Baumgesichter

von Elke Gardlo erschienen in Hagia Chora 3435/2010

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Im Jahr 2009 hatte ich die Gelegenheit, vier Monate in Schottland, dem Land meiner Seele, zu sein. Seit über zwanzig Jahren verbringe ich fast jedes Jahr mindestens einen Urlaub dort.

 

Der Aufenthalt im letzten Jahr war etwas ganz Besonderes, denn ich hatte viel Zeit. Ich war eins mit mir und genoss die wunderschöne Natur dieses magischen Landes. Diese Zeit hat einen Wandlungs­prozess in mir ausgelöst, den ich immer noch nicht vollständig überblicken kann. Mein Leben verändert sich.
Jetzt aber zu der Begebenheit, von der ich erzählen will.
Sie trug sich zu an der Westküste Schottlands in der Nähe des Kilmartin Glen mit seinen steinzeitlichen Gräbern, Steinkreisen und Felszeichnungen, die dort in einer Dichte vorhanden sind, wie man sie sonst selten findet. Es war ganz zu Beginn meiner Auszeit, in meiner ersten Woche in Schottland. An jenem besonderen Tag wollte ich eine Wanderung am Loch Awe unternehmen – oder besser gesagt in einem Teil des alten Waldbestands, der „kaledonischer Wald“ genannt wird und dort noch in einigen Gegenden vorhanden ist.
Eigentlich wollte ich einen längeren Weg gehen, doch der hätte nicht durch den alten Eichenwald geführt, und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass dieser Wald mich rief. Bäume haben mich schon immer gerufen.
Es war ein schöner, sonniger Tag, und ich wanderte meinen Weg zwar offen und neugierig, aber ohne besondere Erwartungen. Zunächst geschah auch nichts Besonderes, der Weg führte einfach nur durch einen schönen, alten Wald: Bäume, von denen lange Flechten hingen, üppig grüne Farne, das Zwitschern von Vögeln in den hohen Ästen. Ein kleiner Bach plätscherte munter den Hang hinunter.
Auf einmal bemerkte ich, wie sich die Stimmung veränderte, irgendwie geheimnisvoller wurde. Ich ging weiter, und dann war es, als würde ich das Tor zur Anderswelt durchschreiten. Ich war plötzlich in einer anderen Welt. Alles hatte einen Zauber, der vorher nicht dagewesen war oder den ich nicht empfunden hatte.
Dann sah ich sie, die Baumgesichter. Erst war es nur ein Baum, der mich anschaute. Er hatte ein altes, knorriges Gesicht und schien eine Art Wächter zu sein. Ich begrüßte ihn und sprach mit ihm. Und plötzlich sah ich immer mehr Baumgesichter, manche ganz deutlich und manche nur mit Fantasie zu erkennen. Es war, als ob sie sich zuflüsterten: „Sie sieht uns!“, und: „Da ist jemand, der uns erkennt.“
Wir haben uns über dieses gegenseitige Erkennen miteinander gefreut. Der ganze Wald schien auf einmal viel fröhlicher zu sein, so als ob er nur darauf gewartet hätte, wahrgenommen zu werden. Ich war sehr berührt von diesem Geschenk. Es schien, als würden gleich Einhörner und Feen aus dem tiefen Wald treten, und ich begriff, auf welchem Nährboden die alten Geschichten über solche Wesen über die Jahrhunderte gewachsen waren und immer noch wachsen.
Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass dieses Erlebnis auch eine Art Begrüßung und Einweihung war – als sollte geprüft werden, wie offen ich war. Denn in den folgenden Wochen in anderen Teilen Schottlands hatte ich noch ähnliche Erlebnisse.
Nach einer Zeit der Gemeinsamkeit habe ich mich bei den Bäumen bedankt und mich von ihnen verabschiedet. Als ich wieder an meinem Auto ankam, packte ich meine Harfe aus und spielte ein Lied für den Wald. Auch dieses Lied war ein Geschenk, denn bis zu diesem Zeitpunkt habe ich selten ein eigenes improvisiert. Jetzt floss die Melodie aus meinen Fingern. Es war ein sanftes und auch fröhliches Lied, das, so schien es, nur für diesen Augenblick geschaffen wurde.
Ich habe in den vier Monaten in Schottland viel erlebt und gesehen, aber dieses Erlebnis gehört zu denen, die mich am meisten berührt haben.