Geburt

Johanna Markl und Jutta Watzlawik

von Johanna Markl , Jutta Watzlawik erschienen in Hagia Chora 33/2009

Johanna Markl und Jutta Watzlawik, beide seit Jahrzehnten im Bereich Geo­mantie tätig, kannten sich bislang noch nicht. Für dieses Gespräch besuchten sie sich erstmals und fanden in ihrer Vergangenheit und in ihren heutigen Ansätzen viel Verwandschaft.

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Jutta Watzlawik: Johanna, wie bist du zur Geomantie gekommen?
Johanna Markl: Ich habe keine Ausbildung in Geomantie, wie man sie heute an einer der Schulen absolvieren würde. Als Kind bin ich von meiner Großmutter und meinem Vater ausgebildet worden. In meiner Familie gab man ein traditionelles Wissen an das Mädchen, das man als ­Erbin der Kraftlinie betrachtete, weiter. Das begann schon, als ich zweieinhalb Jahre alt war. Es ging um den Kontakt zu unsichtbaren Welten und Wesen, auch zu Verstorbenen, um das Leben von Rhythmen und das Erkennen des richtigen Zeitpunkts z. B. zum Sammeln von Pflanzen. Ich erinnere mich, dass man mich in Situa­tionen brachte, in denen ich selbständig handeln musste. Einmal wurde ich nachts in den Wald gestellt und sollte alleine den Weg nach Hause finden, um zu lernen, wie ich mich am Erdmagnetfeld und am Sternenhimmel orientieren kann.
Meine Großmutter war eine Tierheilerin, eine „Geißenhebamme“; man rief sie vor allem bei schweren Geburten. Dabei habe ich sie immer begleitet. Sie erzählte mir viele Märchen, die ich mir einprägen sollte. Unsere Familie war katholisch und feierte die kirchlichen Feste zu den jeweiligen Jahreszeiten sehr intensiv, dadurch lernte ich bestimmte Rituale. Die Wesenheiten, die angerufen wurden, waren Maria, die Heiligen und die Engel. Durch diese bin ich aber auch mit der Schizophrenie aufgewachsen, dass meine Begabung nicht positiv war, sie hatte etwas Bedrohliches. Wenn ein Kind mit der entsprechenden Begabung in der Familie geboren wurde, musste es ausgebildet werden, aber gleichzeitig wurde gesagt: „Zeige es nicht, sonst sagen die anderen, du bist eine Hexe“. So habe ich gelernt, die Ebenen zu wechseln bzw. gleichzeitig in zwei Welten zu leben.
JW: Wie hast du dich denn als kleines Kind nachts allein im Wald gefühlt?
JM: Ich hatte Angst! Meiner eigenen Tochter würde ich so etwas auf gar keinen Fall zumuten.
JW: Als junge Frau – wie konntest du da mit deiner Begabung umgehen?
JM: Das war sehr schwierig, es gab eine Zeit, da wollte ich sie völlig unterdrücken, das ging bis zum Selbstmordversuch. Erst als ich Zugang zur feministischen Frauenbewegung fand und mich sehr darin engagierte, schien sich ein Raum zu öffnen, in dem ich mein Wissen weitergeben konnte. Dort spürte ich, dass ich ein Kanal sein könnte, um Menschen zu befähigen, ihre eigenen Kanäle zu anderen Dimensionen hin zu öffnen und ihr eigenes Wissen zu entwickeln. Damals war ich kreuz und quer in der Alternativszene unterwegs, mit bei den ersten, die sich eine Solaranlage bauten. Allerdings fand ich in dieser aufkeimenden Ökologiebewegung wenig Raum für das Spirituelle. Aber auch das begann zu wachsen, beispielsweise gründete sich der Neue-Erde-Verlag. Und es gab die Zeitschriften von Werner Pieper „Der Grüne Zweig“. Darin bin ich zum ersten Mal auf das Wort Geomantie gestoßen, und die Beschreibung passte erstaunlich gut auf das, was ich gelernt hatte. Die Bezeichnung „Heilerin“ war nie wirklich zutreffend. Ich habe mich eher als Begleiterin oder Mittlerin gefühlt, denn es ging mir nicht in erster Linie um das Heilen, sondern um einen Austausch mit der Erde und dem Kosmos, um einen Austausch mit allen Wesen und Kräften. In den Artikeln und Büchern über Geomantie im „Grünen Zweig“ – den ersten in deutscher Sprache – konnte ich das wiederfinden, was ich praktizierte, und lernen, für mein Tun eine Sprache zu finden.
JW: Wann war das, als du auf den „Grünen Zweig“ gestoßen bist?
