Das Tor zur Anderswelt
Im vierten Artikel über die Menhire in Deutschland vertritt der Fotograf und Megalith-Experte Johannes Groht die These, dass Steine mit bestimmten Formen und Oberflächen besonders dazu geeignet waren, die Kräfte der Ahnen auszudrücken und mit ihnen zu kommunizieren.
Im letzten Licht des Tages folge ich Herrn Freund auf ver schlungenen Waldwegen in den „Freudenhain“. Es ist die Johannisnacht, die ersten Glühwürmchen umschwirren uns, und überall auf den umgebenden Bergen werden Feuer entzündet. Der Flurname hat ihm schon lange zu denken gegeben, und obwohl er hier in dem kleinen bayerischen Dorf aufgewachsen ist, hat er erst vor einigen Jahren die Lichtung mit den bizarr gewachsenen Felsen und einem kleinen Kreis aus liegenden Steinen entdeckt. Herr Freund reißt einen Haselzweig vom Busch, entfernt die Blätter und macht sich im Handumdrehen eine Wünschelrute. Die aufragenden Felsen sind stark verwittert, tiefe Rinnen lassen die Blöcke wie zusammengeschnürte Wollballen erscheinen. An diesen Spalten spürt er starke Ausschläge der Rute, die von Stein zu Stein ganz unterschiedliche heilsame Schwingungen haben sollen.
Diese auch im Volksglauben tradierten Vorstellungen von der fruchtbarmachenden, heilenden Kraft bestimmter Steine gehen wohl auf den Ahnenkult und die Schamanen der Steinzeit zurück. Auch von indianischen Schamanen ist überliefert, dass sie durch Risse in Kontakt zu den im Stein lebenden Geistern, den Manitus, treten konnten. Eigentlich ist diese Vorstellung naheliegend, denkt man an die Analogien, die der menschliche Körper bietet. Öffnungen in der Haut dienen immer der Verbindung zwischen der äußeren und der inneren Welt. Sie sind Tore zum Geist, den Sinnen und Organen des Menschen.
Eine große Zahl von Menhiren weist tiefe Risse, Rinnen, Schälchen und durchgehende Löcher auf, die nicht durch Bearbeitung entstanden, sondern natürlichen Ursprungs sind. Auf rätselhafte Art nehmen diese natürlichen Formen bereits die Schälchen und Wetzrinnen späterer Zeiten vorweg. Vor dem Hintergrund der Vorstellung im Stein lebender Kräfte ist anzunehmen, dass eben diese Öffnungen in der Oberfläche des Steins als Tore zur Anderswelt verstanden worden sind. Ein derart „offener“ Menhir muss besonders durchlässig für eine Kontaktaufnahme mit der Welt der Ahnen gewesen sein.
Einige Monolithen weisen sogar natürliche Muster auf, die verblüffend denen bearbeiteter Menhire ähneln. So finden sich manchmal tiefe, durchgehende Löcher im unteren Bereich der Steine – an genau der Stelle, wo etwa beim „Trittenheimer Esels tratt“, Kreis Bernkastel-Wittlich, Rheinland-Pfalz, ganz bewusst ein Kreis eingearbeitet wurde. Dieser Kreis steht mittig unterhalb zweier meist als Arme angesprochener schräger Linien. Möglicherweise ist er eine abstrakte Darstellung des Nabels oder der Vagina einer weiblichen Figur.
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