Platz für eine spirituelle Kultur

Das Ontokulturzentrum Berlin-Petriplatz.

von Hans-Jörg Müller erschienen in Hagia Chora 3738/2012

Das Bedürfnis nach Orten der Stille, nach seelischer Vertiefung und Spiritualität in unserer Gesellschaft wächst. Mit seinem Konzept der „Ontokultur“ formuliert Hans-Jörg Müller eine ­Vision, ­öffentlichen sakralen Raum so zu gestalten, dass er traditionelle Religionen und neue Formen von Spiritualität ­berücksichtigt.

Wir leben in einer säkularen Gesellschaft, und dennoch sind ihre Mitglieder zum Großteil religiös oder spirituell orientiert. Über 70 Prozent der deutschen Bevölkerung sind nach dem aktuellen „Religions­monitor“ der Bertelsmann Stiftung als „religiös“ einzuschätzen. Doch wie geht unsere plurale Gesellschaft mit dem Thema Spiritualität im öffentlichen Raum um, speziell bei der Frage öffentlichen Sakralraums? Per definitionem überlässt sie das Thema der Freiheit dem Einzelnen, und nur die gro­ßen Religionen können öffentlichen Sakralraum durchsetzen. Wohin gehen also Menschen heute, die offenen Raum für Spiritualität, Gebet oder Rückzug suchen? Ihnen stehen nur vorhandene Kirchen zur Verfügung, wenn zugänglich; vielleicht noch Orte der Natur. Es gibt keine wirklich geteilten Orte des Spirituellen, und so besitzen wir heute keine reife, befriedete, über die Religionen hinausreichende Form von Religionskultur.

Moderne „Sinnzentren“
Ein erster Impuls in diese Richtung ist das Konzept des international etablierten „Raums der Stille“. Dieser folgt dem Vorbild des Meditationsraums, den Dag Hammarskjöld 1954 im UN-Gebäude konzipiert hat, und bietet Menschen aller Religionen und spirituellen Orientierungen Raum, einfach nur unter dem Gebot der Stille. Damit umgeht dieses Konzept alle schwierigen religionsspezifischen Fragen, wie beispielsweise die rituellen Eigengesetzlichkeiten verschiedener Gottesdienste. Ein solches Raumkonzept verlegt alles Religiö­se in den menschlichen Innenraum, weshalb diese Orte auch auf seltsame Weise spirituell „blutleer“ bleiben.
In den letzten Jahren musste der interreligiöse Dialog deutlich die Grenzen religiöser Annäherungsbereitschaft feststellen. Dass alle Religionen im Kern die gleiche Wahrheit anstrebten, die nur durch historische Prägung verstellt wurde, hat sich als naiver Wunsch herausgestellt. Zumindest muss heute festgestellt werden, dass die von den Religionen definierte „unveränderbare Kernsubstanz“ liturgische Überschneidung nicht zulässt: Gemeinsames Gebet und gemeinsame Gottesdienste werden noch immer negiert. Das, was bisher nicht gelang, könnte nun durch ein Gebäudekonzept erreicht werden: Bei dem Konzept der „Ontokultur“ geht es explizit um die Schaffung von „Sinnzentren“, deren Aufgabe es nicht nur ist, Dialog­foren zu schaffen, sondern vor allem eine Stätte, die von allen als Ort von Gottesdienst wie von Meditation angenommen werden kann. Dabei sollen die notwendigen Einzelbelange von Religionen und Privatpersonen berücksichtigt werden.
Im Rahmen des Projekts „Platz da“ des Berliner Tagesspiegels zum Petriplatz in Berlin habe ich in Zusammenarbeit mit dem „Studio für Landschaftskunst und urbane Projekte“ von Hartmut Solmsdorf und Petra Junghähnel einen ersten Entwurf für ein solches Ontokulturelles Zentrum erarbeitet.

Das Konzept der Ontokultur
Das Ontokultur-Konzept greift den Gedanken der Unfassbarkeit eines „letzten Prinzips“ auf im Sinn des „unnennbaren Gottes“ des Paulus oder der 99 Namen Gottes im Islam. Der Begriff ist abgeleitet von Griechisch on – „seiend“. In der philosophischen Disziplin der Ontologie geht es um das Ergründen des Ursprungs der Wirklichkeit, der letztlich immer unfassbar ist. Auf dem Respekt vor dieser Unfassbarkeit basiert die Achtung vor dem jeweiligen Charakter, den liturgischen und kulturellen Ausprägungen einer Religion. Das Ontokultur-Konzept schafft nun eine Basis für gemeinsame Sakralräume durch einen gemeinsam teilbaren Erfahrungsraum für Mitte und Ursprung, der aber niemals versucht, die „Sache selbst“ zu verbildlichen oder gewachsene historische Reli­gionssymbolik in den Vordergrund zu stellen. Das Konzept lässt die Definition einer „letzten Instanz“ offen. Ausformulierung und Deutung müssen zwangsläufig zu Bewertung und Trennung führen, und hier soll es um einen Raum ohne Bewertung gehen. Was auf den ersten Moment gewagt simplifizierend erscheint, ist Kernpunkt des Konzepts: Ohne Religionen zwangsweise zu vermischen und ihrer Eigenarten zu berauben, ist Ontokultur als gemeinsame Plattform konsequent über­religiös und überkulturell.

