Der Grüne Mann

Archetyp für das Göttliche in der Natur.

von Clive Hicks erschienen in Hagia Chora 3738/2012

Was soll ein Gesicht, aus dem Blätter wachsen, in einer mittelalterlichen Kirche? Aus der christlichen Ikonografie leitet sich das Bild jedenfalls nicht ab, dennoch haben Steinmetze es an besonderen Orten verewigt. Eine Suche nach Ursprüngen.

Im Mai 1967 traf ich den Grünen Mann zum ersten Mal. Meine Frau, ich und unser kleiner Sohn waren im vorangegangenen August in ein neues Haus gezogen; und an einem Samstag im folgenden Mai begegnete uns der Grüne Mann. Das Haus war von der Art, dass ich glücklich war, es mir als junger Architekt leis­ten zu können, gebaut auf Grundlage der sozia­len Gemeinschaftsidee der Genossenschaftsbewegung, so dass alle Bewohner Anteile an den Häusern hielten. Eine der sozialen Errungenschaften war dabei die Einführung einer traditionellen ­Feier zum ersten Mai mit einer Maiparade, einer Maikönigin und Tanz um einen Maibaum. Ursprünglich war dieses Fest ein echter Volksbrauch gewesen, doch heute ist es vielfach lediglich ein Rückgriff auf das 19. Jahrhundert und eine sentimentale Inszenierung der Vergangenheit. Dennoch freuen sich die Menschen über solche Feste, besonders die Kinder.
Der Umzug wurde von einem jungen Herold (ohne echte Trompete) und einem als Britannia verkleideten Mädchen angeführt. Ihnen folgten eine Kapelle von Jungen mit Trompeten und Trommeln und dann eine Kinderschar. Die Jungen waren als Robin Hood und andere Märchenfiguren verkleidet, die Mädchen trugen Blumenkleider. Schließlich folgten die Maiköniginnen der letzten Jahre, und zuletzt kam die neue Maikönigin. Doch war an dem Umzug auch eine äußerst eigentümliche Figur beteiligt: ein Junge, der eine Art Rüstung aus Blättern trug. Später erfuhren wir, dass sie aus einem leichten Holzgerüst und Maschendraht bestand, an dem die Blätter befestigt waren. Man nannte ihn „Jack-in-the-Green“. Am Ende des Umzugs wurde er schnell beiseite genommen, während die anderen mit dem Tanz um den Maibaum begannen.

Der Mann im Blättergewand
Colleen, meine Frau, hatte gerade ein Buch über englische Volksbräuche besorgt. Darin fand sie eine Passage über Jack-in-the-Green, die besagte, dass er mit den Blättergesichtern zu tun hatte, die man in vielen Kirchen findet. Die waren mir bekannt, denn ich hatte bereits einige fotografiert. Ich kannte sie als die „Grünen Männer“, von denen in Colleens Buch ebenfalls die Rede war. Damit war mein Interesse geweckt, und es entwickelte sich weiter, indem ich mehr und mehr von ihnen entdeckte, fotografierte und immer mehr über ihre Geschichte zusammentrug.
Drei Jahrzehnte vor unserer Begegnung mit Jack-in-the-Green waren im Englischen neue Bedeutungen des Ausdrucks „Grünes Männchen“ entstanden – die Idee der „kleinen grünen Marsmännchen“ aus der trivialen Science-Fiction, dann das „grüne Männchen“, das den Fußgängern anzeigt, wann sie eine Straße überqueren können. Früher hatte der „Grüne Mann“ im Englischen nur eine Bedeutung: So nannte sich eine Gaststätte, deren Schild Robin Hood, einen Förster oder einen „Wilden Mann“ zeigte, eine mythische Figur, die in großen Wäldern wohnen soll.

