Buchbesprechung
Das geheime Leben der Erde
Neue Schule der Geomantie
Marko Pogacnik hat seine „Schule der Geomantie“ aus dem Jahr 1996 vollständig neu geschrieben. Zunächst erschien das Buch auf Englisch unter dem Titel „Sacred Geography, und soeben beim AT-Verlag als „Das geheime Leben der Erde – neue Schule der Geomantie“. Ich hatte das Vergnügen, das Buch aus dem Englischen zu übersetzen und konnte so dichten Kontakt mit der Bildersprache von Marko Pogaˇcnik aufnehmen. Besonders eindrücklich war, zu erleben, wie einem das Buch die Idee des Holons so konsequent nahebringt, dass man bald gar nicht anders kann, als auch im täglichen Leben überall Ganzheiten und ineinander verwobene Mikro- und Makrokosmen zu erkennen, zwischen denen man spielend die Perspektive wechselt. Und man selbst steht im Mittelpunkt jedes Holons – in einem Baum, einem Staubkorn oder im Sonnensystem – und ist so mit allem verbunden.
Geomantische Wahrnehmung ist also nichts Kompliziertes. Marko Pogaˇcnik ist überzeugt, dass in allen Menschen das Potenzial zur Wahrnehmung all der verschiedenen Schichten der Wirklichkeit liegt. Im ersten Kapitel entwickelt er eine Systematik von fünf Dimensionen der Existenz, aufgespannt zwischen der materiellen Welt und dem „Ozean der Unendlichkeit“, und er betont, wie wichtig es sei, die dazwischenliegenden Dimensionen nicht zu leugnen, um die Verbindung zwischen diesen beiden Polen nicht zu unterbrechen. Sein Bild ist, dass aus dem Ozean der Unendlichkeit archetypische Seelenqualitäten aufsteigen und ihren Ausdruck finden. Gea, die Erdseele, sei ein solcher Seelenausdruck. Geomantisch starke Orte in der Landschaft hätten folglich die Aufgabe, das Leben auf der Erde mit diesen seelischen Qualitäten und dem unendlichen Ursprung in Berührung zu bringen, so dass alles erfrischt und erneuert wird.
Diese Bilder sind so stark und universell, dass ich mich fragen musste, warum es überhaupt noch notwendig ist, sich mit der Kategorisierung geomantischer Phänomene zu befassen. Im Verlauf der Übersetzung begannn ich, mir Sorgen zu machen, ob die vielen Bilder von Kanälen kosmischer und irdischer Kraft, von Organen, die diese Kräfte verteilen und ausgießen, sei es durch ätherische Trichter, Kreisel, Blasen oder Röhren, beim Leser ein zu mechanisches Bild vom geheimen Leben der Erde hinterlassen würden. Da war es beruhigend, dass in Marko Pogaˇcniks Ausführungen die Ebenen, auf denen man Formen und Strukturen wahrnimmt, nie von den formlosen Ebenen von Bewusstsein und Seelenqualitäten getrennt gedacht wurden. Besonders, wenn es um die „neuen Phänomene“ der sich wandelnden Erde geht, spricht er davon, wie diese mehr und mehr Bewusstseinsqualitäten entwickeln. Ebenso erleichternd war, dass Marko Pogaˇcnik mit Vorliebe Sonderfälle oder besonders interessante Varianten des Phänomens, das er zuvor theoretisch beschrieben hat, als Beispiele mit seinen starken Zeichnungen präsentierte. Das ist wichtig, denn kein Ort, keine Landschaft gleicht einer anderen, so dass eine lebendige Geomantie vor allem auf Überraschungen gefasst sein muss.
Eine Aussage des Buchs hat mich doch sehr irritiert: Dass unsere fünf Sinne für die Wahrnehmung der Dimensionen jenseits des Materiellen nutzlos seien. Ist es nicht die sinnliche Wahrnehmung, die uns mit rauschender Begeisterung für die Schönheit der Erde als Ganze erfüllen kann? Aber worauf Marko Pogaˇcnik hinauswill, ist ein Zustand, in dem auch Sinneswahrnehmungen intensiver wirken: Wenn man bewusst mit den Chakren zu sehen und fühlen beginnt. Das Buch enthält viele schöne Übungen, die diese Art von Sensibilität kultivieren. Zuweilen sind es recht wilde, phantasievolle Übungen, bei der man auch mal ein Salto im Inneren einer Blume vollführt oder seinen Kopf in die Hände eines Elementarwesens legt. Spätestens bei der Osterhasen-Übung wird deutlich, dass man das alles nicht bierernst nehmen soll, sondern in die Natur gehen und wahrnehmen, singen, tanzen und spielen soll, bis sich das Herz weit geöffnet hat. „Elementarwesen lieben Multimedia-Shows“, schreibt Marko Pogaˇcnik, wenn er dazu einlädt, mit kreativen Ausdrucksmöglichkeiten zu spielen, und überhaupt: Der einzige Sinn geomantischer Techniken läge darin, die Erdseele lieben zu lernen.


