Aus Lust und Liebe

Eine Herzensbegegnung mit dem Ammersee und seinen Orten

von Annette Stuffer erschienen in Hagia Chora 32/2009

Eine Gruppe von Geomantinnen und Geomanten fand sich zu Projekttagen rund um den Ammersee zusammen.

An dem Projekt, das ich hier beschreiben möchte, ist vieles bemerkenswert. Wie es entstand, wer sich zusammengefunden hat, die Motivation der Beteiligten, der See selbst und seine Orte. Ich will versuchen, in meinem persönlichen Bericht die besondere, dem Projekt innewohnende Energie mit Worten zu umkreisen.
Auf die Frage einer Freundin, ob ich in ihrem neu eröffneten Geschäft in Dießen am Ammersee einen Vortrag über Geomantie halten würde, dachte ich spontan: „Nein, ich habe keine Lust, zum x-ten Mal in einer Stunde zu erklären, was Geomantie ist.“ Da ich die Freundin nicht hängen lassen wollte, stellte ich mir selbst die Frage „Worauf hätte ich denn stattdessen Lust?“. Aus meinem Inneren stieg daraufhin klar und deutlich der Gedanke auf: „Mache konkret etwas über den Ammersee und seine Orte.“ Der Satz war wie ein Ruf, und ich wollte ihm folgen.
Da ich selbst am Ammersee noch nicht geomantisch geforscht hatte, fragte ich per Mail einige Kollegen, ob sie mir interessante Plätze oder Kontakte nennen könnten. Als die Antworten kamen, war ich überrascht, wieviel an geomantischem Wissen rund um den Ammersee bereits existiert. Ich dachte, ich muss den Vortrag ja nicht alleine halten, und fragte die Einzelnen, ob sie Lust hätten, sich einzubringen. Nach den ersten Telefonaten war klar: Wir haben Stoff für ein ganzes Wochenende. Ich vertraute mich dem Fluss der Energie an, und aus dem geplanten einstündigen Vortrag über Geomantie wurde ein geomantisches Erlebniswochenende mit 15 Mitwirkenden.

Vortreffen der Mitwirkenden
15 Menschen, bis auf drei alle Geomanten aus den verschiedensten Schulen und Ausbildungsrichtungen und aus dem Raum Augs­burg, Stuttgart, Leipzig und rund um den Ammersee kommend, haben sich drei Tage im August 2008 getroffen, um das Ammersee-Projekt, wie es jetzt schon hieß, vorzubereiten und sich kennenzulernen. Der Ammersee empfing uns mit einer Intensität und Qualität von reiner Liebe, die einige von uns, die im Vorjahr in Israel waren, in ähnlicher Qualität am See Genezareth erlebt hatten. In einer Vision, empfangen in der Kirche St. Jakob in Schondorf direkt am Ammersee, offenbarte sich ein Bild von einem Geschehen aus der Vergangenheit. Einige von uns sahen, wie ein Mann vor ca. 1000 Jahren in bedingungsloser Liebe für seine Mörder stirbt. Uns schien, dass dadurch die mächtige Kraft seiner Liebe an diesem Ort bis heute verankert blieb. Historisch gesehen, waren zu der damaligen Zeit Pilgerreisen ins Heilige Land nicht unüblich, und die Nähe der ­Vision mit dem Christusgeschehen war deutlich. Die Botschaften, die unser Ammersee-Projekt mit Israel und den Personen Jesus und Maria Magdalena verknüpfen, häuften sich. Als wiederkehrendes Thema begegneten uns in den Orten Andechs, Dießen und Schondorf und im See immer wieder das Weibliche und das Männliche mit der Botschaft, dass es um die Vereinigung des Sinnlichen mit dem Geis­tigen geht.
Da es über das Ammersee-Projekt in München TV und in Astro TV einen Bericht gab, hatten wir beim Vortreffen zwei Kameraleute dabei. Die Idee war, uns an verschiedenen Orten beim Tönen zu filmen, und das als Einstieg für den Bericht zu senden. Erst war uns allen mulmig, „auf Befehl“ vor einer Kamera zu tönen, und die ersten Tage verstrichen in dieser Beziehung quasi lautlos. Erst am letzten Tag unseres Treffens fassten einige von uns Mut, und wir tönten einfach in unserem Besprechungsraum. Nach den ersten Klängen hatten wir alle die Kamera samt Kamerafrau in unserer Mitte vergessen, und ich hatte den Eindruck, wir tönten unsere Erlebnisse der vergangenen zwei Tage und die Wärme der Gruppenenergie. Es war kraftvoll und wunderbar. Von Kopf bis Fuß energetisiert fuhren wir direkt danach nach Schondorf wieder zu St. Jakob und dann noch auf eine Keltenschanze oberhalb von Utting, um auch dort zu tönen. Beide Orte haben sich durch uns vollendet ausgedrückt, war mein Gefühl. Der Ort war wir, und wir waren der Ort.
Nun war unser Vortreffen vorbei, und wir fuhren alle wieder nach Hause. Einige von uns mit teilweise heftigen Nachwehen bis in die Träume hinein, um die tiefgehenden und unglaublich intensiven Erlebnisse des Wochenendes zu verarbeiten.
Nun hatten wir den See, die Orte und uns gegenseitig kennengelernt, und es war uns klar geworden, dass wir beim Ammersee-Projekt nicht so sehr theoretisches Wissen vermitteln wollten, vielmehr wollten wir Menschen mitnehmen, so wie wir in die Tiefe und Liebe dieser Natur einzutauchen.

