Wünschelrute oder Anzeigerpflanzen?

Die Forschungen des mittelalterlichen Radiästhesie-Pioniers Gregorius Agricola im Licht der Naturwissenschaft.

von Hans-Dieter Langer erschienen in Hagia Chora 33/2009

Hans-Dieter Langer, Physiker und Radiästhesie-Experte, ­analysiert die Forschungen des mittelalterlichen Gelehrten Gregorius Agricola. Er findet in dessen Werk naturwissenschaftlich relevante Äußerungen, denen bisher unzureichend Beachtung geschenkt wurde. Agricola ist bekannt für seine Abhandlung über die Prospektion im Bergbau, in der er die Technik des Wünschelrutengehens beschreibt.

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Es überrascht, wie wenig in der Literatur die Aufarbeitung der bergbaulichen Prospektion durch Gregorius Agricola gewürdigt wird. Bereits im Jahr 1557 haben sich in der deutschen Erst­übersetzung durch Philipp Bech Fehler eingeschlichen, wie es Äußerungen der späteren Übersetzer Georg Fraustadt und Hans Prescher nahelegen. Bezogen auf das Thema Wünschelrute wurden – womöglich um es im Zusammenhang mit Agri­cola aus der Welt zu schaffen – fachlich und kulturhistorisch wichtige Teile seiner wissenschaftlichen Hinterlassenschaft regelrecht verfälscht. Auch die von Agricola diskutierte Bedeutung der Anzeigerpflanzen für die Lokalisierung und weitere Charakterisierung der Fundstätten gerieten in Vergessenheit.
Fragt man nach den Ursachen, ist da das Aufkommen der Geowissenschaften, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts die Wünschelruten-Konkurrenz vehement bekämpften. Möglicherweise ist allerdings ein äußerer Umstand ausschlaggebend: Nachdem sich die oberflächennahen Silbervorräte direkt „unter der Dammerde“ erschöpft hatten, tauchte der Bergbau zusehends in größere Tiefen der Erdkrus­te ab. Man kann daher unterstellen, dass physikalische Strahlen bzw. Felder, die die geomorphologischen Informationen in die Biosphäre übertragen (und die wir hier thesenhaft den radiästhetischen bzw. bio­logischen Effekten unterstellen wollen), stärker gestört oben ankommen. Davon betroffen – beispielsweise im Sinn einer Schwächung durch verstärkte Absorption bzw. Streuung auf dem Weg zur Oberfläche – wären somit die sensitiven Reaktio­nen von Mensch (Wünschelruten-Effekt) und Pflanze (Wuchsanomalien).

Agricolas Bild zum Bergbau
In seinem berühmten Bild, hier auf der gegenüberliegenden Seite abgebildet, legte Agricola sichtlich großen Wert auf jedes Detail, um seine ausführliche Textbeschreibung mit der Anschauung des Geschehens vor Ort zu unterstützen. Wenn wir also den Bild­inhalt analysieren, so sollten wir das entsprechend sorgfältig tun.
Agricola stellt die Prospektion sowie die Erschließung und Produktion im Bergbau bis zu seiner Zeit vor einem halben Jahrtausend dar. Man musste damals offensichtlich nicht allzu tief graben. Der Unternehmer und sein Bergmeister (links unten im Bild) freuen sich über das ers­te Silber, das in der Schale (4) bereits heraufgereicht wird. Weil hier der bare Reichtum offen liegt, ist allerdings Gefahr im Verzug, und man ist bewaffnet, ein Degen lehnt am Baum (5). Dazu Agricola: „Wo aber ein Landtschafft von eim Tyrannen mitt herschung getruckt wirt … / Als dan wirt nicht allein des bergkmas gut in grosser gfhar sthen / sond wirt auch in gefhar seines lebes komen. Deshalbe so grebt er auch nicht ein solchs ort.“
Man sieht auf dem Bild mehrere Grabungen, die bereits ausgebeutet sind (blaue Pfeile). Sie sind im Gelände offenbar nicht zufällig verteilt, sondern folgen zumindest imaginären Linien (gepunktete Linien), die offenbar von den Rutengehern (Ziffern 1 bis 3) vorgezeichnet worden sind. Rutengänger 3 ist einer der emsig Beschäftigten, „die erstmale ein hasellne gable abhauwen“, also eine „wünschellrute“ vom Haselbaum abschneiden. Rutengänger 2 bewegt sich mutend flotten Schritts nach rechts auf eine der Silberader-Linien, auf der viele ausgebeutete Stätten liegen, zu. Bei Rutengänger 3 findet soeben der Ruten­ausschlag statt: Hier ist also ein „sylbergang“. Die Linie mit offenbar neuen Vorkommen, die man bei Rutengänger 3 nachvollziehen kann, wird auch durch die entgegengesetzten Grabungsrichtungen der beiden „bergkleute“ bei (6) markiert. Sie wurden vermutlich genau an dem Ort angesetzt, wo sich zwei fündige Linien kreuzen, also nach Agricolas Kapitel „Das dritt buch“ höchste Wahrscheinlichkeit für Silbervorkommen besteht. Im Hintergrund links oben beginnt ein weiterer Bergmann mit einer Grabung auf einer der Linien.