Wie der Name entstand
Im Jahr 1939 arbeitete Lady Raglan (1901–1971), eine volkskundlich interessierte Baronin aus Monmouthshire, an einer Studie über diese rätselhafte Figur, die man zu Tausenden in mittelalterlichen Kirchen Europas in Stein gemeißelt oder in Holz geschnitzt findet: ein meist männliches Gesicht, aus dem Laub hervorquillt, das in Laub übergeht oder aus Laub hervorgeht. Sie hatte sich darüber mit einer anerkannten Autorität ausgetauscht: dem Architekturhistoriker und Fotografen C. J. P. Cave. Dessen Spezialität war es, die gemeißelten Schlusssteine in den Gewölben von mittelalterlichen Kirchen zu fotografieren. Caves Bücher zu diesem Thema sind auch heute noch hoch angesehen. Vor Lady Raglan und C. J. P. Cave hatte noch niemand diese Laubgesichter in der großen Vielfalt grotesker mittelalterlicher Figuren gesondert betrachtet.
Lady Raglan und Cave schlugen auf der Suche nach dem Ursprung dieses Bildmotivs einen großen intellektuellen Bogen zu den Laubfiguren, die man in den Volksbräuchen Europas findet, in England besonders während des keltischen Fests Beltane, dem Frühlingsfest Anfang Mai. Obwohl die meisten dieser englischen Volksbräuche während der puritanischen Herrschaft Oliver Cromwells abgeschafft wurden, lebten viele mit der Wiedereinführung der Monarchie 1660 und in den folgenden Jahrhunderten wieder auf. Die Hauptfiguren der Maifeier mit dem Tanz um den Maibaum waren die Maikönigin und Jack-in-the-Green, so wie wir ihn auf dem Umzug vor unserem Haus in London antrafen. Lady Raglan war die erste, die eine Verbindung zwischen den geschnitzten oder in Stein gemeißelten Laubgesichtern und der volkstümlichen Figur der Maifeste herstellte, und indem sie sich entschloss, ihnen den Titel „Grüner Mann“ zu geben, schlug sie auch eine Brücke zu der entsprechenden traditionellen Bezeichnung von Gaststätten.
So verband Lady Raglan mehrere historische Stränge, von denen man allerdings nicht sagen kann, dass sie kausal zusammenhängen. Auf jeden Fall übernahm Nikolaus Pevsner, ein Historiker deutscher Herkunft, der in England Wurzeln geschlagen und 1951 das erste Buch aus seiner bemerkenswerten Serie „The Buildings of England“ veröffentlicht hatte, den von ihr geprägten Namen „Grüner Mann“. Nach und nach wurde der Ausdruck „Grüner Mann“ in den allgemeinen Gebrauch übernommen. Die Bücher „The Green Man“ von Kathleen Basford, erschienen 1978, und „Green Man – The Archetype of our Oneness with the Earth“ von William Anderson aus dem Jahr 1990 markieren die endgültige Popularisierung des Begriffs.
William Anderson erkannte, dass es in allen Erscheinungsformen des Grünen Manns darum geht, das Menschliche mit der Natur zu verbinden. Er scheint die Manifestation eines Archetyps des menschlichen Geists zu sein, der sich zu verschiedenen Zeiten im volkstümlichen Bewusstsein immer wieder neu ausprägt. Da ist die Vorstellung des Lebensbaums in vielen Volksbräuchen Europas, die sich um das Laub ranken, ebenso wie volkstümliche Erzählungen wie „Robin Hood“ oder „Sir Gawain und der Grüne Ritter“ (eine englische arthurianische Geschichte mittelalterlichen Ursprungs) oder auch die in ganz Europa verbreitete sagenhafte Gestalt des „Wilden Manns“.
Gegenwärtig zeigt sich dieser Archetyp wieder im allgemeinen Bewusstsein der ökologischen Krise, verursacht von unserer Lebensweise, unserem groben Missbrauch der Natur und dem Verlust unseres Empfindens für ihre Heiligkeit.

