Begegnung mit einem Stein

von Wolfgang Rose erschienen in Hagia Chora 33/2009

Wir bekommen die Aufgabe, in die Natur zu gehen und uns eínen Stein zu suchen, der uns während der Geomantie-Ausbildung begleiten soll.
Eine kurze Einstimmungsmeditation lässt uns den Fokus nach innen lenken, uns zentrieren und miteinander verbinden. Schon hier meldet sich der Stein. Er nennt mir seinen Namen und sagt mir, in welche Richtung ich zu gehen habe. Der Stein heißt „Wronk“. Woher kommt so ein Name? Wie kann mein Bewusstsein mir das ins Ohr flüstern? Ich mache mich also zielstrebig auf in die Richtung, die Wronk mir gewiesen hat. Alles Weitere wird sich ergeben. Hier und da liegen Steine am Wegrand, aber ich habe kein Resonanzgefühl zu ihnen, auch ein Stein auf einer Bank, der sich mir ziemlich klar präsentiert, kann mich nicht irritieren.
Vor mir liegt knapp einen Kilometer entfernt ein Buchenhain. Ich marschiere darauf zu und widerstehe gelegentlichen Versuchungen, andere Steine am Wegrand aufzulesen. Eine große Buche, die in ihrer Laubfärbung schon weiter fortgeschritten ist als die anderen – ein schönes kräftiges Gelb schmückt sie –, ist mein Ziel.
„Dort findest du mich, unter der Buche“, höre ich als klare Botschaft. Jetzt bricht bei mir der reinste Aktionismus aus. Das Zeichen, die Botschaft ist doch so klar, ich kenne mich selbst nicht wieder … Ich nähere mich der Buche, suche mit den Augen den Boden ab, aber da ist kein Stein zu finden. Ein schöner, runder kleiner Stein, so stelle ich ihn mir vor.
Ich ziehe meine Kreise etwas größer. Auf dem Weg ragt ein Stein etwas aus dem Boden, sonst ist nichts zu finden. Ich gehe den Platz mehrmals ab, schiebe hier und da Laub mit dem Fuß beiseite, um nicht doch auch nur ein Steinchen zu übersehen – nichts.
Wieder komme ich an dem Stein, der aus dem Boden herausragt vorbei – und – ja, das ist Wronk. Ja, es ist plötzlich ganz klar, nicht nur, weil kein anderer Stein zu sehen ist.
Wie groß mag er wohl sein, wie bekomme ich ihn aus dem Boden heraus, ohne Werkzeug? Hier gibt es nur morsche Äste, die beim kleinsten Widerstand mit dem harten Stein zerbrechen. Am Rand des Steins bekomme ich etwas Erde gelöst, aber mit den Fingern allein ist hier nichts auzurichten.
Ich werde aufgeregt, hektisch, und mich überfällt ein Aktionsdrang, den ich so schon lange nicht mehr erlebt habe. Da ist nichts mit Achtsamkeit, Wahrnehmen, Einstimmen. Ich funktioniere nach dem Motto „der Stein muss raus“. Kein Kontakt zu mir, kein Kontakt zum Boden, geschweige denn zum Stein. Ich schaue mich um und sehe drei Meter von mir entfernt fingerdicke frische Triebe eines Baums aus dem Boden sprießen.