Eine Vision für den Petriplatz

Geomantie in der Berliner Stadtplanung.

von Hartmut Solmsdorf erschienen in Hagia Chora 3738/2012

Die Geomantie hat in die Berliner Stadtplanung Einzug gehalten: Anlass dazu bot die diesjährige Initiative der Berliner ­Zeitung „Tagesspiegel“, die für 15 besonders vernachläs­sigte Berliner Stadtplätze von 15 Berliner Landschaftsarchitekturbüros neue Visionen erbeten hatte. Darunter war auch eine ­geomantische Vision für den Petriplatz im Bezirk Mitte.

Zwar ist der Petriplatz der Geburtsort von Berlin, doch ist er inzwischen von der breiten Öffentlichkeit fast vergessen und wird daher stiefmütterlich behandelt; auf ihm soll in diesem Jahr der 775. Geburtstag Berlins stattfinden – doch wo? Auf einem Parkplatz oder einem Baustoff-Lagerplatz vielleicht? Darüber hinaus droht der ohnehin winzige Stadtplatz an der Gertraudenstraße, der wichtigsten und verkehrsreichsten Hauptstraße Berlins, durch Partikularinter­essen noch weiter zerkleinert zu werden.
Eine umfangreiche historische und geo­mantische Bestandsaufnahme ergab, dass der Stadtplatz, so zerstört er auch sein mag, für viele Gruppierungen von sehr großem materiellem Interesse ist. Bei den Untersuchungen fand ich heraus, dass der Platz vor allem Ruhe braucht, um sein energetisches Potenzial der Umgebung wieder zur Verfügung stellen zu können.
Für diesen Auftrag suchte ich noch Mitarbeiter und fand sie zum einen in der Diplom-Psychologin Petra Junghähnel (Forschungsgruppe Geomantie Potsdam) und zum anderen in dem Geomanten und Künstler Hans-Jörg Müller (axis mundi, Mühldorf am Inn), der bereits viel zur geo­mantischen Geschichte Berlins geforscht und auch veröffentlicht hat. Im Lauf eines kurzen, aber intensiven Planungsprozesses entstand eine Vision für diesen Platz mit zwei Varianten, eine Vision, die das Bedürfnis des Platzes und seiner Anwohner in den Vordergrund stellt und nicht die Interessen Einzelner.
Die Ergebnisse der eingereichten Visio­nen wurden vom Tagesspiegel auf je einer Zeitungs-Doppelseite veröffentlicht (Die Vision für den Petriplatz, 23.4.2012) und konnten anschließend während einer Diskussionsveranstaltung näher erörtert werden. Deren Ergebnisse wiederum diskutieren derzeit die einzelnen Bezirksämter. Ob sie umgesetzt werden, ist noch nicht entschieden, aber es wäre möglich.

Planungsleitlinien
„Historisch ist nicht, das Alte allein festzuhalten oder zu wiederholen, dadurch würde die Historie zugrunde gehen; historisch handeln ist das, welches das Neue herbeiführt und wodurch die Geschichte fortgesetzt wird. Man ist nur da wahrhaft lebendig, wo man Neues schafft.“ Dieses Zitat stammt von dem preußischen Architekten und Stadtplaner Karl Friedrich Schinkel, dessen Werke Berlin prägen.
Der Petriplatz ist das Ergebnis der Umwandlung Berlins zur „autogerechten Stadt“ der 1960er Jahre. Im Jahr 1964 wurden die Gertraudenstraße auf acht Spuren verbreitert und begradigt, der historische Petriplatz verkleinert und zum Parkplatz degradiert. Die Reste der letzten Petrikirche hat man dabei abgetragen.
Für eine Neugestaltung haben wir sechs Punkte herausgearbeitet. Es gilt:
! eine Wiederbelebung mit erkennbarer neuer Identität umzusetzen;
! neue urbane Lebenswelten zu schaffen und damit Neues zu wagen;
! gleichzeitig historische Spuren zu sichern und erkennbar zu machen;
! abstrakte historische Bezüge baukonzeptuell umzusetzen;
! einen lebendigen Ort mit hoher Aufenthaltsqualität für die heutigen Anwohner zu schaffen und
! eine deutliche Abgrenzung zur stark befahrenen Gertraudenstraße zu realisieren.
Allen Themen der Planung liegt gleichermaßen der Respekt vor dem Petriplatz als historischer Stätte des Ursprungs Berlins und seiner langen sakralen Tradition zugrunde. Sowohl die Belange von Mensch und Raum in Bezug auf die vorhandenen Kräfte des jeweiligen Orts als auch die geschichtliche Entwicklung dieses ältesten und daher für Berlin wichtigsten Teils der Stadt werden berücksichtigt.

Das Archäologische Zentrum Berlins
Obwohl das Jubiläum groß gefeiert werden soll, ist der Ort der Stadtgründung Ber­lins vor 775 Jahren in Vergessenheit geraten. An der ältesten und ursprünglichsten Keimzelle der Stadt steht daher in unserer Planung das „Archäologische Zentrum“ als zentrale Informationsstelle der Ergebnisse aller Ausgrabungen in Berlin.
Der zweigeschoßige Winkelbau (in zwei Varianten, A: mittelalterlicher Fachwerkstil und B: modernes, gläsernes Gebäude) überdacht als Halle die Grabungsstelle der ehemaligen „Lateinschule“ und enthält neben einer Restaurierungswerkstatt auch eine Cafeteria. Der Besucher betritt das Gebäude von der Kleinen Gertraudenstraße aus und kann nach dem informativen Rundgang im Cafégarten die Schaupflanzung rund um den Springbrunnen genießen. Dieser Eingangsbereich kann von ihm auch als meditative Vorbereitung auf den „Garten der Stille“ mit seinem „Ontokulturellen Zentrum“ genutzt werden.
Eingefasst wird der Gesamtplatz an den beiden Enden durch relativ niedrige Bauten, zum einen durch das beschriebene Archäologische Zentrum im Süden, zum anderen durch eine maximal dreigeschoßige Bebauung auf dem Gelände des Alten Cöllnischen Rathauses.

