Steter Tropfen
Ein Gespräch mit dem Wasseraktivisten Franklin Frederick
Franklin Frederick, Umwelt-Aktivist aus Brasilien, setzt sich seit Jahren gegen die Privatisierung des Wassers durch den Nestlé-Konzern ein. Er koordiniert das ökumenische Projekt „Wasser als Menschenrecht und als öffentliches Gut“.
Video: Geomantie und politisches Engagement (73 Minuten)
Schon lange wollten wir ihn persönlich kennenlernen, als Autor kannten wir ihn schon: Franklin Frederick aus Brasilien, den geomantische Erfahrungen zum Umwelt-Aktivisten gemacht haben. Er engagiert sich in seiner Heimat und in Europa für den Widerstand gegen die Privatisierung von Trinkwasserreserven durch den Nestlé-Konzern. 2003 berichtete er erstmals in Hagia Chora (Ausgabe 18) über die Erfolge seiner Mission. Franklin kooperiert mit kirchlichen Organisationen in der Schweiz und ist oft in Europa. Im Sommer 2008 fand er den Weg nach Ostvorpommern zum Sitz der Hagia-Chora-Redaktion. Die Video-Aufzeichnung seines Gesprächs mit Johannes Heimrath ist unter www.geomantie.net abrufbar.
Johannes Heimrath: Ihr Engagement für Wasser als Menschenrecht hat ihren Ursprung an einem besonderen Ort. Mögen Sie uns davon berichten?
Franklin Frederick: Dieser Ort ist ein Kurpark in der Stadt São Lourenço im Bundesstaat Minas Gerais, einer eher unbekannten Region Brasiliens. Es ist die an Mineralwässern reichste Gegend der Welt. Als im 19. Jahrhundert dort medizinische Mineralquellen entdeckt wurden, entstanden Parks und Kurorte wie São Lourenço, in dessen Kurpark auf kleinem Raum bis zu neun verschiedene Sorten Mineralwässer aus der Erde sprudeln: Da gibt es an der einen Stelle eisenhaltiges Wasser und zehn Meter weiter beispielsweise magnesiumreiches Wasser. Jedes kann man zur Unterstützung von Heilungsprozessen einsetzen. Bis 1950 existierte in Brasilien ein Ministerium, das diese Quellen schützte und über ihre Anwendung forschte. An staatlichen Hochschulen konnte man den therapeutischen Einsatz dieser Wässer studieren. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Ministerium ebenso wie das Universitätsfach geschlossen. Jetzt wuchs die Macht der Pharmakonzerne und ihrer Lobby gegen diese natürlich Medizin. Man wollte, dass die Menschen Pillen kaufen, statt Wasser trinken. Diese Lobby funktionierte derart gut, dass die therapeutische Anwendung der Mineralwässer aus der medizinischen Praxis vollständig verschwand. Aber das Wasser gab es natürlich noch. Die Kurorte an den Mineralquellen-Parks überlebten durch den Tourismus, aber dieser ging stark zurück, da man nun keine medizinische Betreuung mehr bieten konnte. Die Wirtschaft der ganzen Region ging zurück, und so waren die Kurparks ein leichtes Ziel für die Privatisierung.
Waren diese Quellen in vergangenen Jahrhunderten bereits von indianischen Stämmen besucht worden?
Niemand lebte dort dauerhaft, es war ein großer Sumpf. Portugiesische Siedler legten ihn erst Anfang des 19. Jahrhunderts trocken. Aber zu bestimmten Jahreszeiten sollen die Eingeborenen die Quellen aufgesucht und dort spezielle Rituale durchgeführt haben. Es war ein Pilgerort. Nur wenige Überlieferungen darüber haben in die heutige Zeit überlebt, es wurden auch noch keine archäologischen Untersuchungen durchgeführt. Die Franziskaner eigneten sich schließlich einen der heiligen Orte an und bauten dort eine Kirche.
Wie kam es, dass das Interesse von Nestlé auf diese Quellen gelenkt wurde?
