Buchbesprechung

Der Kristallplanet

Globale Netze, platonische Körper und die Musik der Erde

von Marco Bischof

Buchbesprechung von Matthias Fersterer

 Die Vorstellung, die Struktur der Erde gleiche einem Kristall und setze sich aus unsichtbaren, gitternetzförmigen Linien zusammen, ist nicht neu: Schon Plato beschrieb die Erde als einen aus zwölf Teilen zusammengefügten Ball. Marco Bischof nimmt die gegenwärtige Renaissance des Kristallgitterphänomens, das dem deutschen Leser vor allem aus der Radiästhesie bekannt sein dürfte, zum Anlass einer Epochen und Disziplinen überschreitenden ideengeschichtlichen Entdeckungsreise im Spannungsfeld zwischen Physik und Metaphysik, Mathematik und Musik, Wissenschaft und Mythologie. Sein Anliegen ist dabei nicht, Beweise für die Existenz globaler Gitter oder endgültige Erklärungsmodelle zu liefern. Vielmehr sichtet, sondiert und entwirrt er Ideenstränge, um die Spreu vom Weizen zu trennen und so einen gemeinsamen Wissensstand zu schaffen, der als Grundlage für weiterführende Forschungen und Diskussionen dienen möge. Zwar sei es zum jetzigen Zeitpunkt sinnvoll, psychologische von physikalischen Phänomenen abzugrenzen, dennoch müssten sich Mythos und Wissenschaft nicht ausschließen, vielmehr könnten sie sich gegenseitig befruchten.
Als Hauptstränge dieser Idee macht er geologische Thesen aus, die in den 1970er-Jahren durch russische Forscher aufgegriffen und weiterentwickelt wurden, sowie das Konzept der heiligen Linien oder Ley-Linien, die seit dem Geomantie-Revival der 1960er-Jahre fest im Bewusstsein einer alternativen Forschergemeinde verankert sind. Beide Stränge flossen schließlich in das Gedankengut der vom angelsächsischen Raum ausgehenden New-Age-Bewegung ein, wo sie zu einem unüberschaubaren Ideenkonglomerat verschmolzen. Obwohl die weltanschaulichen Hintergründe dieser Ansätze unterschiedlicher nicht sein könnten, ist ihnen gemeinsam, dass sie in der einen oder anderen Form auf pythagoräisch-platonisches Gedankengut zurückgreifen. Diese Tradition, insbesondere ihr akustisch-harmonikaler Aspekt, deren Wirkungsgeschichte der Autor von der Antike bis zur Gegenwart nachzeichnet, biete einen Schlüssel zum Verständnis des Kristallgitter-Phänomens. Denn dessen Deutung, so vermutet Bischof, sei weniger eine Frage der Weltanschauung als der „Weltanhörung“, einer Weltendeutung vermittels des Klangs und harmonikaler Strukturen. Diese mythisch-harmonikale Tradition, in der die Grenzen zwischen Musik, Mythos und Mathematik verschmelzen, betrachtet die materielle Welt als Manifestation eines Klangäthers, die sich durch harmonikale Analogien zwischen Zahl und Klang strukturiert.
Am Beispiel der im Rig Veda überlieferten akustischen Kosmologie sowie frühgeschichtlicher Funde polyedrischer Körper wird ausführlich dargelegt, dass in der pythagoräisch-platonischen Harmonik und Geo­metrie weitaus ältere archaische Konzepte widerhallen. Von besonderem Interesse ist hier die Dodekaeder-Figur, galt sie doch Plato als Sinnbild der „wahren Erde“ oder Weltseele. Diese Vorstellung klingt auch in jüngsten astrophysikalischen Hypothesen an, die ein kosmisches Hintergrundfeld in Form eines Dodekaeders vermuten. Auch in der Synergetik Buckminster Fullers und der im Umfeld der Lindisfarne-Gruppe aufgegriffenen und weitergeführten heiligen Geometrie spielen platonische Körper eine zentrale Rolle. Weitere fruchtbare Weiterführungen der pythagoräisch-platonischen Tradition macht Bischof in der musikalischen Harmonik nach Kayser, Haase und McClain sowie dem Global Scaling nach Hartmut Müller aus, das vor einem naturwissenschaftlichen Hintergrund davon ausgeht, dass Fraktale mit konstanten Intervallen, ähnlich dem Goldenen Schnitt, die Grundstruktur der Natur bilden.
Das reich bebilderte, in schnörkelloser Wissenschaftsprosa verfasste Werk ging aus einer in der Zeit von 2000 bis 2007 in dieser Zeitschrift erschienen Artikelreihe hervor. Das Buch ist ergänzt um ein halbes Dutzend Originalarbeiten russischer Geowissenschaftler und des US-Autors Chris Bird, die dem Leser teilweise zum ersten Mal in deutscher Übersetzung zugänglich gemacht werden. Ein weiteres Verdienst des Autors ist es, die weltanschaulichen Hintergründe der verschiedenen Ansätze kenntlich zu machen. Schließlich findet wissenschaftliches Forschen nie in einem Vakuum, sondern stets in einem konkreten Umfeld statt. Meist bleibt es jedoch dem Leser selbst überlassen, zu erspüren, welche Motivation – Beherrschung oder Befreiung der Natur? – hinter den jeweiligen Ansätzen steht. Anzumerken wäre noch, dass die Behandlung einer geowissenschaftlichen These jüngeren Datums, in der vermutet wird, der Erdkern weise eine kristalline Struktur auf (siehe z. B. Cohen und Stixrude in Science Nr. 267/1995), eine interessante Ergänzung der abgehandelten Ansätze hätte sein können. Doch auch so beeindruckt das Werk mit einer wahren Faktenfülle, die dem interessierten Laien wie dem fachkundigen Leser nicht nur wertvolle Impulse für ein ganzheitlicheres Wissenschafts- und Kosmosverständnis zu geben vermag, sondern auch als profundes Grundlagenwerk dient.

Drachen Verlag, Klein Jasedow 2008, 308 Seiten;
19,50 Euro

ISBN: 978-3927369-20-7

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