Für die Seele der Stadt

Die erste Geoformance für München

von Siegfried Prumbach erschienen in Hagia Chora 32/2009

Eine politisch inspirierte geomantische Aktion in der Öffentlichkeit ohne Zeigefinger: Siegfried Prumbach probte in der Isarstadt München die Kunstform der „Geoformance“.

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 Am 2. November 2008, dem Allerseelentag, fand auf dem Münchener Marien­platz die erste „Geo­formance“ statt. Die Geoformance erweitert den Begriff der Kunst um neue Wahrnehmungsmethoden, Ökologie, Heilung und das Einbeziehen von Orten oder Städten im Sinn eigenständiger Organismen und Wesen. Diese Form der geomantischen Kunst verbindet soziales und spirituelles Engagement, denn es geht sowohl um geistige Heilungsprozesse in Gemeinschaft als auch um politische und ökologische Aussagen: Mensch und Erde sind eins. Wir sind untrennbar mit der Erde verbunden, wir sind ihr Ebenbild.
Zur ersten Geoformance waren mehr als 70 Menschen gekommen, um gemeinsam einen Dialog mit dem Herzen Münchens zu führen. Die Partei „Die Violetten“, Vertreter einer spirituellen Politik, hatten mich zu dieser Aktion eingeladen.

Die Sprache der Erde: Form und Klang
Bei strahlendem Sonnenschein öffneten zur Verwunderung vieler Passanten überall auf dem Marienplatz Menschen ihre Regenschirme. Dann versammelten sie sich am Fischbrunnen um einen grünen Stein und begannen zu tönen, wechselten auf die gegenüberliegende Seite des Platzes zu einem zweiten grünen Stein und sangen wiederum, begleitet von einer Klangschale. Als sie anschließend zum zweiten Mal ihre Schirme auf dem Platz öffneten, konnte man deutlich die Formation einer großen Spirale erkennen. Dabei hatten die Schirmträger alle Wege mit geschlossenen Augen zurückgelegt.
Das war kein Zufall. Man weiß zwar nie, welche Muster nach einer Steinsetzung entstehen, aber es sind meiner Erfahrung nach immer Muster einer höheren, harmonikalen Ordnung. Durch diese Art der Interaktion von Mensch und Ort erfahren wir etwas über den Seelenzustand des Orts. Es ist, als würde man mit dem Ort sprechen. Das ist keine Zauberei, sondern klare Formensprache. Die Natur, Landschaften, Orte und Städte sprechen eine Zeichensprache.
Die parallelen und geraden Linien, die die Teilnehmer der Geoformance vor dem Tönen gebildet hatten, waren Ausdruck des Archetyps „Auflösung“. Wir deuteten dies als Resonanz auf das aufgelöste ener­getische Feld des Platzes, denn der Marien­platz ist durch die darunter liegenden U-Bahnhöfe von einer natürlichen Beziehung zum Untergrund und zur Erde abgeschnitten worden. Das Setzen der Steinobjekte, die nach kosmischen Maßen gearbeitet sind, und das Tönen in D und F am zentralen Geopunkt der Stadt hatte für alle Beteiligten spürbar zu einer Feldveränderung geführt, die wie ein Heilimpuls durch eine Nadel in der Akupunktur wirken sollte.
Es schien, als beantworte der Marienplatz die Hingabe und meditative Kraft der Menschen, denn nach unserem Ritual bildete sich in der Anordnung der stehenden Menschen ein Muster, das den Archetypus „Verbinden“, „in Beziehung treten“ oder „miteinander kooperieren“ repräsentiert – eine Spirale im Goldenen Schnitt, deren Proportion auf das Fünfeck zurückzuführen ist. Die harmonikale Fünfeckgeometrie kommt in der Natur häufig vor. Meine Untersuchungen legen nahe, dass auch das Rautenmuster im bayerischen Staatswappen auf diese Geometrie zurückgeht sowie auf vorhandene Energielinien der bayerischen Landschaft, von denen heute leider nur noch Fragmente existieren. Viele
alte Kirchen und Kapellen waren in diese Struktur integriert.

