Wirksamkeit

Stefan Brönnle, Ulrich Kurt Dierssen und Reinhard Falter

von Reinhard Falter , Stefan Brönnle , Ulrich Dierssen erschienen in Hagia Chora 33/2009

„Was ist Geomantie?“– im Jahr 2000 hatten wir mit ­dieser Frage zu einer Standortbestimmung eingeladen. Die zahlreichen Antworten kamen als Fachartikel einzelner Akteurinnen und Akteure aus dem weiten Feld der Geomantie und füllten zwei dicke Ausgaben. Neun Jahre später schien uns die Zeit erneut reif für einen solchen Akt der Selbstbefragung. Doch sollten es diesmal nicht einzelne Antworten sein, sondern wir wünschten ein gemeinsames Suchen: Gespräche zwischen Menschen, die nach ihrer Aufgabe und nach der Essenz von Geomantie suchen. Wie erlebt sich jede und jeder einzelne im Kontext geomantischer Arbeit, welche Aufgaben oder Herausforderungen werden in diesen für viele Menschen zunehmend schwierigeren Zeiten spürbar? Fotos der englischen Land-Art-Gruppe „Red Earth“ begleiten die drei Gespräche: Das Werk „Outcrop“ aus dem Jahr 2000 ist dem Werden und Vergehen gewidmet.

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Drei Menschen mit unterschiedlichen Zugängen zur Geomantie trafen sich in München zu einem gemeinsamen Gespräch: Reinhard Falter ist den Leserinnen und Lesern als Philosoph, His­toriker und Naturschützer aus vielen engagierten Beiträgen und Artikelserien in Hagia Chora bekannt. Stefan Brönnle leitet seit vielen Jahren Ausbildungen in Geomantie, zunächst im Rahmen des Vereins Hagia Chora, heute in seiner Schule Inana. Ulrich Kurt Dierssen ist Baubiologie und geomantischer Berater.

Stefan Brönnle: Wenn wir persönlich über unsere heutigen Gedanken zur Geomantie sprechen möchten, könnte ein guter Einstieg die Frage nach der Zeitqualität sein. Wie empfindet jeder von uns die aktuelle Zeitqualität?
Ulrich Kurt Dierssen: Was verstehst du genau unter „Zeitqualität“?
SB: Wie sich die Gegenwart anfühlt und welche Themen darin schwingen. Omnipräsent ist ja derzeit das Thema Rezession. Ich merke, wie das Seminargeschäft noch schleppender läuft als in den Vorjahren und stelle mir die Frage: Was ist der Sinn dieser Arbeit? Kann man diese Arbeit zu festen Preisen verkaufen? Oder müsste man es eigentlich ganz anders machen? Allen die Lage erklären und den Hut herumgehen lassen?
Solche unkonventionellen Wege ziehen mich an, obwohl ich auch Angst davor habe. Überlegungen wie diese führen mich schnell an die radikale Frage: „Braucht es Geomantie überhaupt, wird sie vielleicht überflüssig?“ Das könnte ja auch sein.
Deutlicher als die Ausrichtung in die Zukunft ist mir klar, was ich in der Geomantie nicht mehr möchte, zum Beispiel der Anforderung folgen, Geomantie müsse nach klaren Regeln standardisierbar und anwendbar sein, das geht für mich genau in die verkehrte Richtung.
Reinhard Falter: Geomantie nach Lehrbuch scheint also nirgends hinzuführen …
SB: Ja, für mich ist Geomantie eher ein prozessorientierter Weg, und das ist schwierig zu vermitteln. Es geht nicht darum, dass eine bestimmte Gestaltung des Eingangs eine klar vorhersagbare Wirkung hat, sondern es geht um den individuellen Prozess, darum was der einzelne möchte und was er fühlen kann. Sicherlich wirken alle Faktoren, aber eben nicht auf determinis­tische Weise, sondern sie bewegen etwas in deinem Wesen.