Das Bergbaufeld wurde gerodet, sowohl abgesägte Baumstümpfe als auch Spuren von Brandrodung sind zu erkennen. Agri­cola stellt hier auch die Alternative bei der Prospektion mit der Wünschelrute dar, nämlich die Beobachtung der Bäume, wie sie durch Zwiesel- oder Schrägwuchs vor den Silberadern „flüchten“ (siehe grüne Pfeile).
Ein brauchbares Instrument
Gregorius Agricola hat als erster das Wünschelrutenphänomen wissenschaftlich beschrieben. Im Dialog des Bergschreibers mit Ärzten in seinem „Bermannus“-Werk setzt Agricola damit im Grund bereits vor dem Jahr 1520 an und schafft einen frühen wissenschaftlichen Fundus zum bergbaulichen Arbeitsmittel Wünschelrute. In „De re metallica“ kommt er nach ausführlicher schriftlicher und bildlicher Auseinandersetzung zum Thema der Anwendung der Wünschelrute bei der Prospektion im Bergbau nach Fraustadt und Prescher zu folgender Kernaussage: „Die Wünschelrute kann also bei der Auffindung von Gängen für eine frommen und ernsthaften Mann von Nutzen sein.“ Die Übersetzer kommentieren hierzu in einer Fußnote wie folgt: „Diese Stelle wurde in den Ausgaben 1928 und später anders übersetzt, so dass man den Eindruck bekommt, dass diese Rede die Meinung der Rutengänger sei. Es ist aber aus dem Text ersichtlich, dass Agricola selbst der Meinung ist, dass die Wünschelrute ein teilweise brauchbares Instrument sein kann.“
Nachstehend seien einige Zitate Agri­colas nach Bech aufgeführt und der späteren Interpretation von Fraustadt und Prescher gegenübergestellt, die zum Teil auffallend vom Original abweichen:
„Zu de so wir die gäng suchen / habendt wir fleißig achtung auff die reiffen / von welchen alle kreuter weiß sähe / außgenomen diese die auff den gängen wachsen / dan es ghet vo jne ein hitziger un drockner dust / welcher dieweil sie feucht seindt / dz zusame gfrure verhindt.“ – „Wenn er [der Gang] sehr warmen Dunst ausgeströmt hat, bringt der Boden nur niedriges Gras hervor mit blasser Farbe.“
„Derhalbe an welchem ort vil beum / lang ein ander nach ordelich gesetzt [in Reihe stehend] / zu unrechter zeit verdorren un schwartz werde / oder sunst jhr rechte farb verlieredt / und von ungstüme der winden niderfallen / da selbig ligt ein gang verborgen.“ – „Schließlich muss man die Bäume be­ob­­achten. Deren Blätter sind im Frühling bläulich und blass […] die Stämme gespalten (gezwieselt bzw. mehrstämmig) […] die Äste schwarz oder missfarben […] Wurzeln […] wie angebrannt und ganz und gar schwach.“
„Derhalben an welche ort die feuchte kreuter durch den reiffen nicht zusamen kallen.“ – „Ja, ebenso wächst in langer Reihe eine bestimmte Art Gras und eine bestimmte Art Pilze dort, wo sich der Gang ausdehnt.“
Agricola unterstellt also den „düsten“ einerseits erhebliche thermische Einflüsse auf Pflanzen, die auf der Erdoberfläche unmittelbar darüber wachsen und damit den Ort markieren. Zudem ordnet er diesen Ausdünstungen einen lebensfeindlichen Charakter zu. Ausgerechnet die vitalsten Lebewesen der Erde, die Bäume, sollen deshalb den Erzgang lokalisieren? Georgius Agricola konfrontiert uns vor 450 Jahren mit einem Naturphänomen, das durch sichtbaren Pflanzenwuchs Linien und deren Kreuzungen in der Landschaft bestimmt – und übrigens bis heute keine Erklärung gefunden hat. Aus Agri­colas Ansatz drängt sich die These auf, dass Wünschelrutengänger den „dust“ unbewusst als Information zur Wünschelrutenanzeige nutzen könnten.

