Stille

Siegfried Prumbach und Johannes Heimrath

von Johannes Heimrath , Siegfried Prumbach erschienen in Hagia Chora 33/2009

Das Gespräch zwischen Siegfried Prumbach und Johannes Heimrath fand auf dem Wasser statt. Wir hatten anlässlich von Siegfried Prumbachs Besuch in der Hagia-Chora-Redaktion eine Segeltour unternommen und lagen vor der Insel Usedom im Krumminer Wieck vor Anker, während es draußen dunkel wurde und der Regen auf das Deck trommelte. Vielleicht ist deshalb das Leitbild dieses Gesprächs das „schwarze Wasser“ …

 Diesen Artikel als Adobe Acrobat PDF herunterladen (223 KB)

Johannes Heimrath: Wir erleben heute, wie essenzielle Teile der uns bekannten westlichen Gesellschaft zusammenbrechen. In diesem Prozess ringen verschiedene Trends um Einfluss: Menschen, die sich selbstbestimmt neu organisieren, Unternehmen und Regierungen, denen verschiedene Ressourcen gehören und die ihre Macht verteidigen – wir wissen nicht, in welche Richtung sich das System entwickeln wird. Wenn wir uns andere Szenarien wünschen als Kollaps, Chaos oder Bürgerkrieg, wie können wir dann dazu beitragen, dass positive Trends Oberwasser bekommen? Wie können wir jetzt vorwegnehmend erforschen, wie wir später, nach einem wohl unvermeidbaren, wenn auch in seiner Dramatik nicht voraussagbaren Zusammenbruch eigentlich leben wollen? Wie organisieren wir uns, wie sieht die Wirtschaft aus? Dabei kann uns nur ein positives Bild von unserem Erd-Planeten leiten.
Siegfried Prumbach: Daran schließt noch eine weitere Frage an: Was tut die Erde? Sie verfügt über systemische Reaktionsmuster, über Feedback-Strukturen, mit denen sie auf das Fehlverhalten von Sys­temen einwirkt. Das Verhalten des Menschen wird in einer Feedbackschleife auf ihn zurückgeworfen. Wir erleben gegenwärtig, wie sich das Erdmagnetfeld immer weiter abschwächt, niemand weiß, was für Folgen das haben wird, aber es gibt Untersuchungen zu einem Zusammenhang zwischen einer Zunahme an Psychosen und dem Abnehmen des Erdmagnetfelds. Andererseits führt die gleiche Magnetfeld­abschwächung zu einer Erhöhung der DMT-Ausschüttung in der Epiphyse oder, anders ausgedrückt, zu einer Bewusstseinserweiterung. Ganz offensichtlich steuern wir auf einen Knotenpunkt der Geschichte zu. Alles beschleunigt sich, seien es die persönlichen, die gesellschaftlichen oder die globalen Prozesse.
JH: Derzeit kursieren Hunderte von Szenarien zum Jahr 2012. Ich halte das meiste für reine Symbolik und suche die längerfristige persönliche Ebene. Was tun „wir“ jetzt, ausgehend von der spezifischen Art, wie wir jetzt die Welt betrachten? Wo sehen wir unsere Aufgabe, und was müssten wir tun, um sie richtig zu erfüllen?
SP: Diese Frage stellt sich für mich genauso. Was geschieht mit uns, wenn wir diese Beschleunigung, diese Zuspitzung erfahren? Ich kann das verdrängen, aber letztlich erzeugt der Blick in die Zukunft existenzielle Ängste. Das bringt mich sofort an den Punkt, wie ich mit meinen Ängsten umgehe. Verdränge ich sie und sage mir: alles Verschwörungstheorien? Oder nehme ich alles sehr ernst und kann dann bald vor lauter Angst nicht mehr atmen?