UKD: Ich habe mich jahrelang gefragt, was Geomantie eigentlich ist. Heute würde ich sagen, dass durch diese Hinwendung zur Erde letztlich der Mensch mit sich selbst eine Therapie macht. Viele, die an Geomantieseminaren oder Ausbildungen teilgenommen haben, konnten ihr Leben fundamental ändern. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie schnell sich Lebenswege neu ausgerichtet haben, sei es durch einen neuen Partner oder einen neuen beruflichen Weg. Da gab es regelrechte Explosionen!
SB: Hat sich auch in dir etwas durch die Geomantieseminare verändert?
UKD: Ich habe gemerkt, dass der Blick auf die Landschaft und die Gebäude, der Blick nach außen, sinnvoll ist, weil ich dadurch indirekt viel über mich selbst erfahre. Ich bin ruhiger geworden. Es ist für mich gar nicht wichtig, was ein Geomant im einzelnen tut, letztlich kommt es darauf an, was in seinem Inneren wirkt.
SB: Aber du beschäftigst dich viel mit dem „Außen“, mit Baubiologie, Schimmel-Sanierung oder Elektrosmog …
UKD: Auch das ist Lebensberatung im weitesten Sinn. In erster Linie ändere ich das Umfeld der Menschen baubiologisch, aber auch auf einer seelischen Ebene wird dadurch etwas bewegt. In der Mehrzahl der Fälle wollen meine Kunden, dass ich diese spannenden Geräte einsetze und messbare Ergebnise vorweise. Aber wir kommen immer wieder auf Themen, die mit dem Messbaren nichts zu tun haben, tauchen ins Spüren ein, so dass es ganz schnell um Lebensfragen geht. Kürzlich war ich in einem Haus, in dem die Leute nicht schlafen konnten. Ich habe dann vorgeschlagen, eine riesige Druse, die als Lampe missbraucht worden war, aus dem Haus zu tragen. Das hat die Hausfrau selbst gemacht, die Druse in den Garten gestellt – und plötzlich hat sie zufrieden tief durchgeatmet. Dann denke ich: Wow – was bewegt sich in so einem Moment?
SB: Im Grund ähnelt dieses Vorgehen einer systemischen Therapie. Man verändert Positionen im Außen, und pötzlich ändert sich etwas im Innen.
RF: Wie bist du darauf gekommen, dass die Druse in diesem Raum negativ wirkte?
UKD: Mich hat die Druse „angesprungen“, und dann habe ich radiästhetisch gefragt, wie sie wirkt. Das Ergebnis war, dass im Schlafzimmer nicht ihr richtiger Platz war, sie gehörte nach draußen. Während der radiästhetischen Abfrage fing ich furchtbar an zu schwitzen, wahrscheinlich, weil ich es mit so einem starken Objekt zu tun hatte. Die Rückmeldung der Bewohner, dass sich etwas geändert hat, seit die Druse im Garten steht, freut mich. Ich muss gar nicht wissen, was dabei genau passiert ist.
RF: Auch die Bewohner müssen es nicht unbedingt wissen, sie merken, dass ein Prozess in Gang kommt. In der Homöopathie kann das ähnlich sein, man spürt, dass etwas in dir arbeitet, kann es aber nicht genau bestimmen. Hierzu gibt es allerdings eine verstehbare Theorie, beispielsweise die Ähnlichkeitsregel.
SB: Bei solchen Prozessen gibt es immer eine Rückkopplung zwischen Außen und Innen, Materie und Geist, wobei ich den Geist gar nicht als etwas von der Materie Getrenntes definieren möchte. Nur in unserem gängigen Weltbild ist das so. Die Erde, diesen Tisch hier, betrachten wir als materiell. In der Geomantie bemerken wir nun, dass dieses Materielle etwas in unserem Wesen, im nicht-materiellen Bereich bewegen kann. Sobald wir nach Geist und Materie fragen, schließt sich natürlich gleich die Sinnfrage an: Warum sind wir überhaupt hier? Was ist unsere Aufgabe?