Die „sylberadern“
Um einen physikalischen Zugang zum „dust“-Phänomen zu gewinnen, muss man sich mit dem heutigen Wissen über das Vorkommen des Silbers und anderer Erze in der Erdkruste befassen. Klüftige Risse in der Erdkruste sind einst durch sogenannte hydrothermale Prozesse mit den begehrten Materialien aufgefüllt worden. Der Bergmann musste daher diese meist in der Landschaft linear angeordneten, zunächst unsichtbaren Erzvorkommen finden, um sie ausbeuten zu können.
Noch im 16. Jahrhundert fand man das Edelmetall unmittelbar unter der „Dammerde“ in den erzhaltigen Rissen im Fels. Die Forderung des produzierenden Bergmanns an seine Kollegen von der Prospektion war die punktgenaue bzw. linientreue Markierung mit einer Lateraltoleranz von weniger als ± 0,50 m, worauf man nach Agricola ganz klar schließen kann. Die Silberformationen wurden zwar im Erzgebirge auch in tieferen Lagen gefunden, doch beschränkte sich ihr Vorkommen im wesentlichen auf die sogenannte Oxydations­zone (Abbildung 2). Dies ist der hier 0 bis 50 m dicke, stark zerklüftete Oberflächenbereich der felsigen Erdkruste. Weiter unten befinden sich eher wenige, aber tief reichende Risse mit zunehmend senkrechter Ausrichtung.
In Steinbrüchen bzw. an manchen natürlichen Felsgebilden kann man Risse mit häufig paralleler Ausrichtung leicht visuell nachvollziehen (Abbildung 3). Unsichtbare Strukturen bestimmt man heute auch mit physikalischen Messverfahren. Die Geomorphologie kennt insbesondere die orthogonalen und die diagonalen Parallel­risssysteme mit ihren bevorzugten Erzvorkommen im Kreuzungsbereich, worauf Agricola bereits hinwies.
Der vermeintliche „dust“
Agricola war seiner Zeit entsprechend alchemistisch geprägt. Insofern verstand er den „dust“ wohl als gasförmig, während wir heute eher an physikalische Strahlungsfelder denken. Mit dem heutigen Wissen der Chemie und Biochemie kann man die These, es trete Gas aus, weitgehend ausschließen.
Aus physikalischer Sicht müsste es ein an die Risse gebundenes Feldphänomen geben, wenn z. B. die ortsfesten Pflanzen in so dramatischer Weise beeinflusst werden (und der Rutengänger unbewusst reagiert). Insbesondere werden ja allein durch den Schrägwuchs die für die Bewegungsphysiologie der Pflanze einzig wichtigen Tropien, nämlich die Geo- und die Phototropie, sichtlich außer Kraft gesetzt. Welche Tropie herrscht also dann vor?
Schon der Geophysiker Robert Lauterbach beschäftigte sich sehr ausführlich mit dem biologischen Nachweis von geologischen Rissstörungen in der Landschaft im Vergleich mit konventionellen Nachweisverfahren.
Ein Gas ist bei Risslinien allerdings doch im Spiel. Es ist in der Geophysik und im Strahlenschutz eine anerkannte Tatsache, dass aus Erdkrustenrissen Radon in die Biosphäre tritt. Damit verbunden ist zudem die bevorzugte Ablagerung der radio­aktiven Folgeprodukte entlang der Risslinien. Also doch eine Übereinstimmung mit Agricola?
