Ich sehe was, was du nicht siehst …

Achtsamkeit im Alltag

von Ingeborg M. Lüdeling erschienen in Hagia Chora 3435/2010

Ingeborg Lüdeling lädt zu einem Waldspaziergang ein, um die Natur, die uns umgibt, ebenso wie die innere Natur des Körpers mit der Achtsamkeit eines Kindes neu zu erleben. Achtsamkeit könnte das magische Werkzeug sein, mit dem sich die Welt verwandeln lässt.

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Ich sehe was, was du nicht siehst“, – wer kennt es nicht, das Spiel aus Kindheitstagen? Es bringt uns dazu, die nähere Umgebung sehr achtsam zu betrachten. Im Alltag tun wir das für gewöhnlich nicht, es sei denn, etwas ganz und gar Ungewöhnliches fesselt unsere Aufmerksamkeit. Auch bei Spaziergängen schreiten wir meist mit schnellen Schritten den Weg entlang, den Blick in die Ferne gerichtet.
Ich erinnere mich: Als unsere Kinder noch sehr klein waren, dauerte ein Spaziergang mindestens doppelt so lange wie ein Gang mit Erwachsenen. Kinder wollen alles genau betrachten, sie haben alle Zeit der Welt für ihre Beobachtungen. Ausgedehnte Spaziergänge mit unseren Söhnen brachten uns manchmal höchstens 200 Meter weit, umso mehr, wenn sie durch den Wald führten. Dort wächst ja so etwas Geheimnisvolles wie Moos. Die Kinder schauten es nicht nur mit den Augen an, sondern es wurde mit den Händen ausgiebigst begriffen und befühlt. Sogar die kleine Nase wurde hineingesteckt und der Geruch intensiv, oft geräuschvoll eingesogen. Mit dem Moos ließen sich fantastische neue Welten gestalten – ein Zwergenbett oder ein Feengarten …
In der Bibel heißt es: „Werdet wie die Kinder, denn ihrer ist das Himmelreich“ (Math. 18,3).

Aufmerksamkeit gegenüber der inneren und äußeren Natur
Je aufmerksamer man schaut, desto vielfältiger wird das sein, was man wahrnimmt. Im Kleinsten ist das Größte enthalten und umgekehrt, Mikrokosmos gleich Makrokosmos. Ein ganz alltäglicher Gegenstand, hundertmal mit flüchtigem Blick betrachtet, wird zu einer unglaublichen Erfahrung, wenn man ihn mit Achtsamkeit betrachtet. Ein winziger Ausschnitt eines Blumenbeets wird zu einer ganz neuen, eigenen Welt. Aus einem Regentropfen wird ein Diamant, der alle Farben des Regenbogens spiegelt, aus Morgentau wird Nektar der Götter.
Eine weitere Dimension der Natur braucht unsere Aufmerksamkeit: unser eigener Körper. Was leistet unsere Wirbelsäule, um uns aufrecht gehen zu lassen? Haben wir heute schon einmal an unsere Füße gedacht, die uns ständig tragen? Unser Gehirn, dieser hocheffektive Computer: Haben wir seine Leistung mit Aufmerksamkeit bedacht? Womöglich wird uns erst ein Kopfschmerz bewusst an den Kopf erinnern. Unser Herz, das unermüdlich im Einsatz ist – wann haben wir es zuletzt wahrgenommen? Oder unsere Körpermitte, die wir bei einem Schreck sofort mit den Armen schützen – spüren wir, dass hier das energetische Zentrum des Körpers liegt? Im Alltag ist die Mitte schnell vergessen, aber wenn wir erregt sind, sei es freudig, ängstlich oder entsetzt, hören wir uns sagen: Ich bin nicht mehr in meiner Mitte. Die Mitte ist das Zentrum der Kraft, die Sonne in uns. Von der Mitte aus wird alles andere geregelt, Mitte bedeutet Sicherheit und Ruhe. Im Mittelpunkt eines Orkans ist auch Stille und Ruhe. In dieser Ruhe wohnt unsere Kraft, reines Bewusstsein.
Nehmen wir sie wahr, diese Mitte in uns? Fühlen wir doch einmal mit neuer Aufmerksamkeit in uns hinein und gönnen uns die Chance, uns noch einmal neu kennenzulernen: Ich sehe was, was du nicht siehst.
Achtsamkeit ist, wie alles andere in dieser Welt, polar. Man kann etwas positiv oder negativ wahrnehmen, je nach innerer Resonanzfähigkeit. Die eigene Aufmerksamkeit und Wahrnehmung gestaltet die persönliche Sichtweise, die wiederum beeinflusst, welche Lebenssituationen uns ereilen, welche Ereignisse wir „anziehen“. Positive Achtsamkeit bringt Bewusstheit, Gesundheit, Fröhlichkeit, Weisheit und Ausgeglichenheit. Wir können ­diese positive Sichtweise erlernen, wenn wir mit kindlicher Neugier in die Welt schauen – mit Achtsamkeit.