Münchens Dreh- und Angelpunkt
Wir haben einigen dieser Linien Bayerns nachgespürt. Viele fügen sich in das Sys­tem pentagonaler Energielinien ein, die ich bereits in Ausgabe 3 von Hagia Chora beschrieben habe: ein globales Netz aneinandergereihter Dodekaeder. Das Zentrum des europäischen Fünfecks ist in der Stadt Bourges in Frankreich verankert. Es zeigte sich, dass sich auch München in dieses Fünfeck einkoppelt.
Die Tore des ersten Mauerrings liegen nach dem Museumspädagogen und München-Forscher Freimut Scholz auf zwei konzentrischen Kreisen, die vermutlich von den mittelalterlichen Städtegründern als Grundstruktur der neu zu errichtenden Stadt in das noch unbebaute Gelände gezeichnet wurden. Am Mittelpunkt der beiden Kreise befand sich wahrscheinlich der älteste und erste Brunnen der Stadt und des Marienplatzes. Auch wichtige Eckpunkte und Tore der zweiten und dritten Stadterweiterung liegen auf einem konzentrischen Kreis um diesen Brunnen. Dia­gonal gegenüber kam später ein weiterer Brunnen, heute Fischbrunnen genannt, hinzu. Beide Brunnen markieren eine Ost-West-Achse, die Teil des europäischen Fünfecks ist. Heute liegt an der Stelle des Mittelpunkts der beiden Kreise auf dem Marienplatz eine bronzene Gedenkplatte zum 25-jährigen Bestehen der Münchener Fußgängerzone, doch eigentlich handelt es sich um den alten Gründungspunkt, um das Templum, wie die Römer den Punkt der rituellen Stadtgründung nannten. Deshalb waren dieser Ort und der gegenüberliegende Fischbrunnen Teil unserer Klang­arbeit am Marienplatz.

Münchens Nabelschnur
Der Marienplatz mag als Ort für eine Ritual­arbeit für die Stadt jedermann einleuchten, der München kennt, der stille Ort, den wir für unsere erste Heilungsarbeit am Tag vor der Geoformance aufgesucht hatten, allerdings weniger: die Isarinsel. Die meisten kennen den Südteil der Insel, auf dem das Deutsche Museum steht, aber nur wenige den unbebauten Teil nördlich der Ludwigsbrücken. Die Isar­insel beheimatet den ursprünglichen Impuls, der zur Gründung Münchens führte: Mitte des 12. Jahrhunderts unternahm der letzte Welfenherzog Heinrich der Löwe eine grundlegende Umordnung von Handelswegen in Bayern. München stellte, wie Landsberg am Lech und Innsbruck, einen wichtigen Knotenpunkt in diesem von Heinrich neu geknüpften Netzwerk dar. Alle drei dieser befestigten Handelsplätze liegen an einem Flussübergang. Im heutigen München-Oberföhring kreuzten sich seit jeher die Salzstraße von Salzburg nach Augsburg mit der alten Nord-Süd-Verbindung entlang der Isar. Mit der Verschiebung des Übergangs auf die Isar­insel „bei Munichen“ integrierte Heinrich die Westverbindung über Landsberg, und alle Wegzölle wurden vom Herzog eingenommen statt vom Erzbischof von Freising und dem Kloster Tegernsee. Der Übergang war am Anfang eine leicht zu durchwatende Furt, erst später eine Brücke, um den Übergang auch bei hohem Wasserstand zu gewährleisten. Die Isarbrücke stellt Münchens Nabelschnur dar.
Warum wählten Heinrich oder seine Ratgeber gerade diese Stelle für den ­neuen Übergang? Zum einen handelt es sich bei der Museumsinsel zwischen all den sich ständig ändernden Kiesbänken in der Isar um die einzige mit wahrscheinlich felsigem Untergrund. Zum anderen zeigen die geomantischen Studien von Christoph Hintenender, dass sich auf der Insel zwei wichtige Naturachsen schneiden: Die erste „große Isarlinie“ ist die Verbindung zwischen der Wildspitze, bis 1806 der höchste bayrische Berg, heute in Tirol gelegen, und dem Freisinger Domberg. Die zweite Linie führt von Dachau zum Wilden Kaiser. Beide Berge markieren zwei wichtige Alpeneingänge: das Isartal (Wildspitze) und das Inntal (Wilder Kaiser). Ihre Gegenpunkte, Freising als Sitz des Erzbischofs und ­Dachau als Sitz der Huosi-Grafen, später der Wittelsbacher, liegen auf den nördlichen tertiären Erhebungen, hoch genug, um weit ins Land und zu den Alpen zu ­visieren. Die Isar selbst folgt in weiten Strecken dem Verlauf der weitausgreifenden Visurachse Freising–Wildspitze, die zwischen Wolfratshausen und Freising mit der Hauptrichtung des Flusses zusammenfällt. Im Schnittpunkt dieser beiden gro­ßen Visurlinien auf der Isarinsel tritt nun senkrecht zur „großen Isarlinie“ eine dritte Linie hinzu, die Hauptachse der mittelalterlichen Stadt, die wir bereits kennengelernt haben. Sie führt vom inneren Osttor über den Marienplatz zum Westtor. So ist das Stadtzentrum Münchens über seine Achse mit der Isarinsel und von hier mit einem groß angelegten Naturverortungssystem verbunden. Im Organismus der Landschaft wirkt die Isarinsel wie ein Knotenpunkt für das Nervensystem Münchens.