Diese Fragen waren meine Motivation, im Frühjahr dieses Jahrs nach Peru zu gehen. Ich stand an einem Punkt, an dem ich nicht mehr wusste, wie es mit meiner geomantischen Arbeit eigentlich weitergehen soll. Heute haben wir einen ausgeprägten Pluralismus in der Geomantie-Szene erreicht. Es gibt so viele Schulen und so viele ausgebildete Menschen, die alle aktiv sind – was wunderbar ist, aber ich vermisse einen roten Faden. Aber so ist es wohl jeweils am Ende einer Entwicklungsphase, es zerstreut sich zunächst alles. Das ist der falsche Zeitpunkt, in einen Aktionismus zu verfallen. Ich spürte für mich deutlich die Aufgabe, in mich selbst hineinzuschauen: Wie nehme ich mich selbst wahr als Geo­mant? Wie werde ich wahrgenommen? Und wie bin ich vielleicht wirklich? Darauf lassen sich nicht so einfach Antworten finden. Das Selbstbild ist Ergebnis der eigenen Konditionierung, und wie mich andere sehen, ist wiederum deren Konstruktion. Was also steckt wirklich im eigenen Selbst? Der Weg dahin führt über die Wahrnehmung.
An diesem Punkt habe ich angefangen, mich für die Dialogarbeit von David Bohm zu interessieren. Ich konnte diese Methode in meine Arbeit einbringen und erlebte, wie Menschen dadurch in die Lage versetzt werden, Abstand zu gewinnen und sich selbst ganz neu anzuschauen. Aber wenn der Prozess vorbei war, ging man wieder zurück in den Alltag. Das ist ja auch in Ordnung, man muss ja auch essen und Bier trinken. Aber es blieb so wenig von den Erkenntnissen aus dem Dialogprozess übrig …
JH: Im Sinn von Bohm wäre es dann konsequent gewesen, den Prozess zur Realität werden zu lassen. Dann ist auch das Bier, das man trinkt, Teil dieser Dekonstruktion der Konditionierung, die ja im Idealfall nicht zu einer neuen Konstruktion führt, sondern zu einem Zustand, in dem immer die Frage nach dem, „was ist“, innerlich aufrechterhalten wird – so ähnlich formulierte es Krishnamurti. Dieses Fragen kann so verinnerlicht werden, dass es zu einer Haltung wird.
SP: Ja es geht um eine Haltung, um die Wachheit des inneren Beobachters. Aber meine Erfahrung ist, dass man nach einem Dialogprozess doch immer wieder in seine normalen Strukturen zurückfällt. Es ist ein großartiger Weg, wenn man das auch im Alltag nicht verliert und jederzeit in die Position des Beobachters wechseln kann. Aber genau dieser Prozess führte mich an den Punkt, wo mir immer unklarer wurde, wohin mein Weg gehen soll. Alles schien zu einer Beliebigkeit zu verlaufen. Mir wurde klar: So, wie ich bisher Geomantie gemacht habe, will ich nicht weitermachen – ein Büro führen und an den Wochenenden Kurse geben. Ich begann dann mit den Geoformance-Aktionen, da kamen 80 Menschen auf dem Münchener Marienplatz zusammen und begannen spontan einen Dialog mit der symbolischen Ebene des Orts. Das war eine spannende Geschichte, aber ich war nicht zufrieden, da war nicht das Gefühl: „Jetzt habe ich etwas gefunden, das ich die nächsten zehn Jahre weiterverfolgen kann“. Stattdessen sagte eine innere Stimme: „Gehe nach Südamerika!“ Ab diesem Punkt ging alles sehr schnell. Eine Woche, nachdem ich diesen Satz erstmals in mir gehört hatte, war ich in Peru. Ich hatte Kontakt zu einem Therapie-Zentrum für Drogenabhängige im peruanischen Dschungel vermittelt bekommen und war dort eingeladen, geomantisch zu arbeiten. Allerdings nicht sofort. Alle Mitarbeiter des Zentrums gehen zuerst durch den Prozess, durch den auch die therapiebedürftigen Menschen gehen. Dieser Prozess hat für mich die Tore geöffnet. Ich durfte erleben, was es bedeutet, einmal in einem nicht-dualen Raum zu sein. Das führte zu einer tiefen inneren Entspannung: Diese andere Welt ist da, ich habe sie erleben dürfen. Es waren unglaublich intensive Momente, in die Lebensenergie des Planeten einzutauchen, in dieses Pulsieren, und dies in Bildern zu sehen – und zu spüren: Diese Kraft ist unverwüstlich. Sie kann nicht zerstört werden. Das Leben wird bleiben.