UKD: Warum arbeite ich als Geomantieberater, was ist mein Motiv? Ich frage mich auch gesellschaftlich: Wo wollen wir denn eigentlich hin? Die individuelle Beratertätigkeit ist natürlich in einen gesellschaftlichen Kontext eingebunden.
Vielleicht ist es auch Spiegel gesamtgesellschaftlicher Paradigmen, dass ich mich z. B. lange Zeit damit beschäftigt habe, den „guten Platz“ – als sei das etwas absolut „Gutes“ – zu finden. Inzwischen frage ich: Was ist der gute Platz für „diesen“ Menschen? Ist er das in diesem Moment oder für die nächsten fünf Jahre?
Ich habe erlebt, dass Kinder manchmal einen starken Impuls haben, in ihrem Zimmer umzuziehen, sie suchen nach einer neuen energetischen Qualität und wollen davon etwas lernen. Wenn ich jetzt als Radiästhet sage: „Bloß nicht an einen aufregenden oder kraftabziehenden Platz gehen“, nehme ich dem Kind unter Umständen eine wichtige Erfahrung.
RF: Das „Wach-im-Strom-Sein“ von Kindern drückt sich eigentlich immer in Veränderungen aus, auch in Bezug auf die Umgebung: An welchem See will ich heute baden gehen, fragen sich Kinder und werden von ganz verschiedenen Orten angezogen, während sie aufwachsen.
UKD: Mich beeindruckt, wie vieles, worüber ich erst lange nachdenken muss, für meine Söhne, die jetzt 18 und 21 Jahre alt sind, ganz selbstverständlich ist. Vielleicht ist doch global ein Prozess in Gang, den man „Erdwandlung“ nennen könnte, in dem sich das Bewusstsein ändert, und das findet auch in einer jüngeren Generation seinen Ausdruck.
RF: Da würde ich jetzt etwas dagegenhalten. Ich gehöre sozusagen zu der grünen Aufbruchsgeneration, bin mit 20 Jahren zu den Grünen gegangen. Wir dachten damals ganz naiv, dass wir in unserer Generation die „besseren Menschen“ sind, die alles anders machen als unsere Eltern. Heute scheint mir die junge Generation zwar weniger naiv, aber vor allem ist sie perspektivlos. Sie wissen, was sie verursachen, indem sie in der schönen Konsumwelt mitspielen, aber sie sehen keine Alternative. Die Jugendlichen finden einen Aufklärungsvortrag über Mobilfunk inter­essant, aber sie wollen trotzdem das neue Foto-Handy, viele sehen dieser Inkonsequenz sogar bewusst ins Auge.
SB: Diese Ratlosigkeit in Bezug auf die Zukunft bemerke ich auch bei mir selbst. Ich weiß nicht, ob im nächsten Jahr nicht alles genau andersherum laufen wird, als ich heute plane. Dieses Jahr habe ich z. B. nach langer Zeit mal wieder einen Radiästhesiekurs angeboten und habe sehr gezweifelt, ob er zustandekommen würde, und es war der bestbesuchte Kurs des Jahres. Es ist individuell wie gesellschaftlich nicht mehr möglich, sich eine kontinuierliche Entwicklung in die Zukunft hinein vorzustellen.
RF: Auch das Gefühl, dass es auf jeden Einzelnen ankommt, ist nicht mehr sehr verbreitet. Weil man eben sowieso nicht weiß, was für Folgen das eigene Handeln haben wird. So entsteht eher die Haltung: „Schauen wir mal, was auf mich zukommt.“ Das hat ja auch etwas Positives, z. B. die Loslösung von festen Vorstellungen, wie das ideale Leben auszusehen hat: Kleinfamilie, Reihenhaus, guter Job. Solche festen Vorstellungen beobachte ich bei den Jüngeren weniger.
SB: Hattest du selbst denn früher solche Vorstellungen?
