Lernen und LassenDer Dienst am Flussgott

Warum sich die Gesellschaft der Natur anpassen muss, und nicht umgekehrt.

von Reinhard Falter erschienen in Hagia Chora 32/2009

Der Philosoph Reinhard Falter formuliert unbequeme Thesen: Demokratie, die nur zur Vergrößerung des Geldsacks beitrage, sei naturfeindlich. ­Naturschutz sei keine Sache von Mehrheitsentscheidungen, sondern von sensiblen Minderheiten, die verstanden hätten, dass nicht die Gesellschaft, sondern die Natur das Normative ist. Seine Argumente schärfte er in der Praxis: Hier reflektiert er seine Erfahrungen als Sprecher der Initia­tive zur Renaturierung der Isar in den 90er-Jahren.

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Geomanten wollen die Botschaft der Natur hören und zur Sprache bringen, „was die Erde will“. Tiefenökologen wollen der Natur eine Stimme geben. Beide spielen aber im praktischen Naturschutz keine Rolle. Kritisch betrachtet, war „Tiefenökologie“ im deutschsprachigen Raum nur ein kleiner Teil des Psychomarkts, der zur Sentimentalisierung der Natur beitrug. Die Ansätze der Geomantie sind divergent, die meisten führen ebenfalls in Richtung einer Psychologisierung, oder, wenn sie sich im Messen von Wellenlängen und Schwingungen verlieren, zu einer Mechanisierung der ganzheitlichen Wirklichkeit, für deren Auffassung aber immer die unbewehrten Sinne des Menschen das Empfangsorgan sind.
Der Technisierung stehen Vermenschlichung und Sentimentalisierung der Natur gegenüber – beides Wege, sich nicht die Hände schmutzig machen zu müssen und die unmittelbare Erfahrung zu vermeiden. Um zu verstehen, wie sich Natur tatsächlich zu unseren Vorstellungen verhält, gibt es nur den Weg der Praxis: sich ihr auszusetzen. Ich habe deshalb meinen Ansatz „naturphilosophische Praxis“ genannt. Dies kann einerseits Naturalisierung der Psyche bedeuten, Auslegung der eigenen Psyche in den Gesten der Natur, andererseits aber auch Behandlung der Natur als einen seelischen Zusammenhang. Dazu gehört nicht nur die Gestaltung von Kulturlandschaften, so dass in ihr die Archetypen ein Konzert bilden, sondern auch die Befreiung von Naturlandschaften aus menschlicher Überformung.

Lernen
Natur als eigenständige und gestaltungskräftige Entität ist heute in den mitteleuropäisch zahmen Landschaften fast nur noch an den Flüssen erfahrbar. Deshalb ist die Erfahrung des Flusses ein zentraler Ansatz eines Naturschutzes, der diesen Namen verdient und in der Praxis lernen möchte, was Natur eigentlich ist.
Ich habe 1988 angefangen, mich für Flussrenaturierung einzusetzen. Das führte zu wichtigen Erfahrungen. Der Hauptzerstörer ist hier die angeblich umweltfreundliche Wasserkraft. Bereits 1994 habe ich einen vielbeachteten Artikel mit dem Titel „Rettet die Natur vor den Umweltschützern“ im Magazin der Süddeutschen Zeitung publiziert und das Problem diskutiert, dass Umweltschutz gesellschaftliche Inter­essen thematisiert, Naturschutz hingegen Eigenwerte verteidigt, die sich eigentlich nicht quantifizieren lassen. In diesem Sinn schreibt Bernd Uhrmeister: „Umweltschutz ist es, den Schaffhauser Rheinfall zur CO2-Vermeidung in die Röhre zu stecken, Naturschutz ist es, ihn weiter völlig unnütz herunterdonnern zu lassen.“
Naturphilosophische Praxis ist immer dialogisch. Sie setzt einen Impuls und horcht dann auf die Antwort der Natur. Bei der Renaturierung von Flüssen habe ich mich als jemand verstanden, der versucht, vom Fluss zu lernen. Aber wer als Naturschützer politisch arbeitet, muss auch die Gesellschaft verstehen, in die hin­ein er politisch handelt, allerdings mit dem großen Unterschied, dass er die Reaktionen der Gesellschaft, anders als die der Natur, nicht normativ gelten lässt. Damit ist er der Antipode zum Demokraten, der die Landschaft nach gesellschaftlichen Bedürfnissen gestalten will. Ja, meine These lautet tatsächlich, dass die „freie demo­kratische Grundordnung“ in Bezug auf den Naturumgang (auch den Umgang mit der menschlichen Natur, also z. B. der kulturellen Überlieferung) ein System organisierter Unverantwortlichkeit ist. Nicht, was die Leute von der Natur wollen, ist der richtige Maßstab, sondern was die Natur vom Menschen will. Es geht nicht um die Menschen, sondern um den Menschen, um die Qualität Mensch, nicht die Quantität an Menschen. Schärfer gesagt: Natur, wozu auch die menschliche gehört, ist wichtiger als Demokratie. Der Naturschützer kann in der sogenannten Demokratie also nur als Partisan agieren.
