Eine Vision wird Realität

von Eva-Gesine Wegner erschienen in Hagia Chora 33/2009

Meine griechische Freundin Maria Stampouli kommt aus Thessaloniki nach Deutschland geflogen, um an einem meiner Steinbildhauer-Workshops im Odenwald teilzunehmen. Während wir bis spät in die Nacht beim Wein zusammensitzen, lässt mich Maria an einer Vision teilhaben, die sie vor langen Jahren ebenfalls bei einem Steinwochenende in meiner Werkstatt erlebt hatte:
„Ich sah uns beide, mich und dich, im Bergdorf meiner Großeltern auf dem Berg Paiko ganz im Norden Makedoniens gemeinsam an einer großen Steinskulptur arbeiten. Alles war sehr lebendig, wir beide waren fröhlich und in Licht getaucht. Du musst wissen, das Dorf mit seinen beiden Ortsteilen Megala Livadia und Mikra Livadia wurde im Zweiten Weltkrieg von deutschen Truppen niedergebrannt, und alle Menschen wurden vertrieben. Es blieb nichts übrig. Es war ein Racheakt der Deutschen an die in der Umgebung lebenden Partisanen. Immer und immer wieder hat mir mein Vater davon erzählt.“
Ich bin tief berührt von Marias Erzählung. Obwohl sie mir schon früher von dieser Vision erzählt hatte, ist erst an diesem Abend der Zeitpunkt reif, ihre Worte in ihrer Tiefe zu hören und in ihrer ganzen Tragweite in mich aufzunehmen.
„Es wird mir eine Ehre sein, diese Vision mit dir zusammen zu verwirklichen,“ sage ich ihr.