An der Südspitze Afrikas: Der Strandläufer

von Adolf Müller erschienen in Hagia Chora 3435/2010

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Immer wieder zieht es mich zu den Höhlen am Strand der Walkers Bay nahe der Ortschaft Gansbaai. Auf Afrikaans heißen sie „de Kelders“ (die Höhlen) und sind heute Teil eines Naturschutzgebiets. Von hier aus lassen sich zwischen Juni und November Wale beob­achten. Neben langen Sandstränden gibt es felsige Abschnitte unterschiedlicher Höhe, in denen sich auch die besagten Höhlen befinden.
Als ich vor etwa 30 Jahren zum ersten Mal nach Südafrika kam, fand ich im Museum in Kapstadt ein großformatiges Bild, das mich faszinierte. Es zeigte die Sicht aus einer Höhle hinaus auf das Meer und einen weiten Strand. Immer wieder tauchte dieses Bild vor meinen Augen auf, doch es waren viele Anläufe notwendig, bis ich diesen Ort entdeckt hatte und selbst dort stand.
Das Bild ist zwischenzeitlich aus dem Museum verschwunden, aber dafür gibt es nun eine archäologische Dokumentation über Strandläufer, jene Nomaden der Steinzeit, die hier gelebt und diese Höhlen als vorübergehende Unterkünfte genutzt hatten.
Bei jedem Aufenthalt in Südafrika suche ich diesen Ort wieder auf. Von der Höhe der Felsen aus reicht der Blick weit übers Meer, dessen Dünung weich auf den Strand zuläuft. Die Höhlen selbst öffnen sich zum Meer hin und bieten dabei Schutz vor der stechenden Sonne und dem Wind. Das Schauspiel begeistert mich immer wieder. Ich fühle die Geborgenheit in den Höhlen und gehe dann mit Vorliebe den weiten Sandstrand entlang. Der Ort wird mir immer vertrauter.
Bei meinem letzten Besuch in Jahr 2009 ergab sich etwas völlig Unerwartetes: Von der Höhe aus genossen meine Augen die Weite, den fernen Horizont, sie entspannten sich im Blau des Himmels und des Meeres. Die Ohren folgten dem Spiel der Wellen, vom Überschlag am Ende der Dünung bis zum Brechen an einem Felsen oder dem Auslaufen im Sand. Aus den schäumenden Wogen stieg ein Duft auf, der Wohlsein verbreitete und Naturverbundenheit ausstrahlte. Die eingeatmete salzige Brise durchströmte meinen ganzen Körper.
Zu den Eindrücken, die mir Auge, Ohr und Nase vermittelten, kam noch ein weiterer Eindruck durch den Tastsinn hinzu. Nicht der der Tastsinn der Hände war wichtig, sondern derjenige der nackten Füße, die über den weißen Sand strichen. Dort, wo die Wellen auslaufen, ist er hart und kalt, weiter oben aber, wo ihn die Sonne getrocknet hat, ist er warm und weich.
Das gleichzeitige Wahrnehmen mit allen meinen Sinnen ließ ein bisher nicht gekanntes Hochgefühl in mir entstehen. Lediglich der Geschmackssinn trat erst später im Hafenrestaurant in den Vordergrund. Mir erschien dieses Erlebnis wie eine Ekstase. „Mein Herz begann zu singen“; das sind die Worte, die es am treffendsten ausdrücken. Ich fühlte mich durch diese Wahrnehmung in eine andere Ebene katapultiert. Ob sich dieses ganzheitliche Erleben wiederholt, werde ich beim nächsten Besuch vor Ort erkunden.
Etwa ein Jahrzehnt früher hatte ich Urlaub auf einer der westfriesischen Inseln an der Nordsee gemacht. Damals konnte ich meine Gefühle nur einzeln für sich wahrnehmen. Es fiel mir aber etwas ganz anderes auf: Die Insel war autofrei. Die Sommerfrischler reis­ten mit dem Schiff an und konnten auf der Insel alle Ziele zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen. Das spiegelte sich in einer sehr entspannten Atmosphäre, die sogar bei den Inselbewohnern feststellbar war. Aus dieser Gelöstheit heraus ließen sich Wind, Wellen, ja selbst das Wetter, völlig anders erleben und genießen. Jeder kehrt nach so einer ganz und gar der Natur zugewandten Zeit in guter Stimmung nach Hause zurück.
Als Schlussfolgerung für beide Erlebnisse ergibt sich: Über eine wie auch immer erreichte Entspannung kann man zu einer besseren Kontaktaufnahme mit der Natur – den Elementen – gelangen, aber auch zu einer sich ständig erweiternden Sensibilisierung.