Der Drache auf dem Friedhof

von Richard Weber-Laux erschienen in Hagia Chora 3435/2010

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Im Familienalbum der Eltern fand ich ein Bild aus dem Jahr 1929, das mich immer wieder beschäftigte: ein Bild vom Rathaus in Quedlinburg. Im Jahr 2000 schaute ich dann im Internet nach, wo diese Stadt im Harz genau liegt. Ich war erstaunt, einen geschichtsträchtigen Ort mit Dom und alter Innenstadt vorzufinden, Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Heinrich I. (876–936) und sein Sohn Otto der Große (912–973) feierten in Quedlinburg das Osterfest.

 

Im April 2001 beschloss ich, mit meinem zwölfjährigen Sohn Quedlinburg zu besuchen. Mit einer Bekannten bereitete ich mich vor – unter anderen auf die Frage, was mich dorthin zog. Sie „sah“ für mich einen sechs­eckigen Stern links neben einer Kirche.
Mit diesem groben Ziel fuhren wir los und kamen im strömenden Regen im Harz an. Am nächsten Tag suchten wir bei etwas besserem Wetter alle Kirchen und Friedhöfe innerhalb der alten Stadtmauern von Quedlinburg auf – und fanden nichts. Beim abendlichen Studium einer Stadtkarte entdeckten wir noch eine alte Kirche vor den Toren: Sankt Wiperti, südwestlich des Burgbergs; sie wurde zwischen 835 und 901 errichtet und ist den Heiligen Wigbert und Jakobus geweiht.
Am nächsten Tag war Sankt Wiperti mit der alten Krypta leider verschlossen. Nebenan lag ein alter Friedhof, und wir spürten den Drang, ihn uns anzuschauen. Eindrucksvoll waren dort 350 Jahre alte Grabgewölbe. Viele Gräber waren offen und leer, der Geruch und die Anmutung von Vergänglichkeit streiften uns. Oberhalb waren die Grabkammern mit Rasen, Gestrüpp und Bäumen bedeckt. Hier fanden wir ein einsames Grab mit dem sechseckigen Stern. Was nun? Wir waren irritiert: Hier lag eindeutig nicht das Ziel unserer Suche, aber doch ein wichtiger Hinweis.
Als wir nach kurzer Verweildauer wieder aufbrachen, sah ich zu meiner linken Seite einen kaum wahrnehmbaren Weg, der in ein dichtes Gestrüpp führte. Spontan und ohne nachzudenken bat ich meinen Sohn, zurückzubleiben und zu warten. Ein flaues Gefühl im Magen ließ mich nur langsam fortschreiten. Der Eindruck von etwas Geheimnisvollem entstand. Auf einer überschaubaren, vielleicht vier mal fünf Meter großen Lichtung blieb ich stehen. Und plötzlich erstand vor mir im Raum ein Drache. Ich habe ihn nicht mit den Augen gesehen, aber innerlich war deutlich seine Statur, seine Farbe, seine Größe sowie sein Verhalten als Wahrheit vorhanden. Es vergingen wohl ein paar Sekunden, bevor ich zu einer Reaktion in der Lage war – ebenso wie er.
In der folgenden Kommunikation, die ich auch heute noch kaum beschreiben kann, „näherten“ wir uns an. An dieser rein persönlichen, rein subjektiven Wahrnehmung gibt es nichts zu deuteln: Sie war so real wie Autofahren oder ein Schmerz.
Nach einer mir sehr lang erschienenen Zeitspanne löste ich mich, versprach, wiederzukommen, und ging wie im Traum zu meinem Sohn zurück. Dem ging es gut. Ich erzählte ihm vorsichtig, was passiert war. Seine Reaktion war ganz natürlich: Wenn der Vater das so erzählt, wird es wohl auch so gewesen sein.
Was ist aus der Begegnung mit dem Drachen geworden? In den folgenden Jahren bin ich ein paar Mal erneut an dem versteckten Platz gewesen. Immer hatte mich zuvor der Drache gerufen: Auf Spaziergängen oder im Alltag spürte ich Impulse, etwas für ihn zu sammeln oder zu besorgen. Von kleinen Muscheln oder Steinen auf dem Weg über Salz bis hin zu Geldstücken – immer war ganz klar, was als Geschenk angesagt war.
Unsere Kommunikation ist freier geworden; ich frage, er antwortet. Der Respekt ist gegenseitig. Ich weiß, er will etwas von mir, das sich aber erst in der Zukunft herausbilden wird.
Ohne zu wissen, was dies alles genau bedeutet, gibt es doch eine innere Gewissheit, dass diese Begegnung ein wichtiger Teil meines Lebens geworden ist – und die Geschichte noch lange nicht zu Ende ist.