Unentdeckte Kultstelle?

von Irmgard Schneider-Hahn erschienen in Hagia Chora 3435/2010

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Die Insel La Palma gehört zu den Kanarischen Inseln. Man nennt sie auch die „Grüne Insel“, die „Insel des ewigen Frühlings“ oder einfach nur Isla bonita. Diese Insel hat mich sofort in ihren Bann gezogen, und nun fahre ich jedes Jahr ein paar Wochen dorthin. Besonders der wilde Norden, den die Einheimischen Fin del mundo (Ende der Welt) nennen, hat es mir angetan. Der Ort, den ich hier beschreiben will, hat für mich eine mag­netische Anziehungskraft.

 

Von Garafia aus kommend, wanderten meine Freundin und ich ahnungslos hinunter zum Fischereihafen. Ein unaufälliges Schild zeigte zweierlei an: Puerto (Hafen) und Cementario (Friedhof). Ein kleines Serpentinensträßchen führte rund 300 Höhenmeter nach unten. Jemand machte uns freundlicherweise darauf aufmerksam, dass wir kurz nach dem Friedhof auf einen kleinen Pfad achten sollten, der den Weg angenehm abkürze.
Wir fanden den angedeuteten Pfad, hinter dem sich jedoch mehr verbarg als nur eine Abkürzung. Plötzlich standen wir vor einer Gruppe rötlich schimmernder, behauener Steine. Die Ritzungen zeigten spiralförmige Muster. Der größte Stein hatte etwa einen Meter Durchmesser und ein rundes Loch. Er schien so behauen worden zu sein, dass er eine möglichst runde Form erhalten hatte.
Bevor die Spanier die Insel eroberten, lebten hier seit Jahrtausenden die Guanchen. Es heißt, dass die ersten Ureinwohner der Kanaren etwa 3000 Jahre vor unserer Zeitrechnung von Nordafrika und Südwesteuropa eingewandert waren. Zu Anfang des 15. Jahrhunderts, kurz vor der spanischen Eroberung, sollen bis zu 70 000 Guanchen auf den Inseln gelebt haben. Wir wussten, dass ihre mit Spiralen behauenen Steine immer noch auf der Insel zu finden waren. Aber so versteckt in der Landschaft und ohne einen Hinweis darauf – das war schon seltsam.
Später wälzten wir schlaue Bücher, um etwas über die Bedeutung der Spiralen in Erfahrung zu bringen. Wir fanden drei Theo­rien: Es hieß, die Spiralsteine markierten Wasserstellen, Versammlungsorte oder religiöse Kultstellen. Meiner Überzeugung nach kommt eigentlich nur die Kultstelle als sinnvolle Deutung in Frage. Ich erlebte den Platz als unglaublich „stark“. Die vier Elemente Wasser, Erde, Luft und Feuer (Sonne) sind hier in ihrer ganzen Fülle erlebbar. Ein Vibrieren strömt durch den ganzen Körper. Ganz von selbst entstand in mir der Impuls, hier zu opfern und zu beten.
Tage später trafen wir zufällig einen deutschen Wanderführer, der unter anderen alte Kultstätten auf seinen Touren besucht. Von unserer Stelle hatte er noch nie etwas gelesen, gehört oder gesehen. Vielleicht ist das auch gut so? So kann dieser heilige Ort seinen Zauber bewahren.
Aber den Leserinnen und Lesern von Hagia Chora will ich den Platz verraten. Fragen Sie in Garafia nach dem Friedhof. Von dort aus muss man nur 200 Meter weiter gehen und dann gut aufpassen: Im rechten Winkel nach rechts, etwa 100 Meter bergab, führt der Pfad direkt an den wunderbaren Spiralsteinen vorbei. Sie können sich dort ausruhen und sich mit den stärkenden Energien des Orts verbinden.