Ursprünglich wurden die Kurparks als Familienbetriebe geführt. In den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts kaufte sie der Staat bis auf denjenigen von São Lourenço. Diesen erwarb in den 60er-Jahren die Perrier-Gruppe und begann, das Wasser in Flaschen abzufüllen. Dieses Unternehmen hat die Parks gut erhalten und viel investiert, es gab keine Konflikte mit der Stadt. Im Jahr 1992 übernahm aber der Nestlé-Konzern die Perrier-Gruppe als Ganze, so dass Nestlé dieser Park damit automatisch gehörte.
Die ungute Geschichte von Nestlés Umgang mit Wasserreserven von Entwicklungs- und Schwellenländern begann im Jahr 1998 in Pakistan. Dort startete Nestlé die Aktion „Pure Life“. Unter dieser Marke wurde dort das in den Dritte-Welt-Ländern abgefüllte Wasser in großem Stil vermarktet. Die Botschaft lautete: Eure Leitungswasserqualität vor Ort ist schlecht, aber Gott sei Dank verkauft euch Nestlé günstiges, sauberes Wasser. Diese erstmals 1998 in Pakistan erprobte Strategie von Nestlé war wirtschaftlich ein voller Erfolg, jetzt entstanden in vielen südlichen Ländern hinter hohen Mauern Wasserpumpstationen, die das lokale Wasser einer Umkehrosmose unterzogen, so dass man ein standardisiertes Wasser erhielt, das unter dem Namen „Pure Life“ in Flaschen agressiv vermarktet wurde. Vor der offiziellen Produktlancierung in Pakistan wurde die Bevölkerung in den Medien ausgiebig vor der schlechten Qualität des lokalen Wassers gewarnt, um einen Markt für ein völlig überflüssiges Produkt zu schaffen: „Pure Life“-Wasser von Nestlé. Für die Ober- und Mittelklasse ein attraktives Produkt, aber die Armen, die sauberes Wasser am nötigsten brauchen, konnten es sich nicht leisten.
Im folgenden Jahr wurde die Fabrik im Wasserpark von São Lourenço errichtet. Man zog die Mauern hoch und baute einen 150 Meter tiefen Pumpbrunnen. Jetzt gab es auch im Supermarkt von Rio de Janeiro oder São Paolo „Pure Life“ Wasser zu kaufen. Daraufhin veränderte sich der Geschmack der übrigen Quellen im Kurpark. Mineralwasser braucht nämlich Zeit, seinen Geschmack auszubilden, man kann es nicht aus der Tiefe mit Gewalt nach oben pumpen, ohne dass es an Qualität verliert. Das ganze System geriet durch das Nestlé-Wasserwerk aus der Balance.
Sind Ihnen oder den Leuten vor Ort die Auswirkungen dieses Eingreifens von Nestlé bereits nach dem Bau der Fabrik aufgefallen?
Ich habe die ersten Anfänge der Bürgerinitiative gegen Nestlé zwar mitverfolgt, war aber noch nicht aktiv dabei. Anfang des Jahres 2000 hatte eine Bürgergruppe zunächst offenherzig angefragt, ob sich ein Treffen mit Nestlé und der Stadtverwaltung arrangieren ließe. Nestlé verhielt sich aber von Anfang an derart arrogant, dass kein Dialog mit der Bürgerschaft möglich war. Also klagte die Initiative und gewann den Fall auf der Ebene der Stadt. Die Fabrik wurde für drei Tage geschlossen. Doch Nestlé wandte sich an den nächsthöheren Gerichtshof. Das brasilianische Rechtssystem ist eigentlich recht gut, aber es gibt ein Problem: Man kann immer das nächsthöhere Gericht anrufen. Wenn man in einem solchen Fall von Seiten der Kläger nicht viel Druck aufbaut, wird die Klage fallengelassen. In dieser Situation bat die Bürgerinitiative in der Öffentlichkeit um Hilfe, und ich habe mich ihr angeschlossen, weil ich nicht wolllte, dass unsere Mineralquellen verlorengehen.
Um den vollständigen Artikel zu lesen, bitte melden Sie sich hier mit Ihren Daten an:
Sie sind bereits Abonnent?
Klicken Sie hier um Ihren kostenlosen Zugang zu aktivieren.
Sie sind kein Abonnent?
Abonnieren Sie hier.

