Zeit des Wandels

Ein Gespräch über die Motivation,
sich heute mit Geomantie zu beschäftigen

von Erwin Frohmann erschienen in Hagia Chora 3435/2010

Fünf Studentinnen und Studenten der Ausbildungsgruppe der Geomantie-Schule „Raum und Mensch“ aus Österreich führten mit Ausbildungsleiter Erwin Frohmann ein Gespräch zu Fragen, die das Thema dieser Ausgabe berühren. Der Gedankenaustausch gibt Einblick in die individuellen Beweggründe, sich auf einen intensiven Dialog mit der Erde einzulassen.

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Die Geomantie-Ausbildung „Raum und Mensch“ ist in Graz beheimatet und wird von Renate und Erwin Frohmann geleitet. Das folgende Gespräch gibt einen Austausch zwischen Erwin Frohmann und Mitgliedern einer Ausbildungsgruppe wieder, die zum damaligen Zeitpunkt seit etwa einem Jahr an der Ausbildung teilgenommen hatten.

Erwin Frohmann: Herzlich willkommen zu unserer Gesprächsgruppe. Ich möchte mit euch gerne darüber sprechen, wie ihr heute die Erde in ihrer Wandlung wahrnehmt. Verändert sie sich, verändert sich eure Persönlichkeit, je mehr ihr euch auf die Erde einlasst? Was passiert durch die geomantische Arbeit in euch?
Marlies Stöber: Im Moment spüre ich die stärkste Wandlung in mir selbst. Das spiegelt sich aber auch in den Plätzen, an denen wir geomantisch arbeiten. Ich erlebe deutlich den Zusammenhang zwischen dem, was mit mir und uns allen innerlich passiert, und der Veränderung der Energie an den Orten der Landschaft.
Brigitte Pivoda: Dazu fällt mir unsere Arbeit an dem neuen Hotel im Burgenland ein. Dort hatten wir alle deutlich das Gefühl, dass die Bäume auf unsere Interaktion mit dem Ort antworten, auch auf die Aufstellungsarbeit, die wir dort durchgeführt haben.
Erwin Frohmann: Meinst du, dass heute die Reaktionen der Pflanzen oder auch andere Äußerungen unserer Mitwelt auf das, was der Mensch tut, stärker sind als früher?
Brigitte Pivoda: Ja, das glaube ich schon. Vermutlich hängt es auch mit der gesteigerten Wahrnehmung der Menschen zusammen, nicht nur in einer herausgehobenen Situation wie in einem Geomantie-Seminar, sondern auch im Alltag. Im letzten Jahr hatte ich mir beispielsweise als Aufgabe gegeben, die Auseinandersetzung mit der Erde, mit ihrer Wesenhaftigkeit, ihrer Lebendigkeit in mein alltägliches Leben zu integrieren. Das fängt bei der Ernährung an und reicht bis dahin, wie ich mich durch die Landschaft bewege.
Esther Eder: Ich habe schon früher immer Rat in der Natur gesucht und auch gefunden. Inzwischen lerne ich durch die Geomantie-Ausbildung weitere Vokabeln und Techniken, um noch besser kommunizieren zu können. Aber grundsätzlich meine ich, dass die Erde derart deutlich spricht, dass jeder sie verstehen kann. Dafür muss man sich nicht unbedingt auf das subtile Gespräch mit der Erde, wie wir es in der Geomantie suchen, einlassen. Die Stürme, die Hochwasser, diese ganzen Katastrophen, diese Urgewalten sind für mich überdeutliche Antworten der Erde auf das unsensible Handeln der menschlichen Zivilisation. Sie sind ein Zeichen, dass die Erde sprechen und gehört werden will. Wenn ich mir dir spreche, und du hörst mir nicht zu, kann es durchaus passieren, dass ich irgendwann laut werde.
Oliver Heigl: Ich sehe die Naturkatastrophen nicht unbedingt als Sprache, mit der die Erde zu den Menschen sprechen will. Die Erde ist ein Lebewesen und wandelt sich, und jetzt ist offenbar eine Zeit, in der sie ihre Urkräfte an die Oberfläche bringt. Die Naturkatastrophen lassen Themen zum Vorschein kommen, die jetzt bearbeitet werden können.
Esther Eder: Oder der Mensch hat die Erde so beeinflusst, dass sie sich derart äußert, und es sind seine Themen, die jetzt bearbeitet werden müssen.
Marlies Stöber: Ich glaube, die Erde geht durch ihren Prozess – auch unabhängig vom Menschen –, aber wir kommen darin als Faktor der Beschleunigung vor. Wir Menschen sind in unserer Körperlichkeit ja unmittelbar mit der Erde verflochten. Ich sehe es als Chance, wenn ich mich selbst dort einbringe, mich nicht getrennt von der Erde wahrnehme, sondern spüre, wohin sich die Erde bewegt, so dass ich mitwachsen kann.
Bernd Martinschitz: Je länger ich mich mit Geomantie beschäftigte, desto seltener erlebe ich, dass sich Menschen als Erdheiler bezeichnen. Sie beschreiben es eher so, wie Marlies es ausdrückt: Die Erde lädt uns ein, mir ihr den eigenen Weg zu gehen.
Erwin Frohmann: Ich denke, dass uns die Erde durchaus einen Spiegel vorhält, indem wir all diese Naturkatastrophen erleben. Aber nicht im Sinn einer Bestrafung, sondern eher im Sinn eines Evolutionsprozesses, den die Erde für sich gestaltet. Ihr sprecht alle von Veränderungen, sowohl im Innen wie im Außen. Was ändert sich für euch konkret?