RF: Ich persönlich eher nicht, aber in meiner Generation war das sehr verbreitet. Keiner wollte es zugeben, aber viele haben doch die konventionelle Kleinfamilie gelebt. Die Jüngeren heute sagen eher: „Mal schauen …“, und darin sehe ich nicht nur Opportunismus, sondern auch die Bereitschaft, zu spüren, was als nächstes dran ist. Andererseits beobachte ich auch, wie die Fähigkeit zur Reflexion und das Bildungsniveau bei den Jüngeren kontinuierlich zurückgeht. Ich biete jedes Jahr an der Volkshochschule einen Crashkurs „Abiturwissen Geschichte“ an, da merke ich das deutlich. Schuld daran ist auch der Lehrplan, alles wird in Segmenten unterrichtet: ein Semester Außenpolitik, ein Semester Innenpolitik. Wehe, du fragst, wie denn die Innenpolitik mit der Außenpolitik Bismarcks zusammenhing, da erntest du blankes Erstaunen: Wie kann man nur Stoff-Komplexe aus zwei unterschiedlichen Semestern mischen?
An diesem Rückgang im Bildungsniveau macht mir die meisten Sorgen, dass damit die Fähigkeit verlorengeht, an dem, was durch unsere kulturelle Tradition geschaffen wurde, selbst kritisch anzuknüpfen. Es fehlt an den Zusammenhängen, so dass ein Teil der Kultur verschwindet.
SB: Ja, es gibt diesen Teil der Gesellschaft, der den Weg in eine immer größere Ignoranz geht, aber es gibt auch noch einen anderen Teil, der wirklich etwas bewegen möchte. Doch ich habe das Gefühl, dass diesen Menschen die Utopie fehlt. Es fehlt die gesellschaftliche und politische Utopie, die, auch wenn sie nicht zu verwirklichen ist, immerhin ein Ziel ist, auf das alle zusteuern! In den 60er-Jahren war es einfach, eine Gegenbewegung zu dem autoritären Nazi-Sumpf der Vergangenheit zu starten, damals entstanden die Ökobewegung und andere soziale Bewegungen, und man hatte immerhin das Ziel: So nicht!
RF: Ja, man dachte in Alternativen, manche zogen sogar in Erwägung, in die DDR auszuwandern. Heute hat zumindest in den westlichen Bundesländern niemand mehr ein anderes politisches System erlebt, hat weder ein positives noch ein negatives Beispiel und kann daher Alternativen nur sehr schwer denken.
Ich erlebe oft, dass die Menschen im Osten, die vor 20 Jahren den letzten Umsturz erfahren haben, in gewisser Weise historischer denken als diejenigen im Westen. Sie können sich vorstellen, dass auch dieser Laden mal kippt. Gerade weil im Frühjahr 1989 alles noch alternativlos und perspektivlos schien, aber im Herbst die Mauer tatsächlich weg war.
SB: Auch bei mir merke ich die Politikverdrossenheit. Ich gehe brav wählen, aber ich nehme nicht mehr so intensiv Anteil am Geschehen wie früher. Die Parteien und Personen sind beliebig und austauschbar geworden. Kommunalpolitik hingegen scheint mir interessanter, da habe ich konkrete Ansprechpartner.
RF: Auch bei den Beamten erlebe ich zunehmende Gleichgültigkeit. Ich habe viel mit dem Umweltministerium zu tun, und da regt sich niemand mehr über verlogene politische Manöver auf, das gehört zum Alltag. Alle wissen: Für die Haushaltssperre ist schon alles vorbereitet, vor der Wahl wird noch schnell Geld ausgegeben und Projekte werden hochgejubelt, damit nicht zu viele Leute die Linke oder die NPD wählen, und nach der Wahl wird dann der Hahn zugedreht. Haben wir uns denn mit dieser Situation abgefunden?