JM: Ende der 70er-Jahre. Sehr wichtig war für mich in dieser frühen Phase auch das Buch „Die alte Wissenschaft der Geo­mantie“ von Nigel Pennick. Im Grünen Zweig fand ich Übersetzungen englischer Texte von ursprünglich deutscher nationalsozialistischer Literatur, die mich dazu brachten, mich mit dem Missbrauch der Geomantie im Nationalsozialismus zu beschäftigen. Ich erkannte, wie zwiespältig solches Wissen verwendet werden kann, auch die Machtmechanismen der Kirche verstand ich nun besser.
Als Kind habe ich mich in meiner katholischen Mädchenschule zwar wohlgefühlt, bin als Erwachsene aber bald aus der Kirche ausgetreten, weil ich den Zwiespalt nicht aushalten konnte zwischen dem, was in der Bibel steht, und dem, was im Rahmen der Kirche praktiziert wird. Ich fand es schrecklich, dass den Menschen Spiritualität nicht unmittelbar zugänglich wird, sondern man den Zugang zum Wesen des Göttlichen verbaut. Als Kind habe ich dar­über mit dem Erzbischof gestritten.
Anstelle der Kirche waren es später die Frauenspiritualität und der Zugang der Geomantie, in denen ich mich zu Hause fühlte und wo ich auch vieles wiederfand, das sich ein christliches Gewand angezogen hatte, beispielsweise die Verehrung der heiligen Kunigunde in Bamberg, meiner Heimatstadt. Ihre schützende Präsenz wird von vielen Menschen in der Stadt unmittelbar wahrgenommen.
JW: Wann bist du denn zum ersten Mal mit Menschen, die Geomantie praktizierten, in Kontakt gekommen?
JM: Das waren Rutengänger, von denen ich das „klassische“ Rutengehen nach Wasseradern ohne Grifflängen gelernt habe. Die Tradition des Rutengehens hat sich ja trotz allem in Deutschlang gehalten, während die Geomantie eigentlich erst über England wieder zu uns zurückgekommen ist.
Der Kontakt zu der sich in Gründung befindlichen Hagia-Chora-Schule kam Anfang der 90er-Jahre zustande, weil ich einen Artikel über meine Arbeit in einer Zeitschrift veröffentlich hatte. Der fiel Hans-Jörg Müller und Stefan Brönnle in die Hände, und so nahmen sie Kontakt auf. Mit meinem Institut für Geo­mantie war ich schon vor Hagia Chora seit 1992 tätig.
JW: In meiner Lebensgeschichte fängt es mit der Geomantie auch in der Kindheit an. Sehr viele Impulse kamen von meinem Vater, der sehr naturverbunden war. Ich streifte mit ihm von klein auf durch den Wald. Bäume stellte er mir immer als lebendige Wesen vor. „Der Mensch ist nur Gast hier, du musst jetzt zuhören und Respekt zeigen“, solche Worte habe ich ganz viel gehört, habe gelernt, dass man leise durch die Natur geht, schaut und zuhört. Von meinem Vater lernte ich auch, dass Menschen übersinnliche Fähigkeiten haben. Wenn z. B. etwas im Wald verloren gegangen war, konnte er sich konzentrieren und genau dorthin gehen, wo der verlorene Gegenstand lag. Meine Mutter mochte so etwas gar nicht, es widersprach ihrer katholisch-christlichen Überzeugung. Dafür feierte sie mit uns die Rhythmen im Jahreslauf und ihre Heiligen: Advent, die Karwoche oder die Zeit vor dem ersten Mai, wo wir mit Blumen einen Altar gestalteten. In diesen Zeiten wurde viel gesungen und Stubenmusik gemacht.
Vielleicht war es diese Familientradition, dieser aus dem Gemüt kommende Glaube, der mit dazu beigetragen hat, dass ich mich mit dreizehn bis fünfzehn Jahren stark zu einem Priesterinnen-Dasein hingezogen gefühlt habe. Ich wollte Theologie studieren oder in ein Kloster gehen, allerdings in eines, das mit Landwirtschaft zu tun hat, also nicht allem Irdischen entsagen. Mit 18 Jahren habe ich dann gesehen, dass in der Kirche überhaupt kein Platz für eine Frau ist, also studierte ich Landwirtschaft und ging in den sozialen Bereich. Auch Anthroposophie begann eine immer größere Rolle zu spielen.
