Kultur der Verbundenheit

Feld-Vorstellungen als Basis einer positiven Kulturentwicklung.

von Marco Bischof erschienen in Hagia Chora 32/2009

Aus der Geomantie und aus Techniken der Selbstkultivierung, wie Qigong, Yoga oder der Atemtherapie, ist uns die Wahrnehmung von Feldern oder „fließenden Kräften“ vertraut. Marco Bischof sieht diese Wahrnehmungsfähigkeit eng mit der sozialen Intelligenz verknüpft, der Intelligenz im Umgang mit Beziehungen. Er erklärt, warum das ­Gewahrwerden der Felddimension des Zwischenmenschlichen kultur-evolutionäre Folgen haben kann.

In den westlichen Gesellschaften geht ein tiefgreifender Wertewandel vor sich, dessen Wurzeln bereits in den Reformbewegungen des späten 19. Jahrhunderts liegen. Verschiedene kulturelle und wissenschaftliche Avantgarden haben diesen Wandel seit dem Zweiten Weltkrieg getragen, doch seit etwa 20 bis 25 Jahren sind die Positionen dieser damaligen Gegenkultur zum Anliegen eines beträchtlichen Bevölkerungsteils geworden. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls eine Reihe von umfassenden sozialwissenschaftlichen Untersuchungen in den USA und in Europa. Angefangen mit Ronald Ingle­hart in den 70er-Jahren, waren es Duane Elgin in den 90er-Jahren und vor allem Paul Ray in den späten Neunzigern, die diesen Wertewandel dokumentierten, und sie erhalten auch Unterstützung von prominenten deutschen Wissenschaftlern wie Jürgen Habermas und Ulrich Beck. Inglehart konstatierte 1989, dass sich ein tiefgreifender Wandel von materiellen Werten zu postmateriellen Werten – das heißt auch nicht-materiellen Werten – vollzieht. Es gehe eine „kognitive Mobilisierung“ der Bevölkerung vor sich: Die Menschen wachten auf, was sich in vermehrter Bürgerbeteiligung zeige, allerdings nicht so sehr in den Parteien. Vielmehr könne man ein Ende der Parteienloyalität als Teil einer allgemeinen kritischen Haltung allen Institutionen gegen­über beobachten. Deutlicher wird dieser Wandel in der Studie von Duane Elgin mit dem Titel „Global Consciousness ­Change“ im Jahr 1999. Elgin stellte fest, dass ein neues, wie er es nannte: „postindustrielles Paradigma“ das bisherige industrielle, materialistische Weltbild ablöse. Die wichtigsten Merkmale des neuen Weltbilds sind Elgin zufolge ein steigendes ökologisches Bewusstsein und die Suche nach sinnvolleren und umwelt- und sozialverträglichen Lebensformen. Hinzu komme die Infragestellung von traditionellen Autoritäten, Institutionen und Leitbildern in Politik, Wissenschaft und Religion. Statt diesen Leitbildern zu folgen, verließen sich die Menschen mehr auf ihr eigenes Gefühl. Das Streben nach materiellem Wohlstand trete zurück hinter dem Bedürfnis nach sinnvoller Arbeit, bei der man sich wohlfühlen kann. Der Mensch strebe eine soziale Umwelt an, in der sinnvolle und erfüllende Beziehungen zu anderen und harmonische Kooperation wichtiger sind als Konkurrenz und materieller Gewinn. Als neues Leitbild bezeichnet Elgin das „gute und richtige Leben“ als ein Gleichgewicht zwischen dem Außen und dem Innen, den Interessen des Menschen und denen der Umwelt, persönlichem Wachstum und der Entwicklung der Gemeinschaft. Er schreibt auch, in diesem Bewusstseinswandel nehme die Spiritualität einen zentralen Stellenwert ein. Sie werde als logische Konsequenz eines ökologischen Weltbilds betrachtet, eines Weltbilds, in dem alles mit allem verbunden und aufeinander bezogen ist. Das ­wachsende Interesse an einer persönlichen Sinnfindung führe jedoch nur zu einem kleinen Teil zur Hinwendung zu traditionellen Formen der Religiosität, d. h. zu den Kirchen. Auch die Religion mache einen fundamentalen Wandel durch, indem vor allem persönliche Formen des Glaubens und der religiösen Praxis aufgrund eigener spiritueller Erfahrung außerhalb der Institutionen entwickelt würden. Aus diesem Grund existiere auch eine enge Verbindung zwischen der Spiritualität und alternativen Therapien. Der deutsche Forscher Walter Andritzky hat 1997 festgestellt, dass bereits ein Drittel der deutschen Bevölkerung offen ist für spirituelle Wirkzusammenhänge in Gesundheit und Leben.