Der Naturschützer im Sinn der naturphilosophischen Praxis muss sowohl Natur als auch gesellschaftliche Prozesse verstehen und zwar als aufeinander bezogen, nicht als gleichartig, aber so, dass das Gesellschaftliche zugleich eine Metamorphose und einen Abfall vom Ursprünglichen darstellt.
Für das erste Anliegen (Natur zu verstehen) leistet leider die heute sogenannte Naturwissenschaft, die Natur als blind und grausam beschreibt, für das zweite die Gesellschaftswissenschaften, die Gesellschaft als Konstrukt und Aushandlung beschreiben, einen Bärendienst. Weder ist die Natur grausam noch die Gesellschaft friedlich. Vielmehr ist Demokratie als Proklamation des Mehrheitswillens als Maß aller Dinge ganz grundlegend naturfeindlich. Sie war nie etwas anderes als der geradeste Weg zur Herrschaft des Geldsacks, wie es einer der frühsten Vertreter eines radikalen Naturschutzes, der Philosoph Ludwig Klages formulierte.
Naturschutz war immer eine Angelegenheit kleiner, sensibler Minderheiten. Die große Masse entscheidet, wenn etwas ihren Interessen entgegensteht, immer gegen die Natur. Alle Statistiken von Wertewandel sind trügerischer Schein, sie erklären Lippenbekenntnisse für Realität. Ob von den Kulturkreativen oder vom New Age die Rede ist: Die Setzung von Meinungen als Realität ist das methodische Grundprinzip der Soziologie, und dies ist einer der Grundfehler des defensiven Charakters der „Geisteswissenschaften“. Sie überlassen die Natur der Funktionalisierung und schützen sich selbst und die naturvergessene Sozialunordnung vor dem Einbruch natürlicher Werte durch das Dogma von der Unerlaubtheit des sogenannten naturalistischen Fehlschlusses, d. h. jeglichen Schlusses vom Sein auf das Sollen.
Sogenannte Naturvölker bilden in ihrem Sozialleben und in Ritualen die Grund­daseinsäußerungen der sie umgebenden Natur ab, um mit ihr in Einklang zu sein, einen Mikrokosmos zu bilden. Das, was außen geschieht, innerlich verstehen und mitvollziehen zu können und umgekehrt das eigene Leben im Kosmos gespiegelt zu sehen, heißt, im Kosmos beheimatet zu sein. Der Steinzeitmensch speert nicht das gezeichnete Bild des Jagdtiers, „damit“ er Erfolg hat oder „weil“ er glaubt, dann Erfolg zu haben. Er denkt nicht kausal, sondern struktiv, nicht teleologisch, sondern in Analogien.
Die moderne Ideologie der Freiheit versucht einen Gegenentwurf zur angeblich grausamen, nur aus Kampf bestehenden Natur. Die Erhaltung des Schwachen gehört zu dieser Ideologie, und das ist genauso ein falsches Extrem wie seine restlose Ausmerze. In der Natur geht es weder um Erhaltung noch um Ausmerzung, sondern um Ausdruck und Opfer. Dies sind freilich keine Kategorien, die die heutige „Naturwissenschaft“ kennt.