UKD: Ich wähle inzwischen Splitter-Parteien, worauf ich früher nie gekommen wäre, denn was sollen die etablierten Parteien noch bewirken, selbst die Grünen kann man nicht mehr wirklich wählen …
RF: Wobei ich den Aufstieg und Niedergang der inhaltlichen Arbeit der Grünen hautnah miterlebt habe und sagen muss, dass das nicht eine Ansammlung besonders schlechter und karrieresüchtiger Menschen war – Fischer mal ausgenommen –, sondern diese Anpassung wäre jeder Partei in den parlamentarischen Zusammenhängen so passiert. Das ist natürlich keine Entschuldigung. Diejenigen, die damals nicht, wie wir, 20 Jahre, sondern 40 Jahre alt waren, hätten erkennen müssen, dass Partei im spätkapitalistischen Staat kein Weg ist, um Inhalte zu vertreten, schon gleich gar nicht solche, die kurzfristigen Interessen im Weg stehen.
SB: Bedeutet all diese Ziellosigkeit, dass man jetzt abwarten muss, bis ein ­neuer geis­tiger Input in die Gesellschaft kommt?
UKD: Da ist dieses Gefühl, zu „schwimmen“, vielleicht wie in einem Fisch- oder Vogelschwarm, wo du gar nicht sagen kannst, wer jeweils führt, wer mit einem Flügelschlag die Richtung bestimmt.
RF: Es ist eine gute Zeit, um Konzepte für die Schublade zu entwickeln. Die historische Erfahrung zeigt, dass sich solche diffusen Situationen überraschend schnell ändern können, und dann fehlt es oft an zukunftstauglichen Konzepten.
UKD: Für mich folgt aus der äußeren Situa­tion im Moment die Rückbesinnung auf mich selbst. Was kann ich denn direkt in meinem Umkreis tun? Und da kommt für mich wieder die Geomantie ins Spiel. Auf diesem Weg kann ich wahrnehmen, was meine unmittelbare Umgebung braucht. Kürzlich ging bei uns ein Dorfladen kaputt, der ist aus der Bürgerschaft in Form einer Genossenschaft wieder neu aufgebaut worden. Mein energetisches Gefühl war dazu, dass die Verbindung zwischen Bürgerschaft und dem Laden noch nicht stark genug ist, und dazu habe ich eine geomantische Intervention angeboten, die enorme Resonanz hatte.
Dass wir keine visionäre politische Führung mehr haben, ist meiner Ansicht die Chance für den einzelnen, jetzt zu sagen: Ich unternehme etwas auf eigene Faust.
SB: Eine Gesellschaft der Individuen …
RF: Man darf natürlich nicht vergessen, was mit den übergreifenden Strukturen immer noch an Positivem verbunden ist. Der Naturschutz zum Beispiel hat bis ca. 1990 vom demokratischen Impuls profitiert und ist auch selbst in seiner Struktur demokratischer geworden. Aber seit den letzten 20 Jahren lebt er im Wesentlichen von der undemokratischen EU-Bürokratie. Die Leute vor Ort, die Gemeinderäte und sonstigen Institutionen, würden viel mehr zubetonieren, aber die nicht mehr kontrollierbare EU setzt ihre Normen und Konzepte dagegen.
Viele der in den 70er- und 80er-Jahren erkämpften Verbesserungen wären mit Sicherheit im neoliberalen Klima der letzten 20 Jahre rückgängig gemacht worden, wenn sie nicht inzwischen im EU-Recht festgeschrieben wären.
SB: Um diese Fragen wieder zurück auf meinen Beruf zu spiegeln – ich frage mich, ob all das heißt, Geomantie noch stärker zu individualisieren …
RF: Ist das nicht bereits der Fall?
SB: Es gibt viele Richtungen, die nicht auf Individualität setzen. Zum Beispiel diejenigen, die auf das klassische Feng Shui pochen und alles andere als unzulässigen Synkretismus bezeichnen. Oder die sich auf das messtechnisch Erfassbare beschränken. Es ist spannend, sich mit physikalisch messbaren geomantischen Einflüssen zu befassen, aber was ich schwierig finde, ist Kausaldenken nach dem Motto: „Dort ist eine Wasserader, und deswegen wird der Mensch krank.“
Auf der anderen Seite stehen die künstlerischen Herangehensweisen: Jemand gestaltet etwas und sagt sich, die Gestaltung und die individuelle Erfahrung an diesem Ort stehen für sich, andere können es auch erfahren – oder eben nicht.
