Außerhalb von Zeit und Raum

von Gabriele Dreisbusch erschienen in Hagia Chora 3435/2010

 Diesen Artikel als Adobe Acrobat PDF herunterladen (606 KB)

Vor vielen Jahren – Geomantie war noch kein Begriff für mich – machte ich einen Spaziergang auf den Schwäbisch Gmünder „Hausberg“, den St. Salvator, und war sofort berührt von der eigentümlichen Atmosphäre dieses uralten Wallfahrtsorts mit seinen Kreuzwegstationen, der Quelle und der Felsenkirche. Von dieser berichtet eine Sage, dass ein unterirdischer Gang zur Grablege der Staufer im Kloster Lorch führe.

 

Eines heißen Tags im Sommer kam meine Freundin zu Besuch und wollte meinen Wohnort kennenlernen. Was lag näher, als ihr neben einem Stadtrundgang auch den Salvator zu zeigen.
Wir machten uns also an den steilen Aufstieg und passierten die schaurig-schönen barocken Kapellenstationen des Kreuzwegs. Etwa auf der Hälfte des Wegs verdunkelte sich plötzlich der Himmel, kein Lufthauch regte sich mehr, und selbst die Vögel waren verstummt. Ganz offensichtlich war ein heftiges Gewitter im Anzug. Wir überlegten kurz, umzukehren, oder uns der Gefahr des drohenden Unwetters auszusetzen. Da wir nicht unverrichteter Dinge heimkehren wollten, setzten wir unseren Weg fort.
Schließlich gelangten wir zu der in den Stein gehauenen, doppelstöckigen Felsenkirche. Nach Besichtigung der unteren Höhlenkirche stiegen wir in den oberen Teil und machten es uns auf einer der Bänke bequem. Zunächst waren wir allein, doch dann erschien wie aus dem Nichts eine schwarzgekleidete Nonne und nahm ebenfalls Platz. Mit Gewalt setzte nun das Wetterinferno ein: Blitze erhellten den kleinen Raum, der Donner krachte, der Wind tobte, Regen prasselte an die Butzenscheiben. Wir hatten das Gefühl, die Welt würde untergehen. Aber was blieb uns übrig, als das Ende des Gewitters abzuwarten – und die Zeit für eine Meditation zu nutzen.
Da geschah etwas Seltsames: Ich verlor jegliches Gefühl für Zeit und Raum, ein „Zeitloch“ tat sich auf. Mein Körper, mein Ich lösten sich auf. Jeder bewusste Gedanke war verschwunden. Wie lange dieser Zustand andauerte, vermag ich nicht zu sagen.
Irgendwann, als die Zeit wieder zu fließen begann, kam zur gleichen Zeit Leben in uns drei Frauen. Wir reckten unsere steifen Glieder und lösten uns aus der Erstarrung. Mein erster Gedanke galt dem Wetter, aber draußen war nur das Gezwitscher der Vögel zu hören. Noch ganz benommen von diesem Erlebnis traten wir hinaus in den Sonnenschein. Die Nonne war übrigens so plötzlich verschwunden, wie sie gekommen war.
Wahrscheinlich hätte ich dem Ganzen nicht allzu viel Bedeutung beigemessen, wenn es vor der Kirche nicht absolut trocken gewesen wäre. Weder auf der Erde noch im Gras oder den Blättern der Lindenbäume war eine Spur des heftigen Unwetters zu erkennen. Mir gingen alte Sagen durch den Kopf, die erzählen, wie Menschen nach vermeintlich kurzer Zeit wieder aus Berghöhlen auftauchten. Tatsächlich waren aber hundert Jahre vergangen, und kein anderer kannte sie mehr. Wir waren sehr froh, dass dies bei unserer Rückkehr nicht der Fall war.
Ich war in der Zwischenzeit noch oft an diesem wundervollen Ort. Doch nie wieder ist etwas Ähnliches geschehen.