Buchbesprechung
Räume, Dimensionen, Weltmodelle
Impulse für eine andere Naturwissenschaft
Die spirituelle Literatur quillt über. Gut gemeinte Ratschläge zur Lösung der Weltkrise wuchern aus den Ecken der Weltreligionen und der Esoterik, gepflegte Erlösungsneurosen finden neue Kleider. Subtiler Reduktionismus findet sich an allen Ecken: Die Planierraupe mit dem Namen „Alles- ist - (eigentlich) eins“ hat Hochbetrieb. Dogmatischer als die Naturwissenschaft es je tun könnte werden Christus- und Buddhaprogramme zur Weltverbesserung betrieben, lautstark zum affirmativen Umgang mit technischer und politischer Macht aufgerufen. Derweil, der Logik der Affirmationen folgend, frisst sich der Raubtierkapitalismus und die damit verpaarte, mental versklavende mainstream Wissenschaft unbeschadet weiter durch. Dieses Pärchen, Geld und Wissenschaft, die Schwarze Pest der heutigen Zeit, lächelt verschlagen und lädt ein zum gemeinsamen Schmaus. Es weiß, es kann auf den Willen zur Wohligkeit einer überwiegend angepassten Spiritualität setzen. Mit Kirchhoffs Buch ist die Wohligkeit zu ihrem verdienten Ende kommen. Wer die Gedanken nachvollzieht, könnte ahnen, um was es wirklich geht. Weh dem, der sieht.
Wir geraten nicht in die affirmativen, flachen Gewässer des vernutzten Tao, der überstrapazierten Großen Göttin, des Fünften Feldes als Einheitswahn und anderen marktgängigen Beruhigungspillen. Die inversen Gewaltfantasien der spirituellen Einebnung, billige aber uneingestandene Kopien des Überbaus der Gewalt der Gesellschaft, die Erlösungsfanatiker mit Engelszungen und viele andere müssen mal draußen bleiben. Nichts führt uns in die übliche sanfte Schläfrigkeit und das Nebelland des liebesschwülstigen Gefühlstaus (Karl Marx). Nichts ist gut. Nichts wird gut, solange nicht wirklich radikal umgedacht wird. Kirchhoff wendet sich, trotz fruchtbarer bildhafter Ausführungen, gegen alle Formen der einseitigen Projektionen. Der Dreiklang Leib, Seele und Geist, die Basis des Weltenspiegels Mensch, wird in ein lebendiges Spannungsfeld gesetzt. Wer nach letzten Antworten giert, in die krankhafte Wollust des terminalen „Fassbar- machens“ niedersteigen will, geht leer aus. Was allein zählt ist die lebendige, denkerische Erfahrung, die jenseits der üblichen Subjektblindheit gelagert ist, der bloßen Subjektivität aber die Schranken weist. Das Resultat kann nur bleibende, sinnlich- denkende Bewegung sein. So ist das Buch auch geschrieben: geistig-sinnlich bewegend. Die Bewegung richtet sich als produktive Negation gegen jede Art der begrifflichen Festzurrung. Behutsam zeigt Kirchhoff auf den Lichtabgrund, wo unser Denken nicht hinreicht. Der Fantast, so er denn noch fühlen kann, erbleicht und verstummt. Dennoch ist der wache Leser nicht verloren. Das Wechselspiel zwischen fundierter Kritik an der mainstream Wissenschaft, Andeutung des Unbekannten und die behutsam verdichteten Stränge der Erkenntnis ist ein Klang. Ein Klang, in dem Wahrheit schwingt ohne selbst Klang zu sein.
Es überrascht den gründlichen Leser: Trotz der Vorsicht und der Komplexität des Spiels der argumentativen Ebenen erreicht man tiefen Grund. Eine Art Emanation aus einem Feld, das Vielfalt bleibt und (ohne darin ganz aufzugehen) ist. Der Grund des Grundes ist ein Meisterstück unaufdringlicher, transpersonaler Argumentation. Der Mensch ist umfassend, erweitert eingedacht. Ohne Ausdehnung subjektbezogener Denk- und Erfahrungskraft geht gar nichts. Das Subjekt kommt zu seinem Recht und gewährt der Natur, dem Anderen, zwanglos das Recht auch solches zu sein. An keiner Stelle des Buches hat man den Eindruck, dass etwas übergestülpt werden soll. Der Kosmos ist ein Kosmos, der den Menschen will. Tiefere Absicht ist eine In- Würdesetzung menschlichen Seins. Der Mensch, in seiner Vielfalt, ist ein Steuerkörper des irdischen Geschehens. Diese materiale Offensichtlichkeit wird spirituell geankert. Von dort aus wird der Mensch auch zum Steuerkörper in kosmischer Dimension gedacht. Gemeint ist der Mensch als die Potenz des Bewusstseins zur Selbstreflexion. Dieser kühne und unzeitgemäße Gedanke hat eine erschreckende Dimension. Es ist die Erinnerung an den vergessenen Bund mit dem Kosmos. Hier wird ein neues Band mit dem Kosmos sichtbar, das allerdings jeder selbst knüpfen muss. Insbesondere die Gravitation als spirituelles Geschehen gedacht, gibt Anstoß, den lebendigen Kosmos neu und, das ist wichtig, verbindlich zu erleben.
