Föhren am Horizont
Wer durch die Landschaft von England und Wales reist, dem werden immer wieder einzelne Baumgruppen ins Auge fallen: Kieferngrüppchen, die dicht beisammen und isoliert von anderen Bäumen stehen. Es handelt sich dann immer um die Föhre oder Waldkiefer (Pinus sylvestris). In der Nähe meines Wohnorts findet sich eine solche Gruppe an der Kreuzung zweier Hauptstraßen – drei lebende Bäume und ein abgestorbener. Alfred Watkins, der berühmte Brauer, Fotograf und Heimatforscher, integrierte vor fast 90 Jahren diese rätselhaften Baumgruppen in seine Theorie der Leys, heute Ley-Linien genannt. Watkins glaubte, dass sie zu den Markierungspunkten auf sogenannten Straight Tracks gehören, den geradlinigen, langen Wegen durch die Landschaft, deren Ursprung er der Jungsteinzeit zuschreibt.
Kiefern und Leylinien
1855 in Herfordshire geboren, lebte Watkins in einer noch wenig industrialisierten Ecke Britanniens, die auch nur über wenige Eisenbahnlinien verfügte. Im Gegensatz zur Region um Birmingham, die wegen ihrer Verschmutzung durch die Schwerindustrie den Beinamen „Schwarzes Land“ trug, blieb Herefordshire mit seiner charakteristischen Landschaft bäuerlich geprägt. Die dort gezüchtete Rinderrasse, das Hereford-Rind, steht auch heute noch auf den Weiden der Grafschaft. Watkins interessierte sich auf seinen häufigen Reisen für die familieneigene Brauerei für die alten Landwege, steinzeitlichen Monolithen, Steinkreuze und befestigten Furten. Und er bemerkte auch Kieferngruppen bzw. „Schottische Föhren“, wie er sie nannte. All dies verwob er mit seiner Theorie neolithischer Wegsysteme, die sich aus seiner tiefen Kenntnis seiner Heimatlandschaft und seiner Liebe zum Land speiste, eingebettet in das Wissen um lokale Geschichten, Legenden, Mythen und Volksmärchen. Unter seinen wunderbaren Fotografien – er war ein meisterhafter Fotograf – finden sich Aufnahmen ehrwürdiger Kiefern, die es noch heute gibt, wie etwa diejenigen auf dem Skirrid-Hügel in den walisischen Black Mountains. Nicht viele Menschen teilten freilich Watkins‘ Blick auf die Landschaft, abgesehen von den leidenschaftlichen Wanderern, die sich auf ähnliche Weise der Landschaft verbunden fühlten. Watkins war auch ein Kind des Geistes, der Bewegungen wie den „Wandervogel“ hervorgebracht hat, auch wenn er stärker geschichtlich orientiert war.
Nach Watkins’ Tod geriet seine Sicht der von geheimnisvollen Linien durchzogenen Landschaft in Vergessenheit. Die weitreichenden Veränderungen durch die modernen Technologien brachten andere Themen in den Vordergrund. Erst als sich in den späten 50er-Jahren britische UFO-Enthusiasten von den aus Frankreich kommenden Vorstellungen über „Fliegende Untertassen“ anstecken ließen, wurden Watkins’ Ideen wieder aktuell, denn man meinte, UFOs flögen in geraden Linien und folgten dabei bestimmten Merkmalen in der Landschaft. Unzählige fantastische Theorien wurden entwickelt. Die populärste unter ihnen besagte, dass die außerirdischen Raumschiffe ihre Energie aus den Kraftlinien der Erde bezögen. Um 1961 grub einer der UFO-Anhänger Alfred Watkins‘ Buch „The Old Straight Track“ und die Theorie der Ley Lines wieder aus – nur, dass die neolithischen Pfade nun Kraftlinien zur Energieversorgung und Orientierung Fliegender Untertassen wurden. Die Hauptvertreter dieser Idee lebten südlich von London in Kent, wo sich eine größere Anzahl markant stehender Föhren-Grüppchen findet, und kurzerhand waren diese Bäume in der UFO-Theorie Orte, an denen die über England kreuzenden UFOs ihre Richtung wechselten. So erhielt Alfred Watkins’ neolithische Landschaft in der wilden Hippiezeit eine Neuinterpretation ganz im Sinn des neuen Zeitalters der Supertechnologie und der Fantasien über Außerirdische – und die Föhrengruppen hatten eine neue Legende.
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