Die Mythologie
Die Wurzeln des Grünen Manns gehen auf älteste Mythen zurück. Als die Menschheit erstmals zu Selbstbewusstsein erwachte und feststellte: „Ich bin hier!“, fragte sie auch: „Wo komme ich her?“ Damals entstand die Vorstellung von der Erde als Mutter, und man erkannte das Göttliche als weiblich. Die Heilige Weisheit, Sapientia auf Lateinisch und Hagia Sophia auf Griechisch, wurde immer als weiblich aufgefasst. So entstand das Konzept der „Großen Mutter“, die einen Sohn erschuf, der sowohl menschlich als auch göttlich war und der der Menschheit beistand, wo immer sie es nötig hatte – was nicht bedeutete, alle Wünsche zu erfüllen! Dies verband sich mit einem weiteren mythologischen Strang: Dem Baum des Lebens, der von der Erde bis in den Himmel reicht.
Viele frühe Kulturen kennen eine Muttergöttin, die ohne Vater einen Sohn gebärt. Interessanterweise wird er häufig mit einem Baum in Verbindung gebracht, und diese Verbindung erstreckt sich bis ins alte Ägypten und in die klassische Antike. Der Tod und die Wiedergeburt des Sohns wurden mit dem Frühling assoziiert, dem Wunder, das in allen alten Gesellschaften zentrale Bedeutung hatte. Mit der Charakterisierung des göttlichen Ursprungs des Lebens als weiblich und ihrem gottmenschlichen Nachwuchs als männlich, haben wir das traditionelle Verständnis von Weiblichkeit und Männlichkeit erfasst. Die entsprechenden Mythen und Legenden werden in William Andersons Buch dargestellt und auch in „The Myth of the Goddess“ von Anne Baring und Jules Cashford (Viking Arkana, London 1991). Hier findet sich das Element der Heiligen Hochzeit, die auch in der Philosophie der Rosenkreuzer eine herausragende Rolle spielt. Letztlich geht es dabei um die Einheit des Männlichen und des Weiblichen in jedem von uns. Das Laubgesicht ist fast immer männlich, obwohl es einige wenige weibliche Beispiele gibt wie im Ulmer Münster. In der Basilika in Brioude in Frankreich stehen entsprechende männliche und weibliche Beispiele auf beiden Seiten des Kirchenschiffs einander gegenüber.

Volksbräuche
Dieser Mythologie von Mutter und Sohn entspringen in Europa und anderswo Volksbräuche, die vor allem die Erneuerung des Lebens im Frühling und die Erneuerung der Gemeinschaft durch neue Geburten feiern. Es gibt überzeugende Argumente dafür, dass die großen megalithischen Steinreihen und -kreise bei Avebury, 120 Kilometer westlich von London, in der Bronzezeit genutzt wurden, um die neue Generation junger Männer und Frauen im Frühling zu weihen. Bräuche dieser Art werden trotz des Verbots in puritanischer Zeit in vielen Teilen Großbritanniens noch immer praktiziert und haben in ganz Europa in vielerlei Form überlebt. Wie alt sie sind, ist nirgendwo festgehalten. Ihre erste schriftliche Erwähnung ist erst dreihundert Jahre alt, doch ihr Ursprung muss weiter zurückliegen.
Die meisten dieser Bräuche beinhalten einen Umzug an einen bestimmten Ort, der im Altertum zweifellos als heilig angesehen wurde. Weit verbreitet ist der Tanz um den Maibaum nach dem Umzug. Meist ist der hohe Baumstamm mit Spiralen bemalt und mit langen Bändern geschmückt, mit denen die Tänzer verschiedene Figuren darstellen. Manchmal hängen die Bänder von einem Ring herab, der an der Spitze des Maibaums aufgehängt ist, worin manche eine sexuelle Bedeutung erkennen. Die Maikönigin, die die jungfräuliche Göttin darstellt, beschreibt einen der traditionellen Lebensabschnitte der Göttin. Jack-in-the-Green verkörpert die sakrale Energie der Männlichkeit. In den Mythen ist die Göttin unsterblich und erneuert sich jedes Jahr, während ihr Sohn sterblich ist und jedes Jahr wiedergeboren wird. In einigen historischen Bräuchen wird Jack-in-the-Green symbolisch getötet, um dem Geist des Sommers Platz zu machen.
In England findet man die schönsten dieser Bräuche in Hastings in Sussex, Rochester in Kent und Castleton in Derbyshire. Es gibt aber auch eine vorstädtische Version in Ealing im westlichen London, die neueren Ursprungs ist und jedes Jahr an unserem Haus vorbeiführt.