Sich wandeln und annehmen, was ist
Bernd Martinschitz: Ich wohne in einem grenznahen Gebiet und merke, dass die Grenzen immer mehr verschwimmen. Wir sind eingeladen, uns an diesem Prozess zu beteiligen und die negativen Grenzen, zum Beispiel alte Kriegsfronten, aufzulösen.
Eine sehr offene und herzliche Ebene scheint überall im Land an die Oberfläche zu drängen und lädt uns ein, mit in diese Qualität zu gehen.
Marlies Stöber: Ich nehme aber auch wahr, wie Spannungen zunehmen, Spannung zwischen allen Polaritäten des Lebens. Wir Menschen spüren das besonders, wenn wir uns gegen einen Prozess wehren, dann erhöhen sich die inneren Spannungen.
Oliver Heigl: Das hat viel mit Angst zu tun. Der geomantische Weg ist für mich ein Weg in ein unbekanntes Land. Jede geomantische Wahrnehmung bedeutet, sich für etwas Unbekanntes zu öffnen. Ich spüre, wie ich dabei immer mehr auf mich selbst zurückgeworfen werde und die Ursachen nicht mehr im Außen, sondern in mir selbst entdecke.
Erwin Frohmann: Hilft uns also die Erde, die eigenen Schattenaspekte verstärkt zu erkennen und ins Bewusstsein zu rücken?
Oliver Heigl: Sobald ich akzeptiert habe, dass diese Schattenaspekte auch in mir und jedem anderen existieren und ich die Schattenaspekte in mir transformieren kann, ist es gut. Aber wenn ich diesen Prozess von mir wegschiebe, stagniert die Entwicklung.
Bernd Martinschitz: Wenn wir uns der Wandlungsphase der Erde hingeben, erleben wir auch ihre Ordnungsfähigkeit. Je mehr wir an unseren Problemen oder unseren alten Ausrichtungen festhalten wollen, desto mehr Schwierigkeiten wird es auf der Welt geben. Wir sollten uns bewusstmachen, dass wir eine einzigartige Möglichkeit haben, unsere Seelen Hand in Hand mit der Erde zu heilen.
Esther Eder: Letztlich ist es ein Ja-Sagen. Ja zu sagen überwindet die Polaritäten. Ja-Sagen kommt vom Herzen, es verringert die Angst und hilft, den Weg ins Unbekannte zu gehen …
Oliver Heigl: Mitgehen, den Widerstand aufgeben und auf die Entwicklung vertrauen …
Marlies Stöber: Sich der inneren Führung überantworten …
Erwin Frohmann: Was versteht ihr unter „innerer Führung“?
Oliver Heigl: Eine Art unsichtbarer Faden im Bereich des Herzens. Ich kann spüren, wenn ich mich von dem Faden entferne. Bin ich aber im Einklang mit mir, dann weiß ich: Jetzt bin ich auf dem richtigen Weg.
Esther Eder: Die innere Führung ist ein Seelenweg. Im Sanskrit würde man es „Dharma“ nennen. Es beinhaltet deine persönliche Pflicht oder Berufung im Leben.

