In der lebendigen Kathedrale

von Heike Decher erschienen in Hagia Chora 33/2009

Es war ein grauer Werktag Anfang Mai 2009, als wir uns im strömenden Regen dem wolkenverhangenen bewaldeten Vorberg vom weserseitigen Tal aus näherten. Mein Mann fuhr den Wagen auf den Waldparkplatz. Eigentlich kein wirklich idealer Tag für eine geomantische Wanderung. Ich hatte einige Zeit vorher unter anderem während einer Meditation aus heiterem Himmel eine Art „Auftrag“ für das Gebiet bekommen. Die Landschaft schien mir nicht nur an diesem Regentag wie in einem weit mehr als hundertjährigen Dornröschenschlaf zu liegen. Meinem inneren Auftrag folgend, sollte ich dort an der Quelle des über die Grenzen der Region hinaus bekannten Bachs ein „erstes“ Ritual vornehmen, ohne zu wissen wie, wo und warum.
Wir gingen zu zweit auf dem zu Beginn noch geteerten, leicht ansteigenden Wanderweg durch ein schluchtartiges, üppig bewachsenes Tal, bis wir schon nach kurzer Entfernung auf eine deutlich sicht- und spürbare Schwelle stießen. In einem von drei mächtigen Buchen gebildeten Dreieck versuchten wir uns unter unseren Schirmen durch eine kurze Stille einzustimmen. Ich hatte das Gefühl, ich musste den oder die Wächter um Einlass bitten. – Ob die Bäume gefragt werden wollten oder andere, nicht sichtbare Präsenzen?