JH: Wie muss ich mir den Ablauf dieses Prozesses ungefähr vorstellen?
SP: Es beginnt mit einer Reinigungsphase. In einem nächsten Schritt verabreichen die Schamanen Ayahuasca, während sie dich intensiv begleiten. Zum Abschluss folgt ein Retreat im Dschungel. Dort bekommst du deine Konstitutionspflanze, die dir zweimal am Tag vorbeigebracht wird. In dieser Zeit erinnerst du dich noch einmal alles, was während der vorigen Sitzungen erlebt wurde. Die Pflanze arbeitet in dir wie ein Therapeut. Ich erlebte zum Beispiel ein tagelanges Weinen. Es ging darum, mit den eigenen Verlustängsten zu arbeiten.
Zurück in Deutschland, hatte ich erstmal keinen Plan, kein Konzept. Ich musste mich von einigen Strukturen und Menschen trennen. Dann kam die Erkenntnis, dass ich so, wie ich gearbeitet habe, nicht weitermachen wollte, nicht mehr jeden Tag den ganzen Laden schmeißen und Akquise machen, das ging nicht mehr.
Früher hatte ich immer das Gefühl, dass da ein Schatten über der Welt liegt. Nachdem ich durch diesen jahrtausendealten schamanischen Prozess aus Reinigung, Bewusstseinserweiterung und Retreat gegangen war, wurde für mich deutlich, dass es nur mein eigener Schatten ist. Es war ein Prozess des Authentisch-Werdens und der Entspannung: Die Dinge können so entstehen, wie sie eben entstehen.
JH: Einmal in einem nicht-dualen Raum sein, völlig verbunden sein, die Welt erfahren, wie sie ist, und erkennen, wie man „gemeint“ ist – wie Jochen Kirchhoff es ausdrückt –, das könnte nicht nur ein persönlicher Prozess sein, sondern auch ein kollektiver. Wie könnte sich eine Gruppe von Menschen kollektiv in einen solchen Prozess begeben? Würde dann vielleicht so etwas wie ein moderner „Clan“ entstehen – vielleicht ein Wahl-Clan im Sinn von Wahlverwandtschaft, der sich auf eine gemeinsame Erfahrung des Nicht-Dualen gründet und damit eine völlig neue Beziehung zur materiellen Welt aufbaut? Jetzt hast du dich erinnert, hast vieles hinter dir gelassen. Meiner Beobachtung nach gibt es Menschen, die Samen legen. Sie machen Erfahrungen, die zu der radikalen Entscheidung führen, ihr jetziges Leben so nicht weiterzuführen, und die aus den konventionellen Strukturen aussteigen. Aber wie kann das in einem kollektiven Prozess gelingen? Gehört es zu den Aufgaben der Geomantie, solche Prozesse anzuregen?
Vielleicht können wir ein bisschen weiter in dieser Richtung nachdenken? In den Programmen der Geomantieschulen, in Flyern, Zeitschriften und Internetseiten tragen wir das Selbstbild der Geomantie seit Jahren vor uns her wie auf einem Banner. Aber wieviel konnte davon im Leben wirklich umgesetzt werden?
SP: Auf diesem Banner steht: „Die Einheit wiederherstellen“, aber das war ein Konzept. Es ist ein Unterschied, ob du ein Konzept lebst, ob sich dein Selbstbild einem Konzept anpasst, oder ob du ganz in einen anderen Raum gehst, und eine ständig neu erfahrene Wirklichkeit lebst.