Die Kulturkreativen
Der bereits erwähnte amerikanische Soziologe Paul Ray, der insbesondere Lebensstile und Wertvorstellungen der amerikanischen Bevölkerung erforschte, konnte diesen Befund in seinen Arbeiten in den 80er- und 90er-Jahren bestätigen und noch verdeutlichen, und vor allem konnte er diese Eigenschaften einer klaren gesellschaftlichen Gruppe zuordnen, den sogenannten Kulturkreativen, die er in seiner Studie „The Integral Culture Survey“ (1996) und in dem Buch „The Cultur­al Creatives“ (2000, zusammen mit Sherry Ruth Anderson) beschrieben hat.
Ray sagt, dass neben den bisherigen gesellschaftlichen Gruppen der Traditionalisten oder Konservativen einerseits und den Modernisten oder Progressiven andererseits, sich eine neue gesellschaftlich-kulturelle Gruppe entwickle mit gemeinsamen Werten, Haltungen und Meinungen und gemeinsamem Lebensstil, die „Kulturkreativen“. ­Diese Gruppe machte in den 90er-Jahren nach Rays Untersuchungen bereits 29 Prozent der US-Gesellschaft aus, ist also keine Minorität. Ray hat 2002 aus diesen Befunden heraus den sogenannten New Political Compass entwickelt, der fast vollständig in Barack Obamas Wahlprogramm übernommen worden ist. Auf Anregung des Club of Budapest wurden seit 2006 in Japan, Frank­reich und Ungarn ebenfalls entsprechende Erhebungen durchgeführt, die zu ähnlichen Resultaten kamen. In Deutschland und weiteren Ländern sind gleiche Studien geplant. Rays Charakterisierung der Gruppe der Kulturkreativen liest sich ähnlich wie die Aussagen von Elgin. Kulturkreative zeichen sich aus durch Umwelt­bewusstsein, Interesse an Selbstausdruck und Selbstverwirklichung, Wertschätzung von Beziehungen, Frieden und sozialer Gerechtigkeit, durch engagierte Anteilnahme an der Welt, durch Offenheit für fremde Kulturen und für neue Ideen sowie durch eine Veränderung der traditionellen Geschlechterrollen.
Vor allem aber kennzeichnet sie eine, wie er es nennt, „experimentelle Lebenseinstellung“. Die eigene Erfahrung hat Priorität gegenüber den von anderen ­Menschen oder Institutionen stammenden Informationen, und die Kulturkreativen pflegen auch einen kritischen und kreativen Umgang mit Vorgegebenem und Überliefertem in Bezug auf Politik, Kultur, Weltanschauung und Lebensweise. Sie nehmen Traditionen und Lehren nicht passiv und gehorsam hin, sondern interpretieren und entwickeln sie selbstschöpferisch weiter in einer kritisch reflektierten Auseinandersetzung mit der eigenen Erfahrung und mit verschiedenen weiteren Einflüssen, die oft aus fremden Kulturen stammen. Von daher kommt auch der Name der Kulturkreativen; es sind Menschen, die kreativ mit dem kulturell Überlieferten umgehen. Als Folge dieser Haltungen entwickelt diese Gruppe ein individuelles persönliches Weltbild und einen entsprechenden Lebensstil aus Elementen verschiedenster Quellen. Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss verwendete für dieses Phänomen den Begriff „Bricolage-Weltbild“, ein zusammengebasteltes Weltbild aus Elementen, die dem eigenen Lebensgefühl entsprechen. Das führt in unserer Gesellschaft zu einem großen kulturellen und politischen Pluralismus der Lebensstile und Weltanschauungen.

Hier können Sie einen neuen Kommentar zu diesem Artikel verfassen





Bitte lösen Sie die untenstehende Rechenaufgabe und tragen Sie das richtige Ergebnis ein. Sie helfen damit, den Missbrauch dieses Online-Formulars und Spam zu verhindern. Herzlichen Dank.

sieben minus sechs =