Der Wilde Mann
Eine der mittelalterlichen Inspirationen für die Gestalt des Grünen Manns war wohl der Sinn für Naturgeister, denen der legendäre Wilde Mann aus der Wildnis nahegestanden haben dürfte. Der alte Volksglaube, dass primitive Menschen wild in den Wäldern hausten, wurde von der Tatsache genährt, dass Ausgestoßene und Gesetzlose tatsächlich so lebten. Vielleicht erinnert diese Figur auch an altsteinzeitliche Jäger- und Sammlerstämme. Der Wilde Mann wird gewöhnlich als stark behaarte Figur dargestellt, die einen Knüppel schwingt. Wilde Männer und Frauen findet man als Bildhauerarbeiten in Kirchen überall in Europa, beispielsweise in Holland, England und Spanien.
Der Wilde Mann hat auch eine psychologische Bedeutung, indem er das naturhafte Wesen in uns darstellt, unsere Vorlieben und unsere Talente, mit denen wir unserem Handeln in der Welt Richtung geben. Der Wilde Mann ist in keiner Hinsicht ein negatives Bild. Eine Darstellung im Münster von York zeigt einen Wilden Mann, wie er einen Grünen Mann vor einem Dämon schützt. Hier können wir den Grünen Mann als das göttliche Bewusstsein in der Welt deuten, das vom Naturhaften in uns beschützt wird. Der Grüne Mann ist ein weltlicher Engel, der nicht „von oben herab“ handelt, sondern in der Welt selbst. Der Wilde Mann ist ihm nicht untergeordnet, aber dessen Potenzial muss sich erst verwirklichen. Wir sind herausgefordert, in uns selbst den Engel und den Wilden Mann zusammenzubringen.

Die Bildhauerarbeit
Dass wir das Bild des männlichen Laubgesichts weltweit in unterschiedlichen Traditionen finden, die nicht auf gemeinsame Wurzeln zurückgehen, unterstreicht die Annahme, dass es sich um einen Archetyp handelt. Obwohl viele geneigt sind, einen keltischen Ursprung zu suchen, scheint in der europäischen Tradition der Ursprung im alten Rom zu liegen. Aus dem 2. Jahrhundert sind eine ganze Reihe römischer Laubgesichter, geschnitzte und gemeißelte ebenso wie Mosaike, überliefert. Der früheste bekannte christliche Grüne Mann ist an einem Grab in Poitiers aus etwas späterer Zeit angebracht, doch ist er in der christlichen Ikonografie bis zum 12. Jahrhundert ungewöhnlich. Seine Hochzeit erreicht er etwa im 14. Jahrhundert. Nach der Renaissance und der Reformation existierte der Grüne Mann als dekorative Figur in der klassizistischen Architektur weiter, um im frühen 20. Jahrhundert zu verschwinden, bis er um 1990 herum wieder auftauchte. In der gegenwärtigen Ornamentik sind Bilder des Grünen Mannes weit verbreitet (beispielsweise im restaurierten Schloss Windsor).
Die unterschiedlichen Darstellungen des Grünen Manns können in drei Typen unterteilt werden, wobei es auch Misch- und Randformen gibt. Die römischen Bilder sind alle Laubgesichter, bei denen das Gesicht selbst in Laub übergeht oder aus Laub hervorgeht. Sehr schöne Beispiele finden wir in den Gräbern von Neumagen im archäologischen Museum in Trier ausgestellt. Das Schönste aller Laubgesichter, vielleicht der eindrucksvollste aller Grünen Männer, ist die kraftvolle Darstellung unter der Statue des berühmten mittelalterlichen Reiters im Bamberger Dom.
Beim zweiten Typ des Grünen Manns quillt das Laub aus dem Mund, in manchen Fällen auch aus den Nasenlöchern und Ohren, ja sogar aus den Augen. Dieser Typ war im Mittelalter möglicherweise der gängigste. Ein schönes Beispiel hierfür befindet sich in einer kleinen englischen Pfarrkirche in Sutton Benger, etwa 160 Kilometer westlich von London. Beim dritten Typ befindet sich das Gesicht zwischen Laub, als sei es eine Frucht, aber es scheint, dass es sich hierbei eher um Gesichter handelt, die dekorativ von Laub umkränzt sind. Ein gutes Beispiel hierfür gibt es im Chapter House in Southwell Minster in Nottinghamshire, das für seine wundervolle Ausarbeitung der Blätter berühmt ist und dessen Rang ihm wohl nur von den Arbeiten samt ihren Grünen Männern im Naumburger Dom streitig gemacht wird.
Die Verbindung von Laub und menschlichen Figuren findet sich auch im präkolumbianischen Mexiko, wo sich diese starke Tradition bis in die barocken Kirchen fortsetzt, in einer Zeit, zu der sie in der europäischen Ikonografie keine Bedeutung mehr hatte. Auch in der jainistischen, hinduistischen und buddhistischen Skulptur Asiens, beispielsweise in Borobudur und Angkor Wat, finden sich Köpfe, aus denen Laub hervorquillt. In manchen dieser Tempel ziert ein solches Laubgesicht jeden Treppenabsatz. Über der Treppe befindet sich dann jeweils ein großer Kopf, durch dessen weit geöffneten Mund man den Tempel betritt und aus dem sich zu beiden Seiten eine Kaskade von Laub und Früchten ergießt.

