Buchbesprechung
Altes Wissen für eine neue Zeit
Gespräche mit Heilern und Schamanen des 21. Jahrhunderts
Der bekannte Journalist und Buchautor Geseko von Lüpke (u. a. „Die Alternative“ über die Preisträger des Alternativen Nobelpreises) legt hier ein wichtiges Buch vor – einen Meilenstein für die allgemeine Einordnung des Phänomens Schamanismus und seines schon länger anhaltenden Booms in den Industriegesellschaften.
Auf Schamanismus-Kongressen in Deutsch
land führte er Interviews mit achtzehn Heilerinnen, Heilern und Schamaninnen aus aller Welt. Bereits bei den ersten Texten bemerkt man eine auffällige Ähnlichkeit in der Biographie der redegewandten Gesprächspartner Lüpkes: Viele von ihnen wurden nach ihrer Entdeckung als geeignete Nachfolger der jeweiligen schamanischen Tradition auf westliche Universitäten geschickt, auf dass sie zu Mittlern zwischen den Kulturen würden. Heiler und Schamanen wie Angaangaq (Grönland), Don Oscar Miro-Quesada (Peru), Galsan Tschinag (Mongolei), Manitonquat (USA), Malidoma Somé (Westafrika), Hi-ah Park (Korea), Wai Turoa-Morgan (Neuseeland) oder Ailo Gaup (Norwegen) wissen, wie sie sich ausdrücken müssen, damit wir ihre Botschaft und ihr Weltbild verstehen. Von Lüpke, der mit seinen Erfahrungen als Begleiter von Wildnis-Visionsreisen selbst eine Affinität zum Thema hat, stellt kluge Fragen, und seine Gesprächspartner antworten durchwegs mit ebensolcher Klugheit – eloquent, offen, klar und eindringlich.
Don Oscar Miro-Quesada, der zugleich westlich ausgebildeter Psychologe und Träger verschiedener peruanisch-indigener Weisheitstraditionen ist, formuliert das zentrale Anliegen des Buchs besonders deutlich: „Ich glaube, dass ein allmählich wachsendes, globales schamanisches Bewusstsein das einzige Gegenmittel für die kollektive Amnesie ist, welche die menschliche Rasse befallen hat.“ Denn der Schamanismus ist – das haben wir nur vergessen – auch der Urgrund der europäischen Kultur: Der amerikanische Schamane Standing Eagle verweist darauf, dass die amerikanischen Ureinwohner ihre spirituellen Traditionen aus Mittelasien und dem früh- und vorgeschichtlichen Europa haben. Schamanische Spiritualität steht für eine Wiederverheiligung der natürlichen Welt, sie anerkennt die Würde alles Lebendigen und will der Entfaltung der Potenziale jedes Individuums dienen.
Geseko von Lüpke hatte auch den Mut, die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth in die Reihe seiner Gesprächspartnerinnen aufzunehmen. Kaum jemand kann besser über die alten naturreligiös-schamanischen Wurzeln Europas sprechen, die noch viel älter sind als die keltische und germanische Vergangenheit.
Sie glauben, dass Sie über Schamanismus schon alles gelesen haben? Dann sollten Sie trotzdem zu diesem Buch greifen. Denn das Interview mit den beiden britischen Baum-Schamanen Dusty Miller XIII. und seinem Sohn, den letzten Vertretern des matriarchalen Volks der „Elfin“ auf den britischen Inseln, hat es wirklich in sich und ist allein deswegen schon die Anschaffung wert.
Kösel Verlag, München 2008, 429 Seiten, 22,95 Euro
ISBN: 978-3-466- 34526-7
