Geopunkturkreise

Ankerpunkte für eine neue Kulturbildung, Teil 7: Der Steinkreis für den ­Landschaftstempel des Atlantiks auf Fuerteventura

von Mona Bienek erschienen in Hagia Chora 33/2009

Unter dem Thema „Die Schichten der Zeit und das ewige Jetzt“ entstand im November 2008 im Zentrum für Kunst und Heilung „Artis Tirma“ auf Fuerteventura, der ältesten der kanarischen Inseln, ein neuer Steinkreis. Seine Erbauer würdigen damit die ewig-schöpferische, Kontinente verbindende Kraft des Atlantischen Ozeans.

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Stolz und majestätisch steht er da, unser jüngster und kleinster der bereits bestehenden sieben Geopunkturkreise. Das Centro „Artis Tirma“ auf Fuerte­ventura, mit dem stattlichen Berg El Caracol im Hintergrund, haben ihm ein würdiges Zuhause gegeben. Obwohl klein, ist er sich seiner transformatorischen Aufgabe und seiner Kraft bewusst, die er an die sechs Schwesterinseln der Kanaren und an den ganzen atlantischen Landschafts­tempel aussendet.
Den Samen eines Geomantieprojekts für den Atlantik hatte Marko Pogaˇcnik bereits 1999 gelegt. Anlässlich der Sonnenfinsternis vom 11. August rief er Geo­mantiegruppen in Europa und Übersee auf, gleichzeitig an einem „telepathischen Ritual“ teilzunehmen. Es sollte den Landschaftstempel Europas in ein größeres Ganzes einbinden, in den atlantischen Landschaftstempel, den Marko Pogaˇcnik in seinem Buch „Die Erde wandelt sich“ als Träger eines starken, synergetischen Potenzials, „das erst noch richtig verstanden und ins Gleichgewicht gebracht werden“ müsse, beschreibt. Bemerkenswert ist, dass die Kanarischen Inseln ziemlich genau in der Mitte des Atlantiks liegen.
Als langjährige Fuerteventurabesucherin hatte ich mich mit der spannenden Geschichte der Kanarischen Inseln befasst. Ich war zudem fasziniert von der Aussage Platons, dass das alte Atlantis in diesem Gebiet gelegen haben soll. Verschiedentlich hatte ich versucht, Marko Pogaˇcnik mit einer Geomantiereise nach Fuerteventura zu locken. Aber wie bei jeder Geburt bedurfte es wohl auch für dieses Projekt noch einiger Vorbereitungen.
Meine Freundin, die spanische Künstlerin Elvira Isasi, konnte im Jahr 2000 in Fuerteventura nahe dem Fischerdorf Tarajalejo ein großes Stück Land kaufen. Es entstand die Vision, dort ein Zentrum für Kunst und Heilung mit einem Skulpturenpark zu errichten. Ich unterstützte sie, wo es mir möglich war. Wir gaben dem Zentrum den Namen „Artis Tirma“, „Berg der Künste“, in Anlehnung an einen Ausruf der Guanchen, der Ureinwohner von Fuer­teventura, mit dem sie einst die Inselgötter um Schutz und Beistand baten. Die Kraft des Namens „Artis Tirma“ offenbarte uns, was hier künftig stattfinden würde: „Transformación, Inspiración, Recreación, Meditación y Arte“. In den letzten Jahren entstand hier eine beeindruckende Anlage. Hinter dem Haupthaus mit großem Innenhof wurde als erster Sakralbau eine Meditationspyramide, ein in den Hügel hineingestaltetes „Erdheiligtum“ errichtet und daneben, als weiterer Rückzugsort, ein Zen-Garten. Angeregt von den Züricher Labyrinthfrauen entschieden wir uns im November 2006, ein großes Spiral-Labyrinth zu gestalten. Eine alte Höhlenzeichnung auf La Palma mit einer linksdrehenden Spirale und unser eindrucksvoller Hausberg, dessen Name El Caracol „die Schnecke“ bedeutet, hatten uns zu seiner Form inspiriert. Mit diesem Kraftplatz, der uns mit vielen anderen Labyrinthplätzen auf dem Erdball verbinden sollte, wollten wir unseren Ort ehren und die weiblichen Kräfte der Kanarischen Inseln wecken.
Kurz darauf las ich in der Zeitschrift Hagia Chora einige Artikel über Geopunkturprojekte. Sofort wusste ich, dass dies eine Chance war, Marko Pogaˇcnik zu bewegen, mit dem Steinkreis auf den Kanaren einen Ankerpunkt dieses weltumspannenden Projekts zu setzen.