Der christliche Grüne Mann
Die meisten Grünen Männer finden sich in christlichen Kirchen, die schönsten aus der Zeit zwischen 1000 und 1500. Auch wenn, wie bereits dargelegt, Grüne Männer auch in früherer und späterer Zeit auftauchen, scheint es doch so zu sein, dass dieses Bild im Mittelalter eine besondere symbolische Bedeutung hatte und in der späteren Architektur auf ein dekoratives Element reduziert wurde. Der Grüne Mann findet sich an unerwarteten Orten, sogar im berühmten Porträt Martin Luthers von Lucas Cranach dem Älteren und auf der Titelseite von Luthers Gesuch an das päpstliche Konzil aus dem Jahre 1520. Auch in seiner Kirche in Wittenberg finden sich Grüne Männer.
Warum wurde die ursprünglich heidnische Symbolgestalt des Grünen Manns im Mittelalter mit solcher Begeisterung in die christliche Kirche übernommen? Wir können bis auf wenige Ausnahmen sicherlich ausschließen, dass dieses Bild als Überbleibsel heidnischer Kulte, die vielleicht in kleinen, ländlichen Kirchen stattgefunden haben mögen, in die Kirchen übernommen wurde, dafür findet sich der Grüne Mann an viel zu bedeutenden Orten.
In der kirchlichen Ikonografie gibt es Tausende von Grünen Männern, am häufigsten als Bildhauerarbeiten in Holz und Stein, aber einige finden auch auf Wandgemälden (in der Kirche in Markgröningen) und in Kirchenfenstern (schöne Beispiele sind diejenigen im Bergischen Dom in Altenberg). Nur wenige Zeichnungen Grüner Männer schmücken christliche Handschriften, aber unerwarteterweise sind sie in einem hebräischen Text des 15. Jahrhunderts, der Ashkenazy Haggadah, recht häufig zu finden.
Wer all diese Zeugnisse auf sich wirken lässt, entwickelt ein starkes Empfinden dafür, dass die Grünen Männer in Kirchen eine tiefe Bedeutung hatten, die zu jener Zeit höchstwahrscheinlich nicht explizit ausgedrückt wurde. Die Menschen hatten offenbar auch zur Zeit des Christentums das starke Bedürfnis, wie zur Zeit der heidnischen Naturreligionen den Geist der Natur in ihrer sakralen Ikonografie darzustellen. Die christlichen Grünen Männer sind mehr als nur konventionelle Dekoration und finden sich an geheimnisvollen und wichtigen Orten, wo sie die großen Ereignisse des Lebens Christi und der christlichen Geschichte zu beobachten scheinen. Selbstverständlich wurde nicht bei jedem Gebäudeentwurf der Symbolik völlig Rechnung getragen, und in manchen Fällen hat man sich nur nach den örtlichen Vorgängern gerichtet, so dass es sich im Grund um gewöhnliche Dekora­tion handelt. Aber es bleibt das