Nach dem Studium, das ich als Zeit intensiver Träume und Visionen in Erinnerung habe, so dass ich zeitweise Wirklichkeit und Traum gar nicht mehr unterscheiden konnte, wollte ich etwas ganz Ursprüngliches tun – Schäferin sein. In der Lüneburger Heide und später in der Voreifel war ich lange Zeit ganz allein mit mir, den Schafen, den Hunden und dem Schäferkarren. Nur zweimal in der Woche kam jemand vorbei und brachte Essen und neue Kleidung. Ein tibetischer Mönch hat mir mal gesagt, dass es zur Ausbildung von Mönchen gehört, drei Jahre in ein Retreat zu gehen. Vielleicht war ich deshalb drei Jahre allein mit den Schafen in der Natur, in ganz dichtem Kontakt mit allen Wesen um mich herum.
Ich hatte das große Glück, dass ich nicht allein war mit meinen Wahrnehmungen, sondern dass ich mich immer mit Menschen auf den Höfen, für die ich arbeitete, austauschen konnte. Insbesondere in dem Gut von Günther Graf Finck von Finckenstein bei Düren fanden viele interessante Menschen zusammen, darunter die Künstlerin Mary Bauermeister. Sie war maßgeblich daran beteiligt, der Geomantie in Deutschland Strukturen zu geben durch ihren künstlerischen Auftrag und ihre Kunst in der Natur. Irgendwann schleppte sie Marko Pogaˇcnik an, und da verstand ich, dass Geomantie etwas ist, das nicht nur eine Handvoll Menschen betreiben, dass wir diese Arbeit jenseits der inneren Wahrnehmung in ein größeres Ganzes stellen können.
Ich kam dann in Kontakt mit dem Team, das in Schloss Cappenberg, wo Marko Pogaˇcniks erste große Lithopunktur-Arbeit in Deutschland stattfand, das Institut für Resonanztherapie aufbaute. Hier sollten Methoden entwickelt werden, um kranke Ökosysteme und landwirtschaftliche Betriebe auf einer feinstofflichen Ebene zu heilen. Fast acht Jahre lang habe ich dort gearbeitet und viel über Geomantie gelernt. Heute ist mein Schwerpunkt noch immer Geomantie und Landwirtschaft.
Wenn wir uns hier von unserer Geschichte erzählen, frage ich mich: Was sind unsere Visionen? Warum leben wir sie so stark? Warum hat uns dieser Ruf ereilt? Wohin geht unsere Zeit – ist etwas dran an der Idee einer Zeitenwende im Jahr 2012 oder am Wassermann-Zeitalter, von dem seit den 80er-Jahren die Rede ist? Schon damals gab es diese Umbruchstimmung und die vielen Prophezeiungen. Was ist denn jetzt so anders?
JM: Es ist gar nicht anders, die Menschen empfinden einen Wendepunkt nur deshalb als etwas Außergewöhnliches, weil sie von den Zyklen des Lebens abgeschnitten sind. Nur wer sich nicht auf die Zyklen eingelassen hat und im linearen Denken gefangen bleibt, empfindet solche Punkte als erschreckend. Für mich ist unverständlich, warum auf dieses 2012 so gestarrt wird.
Aber die wenigsten Menschen schauen in den Himmel und verstehen, in welcher Zeitqualität wir leben, welche Sternbilder wir gerade sehen. Es ist schwierig, ein Gefühl für diese Zeitqualitäten zu vermitteln, wenn im Bewusstsein der Menschen die Ankünpfungspunkte dafür fehlen. Die Astrologie hat auch dazu beigetragen, uns von dieser Wahrnehmung abzuschneiden, denn du kannst die Konstellationen der Astrologie nicht mit dem, was du draußen am Himmel siehst, verbinden. Wenn es aber möglich wird, dich mit dem Außen, dem Kosmos zu verbinden, entwickelst du starke Wurzeln. Du beobachtest, dass bestimmte Zeiten in großen wie in kleinen Zyklen wiederkehren. Du beobachtest den Himmel über das Jahr und weißt: Wenn der Vollmond so hoch steht, kann das nur zur Wintersonnenwende sein.
In diesem Sinn ist das Jahr 2012 auch nur eine bestimmte Konstellation, die wir von der Erde aus beobachten, Jede Konstellation bringt ihre spezifischen Strahlungen mit, Informationen, die wir wie mit einer riesigen Antennenschüssel einfangen. Dann dreht sich das Firmament weiter, und das Leben verändert sich wieder. Dieses Wissen fehlt im Leben der Menschen, deshalb suchen sie nach diesen Prophezeiungen und apokalyptischen Vorstellungen. Früher haben die Menschen in riesigen Zyklen gelebt und gerechnet, damit sie in Einklang mit ihnen handeln konnten, auch in einem ganz pragmatischen Sinn, so wie man im Winter keine Tomaten züchten würde. Wenn man sich darauf einstellen kann und weiß, welchen Kraftstrom die Zukunft bringt, kann man die Erscheinungen in der physischen Welt verstehen und braucht sich nicht mehr dagegen zu sperren.