Man kann die biochemische Wirkung des Radons und weiterer vergesellschafteter Gase, die ebenfalls radioaktiv sind, als solche einmal trotzdem ausklammern, indem man nur die aus ihrer Radioaktivität resultierende Kernstrahlung betrachtet. Immerhin führen die am Austrittsort abgelagerten Folgeprodukte zu langreichender Gamma- und Neutronenstrahlung. Allerdings bleiben wegen des statis­tischen Charakters der Emissionsrichtung verschiedene von Agricola beschriebene Wuchsanomalien der Anzeigerpflanzen ungeklärt.

Neutronenstrahlen in der irdischen Hintergrundstrahlung?
Im Folgenden soll gezeigt werden, dass Neutronenstrahlung aus der Erde trotzdem für die Wuchsanomalien verantwortlich zu sein scheint. Allerdings kommen andere physikalische Phänomene ins Spiel. Dazu bedarf es zunächst einiger Erläuterungen zu in der Physik gebräuchlichen Begriffen. Freie Neutronen (Neutronenstrahlung) sowie die α-, β-, γ- und Myo­nen-Strahlungen machen die natürliche Radioaktivität aus. Man verwendet auch den Begriff „natürliche Hintergrundstrahlung“ und unterscheidet nach irdischem und kosmischem Ursprung. Durch geophysikalische Untersuchungen ist seit langem bekannt, dass Neutronen in unseren Lebensraum, also in die Biosphäre, aus der Erde austreten. Man nennt sie Geoneutronen. Kosmischen Ursprungs sind dagegen die sogenannten Sekundärneutronen, weil sie durch Kernprozesse beim Auftreffen der energiereichen kosmischen Strahlung – das sind vor allem Protonen und Myonen – auf die Erdatmosphäre erst frei werden. Wie kernphysikalische Messungen belegen, kommen in der Biosphäre Neutronen beiderlei Ursprungs und vor allem mit niedriger Energie vor.
Geoneutronen gelangen teilweise aus größerer Tiefe an die Oberfläche, denn sonst gäbe es zum Beispiel die messbaren, deutlichen Unterschiede am Gewässerrand nicht: Wenige Neutronen über dem Wasser, viele über dem Land. Dazwischen stellt man einen entsprechenden Übergang der Neutronenzählrate fest. Unter Zählrate versteht der Physiker die Anzahl der Neutronen, die ein Neutronen-Messgerät pro Zeiteinheit registriert. Mathematisch wird ein „Übergang“, eine örtliche Änderung von Messwerten, als Gradient bezeichnet. Am Ufer – in dessen Untergrund ein unterschiedlicher Wassergehalt (Feuchtegradient) zu einem Übergang des Neutronenaufkommens im Raum darüber führt – stellt man also einen Neutronengradienten fest. Warum ist das so? Weil Wasser, genauer die enthaltenen Wasserstoff-Atomkerne, besonders stark Neutronen absorbieren.
Eigene Naturbeobachtungen und Neutronenmessungen bestätigen die Existenz dieser Geoneutronen-Gradienten in Verbindung mit unterschiedlichen Wassertiefen und Verteilungen der Bodenfeuchte am Ufer (siehe Abbildung oben), worauf Bäume offensichtlich in dramatischer Weise mit Schrägwuchs reagieren.
Warum tun sie das? Weil Neutronen sehr schädlich sind (sehr viel lebensfeindlicher als alle anderen irdischen Hintergrundstrahlungen), und der Baum scheint dies zu spüren!
Die Strahlung der Geoneutronen wird jedoch nicht nur durch Wasser bzw. durch Bodenfeuchte beeinflusst, vielmehr konnte ich Indizien auf Flächenstrahlen (zur Erklärung des Begriffs siehe letzter Abschnitt) beobachten und beliebig geformte und geneigte, sogenannte Teilstrahlen der Geoneutronen in der Biosphäre durch technische Messungen nachweisen, auf die Bäume ebenfalls heftig reagieren (siehe umseitige Abbildung der Friedhofslinde von Annaberg).