In unserer Sommerakademie in Frankreich habe ich zum Beispiel dieses Jahr gesagt: Wir haben ein Programm, und dieses Programm heißt „Nichts“. Wir schauen jeden Tag genau hin, was dran ist, und entscheiden dann, an welchen Ort wir fahren und was wir dort tun. Das war viel intensiver als in den Jahren zuvor, es gab eben kein konsumierbares Programm, sondern gemeinsame Herausforderungen, denen sich alle authentisch gewidmet haben.
Sicherlich wäre das kollektive Erfahren eines nicht-dualen Raums, ähnlich den Ini­tiationsriten der alten Völker, von grundlegender Bedeutung für die Neuschöpfung eines ökologisch-sozialen Felds. Immerhin schafft es der schamanisch-westliche Weg dieses Therapiezentrums im peruanischen Amazonas, Drogenabhängige innerhalb von neun Monaten zu resozialisieren und spirituell zu heilen. 67 Prozent von ihnen sind nach fünf Jahren nicht rückfällig geworden, auch weil sie ein neues sozia­les Umfeld geschaffen haben. Und da wir Westler letztendlich alle Suchtkranke sind, liegt in diesem Ansatz eine große Chance.
Mein Weg zu dieser „echten“ Erfahrung war eben Peru, aber es gibt natürlich viele andere Wege, man kann das vermutlich auch durch holotropes Atmen oder andere Methoden erreichen.
JH: Für mich war der Zugang die Musik, mit Musik verbinde ich meine tiefsten Erfahrungen. Die verschiedenen Zugänge sind interessant, aber sie sind nicht das Wesentliche, es sind alles persönliche Wege und nicht auf einen anderen Menschen übertragbar.
SP: In diesem Sinn sehe ich den Pluralismus in der Geomantie durchaus positiv. Es ist sehr sinnvoll, wenn jeder intensiv an sich selbst arbeitet. Die Schattenseite dieses Pluralismus ist, dass er den gegenwärtigen Hyperindividualismus fördert, was letztlich zur Isolation führt. Aber diesen Trend kann ich auch positiv nutzen, wenn es gelingt, dass wir über verschiedene Wege wirklich nach innen gehen und unsere Konditionierungen dekonstruieren. Dann schauen wir, was von uns noch übrig ist, und gehen mit einem neuen Impuls wieder daraus hervor.
JH: Und was ist dann unsere Aufgabe? Ich bin nicht sehr glücklich mit dem Wort „Aufgabe“, denn – wer hat sie uns gegeben? Aber das Wort hat für mich eine Wirksamkeit, ich spüre so etwas wie eine Aufgabe, einen Appell, und ich muss nicht wissen, von wem dieser Appell ausgeht. Etwas drängt mich beim Anblick der materiellen Wirklichkeit. Wenn wir uns auf ein Thema wie Geomantie einlassen, dann gibt es verschiedene Möglichkeiten, mit so einem Appell umzugehen. Entsteht daraus ein pädagogischer Impuls, der Menschen zu bestimmten Erfahrungen hinführt? Oder zieht man sich auf sich selbst zurück und lebt nach dem, was man erkannt hat? Ist Geomantie etwas Verschwiegenes, das im Verborgenen wirkt und nur ganz wenige Menschen betrifft? Oder geht es um eine breite Bewegung?
SP: Wenn ich die Entwicklung der Geomantie zyklisch betrachte und auf den Kreis der Himmelsrichtungen projiziere, erscheint es mir, dass wir gegenwärtig im Nordwesten angekommen sind. Wir befinden uns in einem Transformationsprozess, kurz bevor der Zyklus ganz in den Norden eintaucht. Der Norden steht für die Stille, für den Augenblick der Pause. Bei vielen Menschen erlebe ich diesen Zustand des Nordens, das Bedürfnis nach einer tiefen inneren Erfahrung, nach der Stille und der Dunkelheit des Nordens.