Die sogenannten Geisteswissenschaften andererseits haben die Wirklichkeit als Feld preisgegeben und beschlossen, nur noch über Interpretationen zu reden, ja in ihren Extremformen zu behaupten, es gebe nur Interpretationen. Die Naturwissenschaften gehen analog dazu vom Modell der Machbarkeit aus, sie erklären die Evolution von den Erfahrungen der Züchtung her und den Urknall von den Erfahrungen von Modellkonstruktionen. Damit wird geradezu systematisch das ausgeschlossen, was Natur ist, nämlich „Von selbst“. Die falsche Kultur- und die falsche Naturwissenschaft zusammen ergeben die beiden Grundcharakteristika der Moderne: Hybris und Interessengeleitetheit.

Renaturierung heißt Selbstheilung

Renaturierung setzt aber voraus, zu verstehen, was Natur ist, und das heißt, sich von den heute üblichen Naturwissenschaften zu lösen. Renaturierung bedeutet Aufhebung von Blockaden, denn Natur ist das, was von selbst kommt. Damit ist sie strukturgleich zu Heilung eines Organismus. Heilung ist immer Selbstheilung. Dabei kann nur helfen, wer Erfahrung gesammelt hat.
Am Fluss ist mancherlei zu lernen, z. B.
! dass Wasser und Ufer Polaritäten sind,
! dass Natur überhaupt in der stromhaften Dimension Ausgleichsbewegung ist, die „krank“ werden kann; auch Krankheit ist Ausgleichsbewegung, ist das Einseitigwerden des Organismus als Reaktion und Ausgleichsversuch auf die Einseitigkeit seiner Entwicklungsbedingungen,
! dass Natur spielt und Spielmaterial braucht. Der Fluss braucht Kies, weil er sich sonst in den Untergrund eingräbt.
Eigentlich ist jeder Ort ein Fluss bzw. eine Quelle, nämlich ein Ausströmen aus einem Innenraum. Deshalb ist umgekehrt in der Antike der Fluss(gott) das Paradigma des Orts(gottes). Das Paradigma des Orts wiederum ist die Quelle, und diese ist Ausfließen (Aufgang) aus dem Chaos. Landschaft ist eine Erstreckung, ist stromhaft, Ort ist quellhaft. Die Flussgötter überragen deshalb alle anderen Lokalgötter an Bedeutung, weil im Fluss das Paradigma der Gerichtetheit des Orts als seine spezifische Kraft, das ihm Gemäße hervorzutreiben, sinnenfällig wird.
Seit 1960 grub sich die Isar in Folge der Rückhaltung des Geschiebes im Sylvensteinspeicher auch in Bereichen, in die nicht direkt eingegriffen worden war, zunehmend in den Untergrund ein und veränderte völlig ihre Laufcharakteristik. Die kleineren Arme liefen zum Hauptarm hin aus, und dieser tiefte sich weiter ein. Das ist eine Krankheitstendenz analog zum menschlichen Spezialistentum, das den einzelnen Menschen in seinem „Beruf“ immer enger in die Tiefe führt und kaum noch archetypische Tätigkeiten, wie es Jagen, Fischen oder Bauen sind, ermöglicht.
Der Prozesscharakter macht Renaturierung schwierig, weil sie kaum in einem Teilstück allein möglich ist, aber kaum je die Möglichkeit besteht, einen Fluss von der Quelle an zu renaturieren. Vielmehr wird die bereits stattgefundene Zerstörung zum Argument für weitere, was der Naturschützer Alwin Seifert einmal so formulierte: „Bau einmal an einen Fluss ein Kraftwerk, und es gibt nicht eher Ruhe als bis der ganze Fluss verbaut ist.“
Das Reaturierungsprojekt, das ich federführend betrieben habe, entstand, nachdem ich durch Studium der historischen Akten herausgefunden hatte, dass Ende 1994 die Konzession für das Kraftwerk Mühltal nach 70 Jahren Betrieb auslaufen würde. Dazu kam eine Vertragspassage der Konzession für Mühltal, wonach der Betreiber verpflichtet sei, bei Nichtverlängerung der Konzession nach 70 Jahren den ursprünglichen Zustand auf eigene Kosten wiederherzustellen. Dieses Kraftwerk leitete auf einer Strecke von 9 Kilometern fast das gesamte Isarwasser in einen Seitenkanal. Im Sommer 1990 gründete ich mit Vertretern lokaler Naturschutz- und Naturnutzergruppen und des Isartalvereins eine lose Interessengruppierung unter dem Namen „Initiative Mühltal“.
