Stadtplanung in Äthiopien

von Günter Quentin erschienen in Hagia Chora 32/2009

Im Dezember 2007 erfuhren wir von einem Hagia-Chora-Abonnenten, dem Landschaftsarchitekten Günter Quentin, er sei nach Äthio pien übersiedelt. Selbstverständlich interessierte uns seitdem, wie es möglich ist, Geomantie in die äthiopische Stadtplanung einzubringen. In diesem Frühjahr führten wir ein erstes E-Mail-Interview.

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Herr Quentin, Sie sind zusammen mit Ihrer Frau Beate Birkigt-Quentin im Jahr 2007 in die Stadt Addis Abeba gezogen, um beim Bau einer neuen Stadt mitzuwirken. Ihre Frau hat eine Professur an der Architektur-Fakultät der Universität in Addis angenommen. Was hat Sie an diesem Land so sehr angezogen?
Schon seit vielen Jahren haben sich meine Frau und ich für verschiedene Länder Afrikas engagiert, sei des durch Patenschaften, Unterstützung von Aktionen und oft auch durch Kurzzeitexpertisen und Gutachten. So kam es, dass wir vor sieben Jahren bereits einmal in Äthiopien waren, um ein Gutachten zum sanften Tourismus zu erstellen. Mit einer Mediation konnten wir damals zur Lösung eines Konflikts zwischen unterschiedlichen Interessensgrupen beitragen. Dieser Aufenthalt war für uns ausschlaggebend, dass wir diesem Land mit seinem extrem geringen Lebensstandard bevorzugt helfen wollten.
Hier in Addis Abeba können wir uns insbesondere in der Ausbildung von Studenten engagieren. Ein neuer Masterstudiengang für ökologische Stadtplanung und Umweltschutz wird aufgebaut, die ersten Abschlussarbeiten der Studenten stehen gerade an. Einige dieser Studenten werden die Chance bekommen, in diesem Gebiet zu promovieren und unsere Gedanken einer lebenswerten Umwelt im Land fortzusetzen.
Woraus besteht Ihre Arbeit?
Ich arbeite an ökologischen Stadtplanungen als Freiberufler. Meine hiesigen Mitarbeiter leite ich nach dem Prinzip an, die Stadtplanung als ökologisch fundierte Strukturplanung aufzubauen und nicht die Fehler der westlichen Zivilisation nachzuahmen. Die intensiven privaten Kontakte zu Studenten und jungen Mitarbeitern sind für uns der Schwerpunkt unserer Tätigkeit, die wir immer unter der Prämisse sehen, dass wir als Gäste schon nach kurzer Zeit das Land wieder verlassen werden. Die Herangehensweise, die wir vermitteln, besteht im Erforschen und Weiterentwickeln der eigenen Kultur, und wir denken, dass dies erkennbare Spuren hinterlassen wird. Jedenfalls bereitet es uns nach inzwischen zwei Jahren große Freude, zu sehen, wie unsere „Schüler“ mitlerweile ihre Welt mit anderen Augen sehen.
Inwiefern unterscheidet sich Stadtplanung in Äthiopien von städtebaulicher Arbeit in Westeuropa?
Im vergangenen Jahr habe ich für einen ­neuen Stadtteil von Addis Abeba für rund 50 000 Einwohner eine kritische Analyse und einen Grünstrukturplan entwickelt. In diesem Plan werden z. B. bisher nicht berücksich­tigte stadtklimatische und entwässerungstechnische Probleme ansatzweise korrigiert. Der Plan sieht vor, dass mitten in den Häuserblocks geplante Parkplätze für Autos an den Rand der Stadt gelegt werden, dass Müllsortierungsplätze angelegt wurden und dass eine deutlich erkennbare Grünstruktur die Verbindung zur wunderbaren Umgebung der Stadt herstellen kann. Gemeinschaftsplätze sollen Raum für die traditionellen Fami­lienfeste geben. Die Umsetzung wird derzeit auf verschiedenen Ebenen diskutiert, allerdings bereitet die finanzielle Umsetzung noch Schwierigkeiten, solche Kosten waren bisher nicht vorgesehen …
Im Städtebau von Ländern wie Äthiopien geht es oft nur um sogenannte low cost buildings, er ist eine schlechte Kopie des Städtebaus der 60er-Jahre in Europa und anderswo. Man wiederholt die gleichen Fehler zu enger Massenquartiere ohne regionale Identität. Familienclans werden auseinandergerissen, in kleinste Wohnzellen entlang viel zu schma­ler Zugangsbalkone eingepfercht, ohne Bezug zum sozialen, kulturellen und stadtlandschaftlichen Umfeld. Probleme wie Isolation und Anonymisierung sind damit vorgeprägt. Man müsste eigentlich von low quality houses sprechen.
Ich mache mir derzeit Gedanken darüber, ob in diesem Land mit seinen geringen finanziellen Potenzialen, aber mit einem sehr hohen Potenzial an ungenutzter Arbeitskraft, nicht durch handwerkliche Ausbildung und Selbstbauprojekte kostengünstiger als mit dem hierzulande sehr teuren Beton gebaut werden kann.
Bringen Sie auch geomantische Aspekte in Ihre Arbeit ein?
Wir gehen immer bei den ersten Schritten einer Untersuchung mit der Wünschelrute durchs Gelände, um Wasser etc. zu muten. Wenn es sich anbietet, suchen wir auch nach den Chakren des Geländes. Die Ergebnisse der radiästhetischen Untersuchung werden in unsere Pläne eingearbeitet, obwohl man in Äthiopien in der Kommunikation über den Einbezug geomantischer Aspekte noch vorsichtiger sein muss als in Deutschland. Das Interesse unserer Studenten an Radiästhesie ist aber sehr hoch, zum Teil experimentieren sie bereits mit der Wünschelrute. Ein weiterer geomantischer Aspekt unserer Arbeit ist die Gestaltung mit Archetypen, die wir auch den Studenten nahebringen. Wir zeigen z. B., wo sie als Schutzsymbole noch im Eingangs­bereich alter Hütten, sogenannter Tokuls, zu finden sind.
Meine Frau arbeitet privat in einem kleinen Kreis über Naturmedizin, und dort spielt auch die Geomantie eine Rolle. Die Untersuchung der alten, zerstörten Felsenkirche Tekle Haymanot bei Addis oder eines Stelenfelds ist sehr aufschlussreich, aber zu umfangreich, um sie an dieser Stelle zu beschreiben.
Die geomantische Qualität der sehr bewegten Vulkanlandschaft um Addis Abeba ist nur schwierig zu schildern. Die Stadt ist erst gut 120 Jahre alt, heiße Quellen haben zur Ansiedlung des Königspalasts geführt. Das System der alten Kirchen ist erkennbar, aber noch nicht genug untersucht – ein weites Forschungsgebiet für viele Jahre.
Wir fühlen uns hier sehr wohl, vor allem durch die Einbindung in äthiopische Familien.