JH: Auch in der Zeitschrift drückt sich dieser Moment der Stille aus. Mit dieser Ausgabe setzen wir eine Zäsur, erlauben wir uns, innezuhalten und nachzufragen, was einzelne Menschen aus dem Feld der Geomantie in ihrem Innersten bewegt. Bis zur Ausgabe 20 hatten wir das Gefühl, Themen erschließen und Basisarbeit leisten zu müssen. Ab der Ausgabe 21 sind wir dem Impuls aus der Leserschaft gefolgt, Praxisbeispiele zu zeigen – aber unsere eigenen Anliegen kamen dabei zu kurz. Jetzt öffnen wir uns wieder für eine neue Form und suchen zunächst den Dialog.
Wenn du das Bild der Himmelsrichtungen verwendest: Es gibt ja auch Menschen, die gerade erst anfangen, sich mit Geomantie zu beschäftigen. Sie stehen dann noch nicht im Nordwesten …
SP: Dem Norden entspricht unsere unbewusste Seite. Hier geht es um das, was immer verdrängt wurde, was dem Bewusstsein scheinbar nicht zugänglich scheint. Ich habe das Gefühl, dass zumindest die Geomanten der ersten Stunde heute an einem Punkt angekommen sind, wo es an der Zeit ist, in die Dunkelheit und die Tiefen des Nordens abzutauchen und sich dem Schatten zu widmen. Dieser Klärungsprozess kann auch den Neulingen nützen, und es wäre die Frage, ob man die Zeitschrift für diesen Klärungsprozess nutzen kann.
JH: Mir scheint, dass es vor allem darum geht, die persönlichen Wege transparent zu machen. Und es geht um den Dialog über die Frage: Was haben wir bisher in der Geo­mantie gelernt, was ist relevant für den Weg in eine andere Gesellschaft? Ich spreche in letzter Zeit von der Post-Kollaps-Gesellschaft, denn es ist absehbar, dass irgendeine Art Kollaps des Bisherigen auf uns zukommt. Wenn du eine kraftvolle Vision einer späteren Gesellschaft hast, in der du hoffentlich auch noch vorkommst, kann das die Gegenwart unmittelbar beeinflussen. Womöglich stelle ich nämlich fest, dass mein bisheriges Wissen heute gar nicht mehr anwendbar ist, denn alles läuft viel zu schnell, weder der Einzelne noch die Gesellschaft können das verkraften. Was ist dann zu tun?
SP: Bei mir persönlich ging es darum, die eigenen Verdrängungsmechanismen zu untersuchen. Was für ein Mäntelchen des Strahlemanns trage ich da mit mir her­um, welche Selbstinszenierungen finden statt? Das hat unmittelbar damit zu tun, was ­diese Gesellschaft – global gesehen – inszeniert und was sich im Schatten dieser Inszenierung versteckt.
JH: Seit Robert Kozljaniˇc und Marco Bischof ihre Texte über Genius und Daimon geschrieben haben, ist mir der Schatten sehr nahegekommen. Das Bild, dass der Daimon dein unterirdischer Erdbegleiter ist, dass er als dein Schattenbruder in der Erdwelt mit dir mitwandert, gibt mir einen sehr positiven Zugang zu dem Schatten. Im Schatten sind ganz viele Kräfte gebunden, die man verliert, wenn sie als etwas Verwerfliches verbannt werden. Wenn ich an die Psycho-Kisten aus den 70er- und 80er-Jahren denke, als jeder einen Schatten haben „musste“, mit dem man immerzu zu „arbeiten“ hatte – da war der Schatten eine Bedrohung oder Belastung und nicht der freundliche oder tellurische Begleiter, der dir grundsätzlich wohlgesonnen ist. Der Schatten ist etwas Essenzielles, die Probleme entstehen durch seine Abspaltung, und die unbewusste Abspaltung ist selbstverständlich wiederum auch ein Aspekt des Schattens.
SP: Ja, die Schatten sind ein Teil von mir. Wenn ich sie in bestimmten Situationen durchdringen kann, öffnet sich eine neue Dimension. In Peru habe ich festgestellt: Der Schatten ist das absolute Potenzial, alles ist darin enthalten, aber noch nicht polarisiert.
