Wie ich das Drachennest fand

von Peter Dinter erschienen in Hagia Chora 3435/2010

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In der Übersetzung des antiken chinesischen Texts zum Yin-Feng-Shui, dem Zhang Shu („Buch der Gräber“), traf ich auf folgende Textstelle über das „Drachennest“:

 

„Dort, wo die Bergkonturen enden und die Berggestalten in die Höhe steigen und davor ein Fluss fließt mit einem Hügel dahinter, verbirgt sich der Kopf des Drachen. Während seine Schnauze und die Stirn günstig sind, bringen die Hörner und Augen Verhängnis. Seine Ohren erhalten die Fürsten und Könige, aber seine Lippen können den Tod bringen oder Verletzungen wie von Waffen verursachen. Gelände, das sich windet und zu einem Zentrum formt, nennt man den Bauch des Drachen. Wenn sich der Nabel des Drachen tief hinunterschlängelt, werden die Nachkommen glücklich sein.“
Das Drachennest ist ein starker Yang–Kraftplatz. Ich wollte einen solchen Platz für meine Wintersonnwendzeremonie in den Voralpen suchen. Wenn die Yin–Kräfte ihren jährlichen Zenit überschreiten, ist starkes Yang für den Zeremonieplatz förderlich.
Nach ausführlichem Kartenstudium ging ich mit dem Mountainbike in den Bergen auf die Suche. Ich hatte den Platz auf der Karte gemutet und suchte ihn auf einem Berg­rücken, der im Süden vom schroffen Karwendelgebirge überragt wird.
Auf dem Fahrrad rollte ich gemächlich einen alten Saumweg entlang. Ein verfallener Knüppeldamm querte ein Hochmoor, das sich neben einer Kahlschlagfläche im sonst dichten Bergwald erstreckte. Hier musste der gemutete Platz zu finden sein. Langsam rollte ich auf eine abschüssige Strecke des Saumwegs zu. Sollte ich absteigen und den Kahlschlag kreuz und quer abschreiten? Vom Sattel aus glaubte ich, den Platz nicht finden zu können. Dieser Kahlschlag entsprach nicht meinen Erwartungen. Er war eine unwirtliche Öde aus Baumstümpfen und Primärwuchs – kein Kraftplatz.
„Wenn sich der Nabel des Drachen tief hinunter schlängelt, werden die Nachkommen glücklich sein“.
Dieser Nabel des Drachen schlängelte sich jetzt neben mir als Abfluss der Hochfläche bergab. Instinktiv griffen meine Hände zu den Bremsen. Aber so heftig und so schnell, dass ich fast vom Fahrrad fiel. Geistesabwesend stieg ich ab, ließ das Rad an mir entlang zu Boden sinken.
Etwas Unsichtbares, Unerkanntes ergriff mich. Es schien sowohl in der Luft zu liegen, als auch vom Boden auf mich einzuwirken. Ein warmer Lufthauch wehte mir ins Gesicht. Mit geschlossenen Augen spürte ich die vier mächtigen Buchen rechts neben mir. Sie wuchsen im Viereck und begrenzten die Kahlschlagfläche an der Hangkante. Ich lehnte mich an den dicksten Baum.
Dieses Drachennest war allumfassend spürbar. Es schien nicht mein Körper zu sein, der es spürte. Ich erfuhr eine Öffnung meines Selbsts für etwas wie „verdichtete Luft“, die sich auf dieser neuen Erfahrungsebene anfühlte, als habe sie schon lange auf mein Erscheinen hier gewartet. Der Platz vereint Yin und Yang, und er sendet an mich das Versprechen, mich nicht zu verraten. Er schenkt mir Einheit. Ich würdige diesen Punkt auf Mutter Erde als Drachennest. Ich, ihr Nachkomme, bin glücklich.