Empfinden, dass hier die Augen der Natur das Drama der Schöpfung beobachten. Viele der Grünen Männer, besonders die in Pfarrkirchen, blicken uns mit einem wohlwollenden, strengen Blick an, als seien sie Lehrer, die uns auf dem schmalen und geraden Pfad der Tugend halten wollten. Der Grüne Mann will uns zu dem verhelfen, was wir brauchen, nicht zu dem, was wir wollen, und er tut dies mit einem ziemlich grimmigen Ausdruck.
Ob der mythologische Ursprung des Grünen Manns im christlichen Mittelalter bekannt war, ist sehr zweifelhaft. Eine Parallele ist jedoch im Motiv der göttlichen Jungfrau, die einen Sohn gebärt, um der Welt zu helfen, erkennbar. Schriftliche Überlieferungen des Göttinnen-Mythos im Mittelalter existieren jedenfalls nicht. Wenn die Grünen Männer lediglich den Geist in der Natur dargestellt hätten, hätten sie ebenso gut auch weiblich sein können, da es in der klassischen Mythologie ja zahlreiche weibliche Naturwesen gibt, aber fast alle mittelalterlichen Laubgesichter sind männlich. Dieses Symbol wurde wohl intuitiv gebraucht, was einen Einblick ins Herz der mythologischen Vorstellungskraft eröffnet. Wir heutigen Menschen sind das Produkt von acht weiteren Jahrhunderten geistiger Entwicklung, und wir können klar ausdrücken, was in der Vergangenheit eher unterschwellig übernommen wurde. Wir können die Motivationen der Menschen vergangener Epochen erkennen und verstehen, was ihnen seinerzeit nicht bewusst war.
Viele Grüne Männer blicken uns durch das Laub mit ausdruckslosem Gesicht an, und man kann in ihnen das überpersönliche, göttliche Bewusstsein der Natur sehen, das auch unseres ist. So betrachtet ist der Grüne Mann der Zeuge des heiligen Dramas des Lebens, das sich vor ihm abspielt. Grüne Männer gibt es in allen Bereichen einer Kirche, und immer in einer Art Beobachterposition. Nie ist er Teil der Handlung selbst. Er ist das Bewusstsein in der Natur, das Auge und die Immanenz Gottes, und selbstverständlich ist er auch ein Sinnbild des Menschen, indem wir die Augen Gottes in der Schöpfung sind.
Die Vorstellung eines solchen Bewusstseins wird im modernen Leben immer wichtiger, sowohl in der Wissenschaft wie auch in der Spiritualität, wobei sich der Ausdruck von Wissenschaft und Theologie sehr ähneln kann. Betrachten Sie den Grünen Mann von Bamberg, die Quintessenz des Bewusstseins, das Göttliche in der Natur, das auf das Göttliche im menschlichen Drama schaut. Das Wesen von allem Lebendigen ist Bewusstsein, und dessen grundlegende Eigenschaft ist die Freude.