Sich an die Erde wenden
Erwin Frohmann: Welche Rolle spielen dabei die Geomantie und die Erde?
Bernd Martinschitz: Die Erde hilft uns, die Ereignisse so anzunehmen, wie sie uns zugetragen werden.
Oliver Heigl: Ein wichtiger Schritt ist, sich überhaupt an die Erde zu wenden. Mir ist das wieder deutlich geworden, als wir am Anfang dieses Seminars die Erde um einen Hinweis gebeten haben, wie wir die Entwicklungen in diesen Tagen unterstützen können. Da ist bei mir das Thema „Grenzen“ aufgekommen. Seitdem bin ich mit manchen Situationen anders umgegangen. Ich sehe den Hinweis als Hilfestellung, der aus dem Zusammenwirken zwischen der Erde und mir entstanden ist.
Erwin Frohmann: Es ist auch eine Unterstützung für die Erde, wenn wir ihr Wertschätzung entgegenbringen.
Marlies Stöber: Ja. Wir beschäftigen uns deswegen auch mit Formen und mit Situa­tionen, die sich konkret in unserem Leben abbilden, um die „Felder“ zu erkennen, aus denen sich diese Situationen entwickeln. Zentral wichtig erscheinen dabei immer die innere Führung und unsere Möglichkeit, schöpferisch zu wirken.
Erwin Frohmann: Was versteht ihr unter Heilung und Erdheilung? Kann der Mensch die Erde heilen?
Esther Eder: Es wird auch nicht ausschließlich der Arzt einen Menschen heilen. Heilung findet im System statt. Genauso wird der Mensch auch nicht die Erde heilen, sondern die Erde als System wird sich heilen.
Marlies Stöber: Und auch der Mensch als System wird sich heilen. Jeder für sich. Aber das Zugehen aufeinander und das Zusammenlegen der Kräfte begünstigen die jeweiligen Prozesse. Der Mensch hat ja große Kraft, genauso die Erde. Und so kann das Öffnen der Kanäle zu einer Potenzierung führen.
Erwin Frohmann: Was bedeutet das Aufeinanderzugehen von Erde und Mensch konkret? Wie wollen wir das praktizieren?
Bernd Martinschitz: Ich denke, dass wir eingeladen sind, die Erde in ihrer Selbstheilung zu unterstützen.
Marlies Stöber: Und umgekehrt gibt sie uns dann Impulse zu unserer Selbstheilung.
Bernd Martinschitz: Ich sehe hier eine ­Parallele zu den Menschen, die zur Shiatsu-Therapie zu mir kommen. Meist hat ihr Problem auch etwas mit mir zu tun. Ich erkenne mich in ihnen oft wieder und sehe, dass ein gewisses Heil von ihnen ausgeht, das für mich bestimmt ist.
Oliver Heigl: Ich finde eine solche Sicht teilweise sehr anmaßend. Wie soll ich wissen, was jetzt für die Erde, für den Platz oder den Menschen das Beste ist? Man kann ja nur schauen, dass man selbst heil wird, ganz wird. Das strahlt man dann auch aus.
Bernd Martinschitz: Wenn wir uns nicht so schnell wandeln können, kann es die Erde vielleicht auch noch nicht. Erst wenn ein gewisses Gruppenbewusstsein erzeugt ist, das den Weg manifestiert, kann die Erde in diesem Prozess mitgehen. Ich glaube, das Gruppenbewusstsein, das die Erde wirklich in eine andere Dimension bringt, ist noch nicht geschaffen.
Oliver Heigl: Manchmal habe ich das Gefühl, auch aufgrund der Erderwärmung, dass die Erde gerade Fieber hat. Dass alles erhitzt wird, um schließlich geheilt zu werden.