Die Ahnenkräfte, mit denen ich mich verbunden fühle, nehme ich oft als einen Kraftstrom in der Zeit wahr. Diesen Strom bezeichne ich als „die Großmutter“. Er lässt mir keine andere Möglichkeit, als ein Kanal für seine Kräfte zu sein, damit durch mich Fähigkeiten oder Wissen in die Welt strömen können, um zur Balance des ganzen Systems beizutragen. Ich fühle mich als Teil eines Kraftstroms, der weiß, dass es um das Leben geht. Wenn ich eine Vision von einer neuen Kultur sehe, dann steht darin das Lebendigsein im Mittelpunkt, Leben ist dort das oberste Gebot. An dieser Vision möchte ich wirken. Ich erlebe meinen Körper oft als völlig diffus, als ob der Strom dieses Lebendigseins durch mich diffundieren würde, ich bin nur eine Art Farbschatten in diesem Strom.
Die Zeitqualität, in der wir uns jetzt befinden, erscheint mir als das Ende eines bestimmten größeren Zyklus. Wir nähern uns einer Phase des Durchgangs.
JW: Ich erlebe mich und andere, die ähnlich arbeiten, oft wie Geburtshelfer. Wir machen den Durchgang frei, von dem du sprichst. Nicht nur dadurch, dass wir lehrend, unterstützend oder anregend in der Arbeit mit Menschen wirken, sondern auch durch die geomantische Arbeit. Vielleicht „putzen“ wir Orte, die als Tore für diese Geburtsvorbereitung wichtig sind. Die Zeitqualität hat für mich aber auch sehr viel mit unserer Wahrnehmung zu tun. ­Diese verändert sich, nicht die großen kosmischen Rhythmen.
JM: Ich besuche oft die Ile de France, wo ab der Altsteinzeit vor ca. 30 000 Jahren in Höhlen und Abris die allerersten Spuren von Menschen, die ihren Kosmos verstanden, als Ritzungen erhalten sind. Damals sahen die Menschen den gleichen Stern als Polarstern wie wir heute. Wir sehen ja immer nur ein paar 100 Jahre den gleichen Polarstern – das macht man sich selten klar. Karl der Große z. B. hatte nicht den hellsten Stern im Sternbild des Kleinen Bären als Polarstern, so wie wir heute. Diese ­großen Zyklen wie auch die Verschiebung des Fühlingspunkts durch die Sternbilder des Tierkreises sind unserem Gefühl nicht mehr zugänglich. Deshab ist es mir wichtig, mich mit der anfänglichen Zeit in den Höhlen der Ile de France zu verbinden. Dort wurde ein Samen gelegt, der aufgegangen ist, und dessen Früchte wir heute im Zustand der Auflösung erleben. Gleichzeitig ist ein Durchgang für etwas Neues bereitet.
Seit diesem September habe ich das Gefühl, dass tatsächlich etwas versinkt. Die Information kommt: „Lass los, lass das Alte gehen.“
In meiner Arbeit der letzten Jahre hat sich mein Blick von der Erde mehr und mehr in den ganzen Sternenhimmel hinein geweitet. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wir eigentlich Teil eines Sterngebildes sind, ich spürte die Sonne als das pulsierende Herz unserer Sternensphäre.
Ich habe mich immer gefragt: Was ist eigentlich die Erde innerhalb unseres Sterns? Vor vielen Jahren hörte ich in mir die Antwort: Die Erde ist der Traum der Sonne. Das fand ich interessant. Gleichzeitig empfinde ich den Sternenhimmel, den Mond und die Planeten nicht außerhalb der Erde, alles hat einen Resonanzraum im Körper der Erde und auch in uns.
Hinzu kommt, dass ich mehr und mehr mit den Ursprüngen des Lebens in Resonanz kommen möchte, mit der Entstehung des Lebens in der Tiefe der Meere. Die Erinnerung daran ist in den Gesteinsarten gespeichert, und ich möchte diese Erinnerung berühren, aber sie formlos belassen, sie nicht in konkreten Wörtern oder Bildern fassen. Vielmehr vermittelt diese Erinnerung, in die Schöpferkraft des Lebens zu vertrauen: Leben ist viel, viel mehr als das, was sich gegenwärtig in Formen ausdrückt. Viele Formen sind vergangen, es werden weitere vergehen und wieder neue entstehen. In einer Zeit des Duchgangs ist es wichtig, loszulassen.
