Arunachala – Begegnung mit einem Berg

von Elvira Laukus erschienen in Hagia Chora 36/2011

Es war meine erste Süd-Indien-Reise. Nachdem ich jahrelang im Norden Indiens unterwegs gewesen war, im Himalaya, hatte ich mir für den Winter 2007 eine Tour durch Süd-Indien mit verschiedenen spirituellen Orten zusammengestellt. Punkt drei auf meiner Route war der Berg Arunachala in Tamil Nadu. Ein 800 Meter hoher, einzelner Berg inmitten einer weiten Ebene. Ramana Maharshi, ein indischer Weiser, hatte dort gelebt, und der Berg wird seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden, von den Indern als heiliger Berg verehrt.
Ich war noch ziemlich durchgeschüttelt von der mehrstündigen Busfahrt, stellte mein Gepäck im Gästezimmer ab und ging ein paar Schritte den Berg hinan. Ich ließ mich auf einem Felsen nieder und schaute in die Landschaft. Ich war nicht konzentriert, nicht gesammelt, nicht achtsam, sondern müde, genervt und durcheinander. – Aber ich lächelte! Einfach so, ohne irgendeinen Grund. Das Lächeln stieg von ganz tief innen auf, aus meinem innersten Wesen. Das war schon eigenartig nach so einer anstrengenden Anreise. Etwas verwundert stieg ich wieder ab, ging zum Abendessen und ins Bett. Dem seltsamen Lächeln maß ich keine allzu große Bedeutung bei.
Am nächsten Tag stieg ich wieder auf den Berg. Ich hatte von den Höhlen gehört, wo Ramana Maharshi gelebt hatte. So ging ich den staubigen Steinweg in der Hitze, sah Felsen und ausgedörrtes Gebüsch, fand die Höhlen – und bemerkte irgendwann wieder dieses Lächeln. Nein, ich strahlte richtig, als hätte ich ein großes Geschenk bekommen.
Und das Eigenartige war: Jedesmal, wenn ich auf den Berg stieg, hatte ich dieses tiefe Gefühl von „Alles-in-Ordnung“, fühlte mich getragen, glückselig, genau richtig. Stieg ich vom Berg wieder hinab, hatte das übliche Gedankenkarussell wieder die Oberhand.