Die Schichten der Zeiten
In dieser Zeit vermittelte uns ein lieber Freund den Zugang zu einem der wenigen Vulkansteinbrüche auf der Insel, und wir durften uns einige wunderschöne, eigenwillige Lavasteine als Geschenk für den geplanten Steinkreis aussuchen. Sie sollten unweit des Labyrinths – als Gegenpol zu diesem – einen großen, freien Platz bekommen.
Es war vor allem Peter Frank – neben Sabine Lichtenfels und Marko Pogaˇcnik ein Mitbegründer der Idee der Geopunkturkreise –, der sich von unserem Vorhaben überzeugen ließ. Im April 2008 flog er mit Johannes Voigt, der schon in Prag ein Kosmogramm für die Kanarischen Inseln gestaltet hatte, und der damals in Teneriffa lebenden tschechischen Künstlerin Veronika Kebrlova zu einer Erkundungsreise ein. Während einer Woche tauchte die Gruppe in die Energien und Kraftplätze von Fuer­teventura und Lanzarote ein, machte sich mit den die Lavasteinen vertraut und begeisterte sich für den Standort des Centro Artis Tirma. Die drei Geo­manten sahen in Fuerteventura, der ältesten der Kanarischen Inseln, „ein sichtbares Überbleibsel einer früheren Epoche.“ Sie beschrieben es so: „Auf dieser Urinsel wird Schöpfungsgeschichte geschrieben. Die Vergangenheit des Planeten ist hier spürbar – als gegenwärtiges Bewusstsein aller früheren Entwicklungsstadien.“ „Die Erdgeschichte legt sich“, so Peter Frank, „wie Zwiebelschalen um den Kern unserer Erde. Jede Epoche gründet auf der vorherigen und bildet auf der Oberfläche eine neue Schicht. In Fuer­teventura ragen die Hüllen der Vergangenheit aus dem ‚Meer des Versunkenen‘ als Insel hervor.“ Die hügelige, von den steten Winden und früheren Meereswogen abgeschliffene Landschaft lassen diese Schichten ebenfalls erkennen. So entstand das Thema des Steinkreises: „Die Schichten der Zeiten und das ewige Jetzt.“
Desweiteren war es mir ein Anliegen, nicht nur einen Steinkreis zu bauen, sondern unser Projekt in die Landschaft zu tragen. Deshalb wollte ich die geomantischen Themen den Inselbewohnern im Rahmen einer Geomantiereise auf Fuerteventura und Lanzarote nahebringen.
An der Westküste Fuerteventuras bei Ajuy befindet sich das älteste Gestein der Kanaren. Dort konnten wir uns auf dieser Reise mit den Urformationen und der Weisheit des atlantischen Ozeans verbinden. Zudem ist Fuerteventura unter dem Meeresspiegel mit der schwarzen Schwes­terinsel Lanzarote verbunden, die für mich durch ihre junge Vulkantätigkeit der direkteste Zugang zum Inneren von Mutter Erde ist. Ich spüre hier Parallelen zur vulkanischen Landschaft Islands, wohin ich 2001 eine Geomantiereise zum Erspüren des Kronen-Chakras von Europa vorbereitet hatte. Dort konnten wir die isländische Landschaft als „neue Erde“ erfahren.
Der bekannte Künstler aus Lanzarote César Manrique hatte meinem Eindruck nach mit seiner einfühlsamen Land-Art mit seinen Mitteln auf seiner Insel geo­mantische Vorarbeit geleistet. Die beiden Inseln faszinieren durch ihre Gegensätze: Lanzarote, die dunkle Insel, entspricht der nährenden Erdmutter, die uns mit den auf ihrer fruchtbaren, schwarzen Lava­erde gewachsenen Früchten beschenkt. Fuerteventura hingegen, die lichte Insel, erhellt mit ihren blendend weißen Sandstränden und weiblichen Landschaftsformen einer Lichtgöttin gleich unseren Geist immer wieder von neuem.

