Die Brücke

von Irmgard Koller erschienen in Hagia Chora 3435/2010

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Es war ein heißer Augusttag in Überlingen. Die Hitze staute sich zwischen den Häusern, stand auf den steilen Treppen, und selbst die Wasseroberfläche des Bodensees lag still wie eine Glasscheibe. An diesem Tag zog es mich in nördlicher Richtung zum Burgberg hinter der Stadt. Ich hatte keine Informationen über die Geschichte dieser Gegend eingeholt, sondern wollte einfühlend und horchend herausfinden, ob es hier etwas zu entdecken gab.

 

Beim steilen Aufstieg konnte ich einen natürlichen Einschnitt im Höhenzug erkennen. Und auch die Schnellstraße, die hoch über dem Burgberg die Schlucht mittels einer mächtigen Brücke überwand.
Endlich war ich oben auf dem Burgberg angekommen und genoss kurz den Schatten unter dem dichten Blätterdach des Walds. Ein schmaler Pfad führte weiter zwischen Büschen und einigen Bäumen hindurch, doch ihr Schatten konnte die Hitze nur wenig mildern. Wie betäubt schlich ich mit leerem Kopf dahin und versuchte, die Orientierung nicht zu verlieren. Ein Rauschen, das gleichzeitig von unten und von oben zu kommen schien, drang langsam in mein Bewusstsein. Bevor ich die Quelle des merkwürdigen Geräuschs orten konnte, formten sich Worte in meinem Kopf. Oder wurden sie direkt neben mir gesprochen? „Wir können uns nicht um dich kümmern, wir sind voll beschäftigt, damit jeder heil drüber kommt.“
Verblüfft und ein wenig schockiert wachte ich aus meiner Lethargie auf. Ich spürte die Hitze nicht mehr, sondern erblickte direkt vor mir den massiven Betonpfeiler, der die Schnellstraße trug. Ich schaute nach oben, das Rauschen in der Luft klang jetzt unangenehm. Ja, dort oben, am Ende des Pfeilers – auf der Straße – befanden sich Menschen über einem Abgrund. Die Luft schien sich zu verdichten, und aus einer plötzlichen Unsicherheit heraus suchte ich Schutz direkt unter dem Pfeiler. Auf einmal schien es mir nicht mehr selbstverständlich, dass dort oben alle „heil drüber“ kamen.
Erschöpft lehnte ich mich an den kühlen Beton und versuchte zu begreifen, was hier vor sich ging. Was sollte die Aussage: „Wir können uns nicht um dich kümmern?“ Es war wohl zu einer Begegnung mit einer anderen Wirklichkeitsebene gekommen. Dass Naturwesen zu mir sprachen, war mir vertraut, und doch beschlich mich auch diesmal wieder ein andächtiges Gefühl. Große Dankbarkeit und Ruhe erfüllten mich immer, sobald ich diese vertrauensvolle Sprache hörte. Ich wiederholte den Satz und begriff: Sind dort oben womöglich sämtliche Wesenheiten damit beschäftigt, den menschlichen Eingriff in die seit Jahrtausenden bestehenden Naturformen auszubalancieren?
„Aber es ist doch nur eine Brücke! Die gibt es doch öfters“, sagte ich mir. Ich nahm nun die Umgebung mit allen Sinnen wahr: Da war dieses Rauschen in der Schlucht unter der Schnellstraße. Es klang, als sei einmal viel Wasser von den Hügeln hinab in den See geflossen. Vielleicht befand sich die Strömung jetzt unter der Erde, doch ich konnte sie deutlich spüren.
Die Schnellstraße dort oben hatte etwas Trennendes, sie war ein klarer Schnitt durch die Landschaft. Ich hatte die Brücke schon vor Jahren gesehen und den Anblick immer als ungemütlich empfunden. Mit geschlossenen Augen an den Betonpfeiler gelehnt, begann ich spontan, die einzelnen Autos gedanklich zu begleiten. Mental zog ich eine Lichtspur über die Brücke, um vor Unfällen und Abstürzen zu schützen. Trotz der Dramatik musste ich lächeln.
Auf dem Rückweg begleiteten mich viele Gedanken: Ich überlegte, welche Erfahrungen ich aus dieser Situation mitnähme. Vorrangig schien mir die Aufgabe, ein Bewusstsein für das menschliche Tun, für die Eingriffe in die Natur, zu entwickeln und dabei zu lernen, die Natur als eigenständiges Wesen zu begreifen. Gleichzeitig, so spürte ich, waren wir eingebunden in ein System, waren Teil des großen Ganzen. Ich wusste: Die Zeit war reif für ein neues Miteinander zwischen Mensch und Natur.
Eine Brücke ist von ausgeprägter Symbolik. Sie verbindet, was in der Natur getrennt ist – zwei verschiedene Reiche. Sie führt über einen Abgrund, erhebt den Menschen in die Höhe, weg vom sicheren Erdboden. Eine Brücke kann auch Gebiete verbinden, die nicht zusammengehören, und steht dann unter Spannung – und mit ihr der Mensch. Auf alten Bildern gibt es Darstellungen, wie Kinder von Schutzengeln über Brücken geleitet werden. Auch die Brückenheiligen fallen mir dazu ein, die oft noch an alten Steinbrücken zu sehen sind. Ich sehe dies alles als Hinweise auf Empfindungen aus einer Zeit, als Menschen sich noch als Teil einer größeren Ordnung sahen. Es geht um eine Würdigung von Wesen, die wir nicht sehen, die uns aber führen, über Untiefen tragen und geachtet werden wollen.
Am nächsten Tag spazierte ich durch Überlingen, blieb an einem Bücherstand stehen und kam mit dem Buchhändler ins Gespräch. Er lebt schon länger am Ort, und wir unterhielten uns über verschiedene bauliche Tätigkeiten, die so einen Ferienort prägen und verändern.
Ich erzählte ihm von meinem Spaziergang: „Gestern bin ich unter die Brücke gewandert, es wirkte dort bedrohlich“. Er hörte sehr aufmerksam zu, als ich vorsichtig meine Eindrücke formulierte. Zu meiner Überraschung bekam ich immer wieder ein bestätigendes Nicken von ihm und fuhr ermutigt fort: „Ich hatte den Eindruck, dass es nicht so selbstverständlich ist, sicher eine Brücke zu überqueren. Da hing eine unverkennbare Unruhe über der Landschaft.“ Der Mann schaute mich überrascht und fast ein wenig erschrocken an. Als hätte ich laut ausgesprochen, was ihm selbst schon durch den Kopf gegangen war. Er schaute umher, ob uns auch niemand zuhörte, und fragte leise: „Wissen Sie, wie viele Menschen jedes Jahr von dieser Brücke springen?“ Ich schaute ihn ungläubig an. Daran hatte ich nicht gedacht. Beide blickten wir betroffen zu dem Band hinauf, das hoch oben den Himmel über Überlingen durchtrennte – und darunter einen schier bodenlosen Abgrund erzeugte.