Der Prozess in Peru hat mir noch eine weitere Schatten-Erfahrung vermittelt. Ich sah in der Trance drachenköpfige Ungeheuer, sie bildeten sich zum Beispiel beim Ausatmen sowohl aus mir als auch aus den anderen Teilnehmern heraus. Warum sie für mich diese Drachengestalten hatten, weiß ich nicht, vermutlich sind das archetypische Strukturen. Ich glaube nicht, dass es Projektionen vorgefertigter Bilder meines Bewusstseins waren, denn ich hatte keinerlei Vorahnung, auf was ich in den Ayahuasca-Sitzungen stoßen würde. Eine Woche, bevor ich dort saß, hatte ich noch nichts von alldem gehört.
Uns waren Purgas, pflanzliche „Reinigungsmittel“, verabreicht worden, so dass tatsächlich im Körper ein Loslösungsprozess vonstatten ging. Erst geben der Magen und die Gedärme alles von sich, dann löst sich auch innerlich alles auf. Dieser Prozess hat meine kategorische Ablehnung der Polarität von Gut und Böse stark in Frage gestellt. Da gibt es offenbar Dinge in mir, die schlicht zerstörerisch und dunkel sind. Diese Dämonen waren meine eigenen Kräfte, die sich externalisierten, damit Raum für Neues geschaffen werden konnte. Es war eine tiefgreifende Erfahrung, dass die Gesänge der Cuanderos, der Heiler, in diesem Dunkel neue Mus­ter bildeten, es war, als würden sie mit Stricknadeln Fäden aus Licht in mir neu zusammenweben. Nach der Reinigungsphase wird unter Ayahuasca dein Ego dekonstruiert. Es ist, als würden die Körperteile abfallen. Es folgten Panikattacken. Ich dachte, jetzt werde ich nie wieder zu einer Körper-Seele-Einheit zurückfinden. Aber die Cuanderos singen jeden wieder in seinen Körper zurück.
Bis zu diesem Moment hat mich der buddhistische Grundsatz geprägt: Das Ego muss sich auflösen. Aber nein, es muss präsent bleiben, damit es deine Körperfunktion aufrechterhalten kann. Mit der Zeit wurde mir klar: Das Ego ist deine Erdung, es hat den Job, dafür zu sorgen, dass ich immer gerade sitzen bleibe und weiß, wo der Eimer ist. Ich habe gemerkt, wieviel Angst an diesem Ich hängt, wieviel panische Angst. In dieser Angst hausen die dunklen Kräfte. Es war für mich wichtig, zu lernen, das Ego in seine Grenzen zu verweisen, damit es seine Arbeit optimal machen kann. Dann benimmt es sich wie ein braver, kleiner Hund. Das Problem in unserer Gesellschaft ist nur, dass wir das Ego mit so viel Dominanz ausgestattet haben, dass es sich selbst maßlos überschätzt und nicht mehr zu beherrschen ist.
JH: Das Ego ist das kleine „ich“ im Gegensatz zum großen Ich. Das kleine „ich“ macht dich hier auf der Erde identifizierbar, ist dein Selbstbild und die Selbstwahrnehmung. Ich habe mich manchmal gefragt, wie denn das Ego erkennen kann, dass es das Ego ist. Dafür muss eben noch eine erkennende Instanz über dem kleinen „ich“ stehen. Irgendwann war mir klar, dass es viele Instanzen gibt, die sich gegenseitig beobachten, einschätzen und an ihren Platz verweisen können.
SP: Und da ist noch diese „Stimme aus dem Off“. Die hat nichts mit dem großen und dem kleinen Ich zu tun. Sie durchdringt alles, ist kristallklar und einfach da.