JM: Mit deinen Bildern kann ich ganz viel verbinden, auch wenn ich es anders ausdrücken würde. Ich habe immer das Bild, dass die Erde der kondensierte Kosmos ist, als seien die Qualitäten, die durch die Planeten und Gestirne repräsentiert sind, alle in der Erde kondensiert. Über die Jahrtausende hinweg hatten die Menschen durch ihre Symbolsprache Zugang zur archetypischen Sprache dieser Qualitäten und hatten viele Resonanzmomente mit den Erdenkräften. Im Lauf der Zeit überwog das differenzierende Denken, der Verstandesmenschen hat sich individualisert und letztlich verloren, wovon in deiner Familientradition noch Aspekte erhalten geblieben sind. Jetzt gehen wir in eine Phase, in der beides zusammenkommt, das Inviduelle und das Verbundensein. Je mehr du dich differenzierst, desto mehr näherst du dich einem Gesättigtsein. Man kann sich nicht ewig weiter ausdifferenzieren. Viele haben begriffen, was das Ich ist und dass es erst spannend wird, wenn wir es loslassen und vertrauen, dass ich mit allem eins sein und immer noch durch meine Individualität schöpfend wirken kann.
JM: Wir stehen am Ende eines Zyklus, dessen Höhepunkt erreicht ist. Entweder siehst du das Ende oder einen neuen Anfang.
JW: Wie würdest du nun deine Aufgabe in dieser Zeit beschreiben? Liegt sie darin, eine Tradition weiterzugeben?
JM: Ich möchte weniger eine Tradition, sondern die essenzielle Fähigkeit vermitteln, in Verbundenheit mit allem, was ist, zu leben. Ich erlebe, wie vielen Frauen in ihrer Lebensgeschichte durch Unterdrückung der Zugang zu ihrer Kraft verschlossen wurde. Eine gewichtige Rolle spielen dabei die Traumata des Kriegs und der Nachkriegszeit – die geistig-seelische Entwurzelung, die über die Großeltern und Eltern bis jetzt wirkt. Sie sind innerlich nie an einem Ort angekommen, wo ihr Bewusstsein eine Wurzel hätte schlagen können. In der Arbeit mit den Frauen und dem Schicksal der Eltern entsteht oft erst die Bereitschaft, das Alte aufzulösen und einen Neuanfang zu wagen.
JW: In solchen Prozessen beschäftigt mich stark das Thema Sprache. Die Sprache, die uns heute zur Verfügung steht, reicht nicht mehr aus, wenn wir die Wahrnehmung erweitern und in Neuland gehen. Die Symbolsprache scheint mir für den gegenwärtigen Prozess sehr wichtig zu sein. Nur Symbole oder Bilder, die spontan in unserem Bewusstsein auftauchen, bringen uns mit dem, was ist, unmittelbar in Verbindung. Vielleicht brauchen wir eine neue Technik der Symbolsprache. Ich weiß nicht, ob die alten Symbole, wie „Drache“, „Höhle“ oder „Feuer“ heute noch bedeutsam sind, vielleicht werden sich uns ganz neue Symbolketten öffnen.
JM: Ich suche oft lange nach Wörtern, die in den Menschen Bilder erzeugen können. Deshalb finde ich es schwierig, etwas zu schreiben, ich soll ja schon seit langem ein Buch schreiben. Mir ist bewusst, dass sich beim Lesen eines Worts im Leser ein ganzes Panorama eröffnet, deshalb braucht Sprache soviel Sorgfalt. Ich zeichne von Orten lieber Schwingungsbilder, als dass ich über sie schreibe. Wenn ich so ein Bild anschaue, erkenne ich darin sofort die ganze Information eines Orts.
JW: Mir fällt die Vorstellung auch schwer, ein Buch schreiben zu müssen. Allein eine Gliederung zu überlegen, kommt mir vor, als würde ich mir Fesseln anlegen. Mündlich auf Seminaren etwas weiterzugeben, erscheint mir viel organischer.
JM: Wenn ein Buch richtig geschrieben ist, könnte ich mich schon mit ihm identifizieren. Zeichen sind Träger von Information, richtig zusammengestellt, müssten sie das Bild wiedergeben, um das es mir geht. Aber genau das finde ich so schwierig. Ich habe ja als junge Frau eine Ausbildung als Redakteurin abgeschlossen. Schon damals fand ich es extrem herausfordernd, Artikel so zu schreiben, dass sie die Essenz dessen, was ich vermitteln wollte, transportierten. Ich erstelle viel schriftliches Material für meine Kurse und dokumentiere auch jeden Kurs, aber die Arbeit, all das zu einem Buch zu verdichten, steht noch bevor.