Das Konzept entsteht
Wasser streicheln, Liebe des Sees spüren, Vertrauen gewinnen in das eigene Gespür, wirklich in Kontakt kommen, die Energie des Orts aufnehmen und durch schöpferisches Tun wieder abgeben, den Raum für Herzensbegegnung öffnen: Das waren die Punkte, die wir in ein Programm umsetzen wollten.
Diese Phase hat von mir als Organisatorin das meiste Vertrauen eingefordert, und oft fiel es mir schwer, in der neuen Energie zu bleiben. Alle Referenten folgten ihrer inneren Stimme, schauten, wo ihre größte Lust beim Tun war, und ich bekam wöchentlich andere Ideen zu Beiträgen. Erst wenige Tage vor Druck des Flyers stand das Programm. Es stellte sich später als genau das Richtige heraus, sowohl was das Wetter betraf, wie auch die Besucherzahlen.
Der offizielle Teil des Projekts verlief vom 10. bis 12. Oktober 2008. Der Freitag Abend war zum Schnuppern konzipiert, sechs Referenten näherten sich dem Thema Geomantie aus ihrer spezifischen Sicht der Kunst, der Spiritualität, der Baubiologie und der Musik. Samstag Vormittag hörten wir im ersten Teil einen Vortrag über die großen landschaftlichen Zusammenhänge vor Ort und den Einfluss der geologischen Entstehung auf die energetische Situation. Im zweiten Teil wurde das Chakren-System von Schondorf von der Kirche St. Jakob den Berg hinauf bis zu St. Anna begangen. In St. Jakob, dem Wurzel-Chakra, folgten wir dem spontanen Impuls zu tönen, es klang wie Engelsgesang, und wieder bildete diese besondere Kirche den Raum, in dem tiefste Begegnung mit dem Ort möglich wurde. Der Nabel von Schondorf war früher ein runder Brunnen, heute ist direkt daneben ein Kreisverkehr, der die Funktion übernommen hat. Auf Höhe des Kehlkopf-Chakras wird das Energiesystem von Schondorf durch die Straße und Bahnlinie durchschnitten. Die Energie muss sich durch eine enge, dunkle Fußgängerunterführung quetschen. Nach dem Besuch von St. Anna, dem Scheitel-Chakra, haben einige noch einen Abstecher zu der Kirche Heilig Kreuz gemacht. Der Pfarrer dieser Kirche hat Jesus buchstäblich vom Kreuz genommen. Das schwere, riesige Holzkreuz steht am Eingang nach der Orgelempore. Jeder Besucher geht unter dem Kreuz hindurch und auf den nun wie mit ausgebreiteten Armen über dem Altar schwebenden Jesus zu. Die Kirche ist gefüllt mit genau dieser Energie der Auferstehung, der Wandlung und Freude.
Samstag Nachmittag und Sonntag Vormittag standen je drei Workshops zur Wahl: Land-Art, Pilgern und Wahrnehmungsschulung. Wir hatten herrlichstes Altweibersommerwetter und konnten barfuß Kontakt mit dem See und der Erde aufnehmen.
Nach einem effizienten Crashkurs in der Theorie der Wahrnehmung konnten Besucher, denen die Geomantie noch fremd war, im geschützten Rahmen an ausgewählten Plätzen erste Erfahrungen sammeln. Unglaublich, wie mannigfaltige Kunstwerke bei den Land-Art-Workshops in doch relativ kurzer Zeit entstanden. Steine, Blätter, Schilf, Wasser, Schlamm, Gras, Holz, Federn und Fundsachen wurden verwendet, um die Kraft des Orts auszudrücken. Die Pilger setzten am Samstag mit dem Schiff über den See, am Sonntag wanderten sie am Ufer entlang. Dieser Workshop war eine Fortsetzung aus dem Vorjahr, in dem Geomanten zeitgleich um den Ammersee und um den See Genezareth in Israel gepilgert sind und sich zweimal am Tag in einer Meditation miteinander verbanden. Nachdem jeder Teilnehmer erklärt hatte, was für ihn Pilgern überhaupt bedeutet, war klar, dass es so viele Antworten wie Teilnehmer gab. Folgende sind mir am stärksten in Erinnerung geblieben: Pilgern ist Auf-dem-Weg-Sein, präsent im Hier und Jetzt ohne Ziel. Pilgern heißt, einen bestimmten Weg zu gehen, um Klarheit über etwas oder Erlösung von etwas zu erlangen. Pilger nehmen die Verantwortung auf sich, den Weg auch für diejenigen zu gehen, die nicht pilgern gehen können. Beim Pilgern kommt man zurück auf das Wesentliche. Der Jakobsweg führt am Ammersee entlang, und so wanderten wir mit der Tradition.
