Lernen und Lassen – Der Dienst am Flussgott

Warum sich die Gesellschaft der Natur anpassen muss, und nicht umgekehrt.

von Reinhard Falter erschienen in Hagia Chora 32/2009

Der Philosoph Reinhard Falter formuliert unbequeme Thesen: Demokratie, die nur zur Vergrößerung des Geldsacks beitrage, sei naturfeindlich. ­Naturschutz sei keine Sache von Mehrheitsentscheidungen, sondern von sensiblen Minderheiten, die verstanden hätten, dass nicht die Gesellschaft, sondern die Natur das Normative ist. Seine Argumente schärfte er in der Praxis: Hier reflektiert er seine Erfahrungen als Sprecher der Initia­tive zur Renaturierung der Isar in den 90er-Jahren.

Geomanten wollen die Botschaft der Natur hören und zur Sprache bringen, „was die Erde will“. Tiefenökologen wollen der Natur eine Stimme geben. Beide spielen aber im praktischen Naturschutz keine Rolle. Kritisch betrachtet, war „Tiefenökologie“ im deutschsprachigen Raum nur ein kleiner Teil des Psychomarkts, der zur Sentimentalisierung der Natur beitrug. Die Ansätze der Geomantie sind divergent, die meisten führen ebenfalls in Richtung einer Psychologisierung, oder, wenn sie sich im Messen von Wellenlängen und Schwingungen verlieren, zu einer Mechanisierung der ganzheitlichen Wirklichkeit, für deren Auffassung aber immer die unbewehrten Sinne des Menschen das Empfangsorgan sind.
Der Technisierung stehen Vermenschlichung und Sentimentalisierung der Natur gegenüber – beides Wege, sich nicht die Hände schmutzig machen zu müssen und die unmittelbare Erfahrung zu vermeiden. Um zu verstehen, wie sich Natur tatsächlich zu unseren Vorstellungen verhält, gibt es nur den Weg der Praxis: sich ihr auszusetzen. Ich habe deshalb meinen Ansatz „naturphilosophische Praxis“ genannt. Dies kann einerseits Naturalisierung der Psyche bedeuten, Auslegung der eigenen Psyche in den Gesten der Natur, andererseits aber auch Behandlung der Natur als einen seelischen Zusammenhang. Dazu gehört nicht nur die Gestaltung von Kulturlandschaften, so dass in ihr die Archetypen ein Konzert bilden, sondern auch die Befreiung von Naturlandschaften aus menschlicher Überformung.

Natur als eigenständige und gestaltungskräftige Entität ist heute in den mitteleuropäisch zahmen Landschaften fast nur noch an den Flüssen erfahrbar. Deshalb ist die Erfahrung des Flusses ein zentraler Ansatz eines Naturschutzes, der diesen Namen verdient und in der Praxis lernen möchte, was Natur eigentlich ist.
Ich habe 1988 angefangen, mich für Flussrenaturierung einzusetzen. Das führte zu wichtigen Erfahrungen. Der Hauptzerstörer ist hier die angeblich umweltfreundliche Wasserkraft. Bereits 1994 habe ich einen vielbeachteten Artikel mit dem Titel „Rettet die Natur vor den Umweltschützern“ im Magazin der Süddeutschen Zeitung publiziert und das Problem diskutiert, dass Umweltschutz gesellschaftliche Inter­essen thematisiert, Naturschutz hingegen Eigenwerte verteidigt, die sich eigentlich nicht quantifizieren lassen. In diesem Sinn schreibt Bernd Uhrmeister: „Umweltschutz ist es, den Schaffhauser Rheinfall zur CO2-Vermeidung in die Röhre zu stecken, Naturschutz ist es, ihn weiter völlig unnütz herunterdonnern zu lassen.“

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