JW: Ich denke oft, dass speziell unsere Generation für diesen Übergang steht. Wir sind die Geburt, wir experimentieren, versuchen, verwerfen, spüren es schon, können es aber noch nicht richtig ausdrücken, zumindest nicht so, dass uns die Gesellschaft versteht. Manchmal sind wir vielleicht wie Narren, man hält uns für verrückt. Vielleicht wird es irgendwann ganz normal, dass in jeder Gemeinde einige Menschen für Geomantie zuständig sind, und man sie ganz selbstverständlich in alle Vorhaben einbezieht. Das wünsche ich mir. Aber dafür muss erst eine andere gesellschaftliche Basis geschaffen werden.
JM: Wenn eine Gemeinschaft sie anerkennt, werden Schamaninnen oder Schamanen von ihr getragen. Ich habe oft den Eindruck, dass ich nicht in erster Linie von Menschen beauftragt arbeite, sondern dass ich für die Kräfte des Landes arbeite, ich bin ihre „Angestellte“, sie schicken mich ständig herum. Nur in zweiter Linie arbeite ich für die Menschen, die das Land besitzen, auch wenn sie mich vordergründig rufen und eine geomantische Beratung bezahlen oder einen Kurs organisieren. Dahinter liegt noch eine andere Schicht, das ist der Auftrag der Landschaft. Natürlich kannst du nicht davon leben, wenn die Landschaft dein einziger „Auftraggeber“ ist. Wenn ich überlege, die Einsicht, für wen ich eigentlich arbeite, konsequent in die Praxis umzusetzen, habe ich zuweilen doch mit Existenzängsten zu kämpfen.
JW: Ich spüre auch, dass ich von den Orten getragen werde. Nachdem ich aus meinem normalen Berufsleben ausgestiegen war, brauchte ich ein Jahr, um mich zu orientieren und herauszufinden, womit ich Geld verdienen kann, und irgendwie ist es gelungen. Es ist mir ein Anliegen, Geomantie als meinen Beruf zu praktizieren. Seit vier bis fünf Jahren bin ich auch politisch aktiv und kürzlich in den Stadtrat gewählt worden. Dort mache ich mich bereit, die absolute Närrin zu sein. Bald werde ich dort wohl sagen: „Sehr geehrte Damen und Herren, aus meiner intuitiven Wahrnehmung heraus kann ich hier nicht zustimmen, ich spüre das anders.“ Sicherlich werde ich gegen Wände laufen, aber ich möchte einen neuen Wortschatz in die Herzen – ich möchte nicht sagen, in die Köpfe – der Menschen bringen. Vielleicht erinnern sich die Leute dann zwanzig Jahre später: „Aha, solche Begriffe wie ‚intuive Wahrnehmung‘ oder ‚Geomantie‘ haben wir schon gehört, da ist was dran.“
JM: Wenn wir als Gesellschaft wieder ein Selbstverständnis der Verbundenheit mit Erde und Kosmos finden, brauchen wir vielleicht die einzelnen, die Geomantie praktizieren, gar nicht mehr …
JW: Ja, weil alle die lebensfördernden Impulse, die sich aus diesem Verbundensein ergeben, selbständig umsetzen.
JM: Wenn sich die Menschen selbst wieder als Ganze erleben, sich selbst mit Körper, Geist und Seele erfahren, dann entsteht eine neue Lebensqualität, eine andere Selbstverständlichkeit. Vielleicht führt uns der Wandel im Moment weg von einer Kultur der Spezialisierung und Funktionalisierung, einer Kultur der Trennung hin zu einem allgemeineren Sein. Ich betreue seit Jahren eine Reihe von zukunftsweisenden Projekten, beispielsweise das Ökodorf Sieben Linden. Dort merke ich, wie mich die Menschen inzwischen gar nicht mehr brauchen, ich kann die Verantwortung abgeben.
JW: Vielleicht übernehmen wir im Lauf der Zeit in unseren Seminaren die Rolle der Moderatoren. Oder es wird irgendwann auch keine Seminare mehr geben. Schon jetzt liegt unsere Aufgabe ja letztlich dar­in, Menschen dabei zu unterstützen, ihre eigenen Erfahrungen zu koordinieren und sich von Selbstzweifeln zu befreien.
