Untrennbare Gemeinschaft

von Monika Smollich erschienen in Hagia Chora 3435/2010

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Damals, 1969, trat ich meine Ausbildung als Kauffrau in einer Firma an, die in einem schönen, alten Bauernhaus untergebracht war. Obwohl das Innere des Gebäudes modernen Bedürfnissen entsprechend ausgebaut war, war äußerlich alles unverändert geblieben. Unmittelbar vor dem Eingang standen zwei uralte Linden, die wohl schon kurz nach der Fertigstellung des Hauses gepflanzt worden waren. Jeden Morgen, bevor ich das Haus betrat, begrüßte ich sie, legte kurz die Hand auf einen der Stämme.

 

Ein Stück abseits an der Straße gab es noch eine kleinere Linde, die das Trio vervollständigte.
Drei Jahre später geschah das Ungeheuerliche: Es wurde beschlossen, zur Erweiterung der Firma einen würfelförmigen Neubau an das alte Haus anzubauen, und zwar an der Frontseite. Obwohl auch die Rückseite des Gebäudes Platz bot, stand diese Alternative nicht zur Debatte. Schließlich sollte der moderne Neubau die Blicke auf sich ziehen. Das Bauvorhaben setzte den Tod der beiden Linden voraus, der ohne weiteres in Kauf genommen wurde. Noch heute erinnere ich mich an das Kreischen der Säge.
Es war kurze Zeit nach der Einweihung der neuen Büros, als ich allein Samstagsdienst in der Firma verrichtete. Die Stille war schon bei meiner Ankunft unheimlich. Mich beschlich das Gefühl, nicht allein zu sein. Ich saß im Neubau an meiner Schreibmaschine, als plötzlich das gesamte Gebäude zu vibrieren begann. Zuerst ganz sanft, wurden die Bewegungen schließlich so stark, dass die ausgestellten Glasgegenstände in den Regalen zu klirren begannen. Ich war mir sicher, dass es sich nicht um ein Erdbeben handelte. Intuitiv flüchtete ich in Richtung Altbau, da ich das Gefühl hatte, dort in Sicherheit zu sein. Angstschweiß brach mir aus, als ich mich der Schwelle näherte, die Alt- und Neubau verband. Hier war das Vibrieren am stärksten. Es war der Platz, an dem die Linden gestanden hatten. Auf der Schwelle hatte ich das Gefühl, eine Schlinge um den Hals zu spüren, keine Luft mehr zu bekommen.
Endlich im Altbau, fiel die Last zentnerschwer von mir ab, der Spuk endete abrupt. „Von der Hölle ins Paradies“, war mein Gedanke. Es war, als nehme das alte Haus mich liebevoll in Empfang. Ich starrte aus sicherer Entfernung auf die Schwelle. „Hier ist ein Mord geschehen“, schoss es mir durch den Kopf. Mein Verstand hielt das jedoch für völlig absurd, ich verwarf den Gedanken sofort.
Es gab damals kein Gespräch über das Ereignis, obwohl auch die Kollegen hinter vorgehaltener Hand über das wiederholte Klirren tuschelten. Ich zwang mich, darüber hinwegzugehen und meine Arbeit zu verrichten – an jenem Morgen und auch in der Zukunft. War Betrieb im Haus, fiel es kaum auf. Mit der Zeit ließ das Beben nach. Obwohl ich Bäume immer liebte, war ich noch nicht in der Lage, den Hintergrund zu erkennen.
Das änderte sich, als ich vor zehn Jahren in Kontakt zu einem anderen Lindentrio trat, das hinter dem Mehrfamilienhaus steht, in dem ich wohne. Hier verhielt es sich genau umgekehrt wie in der Vorgeschichte:
Ein Bauernhaus wurde abgerissen, durch einen Wohnblock ersetzt. Zurück blieben die verwaisten alten Hausbäume. Diese wunderbaren Linden halfen mir über eine schwere Zeit hinweg, suchten Kontakt mit mir während vieler schlafloser Nächte. Ihre Anwesenheit schenkte mir Ruhe, das Gefühl, geborgen zu sein. Endlich verstand ich die Rolle der alten Hausbäume. Wir knüpften an eine Tradition an, die lange unterbrochen war. Irgendwann fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich verstand, was damals passiert war. Nicht irgendwelche Bäume wurden gefällt, sondern eben Hausbäume, die viele Jahre über die Bewohner gewacht hatten und eng mit ihnen verbunden waren. Welch ungeheuerliche Missachtung dieser Bäume. Ihre gewaltige Kraft war in den Stümpfen gefangen, die im Boden geblieben waren. Sie ließen dem Haus keine Ruhe. Sicher „klagte“ auch das Haus selbst, dem man durch den Vorbau Lebensadern durchtrennt hatte, die in vielen Jahren gewachsen waren.
Der Firma war keine lange Existenz mehr vergönnt. Irgendwann wurde das Haus abgerissen, da es keiner übernehmen wollte. An seiner Stelle wurden Siedlungshäuser gebaut. Allein die dritte Linde an der Straße überlebte. Heute hat man sie in den Mittelpunkt gerückt. Ihr zu Ehren wurde die Straße „Zur alten Linde“ genannt. Sie, damals die Kleine, macht inzwischen den Eindruck einer mildtätigen Herrscherin. Sicher hat sie Kontakt zu ihrer Umgebung aufgenommen. Gern nehme ich auf der Bank unter ihr Platz. Ich hoffe, das Trauma des Orts hat sich gelöst. Würde die Firma noch bestehen, hätte man den Neubau damals an der Rückseite des Hauses angebaut? Ich halte es für möglich.