Ein Waldspaziergang
Beim nächsten achtsamen Spaziergang im Wald könnte Folgendes geschehen:
Es hat geregnet, aber jetzt fällt die tiefstehende Sonne zwischen die Bäume. Ich bin allein im Wald, nichts kann mich ablenken. Schwer liegt der Duft des Walds in der Luft. Das weckt den Wunsch in mir, einem Baum näherzukommen. Ich fühle seine Rinde wie Haut unter meinen tastenden Händen, sehe kleine Käfer eifrig hin und her flitzen. Einige Regentropfen glitzern in Vertiefungen der Rinde. Es riecht würzig, harzig, und meine Nase stupst an den Stamm. Meine Finger gleiten sanft über das feuchte Moos an seiner Westseite; so weich, so kühl, so frisch. Ein einzelner Sonnenstrahl streckt sein Licht wie einen langen, schlanken Finger durch die Baumkrone. Blinzelnd schaue ich zu, wie kleine Staubkörnchen im Sonnenschein tanzen. Während ich all das sehe und die Vogelstimmen höre, strömt eine wohlige Wärme durch meinen Körper. Ich stelle mich mit dem Rücken an den Baumstamm, spüre, wie er pulsiert, mir frische Energie bringt. Es fühlt sich an, als würde die Energie des Baums wie kleine Kügelchen von seinem Stamm in meinen Körper fließen. In mir ensteht das Bild, dass der Baum und ich voller Kügelchen sind, die erst sanft zu schimmern beginnen wie Perlen und dann von innen heraus leuchten.
Langsam löse ich mich mit einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit von diesem Baum und gehe auf eine Lichtung. Hoch über mir zieht ein Greifvogel seine Kreise. Ich lege mich ins Gras, um ihn besser beobachten zu können. Der Vogel lässt Bilder von Leichtigkeit aufsteigen – frei zu fliegen wohin ich möchte. Welche Farbe, welchen Duft hat die Freiheit? Sanft schließe ich meine Augen zu einem kleinen Spalt und sehe den Himmel nun nicht mehr blau, sondern in türkisfarbener Leuchtkraft. Der Vogel ist jetzt nicht mehr nur der dunkle Schatten am Himmel, er schwebt weiß und majestätisch durch den unendlichen Raum. Kraft sammelt sich in mir in meiner Mitte, und ich schwebe, fliege durch den gleichen Raum wie der Vogel – frei!
Ein Ruck bringt mich zurück zur Erde. Bin ich kurz eingeschlafen? Während ich aufstehe, schaue ich noch einmal in den Himmel. Der Greifvogel ist verschwunden. Stattdessen kündigen dunk­le Wolken den nächsten Regenschauer an. Die ersten Tropfen fallen, als ich aus dem Wald heraustrete. Sie besuchen mein Gesicht, meine Hände. Aufmerksam fühle ich die Schönheit und reinigende Kraft des Wassers. Die Farben der Bäume und Sträucher hat der Regen im Nu verwandelt. Die Natur malt mit Licht, sie ist eine Künstlerin. Der Mensch ist Natur und kann zugleich Bild und Maler sein – durch einen Zauber: Achtsamkeit.