Am Sonntag Nachmittag erlebten wir gemeinsam einen Schöpfungsprozess direkt am Ufer des Ammersees. Wir standen in einem großen Kreis zusammen auf der Kiesbank, und nachdem wir uns mit dem See, dem Ort und untereinander verbunden hatten, folgte jeder seinem Impuls, Formen in den Kies zu zeichnen. Es entstand ein Kosmogramm, das gleichzeitig Ausdruck des Moments und Dank an den Ort war. Viele empfanden dieses gemeinsame Tun als Höhepunkt des Wochenendes. Es war strahlender Sonnenschein, keine Wolke am Himmel, und als ich nach oben schaute und direkt über uns ein großes Stück Regenbogen sah, war ich sicher, dass wir getan hatten, was zu tun gewesen war. Ich fühlte mich tief und umfassend im Einklang mit den Mächten.
Das ganze Wochenende begleitend haben wir Wasserproben vom Ammersee mit zu den Workshops genommen, die vorher und nachher unter dem Dunkelfeldmi­kroskop untersucht wurden. Auch Wasser der Windach, ein Fluss am Westufer des Ammersees, das bereits seit über einem Jahr mit dieser Methode begleitet wird, reagierte auf unser Projekt. Die Bilder (links oben, 2. Spalte) zeigen eine deutliche Veränderung zu den Ausgangsbildern, die vor Beginn unseres Projektes gemacht wurden (1. Spalte) und berührten uns sehr. Wie die Bilder letztlich zu deuten sind, haben wir offen gelassen. Die Untersuchungen dauern an.
Nach dem Vortrag über das Wasser und seine Bilder tanzten wir zum Abschluss im Freien drei alte Kreistänze. Bei einem der Rückschritte sah ich über die große Runde der Menschen hinweg über das Wasser des Ammersees das Kloster Andechs unter einer riesigen Wolke in Form eines Engels. Spontan schossen mir Tränen in die Augen. Es war ein Moment des totalen Friedens und der gegenstandslosen Freude. Völlige Fülle. Und ganz große Dankbarkeit – an mich selbst, dass ich dem Ruf gefolgt war, an alle, die die Idee mit so viel Liebe und Hingabe in die Wirklichkeit gebracht haben, an unseren Schöpfer, der alles so mysteriös und wunderbar geschaffen hat, an den See, der mir mit seiner unbeschreiblichen Liebe die Füße küsste, wieder und wieder. Dank an die Orte und alle Landschaft dort, die sich geöffnet haben, uns willkommen geheißen haben und uns begegnet sind, und fröhlicher Dank an alle Menschen drumherum, die mitgemacht haben, geguckt haben, gefragt haben, sich berühren ließen.
Es ist schon viel Vorarbeit geschehen, dass über den Oktober 2008 hinaus die Geomantie um den Ammersee präsent bleibt. Erste Gespräche mit Künstlern, Touristenverbänden und Gemeinden sind geführt, um regelmäßigen geomantischen Veranstaltungen oder Installationen den Weg zu ebnen. Derzeit ruht die Energie – ob ein neuer Ruf erschallen wird, weiß ich noch nicht. Ich werde mich nicht wundern, wenn jemand mich anruft und sagt: „Ich habe vom Ammersee-Projekt gehört und hätte Lust …“

Mitwirkende: Anette Stuffer, Christoph Hinten­ender, Juliane Viktoria Scholz, Maja Pogacnik, Uschi Walter, Stephan Petrowitsch, Olaf Eversmann, Peter Florian Frank, Angelika Reicherter, Ulrich Kurt Dierssen, Ruth Zudaire, Sigrid Obermeier, Jürgen Walter, Ilona Sieg, Irmela Hartenstein-Wedemeyer.