Meinte also Gregorius Agricola solche faszinierenden Reaktionen ganzer Baum-Reihungen und andere Wuchseffekte einzelner Bäume, wie man sie immer wieder in der Natur beobachtet? Wie sich der charakteristische Schrägwuchs von Bäumen am Gewässerrand, sogenannter Knickwuchs, im unteren Stammbereich als Gradientenwuchs im Neutronenfeld erklären lässt, so kann man die häufig zu beob­achtende beidseitige Flucht von Baumreihen als überlebensnotwendige Reaktion vor Geoneutronen-Flächenstrahlen verstehen. Und es wundert nicht, wenn begleitende Teilstrahlen in diesem Verlauf viele weitere Flucht-, Abwehr- und Untergangsreaktionen bestimmen. Ist somit Neutrono­tropie – also die Reaktion des Baums auf Neutronen – jenes Naturphänomen, das die Anzeigerpflanzen (und womöglich auch den Rutengänger) dazu befähigte, den Ort der „sylberader“ zu verraten? Sind ortsfeste Strukturen des Geoneutronenfelds in der Biosphäre zudem an die reale Struktur der Erdkruste, etwa an Risse, gebunden?

Neutronenstrahlen als Abbild der ­realen Struktur der Erdkruste
Bei dem Versuch, die Entstehung von Neutronenstrahlen zu erklären, ging ich aufgrund der erwiesenen systematischen Beeinflussung des Neutronenfelds an der Erdoberfläche durch Gradienten der Erdfeuchte und Wassertiefe von einem eher homogenen Neutronenfluss in der Tiefe aus. Es lag daher nahe, die reale Struktur der Erdkruste – zum Beispiel Risse im Fels – als natürlichen Strahlbildner ins Spiel zu bringen. In der Physik ist es üblich, sich mit sogenannten Modellen Problem­lösungen zu erarbeiten. Unter Modellen versteht man zunächst möglichst einfache Überlegungen, wie das betrachtete System unter diesen und jenen physikalischen Bedingungen reagieren könnte, um dann durch gezielte Messung zu überprüfen und zu favorisieren. So war die Absorption von Neutronen im Wasser, das ja auch eine ­reale Struktur der Erdkruste ist, eine zutreffende Modellgrundlage für den Gradientenwuchs. An Rissgrenzflächen werden Neutronen reflektiert. So kann man Modelle entwickeln, wonach beispielsweise durch mehrfache Reflexionen in Rissnetzwerken Teil- und Flächenstrahlen entstehen können.
Die physikalischen Grundlagen scheinen somit gegeben, um auch die eigentlichen Annahmen zu den Rissformationen zu überprüfen. Falls sich dieser Zusammenhang bestätigen lässt, wäre der entscheidende Schritt vollzogen, um Agricola zu unterstellen, sogar einen fundamentalen Denkanstoß in der Physik gegeben zu haben.
Wie weit reichte der Genauigkeitsgrad der von Gregorius Agricola niedergeschriebenen Beobachtungen? Fassen wir seine Beobachtungen an Bäumen zunächst zusammen: Sie verdorren, werden schwarz, verlieren an Farbe, zwieseln, haben schwache Wurzeln und neigen zu Windbruch. Zudem ist die wichtige Tatsache zu beachten, dass davon Bäume reihenweise betroffen sein sollen.
Zumindest die letztere Feststellung Agricolas spricht für die Existenz von Geoneutronen-Flächenstrahlen. Die Friedhofslinde von Annaberg (Abbildung nächs­te Seite) „flüchtet“ möglicherweise vor einem solchen Strahlungsfeld, indem ein betroffener Starkast vor der Strahlfläche einen sonst unerklärlichen 90 o-Knick ausführt. Andere Beobachtungen Agricolas – wie das Zwieseln bzw. die Mehrstämmigkeit der Bäume, übrigens auch im Fall der Friedhofslinde – kann man, wie bereits gesagt, andererseits auf Flucht vor Teilstrahlen zurückführen. Anhand von Messungen konnte ich feine Neutronenstrahlen im Zwickelbereich solcher Bäume feststellen.
Die abartigen Farbeffekte, von denen bei Agricola die Rede ist, kann man als neutronotrop-krankhafte Erscheinungen interpretieren. Jedenfalls fallen sie gerade an Bäumen besonders auf, die auch sons­tige neutronotrope Reaktionen aufweisen, indem Äste oder gar die Krone der Bäume abfallen. Für die Schwarzfärbung bietet die bekannte Kernreaktion 14N(n,p)14C einen Erklärungsansatz, an deren Ende der Kohlenstoff steht. Destruktive Wirkungen der Geoneutronen, wie sie im Bereich der Wurzeln und Stammfüße festzustellen sind, führen möglicherweise zu dem von Agricola dokumentierten Windbruch. Insgesamt scheint es so, dass Agricola tatsächlich Phänomene der Neutronotropie beschrieben hat.