Gerade die Landwirte möchten in Seminaren immer viel Praktisches umsetzen. Ich rege sie dann zu eigener Kreativität an, frage sie, welche Medien des Ausdrucks ihnen vertraut sind. Manchmal ist es Singen, manchmal Zeichnen und Malen oder ein Ritual. Bei den Biolandwirten beobachte ich eine interessante Entwicklung. Sie haben den Wunsch, einen Teil ihres Landes wieder der Natur zur Verfügung zu stellen, pflanzen Hecken und geben Flächen dem Naturschutz zurück, denn sie sagen, dass sie die Kraft dieser naturbelassenen Flächen brauchen, um auf den übrigen Äckern, die sie bewirtschaften, kraftvolle Nahrungsmittel anzubauen. Sie spüren, wo Nahrungsmittel angebaut werden möchten und wo vielleicht eine Mischung aus Bäumen und Ackerfrüchten stehen will, legen z. B. Agroforste an, um mehr Geborgenheit in der Unterstützung von Mutter Erde zu finden. Ihr Anbau zielt nicht nur auf das Produzieren, sondern auf das wirkliche Miteinander. Solche Landwirte finde ich unglaublich mutig. Es wird sich letztlich zeigen, dass hier die Zukunft der Landwirtschaft liegt.
JM: In meiner Umgebung erlebe ich die Bauern leider völlig anders. Hier in Norddeutschland bin ich umzingelt von riesigen Feldern, die mit industrieller Monokultur bewirtschaftet werden. Die Biomasse-Produktion für Biogas-Anlagen treibt das noch auf die Spitze. Die Idee, dass man nicht unbegrenzt von der Erde nehmen kann, scheint dieser industriellen Landwirtschaft noch absolut fremd.
JW: Ja, die Felder werden völlig überdüngt. Dabei sollten wir der Erde eher die Frage stellen: Welche Geschenke darf ich ihr machen? Man hört nicht mehr hin, welcher Art die Gabe sein soll, sondern pumpt die Erde unsinnig mit Kunstdünger und Gülle voll.
Diese Art der Landwirtschaft hat keine Zukunft mehr und wird sterben, das andere dafür durch die Geburtsöffnung nach außen kommen. Die positiven Bewegungen wie die biologisch-dynamische Landwirtschaft, Permakultur, die Wiedergewinnung des Heilkräuterwissens sind ja bereits sichtbar.
Ich überlege mir gerade: Was stirbt denn, wenn ein Mensch geboren wird, stirbt da auch etwas?
JM: Der vorgeburtliche Zustand stirbt, die intrauterine Welt. Das ist auch ein Tod. Der Zustand des einfach Versorgtseins stirbt, denn das Kind atmet jetzt selbst. Auch das Sterben am Ende des Lebens ist nur ein Übergang, da stirbt der Zustand des In-der-Welt-Seins – das Leben selbst geht ja weiter, nur die körperliche Form wird verlassen. Das Leben verschwindet nur scheinbar, wie wenn man an einer Flussmündung steht, und es ist gerade Flut. Dann sieht es oberflächlich so aus, als fließe das Wasser vom Meer ins Land hinein, aber darunter führt die Flussströmung weiter ins Meer. So fließt auch der Lebensstrom immer weiter.
JW: Das ist vielleicht das, was alle Prozesse durchwebt. Nur laufen manche Prozesse so langsam ab, dass wir denken, ein Zustand sei statisch.
JM: Manchmal laufen Prozesse auch ganz schnell ab, aber man erlebt sie als langsam. Materie schwingt so schnell, dass sie statisch wirkt. In einem sich schnell drehenden Kreisel siehst du ein statisches Bild. Unser Leben als Mensch ist ja so kurz, dass wir nur einen winzigen Ausschnitt erleben und desahlb nur so schwer das große Ganze verstehen.
JW: Während diesem langen Geburtsprozess wird für mich der Aspekt der Vernetzung immer wichtiger. Nicht im Sinn von „eine gemeinsame Tradition in der Geomantie gründen“, sondern im Sinn einer Vernetzung mit vielen sehr verschiedenen Bereichen. Menschen kommen auf mich zu, das Arbeitsfeld erweitert sich. Dadurch kommen wir vielleicht auf das Wesentliche. Es ist nicht mehr wichtig, ob wir eine Kunstausstellung organisieren, ein Geomantie-Seminar abhalten oder Kräuterkunde betreiben, denn letztlich geht es um das Gleiche.
JM: Die Bezeichnung „Geomantin“ wirkt auf mich auch als eine Einschränkung, meine Tätigkeit ist vielfältiger. Ich kenne überhaupt wenig Frauen, die sich auf eine Art der Tätigkeit beschränken. Vielleicht treten sie in der Geomantie deshalb nicht so sehr in die Öffentlichkeit.