Der Weg zur Geomantie
Erwin Frohmann: Was ist für euch letztlich die Motivation, in dieser intensiven Zeit der Wandlungsprozesse eine Geomantie-Ausbildung zu absolvieren?
Esther Eder: Geomantie liegt einfach auf meinem Weg, der schon immer sehr mit der Natur verknüpft war. Anfangs waren es meine Abenteuer in Wildwasserflüssen und an Felswänden, dann meine Yoga-Ausbildung. Yoga ist ja von der Natur inspiriert. So ist es jetzt nur ein logischer Schritt, weitere Ausdrucksmöglichkeiten und Formen kennenzulernen – die Sprache der Erde zu sprechen, um noch effektiver auf meinem Weg sein zu können.
Oliver Heigl: Für mich ist die Geomantie die Fortsetzung einer Entwicklung, die innerlich begonnen hat. Ich habe mich schon lange mit Chakren und Meditation beschäftigt und schließlich ein Landschaftsarchitekturstudium angefangen. Dort bin ich mit Geomantie in Berührung gekommen und konnte so die Landschaftsarchitektur mit einem spirituellen Weg verbinden. Geomantie ist für mich ein spiritueller Weg. Das heißt, dass ich an etwas glaube, das über mich hinausgeht. Etwas Göttliches, dem ich vertraue.
Erwin Frohmann: Wie hilft dir die geomantische Arbeit in Bezug auf deine spirituelle Erfahrung?
Oliver Heigl: Durch die verschiedenen Begegnungen mit der Erde werde ich zutiefst berührt, und es kommen Saiten zum Klingen, zu denen ich rational keinen Zugang hätte. Die Erkenntnisse, die ich über mich gewinne, entstehen in einer Tiefe, in der ich mein wahres Selbst erkenne. Das unterscheidet sich von der Idee, die ich von mir selber habe. Oft spüre ich in den geomantischen Erfahrungen: Das bin jetzt wirklich ich. Ich kann immer mehr Schalen und Hüllen von mir abfallen lassen.
Brigitte Pivoda: Auch für mich ist die geomantische Ausbildung eine Fortsetzung. In meinem Studium habe ich mich lange Jahre mit dem Verstand der Natur zugewendet. Dann erhielt ich über den Tanz und den Sufismus auf einer ganz anderen Ebene Kontakt zur Erde und zum Universum. Ich wollte nun nicht nur vom Kopf, sondern auch vom Herzen her erfahren, dass der Mensch ein Teil der Natur an sich ist, dass alles gleichwertig ist.
Marlies Stöber: Geomantie lag auf meinem Weg, als ich beschlossen habe, meinem Herzen zu folgen. Das war eine grundsätzliche Lebensentscheidung, die ich vor der Ausbildung getroffen habe. Mein Herz geht auf in der Natur, das Gefühl von einer sehr alten Freundschaft breitet sich dann aus – ein Anknüpfen an ein heimatliches Gefühl, an das ich mich erinnere.
Ich habe ein großes Bild von Gemeinsamkeit in Bezug auf Geomantie. Von Menschen, die sich damit beschäftigen, aber auch von den verschiedensten Dimensionen, die abgesehen von uns Menschen existieren: die Elementarwesen, die Engelwelten, die Tierwelt und Pflanzenwelt. Mit diesen komplexen Welten möchte ich mich verbinden. Außerdem finde ich den Prozess der inneren Klärung interessant. In der Geomantie muss ich lernen, leer zu werden, damit sich die Dinge zeigen können.
Bernd Martinschitz: Ich bin aus einer eher unbewussten Lebensführung immer mehr zu energetischen, spirituellen Themen gekommen. Ich konnte zunehmend die Lebendigkeit und Vitalität der Erde spüren und lernte, die Erde als spirituelles Wesen zu sehen. So führte mein Weg zur Geomantie. Je mehr ich mit dem Prozess der Bewusstwerdung mitgehe, umso mehr merke ich, dass ich mich zurückentwickeln kann zu dem, was ich eigentlich schon war. Und dass die Erde auch in diesem Prozess ist, der zurückführt zu einer Qualität, in der Mensch und Erde in Einklang gelebt haben.
Erwin Frohmann: Nach einer Phase der Rationalisierung knüpfen wir an eine Verbundenheit mit der Erde an, die in frühen Epochen unbewusst existiert hat. Jetzt können wir sie bewusst eingehen, so dass ein neues Miteinander entsteht. Indem die Herzensebene mit der intellektuellen Ebene verschmilzt, wird eine neue Qualität geboren. Das Verbinden mit der Erde ist kein Zurückgehen, sondern eine spiralförmige Entwicklung, die vergangene Informationen mitnimmt und mit Informationen, die wir hier und heute gesammelt haben, vereint.
Brigitte Pivoda: Das ist so ähnlich wie in der Musik mit der Oktave. Du kommst in jeder neuen Oktave immer wieder auf den Ton C, aber jeweils auf einer anderen Ebene.