Und wie sieht es mit den radiästhetischen Reaktionen aus?
Wir haben uns bezüglich der Geoneutronen-Hintergrundstrahlung bisher auf dem Boden physikalischer und biologischer Tatsachen bewegt. In der neuzeitlichen Radiästhesie verleiten die selbst geprägten Begriffe „Erdstrahlen“ und (zudem krank machende) „Störzonen“ viele Rutengeher und Pendler zu der gleichen Annahme. Das ist aber falsch, denn es gibt dazu trotz hundertjähriger Bemühungen keinen einzigen naturwissenschaftlich akzeptablen Beweis. Auch Ernst Hartmann suchte ein Leben lang nach seiner „ubiquitären Strahlung“, und er fand sie nicht. Er hat dies aber wenigstens erkannt und zugegeben.
Wie oben angedeutet – und weil nun einmal Gregorius Agricola den Wünschelruteneffekt und die Anzeigerpflanzen als gleichrangig eingestuft hat – könnte man nun aber die Hypothese aufstellen, das auch Radiästheten auf Geoneutronen rea­gieren, zumal es ja die Bäume auf jeden Fall tun. Dieses Konzept stellt ein komplexes und vor allem in allen Positionen physikalisch überprüfbares Modell des Wünschelrutenphänomens dar. Es beruht auf der Annahme, dass Radiästheten es möglicherweise lernen können, auf Geoneutronen zu reagieren und „radiästhetische Störzonen“ auf deren Strahlstrukturen bzw. Gradienten zurückzuführen sein könnten. Doch, wie gesagt, das ist eine Arbeitsthese, wofür die physikalisch korrekte Überprüfung noch völlig aussteht.
Im Rahmen des radiästhetischen Modells beeinflusst zum Beispiel die „Wasserader“ den unterirdischen Neutronenfluss insofern, als eine Geoneutronen-Feldänderung in der Biosphäre darüber dem Verlauf der Wasserader folgt. Das würde nun einen für die „Ader“ charakteristischen Geoneutronen-Flächenstrahl in der Landschaft bedeuten, auf den der Radiästhet beim „Durchgang“ reagieren könnte. Dieser Strahl steht demnach wie eine senkrechte Fläche in der Landschaft, die dem Verlauf der „Ader“ folgt, und es gibt weitere (physikalische) Gründe, die zur Ausbildung anderer Flächenstrahlen führen können. +

Literatur:
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Langer, H.-D.: Die Schatzkammern von Chemnitz, RhombosVerlag, Berlin 2002.
Langer, H.-D.: Das geophysikalische Standortproblem der Solitärbäume, Teil 3, Veröffentlichungen des Museums für Naturkunde, Chemnitz, 26, 2003.
Langer, H.-D.: Beobachtungen und Wirkungen von natürlicher terrestrischer Neutronenstrahlung, Vortrag, Forschungszentrum Jülich GmbH, 2003.
Langer, H.-D.: A first consistent physical model of radiestesy? Vortrag, Internationales Seminar „Earth‘s Fields and their Influence on Organisms“, Druskininkai, Lithuania/Litauen, Juni 2008.
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Magnus, A. De mineralibus et rebus metallicis libri quinove, Ausgabe A. I. Bichmannuni & T. Baumium, Coloniae 1669.
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Volodichev, N. N.: Lunar Periodicity of the Neutron Radiation Burst and Seismic u.a. Activity on the Earth, Sonderdruck, Moskau, Nov./2000.
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Eine ungekürzte Fassung dieses Beitrags mit weiteren Abbildungen und Literaturverweisen befindet sich auf der Internetseite des Autors www.drhdl.de.


Dr. Hans-Dieter Langer war als Hochschullehrer für Physik tätig und forscht zur Siedlungsphysik. Vorsitzender des Sächsischen Vereins für Forschung e. V., organisierte die „Wünschelruten-Ausstellung“ und richtete den „Neutronengarten zu Niederwiesa“ ein.