Die Auseinandersetzung gewann von beiden Seiten her Beispielcharakter, von Seiten der Naturschützer, weil selten die Verhältnisse für eine Renaturierung, die den Namen verdient, so günstig lagen, da im Tal kaum Siedlungen und Zwangspunkte vorhanden waren, von der Kraftwerksbetreiberseite her, weil man einen Präzedenzfall für eine Reihe anderer auslaufender Kraftwerkskonzessionen befürchtete.

Demokratieskepsis praktisch
Die „Initiative Mühltal“ stützte sich in der Öffentlichkeitsarbeit zunächst auf das Mittel der Wanderausstellung. Damit konnte man das Interesse der Bürgermeister, mit jeder Ausstellungseröffnung an einem neuen Ort als Unterstützer des Naturschutzes in der Presse zu erscheinen, nutzen. Eine bewusst aggressive Pressearbeit, die z. B. die Isar-Amper-Werke (IAW) relativ konsequent als Isar-Abgrab-Werke titulierte und der es gelang, das Thema über Leserbriefkontroversen „hochzukochen“, kompensierte eine geringe Verankerung in der Bevölkerung. Das Verstehen des Politischen im oben angesprochenen Sinn äußerte sich in dem demokratieskeptischen Charakter der Initiative.
Der Versuch einer direkten Mobilisierung einer breiteren Öffentlichkeit wurde schnell aufgegeben, da bereits bei einer ers­ten Podiumsdiskussion mit Politikern aller Parteien im Landtagswahlkampf 1990 deutlich wurde, dass dies zu Misserfolgen führen würde: Die Politiker und die Presseleute waren wesentlich aufgeschlossener gegenüber den Forderungen der Initiative als das Publikum.
Zwar führte der Mühltalkonflikt zur Bildung eines losen Zusammenschlusses der großen Verbände zu einer „Isarallianz“, doch erwies sich zugleich deren Charakter als zahnlos. Die Naturschutz- und Naturnutzerverbände waren ideologisch vorbelastet, predigten viele von ihnen doch Wasserkraft als „Alternativenergie“. Es wurde kaum je bedacht, dass die geringe Effektivität von Wasserkaft von den Potenzialen des Energiesparens bei weitem übertroffen wird. Niemand traute sich, zu sagen, dass die vielbeschworene „Nachhaltigkeit“ auf dem heutigen Verbrauchsniveau prinzipiell nicht zu erreichen ist.
Den Kraftwerksbetreibern fiel es leicht, die einzelnen Interessen gegeneinander auszuspielen. Gegenüber dem Bayerischen Kanu-Verband wurden Zugeständnisse beim Bau von Bootsrutschen zur Umgehung von Kraftwerken von einer Abstandnahme von der Initiative Mühltal abhängig gemacht, gegenüber dem Deutschen Alpenverein wies man bedeutsam auf das bisherige Entgegenkommen bei der oft nicht kostendeckenden Stromversorgung von Alpenvereins-Hütten hin. Gegenüber dem Fischereiverein drohten die IAW, ihre Pachtverträge nicht zu verlängern. Diese Vorstöße waren durch die Bank erfolgreich. Politisch war daraus zu lernen, dass ein zweigleisiges Fahren nötig ist: Einerseits eine nicht mit demokratischen und ökonomischen Rücksichten behaftete Initiative und andererseits Verbände, die sich dann als Kompromisswahrer anbieten können und gesprächsfähig bleiben.
Obwohl die Isar-Amper-Werke mit der schließlich beschlossenen Verdreifachung der Restwassermenge und 5 Millionen ­D-Mark für Renaturierungsmaßnahmen weit unter der Schmerzgrenze blieben, werteten sie den Fall als Niederlage.