Die Zeit des Übergangs
Bernd Martinschitz: Wie sieht wohl die Zeit nach der großen Wandlungsphase aus? Viele sprechen ja von diesem großen Übergang, der auch im Maya-Kalender erwähnt wird. Ich denke, dass die Erde dann von einer Grobstofflichkeit eher in eine Feinstofflichkeit übergeht.
Erwin Frohmann: Ja, aber sie bleibt sicherlich in ihrer physischen Erscheinungsform bestehen. Die Feinstofflichkeit bringt die seelische Ebene, die Lebenskraft, zum Schwingen.
Bernd Martinschitz: Ob es wohl eher ein stetiger Prozess der Wandlung ist, oder ein sprunghafter Übergang?
Brigitte Pivoda: Ich glaube, derzeit beschleunigt sich das Tempo.
Esther Eder: Ja, die Wandlung wird schneller, aber ich habe nicht den Eindruck, dass es Sprünge geben wird.
Marlies Stöber: Vielleicht verläuft es eher wie ein Bach, in dem es Stromschnellen und gelegentlich einen Wasserfall gibt. Die Entwicklung ist voller Überraschungen und Wendungen.
Bernd Martinschitz: Oder wie ein Diskjockey, der eine Schallplatte vom Fische-Zeitalter mit der des Wassermann-Zeitalters zusammenmixt und die Übergänge fließend gestaltet. Langsam läuft das Fische-Zeitalter aus, und schließlich läuft nur noch die Platte mit dem Wassermann-Zeitalter weiter.
Oliver Heigl: Was bedeutet eigentlich „das neue Bewusstsein“? Heißt das, dass jeder dann die Verantwortung für seine Emotionen und seine mentalen Strukturen übernimmt?
Bernd Martinschitz: Ich glaube, das neue Bewusstsein ist ein Gruppenbewusstsein. Es wird das derzeitige egozentrierte Bewusstsein ablösen.
Erwin Frohmann: Aber verlieren wir dann nicht das Ich?
Bernd Martinschitz: Das Ich bleibt, es wird aber durch den Respekt vor der Erde und den anderen Menschen ergänzt.
Esther Eder: Meine persönliche Eigenverantwortung wird dann größer. Eine Gruppe kann nur stark werden, wenn ihre Individuen stark sind. Es geht nicht um das Ego, sondern um das Individuum.
Oliver Heigl: Wir beobachten heute aber auch einen verstärkten Egoismus. In keiner Zeit zuvor konnten sich Menschen so verwirklichen wie heute.
Esther Eder: Ich unterscheide zwischen einer Bewusstheit, bezogen auf meine Individualität, in der ich meine Geschichte und Aufgabe erkenne, und dem Egoismus, den man am Wünschen und Wollen erkennt. Das Streben nach materiellen Gütern stärkt mein Ego. Aber wenn ich meinem Wesen etwas Gutes tue, stärke ich meine Individualität.

Geist und Materie
Bernd Martinschitz: Es ist ja Teil der Wandlung, dass der bewusster werdende Mensch immer mehr die Abhängigkeit von der Materie verliert und in sich geistige und spirituelle Werte findet.
Erwin Frohmann: Ich halte es für ein altes Muster, zu sagen, alles Geistige ist gut und die Materie ist schlecht. Der Umgang mit der Materie ist auch ein wesentlicher Aspekt des Lebens. Es kommt auf die Definition an: Materie sollte eine gewisse Selbstverständlichkeit des Lebens sein.
Letzlich geht es um eine Form der inneren Zufriedenheit, die sich in der Individualität äußert. Dann kann man auch im Kollektiv harmonisch miteinander leben. Es kann nicht sein, dass die Abhängigkeit von anderen Menschen die eigene Persönlichkeit definiert. Die eigene Persönlichkeit sollte von innen heraus reifen. Dann kann eine positive Partnerschaft mit der Erde und mit Menschen entstehen.
Brigitte Pivoda: Ich finde es hilfreich, bei persönlichen oder gesellschaftspolitischen Problemen daran zu denken, wie die Natur bestimmte Dinge auf ihre Weise löst.
Oliver Heigl: Wenn ich in Schwierigkeiten komme, kann ich versuchen, sie rational zu lösen, oder ich kann in die Natur gehen, mich inspirieren lassen und mich dem Ganzen intuitiv nähern. Das ist eine ungeheuere Erweiterung der Möglichkeiten.
Erwin Frohmann: Ja, das ist praktisch angewandte Geomantie. Ganz herzlichen Dank an euch alle für dieses Gespräch!