JH: Diese Stimme aus dem Off muss es offenbar geben, sonst wären wir alle Solipsisten – ich kann mir nichts ausdenken, was ich mir nicht ausdenken kann, und dann gäbe es nichts Unbekanntes, an das sich mein Ausdenken erst mühsam herantasten muss, um es zum Bekannten zu machen. Aber ob diese Stimme tatsächlich zu dir zu spricht oder ob die Kommunikation auf einer völlig anderen Ebene stattfindet, wage ich nicht zu sagen.
SP: Sie kann sich durch archetypische Traumbilder manifestieren; in meiner Erfahrung manifestierte sie sich als Stimme, die von irgendwoher kam, wo nicht „Ich“ war. Ich weiß nicht, ob es die letztendliche Stimme oder eine Instanz des höheren Selbsts ist. Aber die Erfahrung einer Instanz, die dich mit der Anderswelt verbindet, empfinde ich als sehr hilfreich bei dem Prozess, sich mit dem eigenen Schatten auseinanderzusetzen. Ein Feld öffnet sich, zu dem ich früher keinen Zugang hatte.
JH: Die „Stimme aus dem Off“ hat für mich einen kulturbedingten Aspekt, sie ist aufgeladen mit diesem allwissenden und allmächtigen Gott.
SP: Die Stimme ist durchaus ein Aspekt deiner selbst, sie ist nicht die absolute Stimme der Göttin oder des Gottes, aber ich erlebe sie als eine Instanz außerhalb des normalen Bewusstseins. Wie mit allen Stimmen ist das eine gefährliche Geschichte, die leicht zu Psychosen führen kann. Aber in diesem anderen Raum hat das eine andere Qualität. Im Alltag manifestiert sich die Stimme oft in Träumen.
JH: Ich kenne die Unbedingtheit einer solchen Stimme. Wenn du nicht ihr entsprechend handelst, vergeht etwas. Der Entschluss, nach Klein Jasedow zu gehen, war getragen von einer solchen unbedingten inneren Aufforderung, als ginge etwas Wichtiges verloren, wenn wir diesen Schritt jetzt nicht täten.
SP: Es gibt verschiedene gute Methoden, um zu prüfen, ob man mit dieser Stimme einer Projektion aufgesessen ist oder ob man sie „richtig“ gedeutet hat. Alle Synchronizitäten in Bezug auf die Botschaft müssen stimmen. Wenn im täglichen Leben plötzlich alle Hinweise in eine bestimmte Richtung deuten, weißt du: Das war tatsächlich so gemeint. Die Fähigkeit, die Intuition für solche Synchronizitäten zu entwickeln, lässt sich schulen und gesellschaftlich verankern, sei es durch Techniken wie Radiästhesie oder einfach eine präzisierte Intuition.
JH: Diese Schulung zu leisten, hat sich die Geomantie ja seit Jahren auf die Fahne geschrieben. Warum möchtest du aber heute mit deinem Geomantieseminarbetrieb nicht mehr so weitermachen wie bisher?
SP: Ich stelle mir eine viel größere Flexibilität vor, als es in einem konventionellen Kursprogramm möglich ist. Zum Beispiel könnte ich mir vorstellen, dass mehrere Leute in einem Netzwerk einfach die Botschaft in die Runde geben: Wir treffen uns am 21. Juni. Wo, wird sich zeigen, und was wir tun, wird sich auch zeigen, kommt einfach! Ich möchte die Dinge mehr dem Fluss überlassen, weniger präzise vorplanen, nicht ein Skript ausarbeiten und dann umsetzen. Vielleicht müssen die Aktivitäten mit den Menschen, die gerade da sind, entstehen können, und das animiert die Teilnehmenden, ihrerseits ihre Kreativität in den freien Fluss des Felds „Geomantie“ zu geben.
JH: Da wollen wir mal den Skeptiker fragen lassen: Womit willst du in so einem Lebensmodell deine Brötchen verdienen? Wie kannst du so in einer Welt, die nicht spontan und flexibel ist, dein Leben führen und noch deine Aufgabe wahrnehmen?