Ich selbst zog damals als Sprecher der Initiative ein ambivalentes Fazit. Einerseits hatte ich mich in der Spätphase der Auseinandersetzung so weit aus dem Fens­ter gelehnt – das heißt eine Radikalposition übernommen, deren Aufgabe es war, anderen das Kompromisseln mit Sperrfeuer zu decken –, dass ich das Erreichte kaum öffentlich als Erfolg darstellen konnte. Andererseits war mehr eben nicht zu erreichen gewesen, und heute wäre (wegen der Propaganda für Klimaschutz) nicht einmal dieser bescheidene Abstrich bei der Wasserkraftnutzung mehr durchsetzbar.

Vom Fluss lernen
Besser hätte uns gelingen können, ein Zeichen gegen die angebliche Notwendigkeit von Kompromissen zu setzen. Denn Kompromiss und Aushandlung sind naturfeindliche Prinzipien. Es gibt in der Natur keine faulen Kompromisse, und trotzdem ist sie nicht der gnadenlose darwinistische Kampf. Vielmehr ist Natur ein Schwingen von Polaritäten. Das Ruhen von Wolf und Lamm nebeneinander wäre das Ende der Natur. Aber Wolf und Lamm sind nicht Feinde, noch ist das letztere Opfer und der erstere Täter, sondern sie hängen gerade als Gefressenes und Fressender zusammen. Die Artenzahlen der Beute bestimmen die der Räuber und umgekehrt. Die Antilope rennt vor dem Leoparden her, und die Kraniche fliegen über den Himalaya, nicht, weil sie überleben wollen, nicht, weil ein Ziel sie zieht, sondern weil etwas in ihnen sie treibt, und das ist die Art, die sich ausdrückt. Sie drückt sich schließlich auch in der Ergebung aus: der Biss in den Hals als Liebesakt. Die schließliche Ergebung des Beutetiers an das jagende in einer Art Benommenheit ist ein erster Schritt zu einer freilich noch nicht bewusst werdenden Transzendenz. Es wäre viel naturgemäßer, wenn unsere Gesellschaft den Mut fände, einerseits radikal zu zerstören, andererseits auch wirklich Gebiete auszusparen. Das verfassungsmäßige Gebot zur Herstellung gleicher Lebensqualität ist grundsätzlich naturfeindlich. Die Zerstörungsstruktur im sogenannten Sozialismus, d. h. der Mangelwirtschaft, war naturnäher, obwohl Natur eine Ordnung der Fülle ist, aber die Knappheit kommt in ihr als Krankheit vor, die Hybris nicht. Einerseits kam es im Sozialismus zur kompletten Zerstörung auf örtlich begrenzten Flächen (Bitterfeld), andererseits gab es kein Geld, um anderes zu zerstören (Alleen in Mecklenburg).
Die Kernfrage ist: Wie kann in einer Gesellschaft, die auf das Machen gerichtet ist und nur fürs Machen Begriffe hat, das Lassen einen Platz finden? Wie können Orte des Lassens entstehen? Darum entwickle ich die Philosophie der Struktivität, die das Handeln durch Sein, also nach Art des Ufers, nicht des Wassers, ins Zentrum der Weltbetrachtung stellt.
Unser Grundverhältnis zur Natur ist nicht, dass wir ihr gegenüberstehen, womit wir uns immer schon aus ihr herausdefiniert haben, sondern dass wir von ihr durchströmt und „ausgemacht“ sind. Im Naturschutz geht es um die richtige Einstellung, um das Hineinstellen des Menschen in das Spiel von Dynamik und Artlichkeit der Natur. Der Mensch muss lernen, sich durchfließen zu lassen, z. B. Ideen kommen und gehen zu lassen, und er muss lernen, in ein Fließendes hineinzuhandeln.
Erst wenn wir das Handeln, in dem wir scheinbar der Ausgangspunkt einer Bewegung sind, wieder als ein Erleiden, ein Bewegtwerden sehen, sind wir in der Lage, Natur zu verstehen, und nur aus diesem Verstehen heraus können wir sie lassen. Lassen ist: einverstanden sein.
