Himmel über Berlin

Eine Dachterasse wird zum inspirierenden Kreativraum

von Carmen J. Breuker , Steffen Gill erschienen in Hagia Chora 31/2008

Wer beim Schritt in einen neuen Lebensabschnitt einen großen Garten gegen eine Stadtwohnung eintauschen muss, wird bald den Geruch der Erde und das Rauschen der Blätter vermissen. Wie man in einem solchen Fall mit einer kleinen Dachterrasse und dem richtigen Feng Shui Abhilfe schaffen kann, zeigen Steffen Gill und Carmen Breuker.

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Eine überaus kreative und humorvolle Songschreiberin aus Berlin Mitte beauftragte uns, ihr stressiges Leben zu entschleunigen und ihren Wohn- und Arbeitsraum zu harmonisieren. Soweit das überhaupt mit Hilfe einer Raumgestaltung möglich ist, versuchten wir, mittels verschiedener Analysemethoden der unruhigen Lebensumgebung unserer Auftraggeberin auf den Zahn zu fühlen.
Es war bereits unser zweiter Besuch in ihrer Wohnung. Wir hatten die Songschreiberin bereits kurz nach ihrem Umzug nach Berlin beraten und dabei ihre Liebe zur Natur kennengelernt. Jetzt hatte sie uns abermals gerufen, weil sie sich hin- und hergerissen fühlte zwischen ihrer neuen Stadtwohnung und einem außerhalb Berlins gelegenen Garten, den sie sich noch mit ihrem ehemaligen Mann teilte. Es schien ihr nicht möglich, das Stück Natur gegen eine zugige, ungemütliche Terrasse in Berlin Mitte einzutauschen. Andererseits wollte sie auch ein Kapitel in ihrem Leben abschließen und den alten Garten nicht weiter betreuen. Den Kontakt zur Natur, ihren Farben und Düften beschrieb sie als essenziell für ihre künstlerische Arbeit, er gebe ihr den Zugang zur Inspiration. Aber auch ihre Berliner Terrasse gab ihr geistige Bereicherung durch den Weitblick und den Kontakt zu den Elementen, die auch über den Dächern zu spüren sind.
Im Feng Shui geht man davon aus, dass sich das Lebensgefühl, das ein Mensch persönlich in seinem Inneren empfindet, sich im Außen in seiner sichtbaren Lebensumgebung manifestiert und sich diese Ausformung wiederum im Lebensgefühl niederschlägt. Die innere Unruhe der Klientin, die sich zur Zeit unserer Beratung von ihrem Mann scheiden ließ, und der von ihr gefühlte Stress sollten sich also auch in ihrer unmittelbaren Umgebung wiederfinden lassen.

Ein Überschuss an Yang
Zu der 85 m2 großen, im siebten Stock gelegenen Wohnung gehört, wie gesagt, eine karge Dachterrasse, auf der sich niemand gern aufhielt. Der ungebremste „Einfluss des Himmels“ durch Wind und Wetter, die steil aufragende Hauswand daneben, direkte Einblicke der Nachbarschaft auf die Terrasse und die Geräusche der Stadt sorgten dafür, dass man hier nicht bleiben wollte. Wenn man die Begriffe des Landschafts-Feng-Shui auf die Stadtlandschaft anwendet, ist eine steile Hauswand mit einer Steilwand in den Bergen vergleichbar, und der Aufenthalt oder gar das Siedeln neben einer solchen Steilwand gilt als gefährlich, denn es könnte dort jederzeit etwas von oben herunterfallen und die dort lebenden Personen verletzen. Neben einer Steilwand hält sich niemand gerne längere Zeit auf, und so war es auch mit der Terrasse unserer Klientin. Noch eine weitere Kraft, die sich feindlich anfühlte, machte sich hier bemerkbar, und zwar eine schnelle Qi-Bewegung von West nach Ost, parallel zur langgezogenen Hausseite und der stark befahrenen Karl-Marx-Allee. Die Terrasse ist stark mit Qi durchflossen und besitzt keine Formen, die das Qi halten können. Beides ist für einen angenehmen Aufenthaltsort notwendig: Der Fluss des Qi als Yang-Anteil einerseits sowie Sammelstellen, und dem Yin-Anteil andererseits, die das Qi halten, damit es für Mensch und Tier nutzbar wird.
Prägend für die Menschen, die im Bezirk Berlin Mitte wohnen, ist auch die Geschichte des Orts. Das etwa 50 Jahre alte Haus unserer Klientin liegt am Strausberger Platz an der erwähnten Karl-Marx-Allee. Es ist jener Platz, an dem im 16. Jahrhundert der Freiheitskämpfer Hans Kohlhase, aus heutiger Sicht ungerechterweise, hingerichtet wurde. Bekannt war die Straße für ihre Parademärsche, die dort wahrscheinlich wegen der breiten Straßenspuren und der geradlinigen Straßenführung abgehalten wurden. An diesem Ort hat der Machtausdruck Geschichte. Mit unseren Recherchen zur Vergangenheit dieser Straße stießen wir bereits auf ein zentrales Thema unserer Feng-Shui-Beratung: Ein unkontrolliertes Yang-Übermaß, das keine andere Ansicht duldet. Diese Disharmonie, die sich sowohl in der Architektur wie auch in der Geschichte wiederfindet, beeinflusst alle Bewohner dieses Viertels mit unterschiedlichen Auswirkungen.