Ganzheit
Der Grüne Mann hat in der Welt eine aktive, männliche Rolle inne, entspringt aber der Vorstellung des Göttlichen, das weiblich ist. Beide Aspekte sind in uns: Wir spielen die Rolle der Wiedervereinigung des Männlichen mit dem Weiblichen, der heiligen Vermählung der Mysterien, und fügen so das Getrennte wieder zusammen. Das ist die Bedeutung des Wortes „Reli­gion“, dessen Wurzel das lateinische religare ist: wieder zusammenfügen, was getrennt wurde. So kommt der Grüne Mann in die Welt: In unserer von Trennung und Isolation geprägten Kultur wird er uns helfen, in Einheit mit der Natur, dem Universum und allem, was ist, zu leben.
Die Symbolik des Grünen Manns reicht bis in die tiefsten Bedeutungen, schließt aber auch das reine Vergnügen ein: Es macht Spaß, immer neue Grüne Männer in fast jeder Kirche zu entdecken (zumindest in England) und in ihren Gesichtern auch die Freude und die prickelnde Fröhlichkeit der Frühlingsfeste zu spüren. Grüne Männer findet man inzwischen im Kunsthandwerk auf der ganzen Welt, und die Suche nach dem Begriff „Grüner Mann“ liefert im Internet Zehntausende von Einträgen.
Ich begann mit einer persönlichen Anmerkung, und ich sollte auch mit einer solchen enden. Ich erwarte nicht, jemals einem Grünen Mann aus Fleisch und Blut zu begegnen, weil ich ihn als Idee innerhalb der menschlichen Vorstellungskraft betrachte, als Personifizierung eines Aspekts der Natur. Gleichwohl können diese Vorstellungen und Archetypen sehr machtvoll sein, wie es Carl Gustav Jung ausführlich untersucht hat. Sie scheinen sich wie eigenständige Kräfte mit einem individuellen Willen zu verhalten, und ich muss zugeben, dass ich dies selbst erlebt habe – beinahe so, als nehme man sie als eigenständige Wesenheiten wahr. Die Wahrheit kann auf sehr unterschiedliche Weise erfasst werden. Der Mensch hat den Hang, die Wahrheit als Drama zu erleben: Das ist die Grundlage all unserer Träume.
Betrachten wir den Grünen Mann als Symbol, in dem sich der Geists des heiligen Landes, das wir bewohnen, inkarniert. Das Göttliche hat keine Beschränkungen, und es findet sich in der Natur wie auch in uns, und wenn das Göttliche in uns in das Angesicht des Göttlichen der heiligen Natur um uns herum schaut, kann dies in unserem Geist als Grüner Mann erscheinen.
Die gesamte Natur ist heilig, und ein Großteil unserer Mythologie entstand, als die Erde noch weitaus dichter in Wälder gehüllt war als heute. Nirgends ist das Empfinden der Gegenwart des Grünen Manns stärker als in den noch exis­tierenden Wäldern – nicht so sehr in den modernen, sterilen Holzplantagen, sondern eher in den Urwäldern, wo die umgestürzten Bäume liegenbleiben und einer Fülle von Lebewesen eine Heimat sind, wie es in naturbelassenen Laubwäldern noch der Fall ist. Das Sonnenlicht, das die­se Wälder durchscheint, ist ein wirkliches Symbol des Geists dieser Welt. Doch nicht nur romantische Wälder sind heilig, sondern das ganze Land mit seinen Hügeln, Flüssen, Bergen und Seen. Sie sind sogar mehr als das, denn alles in der Natur ist ein Wegweiser zu den Geheimnissen des Lebens: Die Komplexität eines einzelnen Blatts, das wir von einem Baum pflücken, eröffnet hier und jetzt einen Weg zum Himmel. 

Übersetzung aus dem Englischen: Jochen Schilk

Clive Hicks, geboren und aufgewachsen in Südafrika, verbrachte den Großteil seines Lebens in London. Er fotografiert seit seiner Kindheit, studierte Architektur und absolvierte eine Ausbildung zum Balletttänzer. Nach einem zweijährigen Engagement als Tänzer kehrte er zur Architektur zurück und spezialisierte sich auf den Bau von Sterbehospizen. Er arbeitet als professioneller Fotograf. Buchveröffentlichungen: „Green Man. The Archetype of our Oneness with the Earth“, Harper, 1990 (mit William Anderson); „The Green Man – A Field Guide“, Compass Books, 2000. www.clivehicks.co.uk