Die Kraft Fuerteventuras
Bis Anfang November war alles vorbereitet, so dass sechs Meißlerinnen und Meißler in Artis Tirma eintreffen konnten. Es war mir wichtig, für das energetische Gleichgewicht – wie bei der Gegenüberstellung des eher weiblichen Labyrinths und dem eher männlichen Steinkreis – ebenso viele Frauen wie Männer einzuladen. Margan Dagmar Kalb aus Kärnten, die bereits im Jahr 2005 auf Lanzarote geomantisch gearbeitet hatte, Thera Konrad, die als intuitive Wasserforscherin und Künstlerin aus der Schweiz die geistigen Qualitäten des wässerigen Raums erfühlen sollte, und Christina Waldburger, die als halbe Süd­amerikanerin die Verbindung zum amerikanischen Kontinent herstellen wollte, gehörten mit Marko Pogaˇcnik, Peter Frank und Johannes Voigt zur Gruppe, die den Steinkreis gestalten würde.
Wieder stimmten wir uns am ersten Tag der gemeinsamen Arbeit in die Landschaft ein, indem wir von La Pared an der Westküste über die alte Hauptstadt Betancuria bis zum heiligen Berg Tindaya fuhren. Von dieser Fahrt nahmen wir die Einsicht mit, dass der Geopunkturkreis von Artis Tirma in ein riesiges Gebiet, das wir „atlantischen Landschaftstempel“ nennen, eingebunden ist. Der Landschaftstempel erschien uns als ein „wässriger Kontinent“, als konzentrierten sich auf den Kanaren die Kräfte, die von den angrenzenden Kontinenten genährt werden, als sei die Insel wie ein Atmungssystem, das sich in verschiedene Räume, Ebenen und Zeitschichten öffne. Erinnerungsfelder ältester Kulturen scheinen hier ebenso zugänglich wie gegenwärtige und kosmische urbildliche Räume.
Den einzelnen Inseln ordneten wir folgende Qualitäten zu: El Hiero ist die Wurzel, das Steißbein und Sitz der Kundalini, La Gomera entspricht dem Sakral-Chakra, La Palma dem Solarplexus, Lanzarote dem Herz-Chakra, Fuerteventura dem Kehlkopf-Chakra, also der Atmung und Lunge, Gran Canaria dem Stirn-Chakra und der Dimension der Ahninnen und Ahnen. Teneriffa bildet das KronenChakra mit dem fast 4000 Meter hohen Vulkanberg Teide.