Im Fluss zeigt sich Verschränktheit und gegenstrebige Fügung der angeblichen Gegensätze, die in Wirklichkeit Polaritäten sind. Dauer und ständiger Wandel sind hier paradox und anschaulich verbunden. Im Fluss wirken immer räumliche und zeitliche Dimension ineinander: Das Wasser, das immer neu nachkommt, ist der zeitliche Strom, aber da ist auch das Element der Kontinuität: Käme nicht ständig neues nach, hörte der Strom auf, Strom zu sein. Räumlich durchläuft der Strom verschiedene Gesteine und Täler, enge und weite, er formt sie und wird durch sie geformt. Dass der räumliche Fluss zum Bild der Zeit wird, sagt etwas über die Verschränktheit der Polaritäten. Sie werden, wie schon der griechische Philosoph Heraklit sagte, dem göttlichen Blick, den der Mensch nur dank seiner Transzendierungsfähigkeit erreicht, anschaulich.
Die Natur plant nicht. Der Fluss arbeitet nicht an seinem Ufer, er spielt. Er beeilt sich nicht, zum Meer zu kommen, bildet Mäander, nimmt nicht den kürzesten Weg. Im Naturschutz wird hingegen selbstverständlich geplant, allerdings ist unser Zweck hier paradoxerweise, dass die Natur weiter zwecklos sein darf. Wir brauchen dies, weil uns die umfassende Verzweckung seelisch krank macht.
In vielen philosophischen Konzepten erscheint es als ein Vorrecht des Menschen, dass es ihm nicht nur ums bloße Überleben geht. Aber bei genauerem Hinsehen wird im Menschen nur etwas auf der Ebene des artlichen Lebens realisiert, was die Natur als Ganze und auch ihre sogenannten unorganischen Gestalten Berg und Fluss, ja in gewissem Sinn sogar die Bäume auszeichnet.

Klima – falsche Theorie und Praxis

Das Zentrale ist immer das richtige Verhältnis von Machen und Lassen, von Theo­ria – Schau im ursprünglichen griechischen Sinn – und Praxis. Aber heute sind die Theorien keine ruhigen Betrachtungen, und die Praxis ist kein Mitbewegen. Die Moderne fragt nur nach Handlungsop­tionen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Klimawandel. Niemand fragt hier, ob uns die Natur etwas zu sagen hat. Der Klimawandel ist ebensowenig wie ein Hochwasser ein erhobener Zeigefinger, aber er ist ein Ausdruck, und zwar zunächst ein Ausdruck von Artlichkeit, die, wie wir gelernt haben sollten, Pendeln und Ausgleichs­bewegung zwischen Extremen ist. Stattdessen betrachten wir Hochwasser und Erwärmung gleich im Bezug auf Nutzen und Schaden für unser bestehendes Tun, setzen damit dieses absolut. Wir wollen uns nichts sagen lassen, wir missachten die Natur dar­in, dass sie das Größere ist. Heute wird die Klimakatastrophe hochgejubelt, weil sie niemandem zuweisbar ist und sich damit beliebige Kostenerhöhungen und Investi­tionsprogramme lancieren lassen. Es ist reine Augenwischerei, Häuser zu dämmen, solange z. B. riesige Mengen von Futtermitteln zur Stallmast von Übersee nach Europa transportiert werden.
Steht das, was im Namen des Klimaschutzes getan wird, in einem Verhältnis zu dem, was das Klima ist? Klima ist ja kein Objekt, sondern etwas Struktives. Es ist ein uns Umfassendes, etwas, worauf wir uns einzustellen haben. Wer wirklich etwas ändern will, muss sich auf das Struktive einlassen, er kann höchstens mit-­machen, aber nicht zum „Macher“ werden.
Die Klimahysterie zeigt die Problematik des „globalen Denkens“. Ich gehe nicht so weit, wie ich es kürzlich von jungen Leuten gehört habe, die fragten, ob nicht die Klimatheorie eine Propagandafinte der Kraftwerkslobby sei. Aber richtig ist, dass der Klimawandel erst so hochgehängt wird, seit er durch Ver­elendung und Flüchtlingsströme in der Dritten Welt als möglicher Störfaktor der Pax Americana gilt. Der Klimawandel mag ein politisches Problem sein, ein naturschützerisches Problem ist er nicht. Weniger absurd wäre es, den Schutz eines Rechts der Natur auf Klimawandel zu pos­tulieren.