Das wissende Feld
Als wir uns am Tag vor der Geoformance mit allen Beteiligten zu einem einleitenden Workshop auf der Isarinsel versammelten, suchten wir die Verbindung mit den Naturkräften Münchens. Die Voraussetzung für Verbindung ist die Qualität des Zuhörens. Deshalb fanden wir uns zuerst auf der Nordspitze der Museumsinsel zu einem Kreis ein und widmeten uns ganz dem aufmerksamen Zuhören, hörten in den eigenen Körper, in den Fluss und in die Stadt mit ihrem pulsierenden Leben hinein. Wenn sich eine Gruppe von Menschen auf diese Weise mit einem Ort verbindet, entsteht ein „wissendes Feld“, ein kollektives Bewusstsein, das die Muster der Erde erkennen kann. Denn die Erde kommuniziert weniger mit dem einzelnen Ich, sondern mit dem Wir. Sie wendet sich als ökosozia­les Wesen an das kollektive Bewusstsein sozialer Gemeinschaften. Das Muster, das hier entstand, war eine Doppelspirale. Wir schoben sie mit den Füßen in einer meditativen Prozession in das Kiesbett bei der Muffathalle. Dabei entstand eine geradezu verzauberte Stimmung auf der Isarinsel. Am Himmel wurde eine rosafarbene, geschwungene Wolke sichtbar, die aus dem Zentrum der Stadt zu kommen schien. Ein Schwarm Vögel flog ihr entgegen.
Zu allen Zeiten haben Menschen versucht, durch Rituale aus Musik, Gesang und Tanz mit der Erde zu sprechen. Für sie war die Erde ein Lebewesen, sie war ihre Mutter, der sie an heiligen Plätzen Geschenke brachten. Heute führt die Erforschung der Wechselbeziehungen des Erdökosystems Ökologen zum gleichen Schluss: Die Erde ist ein intelligenter, lebendiger Organismus. Sie reguliert alle ihre Systeme und hält sie in einem dynamischen Gleichgewicht – auch das System Mensch. Da wir Menschen aber die Grundregeln der Ökologie nicht beachten, sind wir Ziel eines ökologischen Rückkopplungsmechanismus: Wenn wir der Erde nicht zuhören, ist sie gezwungen, zu stärkeren Mitteln wie Naturkatastrophen oder Wirtschaftszusammenbrüchen zu greifen.
Wir müssen über diese Zusammenhänge offen sprechen, um die Geomantie in der Öffentlichkeit besser zu verankern, und wir werden zunehmend offene Ohren finden. „Was die Menschen in dieser Arbeit bewegt, ist die spirituelle Dimension im Umgang mit der Erde“, meint Gudula
Blau, die Bundesvorsitzende der Violetten im Rückblick auf die Geoformance. Es sei doch offenbar, dass beispielsweise die CO2-Diskussion der Wirtschaft in erster Linie als neue Marketingstrategie dienen würde. Niemand in Wirtschaft und Politik würde danach fragen, was die Erde will, weil man sie nicht als einen lebendigen Organismus betrachten würde, wie die Systemökologie oder spirituelle Menschen es tun.
Am Tag der Erde, dem 22. April, fand eine weitere Geoformance in München statt. Wir wollen diese Arbeit fortsetzen und laden ein, sich daran zu beteiligen.+