SP: Es geht, glaube ich, darum, das Programm „Hilfe, ich überlebe nicht!“ abzuschalten und stattdessen zu sagen: Ich vertraue unabdingbar in diese große Lebenskraft. Ich vertraue darauf, dass diese Kraft mich immer versorgen wird, solange ich meiner Aufgabe treu bleibe, solange ich auf meine innere Stimme höre und anhand der Synchronizitäten im täglichen Leben immer wieder überprüfe, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Das geht aber nur, wenn ich den inneren Mangel erlöse, das Gefühl, dass ich gleich untergehe. Um es mit schamanischen Begriffen auszudrücken: „Du musst bereit sein, in das schwarze Wasser zu springen.“
JH: Den Sprung in das schwarze Wasser haben wir alle bereits einmal gewagt: Wir haben uns inkarniert. Am Anfang unseres Lebens steht ja dieser Ur-Akt der Inkarnation, von dem ich glaube, dass wir ihn bewusst vollziehen. Beim Sprung in das schwarze Wasser, ins völlig Unbekannte, verliert man die Bewusstheit darüber, bewahrt aber eine Erinnerung, dass man aus diesem Nicht-Bewussten wieder aufzutauchen hat, um das zu tun, weshalb man diesen Sprung vollzogen hat. Das ist nicht anders machbar, als die ganze Exis­tenz dem sogenannten Unterbewusstsein eines winzigen Embryos zu übergeben. Wir fahren in einem winzigen, fleischlichen Fahrzeug umher. Wenn Kinder anfangen, dieses Fahrzeug zu bedienen, dauert es lange, bis sie im Cockpit soweit sind, dass sie es selbstbewusst steuern können. Davon unabhängig ist ihr Wesen tatsächlich von einer enormen Größe und Weite. Ich durfte in der Arbeit mit Schwangeren mehrfach sehr große Präsenzen von ungeborenen Kindern wahrnehmen. Mir schien, dass ihnen ihre Größe und auch die Bedeutung ihrer jeweiligen Aufgabe jederzeit vollkommen klar war. Das war ein starker Appell an mich, mir auch meiner eigenen Aufgabe – wieder – bewusst zu werden.
Diese Persönlichkeiten wissen, was ihnen mit der Geburt bevorsteht, dass sie die Erinnerung an ihre ursprüngliche Größe verlieren werden. Ich habe jeweils für die schwangere Frau und ihr Kind Gong gespielt. Dabei vermittelte die Präsenz des Ungeborenen etwa eine Botschaft wie: Es ist gut, dass wir hier beisammen sind und dass ich für euch spürbar bin. Eure Erinnerung an diesen Moment wird mir helfen, mich früher wieder an mich selbst erinnern zu können. – Das war für mich eine Schlüsselerfahrung.
SP: Für mich war es der Moment, als die Schamanen mich in meinen Körper zurückgesungen haben. Das Bild des sich inkarnierenden Menschen ist sehr passend für den gegenwärtigen Zustand der Geo­mantie. Wir haben inzwischen gelernt, wie man unterrichtet, wie man strukturiert und Zusammenhänge vermittelt, sind mit wertvoller Erfahrung gerüstet, die wir mitnehmen, wenn wir in das schwarze Wasser des Vergessens springen. Der Durchgang durch die dunkle Seite ist notwendig, um auf der anderen Seite etwas Neues aufbauen zu können. Zum Glück werden wir keine Schwierigkeiten haben, uns an unsere früheren Fragestellungen und Denkweisen zu erinnern – wir haben sie in dieser Zeitschrift dokumentiert. +

 

Siegfried Prumbach ist Diplom-Designer, Geobiologe, Geomant und Bildhauer. Er leitet die Anima Mundi Akademie für integrale Geomantie in Altenkirchen; www.anima-mundi-akademie.de.
Johannes Heimrath, Komponist und Medienunternehmer, ist Chefredakteur der Zeitschrift Hagia Chora und Geschäftsführer des Club of Budapest Worldshift Network; www.worldshiftnetwork.org