Warum die Erde nicht will, sondern geschehen lässt
Meine Freundin Susan ist am Weihnachtstag in ein Koma gefallen. Vor unseren Augen. Hilflos standen wir Tag für Tag an ihrem Krankenhausbett. Wir warteten und hofften, dass sie ihre Augen wieder öffnet. Riefen ihren Namen. Spielten ihre Lieblingsmusik. Hielten ihre Lieblingsblüte an ihr Gesicht. Massierten sie. Saßen in Schicht an ihrem Bett, Woche um Woche.
Das Krankenhaus verlangte nach Entscheidungen. Die Familienmitglieder mussten aus Deutschland eingeflogen werden. Wie geht es weiter?, fragten sie. Niemand konnte ihnen antworten. Niemand wusste es. Die Ärzte nicht, die Laien nicht. Wir wussten nur, dass das Koma durch einen tropischen Parasiten ausgelöst worden war, doch der Ausgang der Krankheit blieb ungewiss.
Wir arbeiteten auf allen Ebenen. Zunächst mit den Ärzten, dann mit Fachleuten der Tropenmedizin. Nachdem wir den Ablauf der Krankheit verstanden hatten, wandten wir uns an die nächste Ebene. Die „nächst höhere“ Ebene.
Auf dem Wochenmarkt trafen wir Reynolds und Kalei. Sie arbeiten auf dieser „nächst höheren“ Ebene, nennen sich Kahuna, worunter sie wohl Vertreter des unsichtbaren Wissens verstehen. Ich habe früher in meinen ersten Seminaren auf Hawaii oder auf dem Festland viel mit Reynolds gearbeitet. Von daher weiß ich, dass er „sieht“, sehr klar sieht. „Die kommt zurück“, sagte er spontan. „Auf jeden Fall.“ „Ich helfe euch“, meinte er noch, bevor wir uns trennten.
Auf der Suche nach dem Ort der Liebe
Als ich am nächsten Morgen zum Krankenhaus fuhr, rief ich die beiden an. Wir sind heute ohnehin in der Stadt, sagten sie. Schon bald nach mir trafen sie im Krankenzimmer ein. Kaum hatten wir uns an das Bett der komatösen, jungen Frau gestellt, verlangte Kalei nach etwas zum Schreiben, denn, sagte sie, die Seele der Kranken wolle ihr eine Botschaft diktieren. Zum Verlesen der Botschaft gingen wir nach draußen, da wir vor der Kranken nie etwas besprachen, denn wir gingen davon aus, dass sie uns hören würde. Wir, die wir sie kannten, waren von diesem Text sehr angerührt. Niemals hätte Kalei im Voraus wissen können, was sie hier für uns niedergeschrieben hatte. Schon die Formulierungen waren so typisch für Susan, dass sie niemand hätte erfinden können. Dieser Text bedeutete für uns alle eine Herausforderung, denn Susans Seele sagte uns, dass sie auf der Suche sei. Auf der Suche nach dem Ort der größten Liebe. Sie erkenne an, dass ihre Familie gekommen sei und sie sehr liebe, sie erwähnte auch ihren Lebensgefährten, doch das alles genüge nicht, sie wolle den Stoff, aus dem Liebe gemacht ist, finden. Und sie frage sich, ob sie den auf der irdischen Ebene finden könne.
Wir, ihre Freunde, folgten den Kahunas durch ihre Rituale. Sangen mit ihnen, beteten mit ihnen. Wir saßen auf dem Gang vor dem Krankenzimmer. Aus dem Augenwinkel sah ich den Arzt vorbeigehen, der mir wochenlang ehrlich begegnet war, indem er sagte, wir können nicht mehr tun, als wir tun. Wir können nur noch beten. Das taten wir jetzt
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