In meiner Arbeit geht derzeit ein 25-jähriger Zyklus zu Ende. Was danach kommt, ist erst einmal offen. Meine letzte Ausbildungsgruppe mit Frauen ist inzwischen abgeschlossen. Außerdem gehört noch zum Abschluss dieses Zyklus meine Arbeit mit dem Fluss Wisara (Werra-Weser), der mich seit Jahren begleitet. Dabei geht es um die Verbindung von den Quellen der Werra bis zur Mündung der Weser ins Meer, so dass es energetisch wieder ein zusammenhängender Fluss ist. Dieser Fluss kommt aus dem Herzen Deutschlands, aus einem der ältesten Gesteine überhaupt.
Begonnen hat dieser Zyklus in dem Jahr vor Tschernobyl. Jetzt muss ich offen bleiben und abwarten, was kommen will.
JW: Dieses Hinhören gehört für mein Gefühl schon ganz stark zu dem Neuen. In mir spüre ich einerseits das Bedürfnis nach bestimmten Sicherheiten, andererseits merke ich, dass mich diese Sicherheiten schwer und unbeweglich machen. Deshalb möchte ich sie hinter mir lassen, keine Strategie mehr haben, offen sein für alles, was das Neue bringen will.
JM: Ja, darum geht es, sich auf das Neue einzulassen. Wie eine geomantische Ausbildung im einzelnen auszusehen hat, ist hingegen zweitrangig.
JW: Wir werden vielfältige neue Formen finden, auch neue Formen der Vermittlung jenseits des gesprochenen Worts wie Ges­ten, Telepathie, Tanz oder Körpersprache. Wir werden Sprache als Ausdruck der Lebenskraft ganz neu begreifen.
Das ist das Neue in der neuen Zeit: die Wahrnehmung öffnet sich diesem Augenblick. Wir haben es zwar in den lezten 30 Jahren tausendmal gehört, wenn es um die vielen Meditationstechniken ging: „Sei im Hier und Jetzt!“ Aber erst jetzt gewinnt das Relevanz für das Leben, öffnet sich das Hier und Jetzt im täglichen Leben. Wenn das unsere Wahrnehmung ist, wenn Vergangenheit und Zukunft wegbrechen, verändern sich auch Räume, die Raum­dimensionen. Das ändert freilich nichts im Außen, sondern hängt mit unserer eigenen Wahrnehmung zusammen.
JM: Es ist herausfordernd, den Arbeitsalltag zu erledigen, ohne sich wieder von diesem ganz präsenten Zustand abzuspalten. Aber ich erlebe es auch so, dass das Sein im Hier und Jetzt immer stärker und kontinuierlicher wird. Schwierig wird es nur, wenn man herausfällt.
JW: Emfpindest du unsere jetzige Zeit als eine Zeit der Transformation und der Selbsterfahrung, als starke Individualisierung und Zeit der Stille?
JM: Nein, das empfinde ich nicht so.
JW: Ich auch nicht. Die Zeit Anfang der 70er-Jahre schien mir viel mehr von Transformation geprägt. Damals wollten wir das Leben radikal verändern, waren begeistert für östliche Weisheiten und begaben uns in Transformationsprozesse auf neuen Pfaden. Die Menschen, die nur das Alte verfolgt haben, mussten sich mit der ­neuen Lebenseinstellung ihrer Kinder auseinandersetzen, und diejenigen, die neue Wege gingen, mussten sich oft von Freunden und Familie trennen, da wurde viel Schmerz erlebt. Die Zeit jetzt erlebe ich im Gegensatz dazu eher als Frühling. Es liegt noch Schnee, aber die Schneeglöckchen sind schon da. Die Vorfreude auf den Frühling ist für mich die Grundqualität der Zeit. Freilich bin ich auch besorgt, wenn ich daran denke, was durch die Klimakatastrophe oder durch Wirtschaftskrisen alles zusammenbrechen wird, aber darunter spüre ich dieses Kribbeln der Vorfreude, dieses Leuchten.
JM: Die Kinder, die heute die jungen Erwachsenen sind, leben ein ganz anderes Potenzial als wir früher, auch wenn das noch nicht stark sichtbar ist. Strukturen wie heftigste Autorität, die uns geprägt haben, haben sie nicht erlebt. Sie können mit dem Neuen freier umgehen, aber die noch herrschenden alten Strukturen werden sie über kurz oder lang abstreifen. Vielleicht können wir uns wirklich schon auf den Frühling freuen. 

 

Jutta Watzlawik, Agraringenieurin (FH), Theaterpädagogin, Indologin (MA), arbeitet als freiberufliche Dozentin für Geomantie, Agrarkultur und Indologie; www.wesensreich.net.
Johanna Markl, ausgebildet u. a. in Radiästhesie, Homöopathie und Sozialpäd­agogik, leitet seit 1992 mit Birgit Tali-Menne das Institut für Geomantie; www.geomantie-online.de.