Das Ontokulturelle Zentrum
Nach der Zerstörung der sakralen Architektur soll kein Wiederaufbau einer der fünf historischen Petrikirchen erfolgen. Dagegen besteht der Wunsch nach einem „Bet- und Lehrhaus der drei Weltreligio­nen“. Diesem Gedanken verpflichtet, wird mitten auf dem Petriplatz ein Baukörper aus drei omphaloiden Flächendreiecken vorgeschlagen. Er setzt sich von den tradierten Bauformen der Weltreligionen ab – hier soll jede Form von Religiosität und Spiritualität möglich sein. Der Kirchenstandort geht mit Sicherheit auf ein altes slawisches Heiligtum zurück. Erstmals würde damit – bundesweit – die Errichtung eines Zentrums für ontokulturelle Spiritualität gelingen, das die Nutzung durch mehrere Traditionen zulässt, ohne dass der Versuch einer Einigung zwingend notwendig ist. (On bedeutet im Griechischen „seiend“, to on „das Seiende“. Die Ontologie beschäftigt sich mit den grundlegenden Prinzipien des Seins). Zudem besteht die Chance für offene, kooperative Begegnungen, für ein respektvolles Lernen voneinander. Jeder Mensch kann hier seinen Raum der Stille erfahren, sich in sein persönliches „Sinnzentrum“ zurückziehen.
Die Form des Baus basiert auf dem Symbol der Dreiheit. Primär ergibt sich die Formensprache aus der Idee des gotischen Spitzbogens, der wiederum den Gemeinsinn betont. Gleichzeitig zeigt die Form eine florale Symbolik, die den Sakralbau nicht als Gegenmodell zur Nutzung etabliert, sondern auch mit seinem Geöffnetsein ein weiches Spiel zwischen sakralem Innenraum und Natur-Außenraum schafft.

Der Paradiesgarten
Im Umfeld des Zentrums finden wir eine große Grünfläche als öffentlichen Raum für Begegnungen und Aufenthalt, aber auch für Rückzug und Kontemplation. Der Besucher wandelt auf einem durchgängigen, in sich geschlossenen Parkweg mit verschiedenen Ruheplätzen. Der Weg verbindet die drei Schwerpunktbereiche: den Vorplatz des Archäologischen Zentrums, den öffentlichen Begegnungs- und Spielraum, insbesondere für Kinder und Senio­ren, und den Paradiesgarten mit seinem Ontokulturellen Zentrum und einer gro­ßen Blumenwiese. All diese Schwerpunkte werden von den Wegstrecken organisch verbunden.
Der für einen Ort der Ruhe notwendige Lärmschutz soll durch eine zwei Meter hohe Klinkerwand zur Gertraudenstraße hin erreicht werden, die an die ehemals dort vorhandene Friedhofsmauer erinnert. Darauf ist eine ebenso hohe Wand aus Sicherheitsglas gesetzt. Diese insgesamt vier Meter hohe Wand ist von der Straße her mit Kletterpflanzen begrünt, die besonders im Glasbereich ein reizvolles Muster ergeben, das von beiden Seiten gesehen werden kann. Dadurch wird das Prinzip des Hortus conclusus erreicht – ein abgeschlossener Garten, der etwas Paradiesisches hat. Straßenseitig zeigen die Mauerfelder zwischen den Pilastern eine Abfolge von großen Schaubildern zur his­torischen Entwicklung Berlins. Der Fußgänger kann sich so „im Vorübergehen“ einen guten geschichtlichen Überblick an der ältesten Stelle Berlins verschaffen. Im Zug der Neutrassierung entsteht eine bogenförmige Führung der Gertraudenstraße, die ein dynamisches Erleben der Geschichtswand bei deren Abschreiten ergibt. Von der Platzseite her wurde die Klinkerwand etwa zwei Meter hoch muldenförmig angeschüttet, wodurch der schmale Platz auch optisch breiter geworden ist.
Ein wichtiges Detail bildet der neben dem geplanten Ontokulturellen Zentrum gelegene Tiefbrunnen inmitten eines von Sträuchern eingefassten Platzes: Die ers­ten heiligen Orte im Berliner Raum waren Brunnen.

Zum Weiterlesen: Petra Junghähnel und Hartmut Solmsdorf (Hrsg.): Die Göttinnen von Potsdam – Geo­mantie zwischen Havel, Spree und Panke. Drachen Verlag, Klein Jasedow 2012.

Dipl.-Ing. Hartmut Solmsdorf, Landschaftsarchitekt BDLA und Landschaftskünstler, Vorsitzender des Kulturvereins Havel-Land-Art e. V. Töplitz, lebt in Berlin und arbeitet zusammen mit Petra Junghähnel in Potsdam mit besonderem Schwerpunkt im Havelland.