannte er Kymatik, abgeleitet aus dem Griechischen: to kyma, die Welle, ta kymatika, Dinge, die sich auf Wellen beziehen. Die Kymatik soll nicht die Schwingungsphänomene als solche, sondern die Effekte von Schwingungen in allen Bereichen des Lebens studieren. Jenny ging es nicht um Laborversuche, sondern um eine dem Leben zugewandte phänomenologische und empirische Wissenschaft. Seine Arbeit ist bis heute eine wichtige Inspirationsquelle für viele Künstler, Wissenschaftler, Klangforscher, Musiker und Denker. Sein zweibändiges Werk „Kymatik“ war lange Zeit vergriffen, der zweite Band wurde im Jahr 1972 kurz vor Jennys Tod veröffentlicht. Im Jahr 2001 erschien in den USA eine Zusammenfassung beider Bände, die der AT-Verlag in diesem Jahr neu herausgegeben hat. Die „Kymatik“ reiht sich hier ein neben die wunderbaren Wasser-Klang-Bücher von Alexander Lauterwasser, der auch das Vorwort zur Neuauflage verfasst hat.
Das 280 Seiten starke Buch lädt die Leser ein, die Welt um sich herum als ständige Bewegung, Zirkulation und Pulsation wahrzunehmen. Jenny experimentierte mit empfindlichen beschichteten Membranen, die durch Klänge in Oszillation versetzt wurden. Sein „Tonoskop“ macht die menschliche Stimme ebenso wie Klänge von Mozarts Jupiter-Symphonie hörbar. Ein Foto zeigt, wie feines Lykopodiumpulver bei einem Crescen-do ins Zentrum strebt, so dass ein Muster wie ein menschlichen Auge entsteht. Schwingende Quecksilbertropfen sehen aus wie Pflanzen. In pulsierenden, mit Licht bestrahlten Flüssigkeiten zeigen sich Klänge als Mandalas der harmonikalen Gesetze, in denen sich die Formen der Welt ausbilden.
Hans Jennys Texte beschreiben die Experimente und reflektieren sie vor seinem wissenschaftlichen und naturphilosophischen Hintergrund. Auf der Suche nach der „Wirkensweise der Natur“ findet er weniger Kausalzusammenhänge als Prinzipien: „Antagonismen und Synergismen, Hemmen und Fördern, Dämpfen und Anregen, Unterdrücken und Freisetzen“. Er erlebt sich als Forscher in der „Wirklichkeit der Rätsel“, er kann der Welt zuhören und über sie staunen, sich als Forscher in einer schöpferischen Welt begreifen. In einer solchen Haltung entsteht lebensfördernde Wissenschaft. Das Buch kann allen, die über das staunen, was die Welt im Innersten zum Schwingen bringt, wärmstens empfohlen werden.

AT-Verlag, Baden und München 2009,
296 Seiten, 39,50 Euro

ISBN: ISBN 978-3038004-58-5

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