Geschenke in der Feengrotte

von Ursula Walser-Biffiger erschienen in Hagia Chora 3435/2010

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Eine Liebesgeschichte mit einem Ort – manchmal beginnt sie mit dessen Namen, den ich auf der Landkarte entdecke. Côtes-aux-Fées heißt ein Dorf im Schweizer Jura und weckte damit meine Entdeckungslust. Wie mag eine Landschaft beschaffen sein, deren Hänge von Feen bevölkert sind? So zumindest deutete ich den Namen. Sagen erzählen von den hiesigen Feen, dass sie unter Felsen wohnen und die Geheimnisse der Bodenschätze, Wurzeln, Kräuter und Quellen kennen. Welche Kraft würde wohl für mich an ihrem besonderen Ort erlebbar werden?

 

Enttäuschung bei der Postautostation im Dorf. Hier verkündet eine Hinweistafel: Es gibt keine Feen in Côte-aux-Fées. Die Bezeichnung komme von La Coste eis Faes, der Ortsbezeichnung aus dem 14. Jahrhundert. Faes sind Schafe. Doch immerhin wird eine Grotte aux Fées angezeigt – also nichts wie hin!
Der Weg führte mich vorbei an Weiden, Tannen und verwunschenen Lichtungen. Ein steiler Abstieg verlangte von mir, mich ganz bewusst auf den Ort einzulassen. Ich jauchzte in die Tiefe, lauschte erwartungsvoll – nichts, was sich mir entgegenstellte. Mein Begleiter war schon hinuntergestürmt. Ich traf ihn nach einer Weile enttäuscht vor dem engen Loch, das ins Innere des Bergs führt. Ohne Taschenlampe war für ihn das Unternehmen kurz vor dem Ziel gescheitert. Ich versuchte, mich von seinem Missmut nicht anstecken zu lassen. Das Erdloch lockte mich sanft und bestimmt. So wagte ich mich hinein, tastete mich vorwärts, konnte bald aufrecht stehen und versuchte, herauszufinden, ob ich den Ortsgegebenheiten gewachsen wäre. Doch ehe ich mich versah, wurde ich von einem gewaltigen Gesang erfasst. Zugleich überwältigten mich Erinnerungen an bedrückende, einengende Situationen. Trotzdem bleibt mir nichts anderes, als die Melodie mitzusummen – Töne, die nach und nach jede Zelle meines Körpers zum Vibrieren brachten. Bald spüre ich Erleichterung, Verwandlung … Nach einer Weile verstummt das Lied. Ruhe umhüllt und durchströmt mich: Hier kann ich neu werden!
Meine Augen hatten sich an das Dämmerlicht gewöhnt. Eine Kette an der Felswand geleitete in den nächsten Raum, noch tiefer in den Bauch der Erde. Ich spürte zwar den Boden, doch in Wirklichkeit flog ich – hinein in ein Reich, wo Gestern und Morgen, Innen und Außen, Lebendigkeit und Tod auf geheimnivolle Weise und doch ganz selbstverständlich zusammenfließen. Gleichzeitig erschien mir die Form der Felswand als Umriss einer Gestalt, die mir zutiefst vertraut ist. Ich war ganz im Schauen, zutiefst verbunden mit dem, was sich mir zeigen wollte.
Nach einer Weile nahm ich mich wieder als Menschenfrau wahr, als eine, die von ihrem Begleiter gerufen – und aufgefangen wurde, als sie im hellen Sonnenlicht beinahe den Abhang hinunterstürzte. Hundert Jahre brauchen Feen, um Menschen zu unterweisen. So berichten es die Sagen. Ich hatte die Feengrotte mit einem neuen Vertrauen verlassen, meine täglichen Aufgaben fortan mit mehr Leichtigkeit zu meistern. Doch zugleich spürte ich tiefe Sehnsucht, immer wieder an solche Orte zurückzukehren.