Der Einfluss des Himmels ist zu stark
Nach einem ersten Beratungsgespräch beschlossen wir, unsere Arbeit auf zwei Punkte zu fokussieren: die „Entschleunigung“ und Sammlung des Qi-Flusses sowie die Minderung der „Einflüsse des Himmels“. Die zukünftige Gartenterrasse sollte den ehemaligen Garten ersetzen und ein ungestörtes, privates „Sein“ ermöglichen sowie den Lebensbereich der Wohnung optimal erweitern. In der zurückliegenden Wohnungsberatung hatten wir die Mitte des Lebensraums in dem quadratischen Foyer, das bis dato als Garderobe und Abstellraum genutzt worden war, neu gestaltet. Wir hatten die Achse der Wohnung als behaglichen Kommunikationsraum eingerichtet, der kreatives Arbeiten am Klavier und an der Gitarre ermöglicht und Freiraum für das Zentrum, genannt Taiji, bietet. Diese in der vorausgehenden Beratung neu gestaltete und gestärkte Mitte der Wohnung wurde der Bezugspunkt unserer Terrassenplanung. Von der Mitte ausgehend, konnten wir auf dem chinesischen Kompass Luopan in Richtung einer markanten Ecke der Brüstung das Hexagramm „Der Himmel“ 乾 (Qian) ablesen. Mit dieser Divinationstechnik suchen wir einen Zugang zu den nicht-sichtbaren Feng-Shui-Aspekten, also einer Qi-Qualität, die sich nicht an Formen, sondern an der Qualität der Richtungen festmacht. Man kann dazu beispielsweise einen markanten Punkt in der Umgebung, in diesem Fall der Eckpunkt der Brüstung, mit dem Kompass anpeilen und so das in dieser Richtung liegende Hexagramm auf der Himmelsscheibe des Luopan ablesen. Diese Technik gab uns eine Antwort auf die Frage: „Was gibt es in dieser Beratung unbedingt zu beachten?“ Die Antwort war das männlichste der 64 Zeichen, das Hexagramm 1, Qian, eine nicht erreichbare, schicksalshafte Kraft. Das Zeichen spiegelt sich in der Geschichte des Gebäudes wie auch in dem als unangenehm empfundenen, ungebremsten Einfluss des Himmels. Die Westwinde wehen stark durch den Korridor der Karl-Marx-Allee parallel zur Hausseite über den Terrassenbereich hinweg. Von hier aus ist der Himmel meist spektakulär und zieht die gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Der Fernsehturm mit seiner durchstochenen Kugel ist ebenfalls eine starke Ausprägung der Yang-Dominanz. Der Wahrnehmungsbereich des Himmels auf der Terrasse überstreicht durch die Ecklage des Gebäudes einen Blickwinkel von rund 270°. Das hat sein Gutes, denn die Wahrnehmung des Firmaments schenkt uns Inspiration und Schaffenskraft. Doch wenn ein Platz diese Kraft nicht halten kann, wirkt sie zerstörerisch, und wir können uns dort nicht mehr wohlfühlen.
Das Yijing beschreibt die Situation der Klientin sehr schön mit dem Hexagramm Qian: „Das kraftvolle Zeichen offenbart­ die Natur des Yang in seiner reinsten Form. Es übt seine Macht ohne Pause und uneingeschränkt aus. Im Himmel zeigt sich die Wandlung, und wenn man eins ist mit dieser, dann ist alles gut. Der Himmel zeigt sich als Natur in den vier Jahreszeiten und beim Menschen in den vier Tugenden ­Mitgefühl, Güte, Rechtschaffenheit und Weisheit.“