Wenn Reinhard von den Konzepten in der Schublade spricht, dann frage ich mich: Was für eine Art von Geomantie braucht es denn in einer späteren Gesellschaft? Wie sieht eine konkrete Praxis aus, wie die Vermittlung? Ich frage mich das sehr intensiv. Interessant finde ich, dass die Position eines Schamanen in traditio­nellen Kulturen immer der Rand der Gesellschaft ist, er lebt teilweise außerhalb der Dorfgemeinschaft und darf Tabus überschreiten. Zu seinem Aufgabengebiet gehört unter anderem das, was wir, in die Moderne übersetzt, Geomantie nennen.
Wenn dieses Außerhalb-Stehen des Schamanen nun zum Wesen der Geomantie gehört, liegt die Geomantie heute völlig falsch, wenn sie versucht, im Mainstream Akzeptanz zu finden, Berufsverbände zu gründen etc. Dann müssten wir sagen: Nein, wir müssen ganz individuell bleiben, bloß keine Berufsverbände!
RF: Aus dem Naturschutz weiß ich, wie wichtig Verbände sind, obwohl damit die ganze Problematik der Standardisierung einhergeht. Aber darüber hinaus gibt es auch die Ebene, auf der man nicht standardisiert, sondern in einer fragenden Haltung zu verstehen versucht, was eigentlich wirkt. Meines Erachtens gibt es z. B. tatsächlich keine wirklich adäquate Theo­rie der Homöopathie. Gerade gute Homöopathen, von denen ich einige kenne, wehren sich gegen die typischen Modell-Vorstellungen. Sie sagen, was zählt, ist einfach nur die Erfahrung von Wirkungen. Die Frage „warum“ ist etwas für die Philosophen. Ich bin nun nicht der Arzt, sondern der Philosoph. Mich interessiert, in welchen Kategorien sich über das, was dort wirkt, sprechen lässt. So eine Herangehensweise muss nicht unbedingt zu Standardisierung und Normierung führen.
SB: Ich emfpinde mich nicht in erster Linie als Therapeut oder Erdheiler, sondern als Gestalter. Sicherlich wirken meine Gestaltungen auf Menschen ein, aber ich darf mich vor der Wirkung nicht fürchten und für jeden Schritt einen medizinischen oder psychologischen Fachmann zu Rate ziehen. Ein Architekt gestaltet ja schließlich auch ein Haus ohne therapeutischen Hintergrund, und wenn er und der Bauherr sich im Bau verwirklichen, ist es gute Architektur.
Vielen Architekten ist auch die Wirkung ihrer Bauten bewusst, ich denke da an die Architekten von der „Coop Himmelblau“. Die sagen, Architektur muss brennen, muss bluten, muss weh tun. Das ist natürlich einem Zeitgeist geschuldet, der sich auch in Bungee-Jumping und Piercing ausdrückt. Aber eine Architektur, die aufwühlt und weh tut, finde ich noch tausendmal besser, als wenn sie gar nichts in mir bewegt, sondern wenn alles nur lauwarm bleibt.
RF: Der Schmerz lässt einen aber auch abstumpfen. Das ist Selbstschutz. In der U‑Bahn allsinnlich offen zu sein, ist keine besonders gute Meditationsanweisung.
SB: Sicher, der Geomant oder Architekt muss für die Wirkung des Gebäudes im unmittelbaren Umfeld und in der Gesellschaft Verantwortung übernehmen, der Geomant insbesondere in Bezug auf die Erde. Ich muss fragen: Was ist gut für meinen Klienten, und was ist gut für den Ort? Was kann ich verantworten?
UKD: Daran schließt sich wieder die Frage nach den überprüfbaren Fakten an. Lassen sich Wirkungen über das subjektive Empfinden hinaus beurteilen?