Welche Kraft liegt in dem Lächeln?
Was für ein Ort ist das, der mich so berührt? Ich habe in meinem Leben schon viele sogenannte Kraftorte besucht. Bekannte, wie die Externsteine oder die Pyramiden von Gizeh, oder unbekannte im Wald oder an einer Flussschleife. Hatte starke Energien gespürt, oder auch nicht. Aber ich war noch nie in dieser Tiefe berührt worden, in dieser existenziellen Weise.
Die übrigen Ziele meiner Süd-Indien-Tour interessierten mich nicht mehr. Ich blieb für den Rest der Zeit am Berg und erforschte dieses Phänomen. Aber die wenigen Wochen waren viel zu kurz, und so nahm ich mir vor, im folgenden Winter wiederzukommen, mit mehr Zeit im Reisegepäck. Und das tat ich auch. Drei Monate blieb ich am Berg. Mein Tagebuch nahm willig meine wortreich stammelnden Versuche auf, die entweder schwülstig oder nichtssagend oder beides waren. („Jetzt weiß ich, wie es sich anfühlt, dass Gott die Welt liebt“ – was heißt das schon?)
Ich versuchte das Unfass- und Unsagbare mit einigen „Als-ob“-Bildern zu fassen: Als ob ich in meinem Arbeitszimmer mit irgend­etwas Ernstem und Wichtigem beschäftigt wäre, und plötzlich kommt jemand zur Tür herein mit einem großen Blumenstrauß: „Für dich“. – Diese Herzensfreude, die entsteht, wenn da plötzlich Blumen sind, wo ich nur Arbeit gesehen habe.
Oder wie ein tiefes Loslassen und Genießen, wenn ich einen Paradiesgarten betrete, in dem Blumen blühen, Vögel zwitschern, Springbrunnen plätschern, der Jasmin duftet und die Eisbude nicht weit ist. Ein Garten, in dem ich mich entzückt und wohlig niederlasse.
Nur, dass dieser Paradiesgarten am Aru­nachala etwas anders aussieht: Es ist heiß, und Schatten gibt es nur wenig. Dornsträucher dafür um so mehr. Müll liegt da, Ameisen krabbeln auf mir herum, das Hupen der Autos dröhnt von der Straße herauf, und auf den Felsen lässt es sich nur unbequem sitzen. Manchmal weht auch noch die Duftwolke von einem in der Sonne trocknenden Kothaufen herüber (die meisten Inder haben ja keine Toilette und verschwinden einfach in die Büsche). Und trotzdem lächelte ich, als säße ich im schönsten Paradiesgarten.
Oder als hätte ich die große Liebe entdeckt. Als hätte ich einen wunderbaren Menschen gefunden, wir sind über beide Ohren inein­ander verliebt, sind zusammen, sitzen auf dem Sofa, unsere Herzen sind vereint, und alles ist einfach wunderbar. Nur: Da ist keiner, der Händchen hält und mich freudig anlächelt. Woher also kommt dieses Gefühl?
Und diese Kraft war nur auf dem Berg spürbar. Nicht am Fuß des Bergs oder weiter weg. (Der Berg erhebt sich plötzlich aus der Ebene. Man kann mit dem Fahrrad direkt an seinen Fuß fahren und nutzt dann Treppen für den Aufstieg.) Fünf oder zehn Höhenmeter reichten, und ich tauchte in das Reich des Lächelns ein. Eigenartig war auch, dass diese Kraft auf dem ganzen Berg gleichmäßig spürbar war: auf der Nord- und auf der Südseite, auf dem Gipfel und in den Seitentälern. Nur wenn ich wieder in die Ebene kam, war diese Kraft verschwunden. Ich konnte die Grenze auf wenige Meter genau bestimmen.
Die zentrale Frage, mit der ich bei meiner zweiten Reise unterwegs war, lautete: Was für eine Kraft ist das, die sich mir da mitteilt? Ist das die göttliche Liebe, die ich spüre? Was bedeutet diese Kraft für mich? - Und natürlich: Kann ich diese Kraft nur hier am Berg, in Indien, erfahren? Wie kann ich mich ihr in Deutschland öffnen? Gibt es einen Schlüssel, der das Tor zu dieser Kraft in mir öffnet?
Irgendetwas sagte mir, dass diese Kraft, die ich spürte, nicht an den Berg gebunden ist, sondern dass es eine universale Kraft ist. Aber warum spürte ich sie dann nur auf dem Berg und nicht woanders? Dieses Arunachala-Gefühl hatte eine andere Dimension als alles bisher Erlebte. Das konnte ich nicht einfach schön finden und dann weitergehen. Das stellte meinen gesamten Weg in Frage oder tauchte ihn in ein neues Licht. Als würde sich ein Leben ohne dieses Gefühl, dieses tiefe Beglückt- und Erfülltsein, diese Seligkeit, nicht mehr lohnen, weil dann alles nur noch leer, grau und öde wäre.

Der Berg ist in mir
Im Lauf der drei Monate spürte ich dann, dass ich mich an das Gefühl auf dem Berg erinnern konnte, auch wenn ich irgendwo in einem Restaurant, im Internet-Café oder auf dem Fahrrad war. Ich lernte, mich willentlich in dieses Lächeln hineinzubegeben. Dann merkte ich, nicht „ich lächle“, sondern „das Lächeln ist da“. Ja, genauso fühlt es sich an. Es ist keine Aktivität von mir, sondern ich (?) - oder das, was das Lächeln verhindert (was ist das? ) - treten sozusagen zur Seite und machen Platz für das Lächeln, das eigentlich immer da ist, wenn ich es nicht blockiere. Dabei scheint mir dieses Leben im Lächeln, in dieser Herzensfülle, in der Gegenwart Gottes, oder wie immer man es nennen mag, die wirklichere Wirklichkeit zu sein. Das, was mit dem Leben eigentlich gemeint ist.
Im darauffolgenden Herbst wollte ich schon fast gewohnheitsmäßig wieder mein Flugticket nach Indien für den nächsten Winter am Berg buchen. Da merkte ich, dass der Berg nicht ruft, sondern dass dort, wo vorher der Ruf gewesen war, Stille herrschte. Ich fragte in meinem Inneren nach der Bedeutung dieser Stille und hörte daraufhin mit der Wucht eines Donnerschlags in mir die Worte: „Der Berg ist in dir“.
Die Heftigkeit und die Klarheit dieser Mitteilung ließen mich etwas verdattert zurück, aber ich hielt mich natürlich daran und verbrachte den Winter zu Hause im Schwarzwald. „Der Berg in mir“ – das war mein Winter-Programm 2009.
Seither war ich noch zweimal dort. Und beide Male habe ich die Reise vorzeitig abbrechen müssen, wegen Familienangelegenheiten oder wegen Krankheit. Der „Berg in mir“ ruft. Die Begegnung mit dem äußeren Berg, dem heiligen Berg in Indien war das Tor, das mich zu dieser Qualität, zu dieser Kraft in mir geführt hat, für die ich immer noch keinen Namen habe. 

 

Elvira Laukus (elvira.laukus@yahoo.de)