Geburt
Johanna Markl und Jutta Watzlawik
Johanna Markl und Jutta Watzlawik, beide seit Jahrzehnten im Bereich Geomantie tätig, kannten sich bislang noch nicht. Für dieses Gespräch besuchten sie sich erstmals und fanden in ihrer Vergangenheit und in ihren heutigen Ansätzen viel Verwandschaft.
Jutta Watzlawik: Johanna, wie bist du zur Geomantie gekommen?
Johanna Markl: Ich habe keine Ausbildung in Geomantie, wie man sie heute an einer der Schulen absolvieren würde. Als Kind bin ich von meiner Großmutter und meinem Vater ausgebildet worden. In meiner Familie gab man ein traditionelles Wissen an das Mädchen, das man als Erbin der Kraftlinie betrachtete, weiter. Das begann schon, als ich zweieinhalb Jahre alt war. Es ging um den Kontakt zu unsichtbaren Welten und Wesen, auch zu Verstorbenen, um das Leben von Rhythmen und das Erkennen des richtigen Zeitpunkts z. B. zum Sammeln von Pflanzen. Ich erinnere mich, dass man mich in Situa tionen brachte, in denen ich selbständig handeln musste. Einmal wurde ich nachts in den Wald gestellt und sollte alleine den Weg nach Hause finden, um zu lernen, wie ich mich am Erdmagnetfeld und am Sternenhimmel orientieren kann.
Meine Großmutter war eine Tierheilerin, eine „Geißenhebamme“; man rief sie vor allem bei schweren Geburten. Dabei habe ich sie immer begleitet. Sie erzählte mir viele Märchen, die ich mir einprägen sollte. Unsere Familie war katholisch und feierte die kirchlichen Feste zu den jeweiligen Jahreszeiten sehr intensiv, dadurch lernte ich bestimmte Rituale. Die Wesenheiten, die angerufen wurden, waren Maria, die Heiligen und die Engel. Durch diese bin ich aber auch mit der Schizophrenie aufgewachsen, dass meine Begabung nicht positiv war, sie hatte etwas Bedrohliches. Wenn ein Kind mit der entsprechenden Begabung in der Familie geboren wurde, musste es ausgebildet werden, aber gleichzeitig wurde gesagt: „Zeige es nicht, sonst sagen die anderen, du bist eine Hexe“. So habe ich gelernt, die Ebenen zu wechseln bzw. gleichzeitig in zwei Welten zu leben.
JW: Wie hast du dich denn als kleines Kind nachts allein im Wald gefühlt?
JM: Ich hatte Angst! Meiner eigenen Tochter würde ich so etwas auf gar keinen Fall zumuten.
JW: Als junge Frau – wie konntest du da mit deiner Begabung umgehen?
JM: Das war sehr schwierig, es gab eine Zeit, da wollte ich sie völlig unterdrücken, das ging bis zum Selbstmordversuch. Erst als ich Zugang zur feministischen Frauenbewegung fand und mich sehr darin engagierte, schien sich ein Raum zu öffnen, in dem ich mein Wissen weitergeben konnte. Dort spürte ich, dass ich ein Kanal sein könnte, um Menschen zu befähigen, ihre eigenen Kanäle zu anderen Dimensionen hin zu öffnen und ihr eigenes Wissen zu entwickeln. Damals war ich kreuz und quer in der Alternativszene unterwegs, mit bei den ersten, die sich eine Solaranlage bauten. Allerdings fand ich in dieser aufkeimenden Ökologiebewegung wenig Raum für das Spirituelle. Aber auch das begann zu wachsen, beispielsweise gründete sich der Neue-Erde-Verlag. Und es gab die Zeitschriften von Werner Pieper „Der Grüne Zweig“. Darin bin ich zum ersten Mal auf das Wort Geomantie gestoßen, und die Beschreibung passte erstaunlich gut auf das, was ich gelernt hatte. Die Bezeichnung „Heilerin“ war nie wirklich zutreffend. Ich habe mich eher als Begleiterin oder Mittlerin gefühlt, denn es ging mir nicht in erster Linie um das Heilen, sondern um einen Austausch mit der Erde und dem Kosmos, um einen Austausch mit allen Wesen und Kräften. In den Artikeln und Büchern über Geomantie im „Grünen Zweig“ – den ersten in deutscher Sprache – konnte ich das wiederfinden, was ich praktizierte, und lernen, für mein Tun eine Sprache zu finden.
JW: Wann war das, als du auf den „Grünen Zweig“ gestoßen bist?
JM: Ende der 70er-Jahre. Sehr wichtig war für mich in dieser frühen Phase auch das Buch „Die alte Wissenschaft der Geo mantie“ von Nigel Pennick. Im Grünen Zweig fand ich Übersetzungen englischer Texte von ursprünglich deutscher nationalsozialistischer Literatur, die mich dazu brachten, mich mit dem Missbrauch der Geomantie im Nationalsozialismus zu beschäftigen. Ich erkannte, wie zwiespältig solches Wissen verwendet werden kann, auch die Machtmechanismen der Kirche verstand ich nun besser.
Als Kind habe ich mich in meiner katholischen Mädchenschule zwar wohlgefühlt, bin als Erwachsene aber bald aus der Kirche ausgetreten, weil ich den Zwiespalt nicht aushalten konnte zwischen dem, was in der Bibel steht, und dem, was im Rahmen der Kirche praktiziert wird. Ich fand es schrecklich, dass den Menschen Spiritualität nicht unmittelbar zugänglich wird, sondern man den Zugang zum Wesen des Göttlichen verbaut. Als Kind habe ich dar über mit dem Erzbischof gestritten.
Anstelle der Kirche waren es später die Frauenspiritualität und der Zugang der Geomantie, in denen ich mich zu Hause fühlte und wo ich auch vieles wiederfand, das sich ein christliches Gewand angezogen hatte, beispielsweise die Verehrung der heiligen Kunigunde in Bamberg, meiner Heimatstadt. Ihre schützende Präsenz wird von vielen Menschen in der Stadt unmittelbar wahrgenommen.
Um den vollständigen Artikel zu lesen, bitte melden Sie sich hier mit Ihren Daten an:
Sie sind bereits Abonnent?
Klicken Sie hier um Ihren kostenlosen Zugang zu aktivieren.
Sie sind kein Abonnent?
Abonnieren Sie hier.