SB: Ich beschäftige mich seit Jahren intensiv mit der Frage, wie unsere Wahrnehmung funktioniert. Was du wahrnimmst, wird immer durch deine Weltsicht eingefärbt, durch deine Grundhaltung. Als optimistischer Mensch werde ich selbstverständlich stärker auf das Positive aufmerksam als ein Pessimist.
In diesem Sinn muss jede geomantische Gestaltung, abhängig von der Einstellung der einzelnen, bei den verschiedenen Menschen verschiedene Wirkungen erzielen. Dennoch stelle ich mir die Frage, ob es irgendeine Art von Parametern gibt, Wirkung zu objektivieren.
Müssten wir Hunderte von psychologischen Fragebögen verteilen, um eine Aussage über die Wirkung einer bestimmten Raumgestaltung treffen zu können? Geht es den Menschen nach einer geomantischen Beratung aufgrund des Placebo-Effekts besser, hat etwas kausal gewirkt, ist radiästhetisch oder messtechnisch etwas feststellbar, oder lag die Wirkung eher auf der Ebene der systemischen Psychologie? Stand diese Druse, von der wir eingangs gesprochen haben, für ein Ereignis in der Vergangenheit der betroffenen Person und musste deshalb vor die Tür gestellt werden? Oder stand sie für etwas ganz anderes?
Kürzlich habe ich im Internet ein Video über einen Feng-Shui-Test gesehen. Der Aufbau des Experiments genügte sicherlich nicht wissenschaftlichen Standards, aber es war interessant. Von 20 Personen haben sich 14 in das nach Feng Shui gestaltete Zimmer gesetzt, aber nur sechs Personen in das andere Zimmer. Solche Tendenzen deuten immerhin darauf hin, dass das, was heute unter dem Label Feng Shui umgesetzt wird, eher Wohlgefühle hervorruft. Sind solche Untersuchungen sinnvoll? Ich bin mir da nicht sicher …
UKD: Im letzten Jahr habe ich das Ammersee-Projekt begleitet, indem ich vor und nach geomantischen Aktivitäten am Ammersee das Wasser mit Dunkelfeld-Mikroskopie untersucht habe. Tatsächlich zeigten sich nach der geomantischen Arbeit im Wasser Strukturen, die dort sonst nicht zu finden sind. Es tut sich also „etwas“. Aber wie und was, das sagen solche Bilder freilich nicht. Aus meinem Gefühl heraus würde ich sagen: Wenn etwas mit Herz und Seele getan wird, dann strahlt von diesem Tun irgendetwas aus, eine Art Aura, und das Wasser reagiert darauf. Diesen Effekt sehe ich womöglich als außergewöhnliche Strukturen im Wasser unter dem Mikroskop.
RF: Kannst du aufgrund von Parallelen zu anderen Untersuchungen sagen, womit die­se Strukturen korrespondieren, welchen Qualitäten sie entsprechen?
UKD: Aus der Arbeit mit spagyrischen Heilmitteln gibt es Erfahrungen, z. B. bestimmte Strukturen, die zu Arnika, Belladonna oder Pfefferminze gehören. Jede Heilpflanze hat ihren eigenen Fingerabdruck, das ist spannend. Aber wie ich den Fingerabdruck verschiedener geomantischer Aktivitäten deuten könnte, wüsste ich noch nicht.
RF: Es könnte ja sein, dass durch die Tätigkeiten an diesem See, sei es durch Tönen oder eine Meditation über die Farbe Violett, im Wasser eine Struktur entsteht, die dich zum Beispiel an die Struktur der Linde in der Spagyrik erinnert.
SB: Bei solchen Aktionen wie dem Ammersee-Projekt frage ich mich immer: Was ist es denn, was Erdheilung ausmacht? Wenn sich die Erde tatsächlich gerade als Wesen wandelt, dieser gigantische Organismus, und ich vielleicht 0,1 Prozent Ahnung davon habe, was vor sich geht, ist es dann nicht arrogant, wenn ich meine, diesen Prozess therapeutisch unterstützen zu können? Behindere ich damit womöglich wichtige Entwicklungsprozesse?