Der Steinkreis entsteht
Bereits am Tag nach diesem erfahrungsreichen Ausflug fuhr der Bagger auf. Unter Peter Franks einfühlsamen Anweisungen wurden unsere Steine zu einer offenen Rechtsspirale – als Spiegelbild zum linksdrehenden Labyrinth – an ihren Platz gerückt. Der Steinkreis sollte aus dreimal drei Lavasteinen und einer riesigen Basaltkugel, also aus zehn Steinen, entstehen. Drei Steine repräsentieren den kosmischen Urraum, drei weitere stellen die Lebenssphäre auf der Erdoberfläche dar, und drei verbinden uns mit dem Erdinnenraum. Der zehnte Stein – die Basaltkugel – wurde etwas außerhalb der anderen neun Steine gesetzt und schwingt in Resonanz mit der Ganzheit, dem Göttlichen, dem Unbenennbaren, dem Ewigen. Dieser Stein trägt kein Kosmogramm, da es vom Göttlichen kein Bild geben kann. Die Dreiheit des Steinkreises spiegelt sich auch in dem kleinen geomantischen Holon von Artis Tirma, das durch drei beeindruckende Berge genährt wird. Nachdem die Steine platziert waren, fühlten sich die Meißlerinnen und Meißler in verschiedene besondere Orte, die sie auf ihren Fahrten über die Insel besucht hatten, ein, um von ihnen eine Botschaft zu empfangen. Das waren La Pared und die beiden Höhlen von Ajuy an der Westküste, ein alter Steinkreis bei Las Hermosas, der Bezirkshauptort Pajara mit seiner zweischiffigen Kirche, das Tal der Palmen, das die weibliche Landschaft überschauende Plateau oberhalb des Palmentals, die alte Haupstadt Betancuria und der heilige Berg Tindaya. Deren Botschaften wurden anschließend in Kosmogrammen in je einem der Steine umgesetzt.
Während der Fertigstellung des Steinkreises fanden unter Marko Pogaˇcnik Leitung auf Lanzarote und anschließend auch auf Fuerteventura zwei Vorträge und begleitenden Workshops statt. Durch diese Arbeit sollten die durch die Steinsetzung und die Kosmogramme initiierten Qualitäten und Energien auf den beiden Inseln gestärkt und verankert werden. Auf Lanzarote erspürte die Workshop-Gruppe ein riesiges Herzzentrum, das wie eine Schaukel oder Lemniskate zwischen El Golfo im Südwesten der Insel und dem El Mirador del Rio im Nordosten um die Gralslandschaft der alten Hauptstadt Teguise, als Drehpunkt, schwingt. Fuerteventura hingegen nahmen wir als enormes Lungensystem mit einem sichtbaren und einem unsichtbaren, in der subtilen Welt verankerten Lungenflügel wahr. Die Einatmung erspürten wir in der nördlichen Hälfte der Insel, die Ausatmung in dem teils vom Meer bedeckten südlichen Bereich Fuerteventuras. Der Drehpunkt befindet sich hier im Süden, an der engsten Stelle der Insel bei La Pared, wo in der ­Guanchenzeit eine Mauer Fuerteventura in zwei Königreiche teilte. Die Drehpunkte beider Inseln erschienen uns auf Grund ihrer Geschichte und der gegenwärtigen Unbewusstheit gegenüber der geheimen Bedeutung dieser geomantisch herausragenden Orte stark in ihrer Funktion beeinträchtigt. Die Arbeit der Workshops wurde von einem einheimischen Taucherteam auch unter Wasser energetisch begleitet. Als Nachfolgeprojekt wurde diesen November zusammen mit Margan D. Kalb und professionellen Tauchern südlich des Hafens von Morro Jable ein spiegelbildlicher Steinkreis auf dem Meeresgrund gesetzt. Drei Bronzeplaketten mit Kosmogrammen schaffen nun die Verbindung zum Geopunkturkreis von Artis Tirma.
Am Abend des 12. Novembers 2008, vor dem Vollmond im Erdzeichen Stier, vollzogen wir in Artis Tirma die feierliche Einweihung des Steinkreises in einem rituellen Kultspiel, das während der beiden Workshops von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern entwickelt worden war. Sowohl die Kanarischen Inseln als auch die an den Atlantiktempel angrenzenden Kontinente wurden durch Personen dargestellt und energetisch miteinander verbunden. Zum Abschluss vernetzten wir uns noch mit den andern Geopunkturkreisen im potugiesischen Tamera, in Zagreb, Prag, Kentucky und Ljubljana. Die Zeremonie untermalte ein riesiger, regenbogenfarbener Halo um die Sonne. Zugleich ging der Vollmond über den Steinen auf und unterstützte mit seinem sanften Licht die Geburt des Steinkreises.

 

Mona Bienek, Therapeutin für Energiearbeit, kooperiert seit 1997 mit Marko Pogaˇcnik. Sie leitet in Zürich geomantische Stadtrundgänge zu kraftvollen Plätzen. www.monabienek.ch, www.elvira-isasi.com