Religiöse Unterschiedlichkeiten – Keine Frage der Form
Über Glaubenswahrheiten und spirituelle Erfahrungen kann man sich zwar verbal austauschen und dabei Metaphern finden, die im anderen Verständnis wecken. Aber ihre Substanz auszudrücken, gelingt nur im Abstrakten der Form, in Ursymbolen des Religiösen. Es ist von jeher das universelle Vokabular spiritueller Architektur, das der Unnennbarkeit des Göttlichen entspricht. Bauprinzipien zu verwenden, die auf das Heilige verweisen, entspricht auch der jahrtausendelangen Praxis der sich abwechselnden Nutzung sakraler Bauwerke durch immer neue Religionen – bei oft nur leichten Umbaumaßnahmen. Spirituelle Baukunst besitzt offensichtlich Prinzipien, die von allen Religionen geteilt werden.
Wie könnte nun ein modernes Ontokulturelles Zentrum gestaltet sein? Mit einer gemeinsamen Mitte und ihrer Umbauung ist es noch nicht getan. Vielmehr besteht die Notwendigkeit, verschiedene „Zonen“ spiritueller Kultur auszugestalten. Am sensibelsten ist der Bereich, der für Gottesdienste zur Verfügung stehen soll. Hier wäre eine temporäre liturgische Gestaltung denkbar, da ja in allen Religionen flexibles sakrales Gerät verwendet wird.
Kathedralen und Tempel waren in historischer Zeit auch öffentliches Territorium - aber mit eigenen Rechten. Genau in diesem Sinn entstünde hier ein Ort, der öffentlich einlädt, aber auch Zonen enthält, die ihre eigenen Regeln kennen:
! öffentlicher Raum als Durchwegungsbereich, Aufenthaltsraum (Achtsamkeitsgebot);
! Gebetsraum im Obergeschoß für individuelle Einkehr, Meditation (Stillegebot);
! liturgischer Raum im Erdgeschoß, Raum für Gottesdienst (denjenigen vorbehalten, die ein religiöses Ritual abhalten);
! liturgischer Verwahrraum (nur für die einzelnen Nutzer zugänglich).
Die Planungen zum Petriplatz boten eine herausragende Chance, dieses Konzept durchzuspielen. Aus meiner Sicht ist es für einen solchen Platz geradezu zwingend, weil im Zentrum der Hauptstadt Berlin keine partikularen Interessen von Einzelreligionen stehen dürfen.

Das Ontokulturelle Zentrum Petriplatz
Dem Ontokulturkonzept folgend, aber auch dem Wunsch nach einem „Bet- und Lehrhaus der drei Weltreligionen“, den ein interreligiöser Verein am Petriplatz realisieren wird, entstand der Entwurf eines Baukörpers mit einem Durchmesser von 14 Metern und einer ebensolchen Höhe. Mit drei Flächendreiecken, die gemeinsam die Form eines Omphalos nachzeichnen, setzt sich das Bauwerk bewusst von den tradierten Bauformen der Weltreligionen ab, greift aber deren grundlegenden reli­gions­ästhetischen Bauprinzipien auf.
Die drei Schalen sind in sich gedreht, so dass eine „Ästhetik der kooperierenden Formen“ entsteht. Ein Segment zeigt die Formensprache des gotischen Spitzbogens, die anderen integrieren jüdische und islamische Symbolik. Die ornamentative Flächengestaltung aus Rauchglas, gefros­tetem Glas und Lichtbeton erzeugt ein weiches Spiel zwischen Schutz und Transparenz.
In der Raummitte bis zum östlichen Schalenelement besteht ein akustisch durch Mehrfachverglasung abgeschlossener Glaskörper, der den „liturgischen Raum“ bildet. An dessen Seite befindet sich ein großer Stauraum, der Ritualgegenständen Platz bietet. Um den liturgischen Raum herum befindet sich ein öffentlich begehbarer Umgang, der gleichzeitig Teil der Gesamtdurchwegung ist. Darüber befindet sich im Obergeschoß der öffentlich nutzbare „Raum der Stille
Die um 23 Grad nach Osten gerichtete Schale beinhaltet ein „Okulus“, ein Lichtfenster. Es verleiht dem Raum Ausrichtung und Orientierung.
Im Bodenbelag werden in diesem Bereich die historischen Fundamente der Vorgängerbauten über einen Glasboden sichtbar gemacht, die von dem nebenstehenden Archäologischen Zentrum unterirdisch begangen werden können.
Auf dem Petriplatz hat es einen slawischen Triglawtempel gegeben, dessen Ort sich noch ungefähr bestimmen lässt. Er symbolisiert die Auslöschung der Natur- bzw. vorchristlichen Religionen. Die Zerstörung der alten Petrikirche vor laufender Kamera durch das rein säkulare Staatssys­tem der DDR ist eine weitere, den Platz prägende Symbolik. Ein Neuaufbau, eine Restauration, wäre eindeutig fehl am Platz, gerade hier müsste eine neue Vision Wirklichkeit werden. Berlin als eine auch international eher säkular und multireligiös wahrgenommene Stadt könnte damit eine zeitgemäße Diskussion eröffnen. 


Hans-Jörg Müller, Geomant und bildender Künstler, realisiert internationale Kunstprojekte in den Bereichen Land-Art und Sakralperformance. Er leitet die axis mundi Akademie sowie das Planungsbüro „axis mundi Baukunst“. www.geomantie.de.