Der Kosmos ist Ausdruck eines beständigen Ringens, einer Spannung zwischen Chaos und zeitweiliger Ordnung. Lichtinseln sind möglich, aber keine ewigen Paradiese. Der desaströse Hang zur Verklärung des Weltseelischen wird in keiner Form getragen. Offene Weite, nichts von heilig. Vielfalt statt Einfalt. Möglichkeit statt Einheitszwang. Dem verständigen Leser bleibt nichts anderes übrig, als von jeweiligen, transmental und transpersonal gestützten, Erkenntnislagen auszugehen. Für die wirkliche Tiefe ist er notwendig und dadurch schöpferisch blind. Dies wissend und überwinden- wollend, wird er kritisch an die Gestaltung seiner Denk- und Umwelt gehen. Beide, tiefe Denk- und Umwelt, fallen bei Kirchhoff zusammen. Wenn es eine Liebe zum Lebendigen gibt, dann wird sie hier, jenseits der Vernutzungsorgien dieses Begriffs, geahnt. Und sie ist Liebe unter Weltwillen, der sich im Individualwillen, so er denn tief ist, in Spuren und als Freiheit zeigen kann. Das spirituelle Denken dieser Art in die suchende, beseelte Materie real wirksam einzudenken ist das Kernmoment für eine kosmische Ethik. Es geht nicht darum, die Materie loszuwerden, sondern ihr durch Bewusstseinsvertiefung gerecht zu werden. Das menschliche Bewusstsein zeigt auf, wohin sie, die Materie, gehen wollen könnte. Dies ist Durchlichtung. Spiritualisierung. Frei vom Herrschaftswahn der Licht- und Liebefraktion.
Der Autor bleibt strikt bei seiner eigenen Erfahrung. Er sagt genau was er denkt, warum er etwas denkt und wie er spekuliert. Er macht auch deutlich, warum er der Naturwissenschaft in der herrschenden Form nicht vertrauen kann. Er überführt sie der Unwahrheit gerade in Bezug auf ihre eigenen Prämissen. Der Mensch, primär als Bewusstseinsform gedacht, ist kein Zufallsprodukt sondern ein gewollter und gestaltender Faktor, der in der einseitigen materiellen Fiktion der gängigen Naturwissenschaft niemals gefasst werden kann. Dieser Willen aber ist nicht der eines personalen Gottes. Er ist Vielmehr Ausdruck der Vielfalt kosmischer Bewusstseinszentren. Das Denken bei Kirchhoff lebt von der konkreten Vielfalt des Seienden. Das Sein findet sich notwendig im Seienden, obgleich es darin nicht aufgeht (Panentheismus). Kirchhoff ermöglicht es, die Weltseele organismisch, sich ohne Bruch selbst schaffend zu erleben. Ohne das überfaule Pathos des Gestus eines Schöpfers und Herrschers bemühen zu müssen. Das macht demjenigen Mut, der seine spirituelle Tiefe bei sich selbst sucht. Dabei bleibt Mensch wie Leben auch aus spiritueller Sicht ein Risikoprojekt. Das Scheitern gehört zur Alternative.
Kirchhoff versteht nur, wer seinen Willen zur Wiederbelebung der Wahrnehmung des abgeschnürten Seins im Seienden, in jeder Blume, in jedem Himmelskörper in jedem Tier in jedem Stein grundlegend annehmen kann. Es ist nicht notwendig Kirchhoff sachlich in allem zu folgen. Es geht nicht um eine platte Verherrlichung der Natur, also auch nicht um den Kladderadatsch religiöser Herrschaftsfiguren oder deren Neuaufladung. Es geht nicht um psychische Regression auf kindliche Erlebnisstufen oder prälogische Denkweisen. Es geht konkret um dich, um mich. Deinen Leib. Deinen Körper. Deine seelische Dimension. Deine persönliche Stellung im Kosmos. Das in aller gebührenden Tiefe zu erfassen ist so simpel wie schwer. Zu sehr ist man daran gewohnt, dass Platzhirsche sagen wo es lang geht. Kirchhoff ist dagegen der Weg in den positiven Anarchismus. Erforsche Dich als Weltenspiegel wirklich selbst. Darauf gründe Dein Handeln, das immer auch Denken ist. Kirchhoff ist ein wirklich unbequemer Zeitgenosse im Kleid sehr guter Denke und Schreibe.
328 Seiten, Drachen Verlag, Klein Jasedow 2008; 19,50 Euro
ISBN: 978-3-927369-17-7