Das Denken ist auf die Wahrnehmung angewiesen, wie das Hören auf reale Schwingungen angewiesen ist. Insofern ist das globale Denken ein Nichtdenken fern von Erfahrung, ein bloßes Aneinanderreihen von Vorstellungen und Vorurteilen.
Die Kritik an den Grenzen des Wachstums ist weitgehend verstummt, die Ökologie verschwindet gegenüber Mikrobiologie und Genetik. Statt deutlich zu sagen, dass das Ankurbeln der Autoverkaufszahlen ökologisch ein Verbrechen ist angesichts der Energieverschleuderung durch Verschrottung reparierbarer und die Produktion neuer Autos, hört man aus Kreisen der Naturschutzverbände lediglich, die Krise sei eine Chance, die Autoindustrie zu ökologischen Produkten zu motivieren.
Ich denke, dass erst der Zusammenbruch der Finanzmärkte und der absehbare Ruin der Industrienationen die Möglichkeit für eine naturgemäße Zukunft öffnet, indem sich die „Globalisierung“ von selbst entflicht. Die Globalisierung ist nicht Zukunft, sondern schon Vergangenheit. Womöglich treten an ihre Stelle kulturelle Blöcke entsprechend der Geopolitik vor 80 Jahren wie Ostasien, Indien, Russland, Islamien, Europa, Amerika, die zwar intern marktwirtschaftlich, nach außen aber vornehmlich politisch handeln. Nicht die menschliche Einsicht der 70er-Jahre in die Grenzen des Wachstums, sondern der Zusammenbruch des Denk-Ersatzes „Markt“ wird die Verhältnisse grundlegend wandeln. Kompromisse haben jetzt keine Chance mehr. Mangelwirtschaft wird mit sich bringen, dass wir Natur Natur sein lassen. Die Felder können wieder verbuschen, und die Fichtenplantagen werden dem Borkenkäfer anheimfallen. Auch wenn erst einmal noch weniger Naturschutz möglich sein wird als in den „fetten Jahren“, in denen die Naturpflege aus den Überschüssen der Naturzerstörung alimentiert wurde, wird die Menschheit keine Energie für einen gemeinsamen Krieg gegen die Natur haben. Eher wird sie sich wieder wie in allen Zeiten der Menschheitsgeschichte im Krieg zwischen den Menschen verlieren.
In dem uns heute antrainierten Denken erscheint eine solche Aussage unmenschlich, aber das Unmenschliche ist doch der Wahn, der Mensch könne sich aus der Natur ausnehmen, sich über sie stellen und sie aus der Distanz beherrschen, statt sie zu erkennen, indem er sie am eigenen Leib erfährt. Dieser Wahn hat nahe an die Vernichtung der uns bekannten Lebensverhältnisse auf der Erde geführt. Die Umkehr wird nicht zur Vernichtung der Menschheit führen, aber sie wird wohl eine deutliche Dezimierung einleiten. Und dies ist eine Bedingung des Wiederfindens von Kultur und wäre ein Ende der Verdrängung des Todes. Im Sinn der Moderne ist dies freilich undenkbar, geschweige denn gutzuheißen. Das Gutheißen des Gegebenen ist aber die struktive Grundgeste.
Der göttliche Blick sieht im „Kampf“ die Harmonie. Gemeint ist damit im Sinn von Heraklit nicht der allumfassende Blick eines allwissenden und allmächtigen Gottes, sondern der Blick (und der Begriff theos = Gott kommt von theaomai = blicken) einer Grundgestalt des Lebens. Von jeder Grundgestalt aus, also nicht nur aus einem einzigen Blickwinkel, ist das Konzert (der Wettstreit) der Welt eine Harmonie. Wir können immer nur ansatzweise erkennen, so wie der Kanufahrer bis zur nächsten Biegung sieht. Wir müssen uns dem Fluss des Lebens anvertrauen. Der Zusammenbruch des Globalismus macht es derzeit unmöglich, gleich den nächsten Opportunismus zu ergreifen. Das ist eine ungeheure Chance zum Querdenken und damit zur Einsicht.
Die Natur liebt es, sich zu verbergen. Aber diese Tendenz zum Verbergen offenbart uns gerade, was sie ist …