Ich war in den letzten Jahren auf vielen Esoterik-Messen unterwegs und in Kontakt mit den verschiedensten Weltsichten. Überall ging es um den Maya-Kalender und das Wassermann-Zeitalter. Damit habe ich mich intensiv auseinandergesetzt und festgestellt, wieviele verschiedene Lesungen und Deutungen es gibt.
Gestört hat mich insbesondere die Haltung vieler Menschen, dass man gar nichts tun müsste, weil im Jahr 2012 sowieso die große Erleuchtung oder Wandlung der Erde stattfinden würde. Ich bin mir sicher, dass gar nichts Derartiges stattfinden wird, solange wir uns nur innerlich zurücklehnen und abwarten. Nur wenn Reibung und Auseinandersetzung mit der Frage „Passiert etwas oder nicht?“ anhand des Datums 2012 stattfinden, mag das auf der seelischen und später auch auf der praktischen Ebene etwas bewegen.
RF: All die Revolutionsvorhersagen gehen mit dieser Ambivalenz einher, von der du sprichst. Das war auch eine Eigenschaft des Marxismus im 19. Jahrundert, er ent­hielt ja neben seinem aktionistischen Aspekt auch die Vorhersage einer Gesetzmäßigkeit, dass auf den Feudalismus logisch der Kapitalismus folgt und darauf der Sozialismus. Das war sehr ambivalent. Einerseits braucht man solche Visionen, um überhaupt etwas zu bewegen, andererseits wirken sie beruhigend, weil sie von einer Gesetzmäßigkeit sprechen, die sich ohne Zutun des einzelnen verwirklicht. So führen sie auch zu Passivität.
UKD: Die Reibung, von der wir vorhin gesprochen haben, finde ich einen wichtigen Aspekt. So halte ich es mit dem Thema „Erdwandel“. Ich reibe mich an diesem Thema, gehe in die Auseinandersetzung, und vielleicht liegen in solchen Prozessen Wandlungsmomente. Darin liegt für mich ein Wert der Geomantie.
SB: Diesen Weg gehe ich gegenwärtig auch, ich suche die Reibung und die authentischen, persönlichen Wandlungsprozesse. Aber ich merke, wie schwierig es ist, zu vermitteln, dass ich als geomantischer Berater eben nicht komme und sage, was momentan schlecht ist und wie nach der Beratung und geomantischen Gestaltung alles gut wird, sondern dass ich zu einem gemeinsamen Prozess herausfordere.
Das ist kein zielloser Prozess, darin liegt sicherlich auch eine Fokussierung, aber letztlich geht es doch um dieses Warten und Wirkenlassen, um das Zulassen von Reibung und die Qualität des Hinhörens. Es kommt vor, dass Kundinnen oder Klienten diese Herangehensweise zu anstrengend ist und sie plötzlich nichts mehr von sich hören lassen. Aber nach drei Jahren melden sie sich wieder und sagen: Jetzt bin ich so weit. So etwas gibt mir immer Hoffnung. Das sagt mir auch: Geomantie ist ein Weg in die Individualität. Man kann sie nicht definieren. 

 

Stefan Brönnle ist studierter Landschaftsplaner, Autor mehrerer Bücher über Geomantie und Wahrnehmung, geomantischer Berater und Gestalter und leitet die Geomantieschule Inana; ­infowww.inana.info
Ulrich Kurt Dierssen, Fotograf und Freizeitpädagoge, seit 1995 als Baubiologe und geomantischer Berater tätig, forscht zu Wasserenergetisierung, Mitautor des Buchs „Der Mensch im Kraftfeld der Technik“; www.ulrichkurtdierssen.de
Reinhard Falter, Historiker und Philosoph, arbeitet zur Zeit an einer Geschichte des Naturschutzes und an einem philosophischen Buch „Struktivität – das homöopathische Wirkprinzip verstehen!“; inatphilprax@gmx.de