Entschleunigung
Als Motto der Beratung wählten wir die Stärkung der Mitte, um die sich alles drehen kann, die aber selbst in ihrem Kern stabil ist. Um das Übermaß des Himmels auszugleichen, schützten wir den Außenbereich vor den mächtigen Einflüssen von Wind und Wetter mit Hilfe einer dunkelroten Markise sowie durch eine Bepflanzung der Terrasse im Westen. Das Rolldach erweitert den privaten Schutzbereich und lässt dennoch die Kraft des Himmels zur offenen Seite eindringen. Ein Lichtband an den Außenwänden zeigt deutlich die Grenze des Raums, ohne den Einfluss des sogenannten Phönix zu blockieren. Der Phönix, eines der vier mythischen Tiere des Landschaft-Feng-Shui, ist in Bezug auf die Terrasse eine Freifläche vor dem Haus in Verbindung mit einem Fokuselement in der Ferne, in diesem Fall ein Gebäude mit Türmen im Süden des Hauses.
Den schnellen Fluss des Qi bremsten wir, indem wir den langezogenen Terrassengrundriss in drei Zonen unterteilten. Einen aktiven Bereich schufen wir direkt am Zugang. Hier stehen der Grill und die Barhocker an einem neugebauten Balustraden-Tresen. In der Mitte formt ein Sitzbereich mit komfortablen Gartenmöbeln das Herz der Terrasse. Eine Buche als Solitär bildet mit Steinen und Boden­deckern die den Raum dominierende Pflanze und wirkt vor der Außenmauer wie ein Gemälde auf einer Leinwand. Der dritte Bereich wird durch Pampasgras begrenzt und stellt den hauseigenen Kräutergarten dar. Ein Durchblick durch Sumpfgras über den Nachbarbalkon erweckt den Eindruck, hier ginge der Dachgarten noch weiter, und die Terrasse wäre dreimal so groß. Den Himmel holten wir sanft über eine Reflexion im Seerosenteich auf die Terrasse. Die Härte des Himmels, dessen Element das Metall ist, wird so über den Zyklus der Wandlungsphasen in das folgende Element Wasser und schließlich in das Holz der Anpflanzung gewandelt.

Ein neues Leben beginnen
Die Erneuerung des Dachgartens ging mit einigen Neuerungen im Leben der Bewohnerin einher: zum einen die erfolgreiche Scheidung von ihrem Mann, zum anderen die damit verbundene Aufgabe der Trennung von ihrem vor den Toren Berlins liegenden Garten. Einige schon vorhandene Pflanzen konnten wir in das neue Gestaltungskonzept integrieren und auch ein harmoniespendendes Symbol installieren. Die Balancierung der übermäßigen Yang-Kraft des Himmels mit der Erde lösten wir durch ein Energieobjekt aus einer alten Fundamentplatte des ehemaligen Gartens der Klientin und einer darauf geschnürten Kugel. Durch die Schnürung wird der Himmel, symbolisiert durch die Kugel, auf Erden (Fundamentplatte) gehalten.
Inzwischen nutzt unsere Kundin ihre Terrasse intensiv, schreibt dort oft am frühen Morgen magische Lieder und fühlt sich nach den fünf Jahren in ihrer Wohnung nun endlich zu Hause angekommen. Ihren Anteil am Garten außerhalb Berlins­ hat sie gewinnbringend verkaufen können und vermisst ihn nicht mehr. Ihre Zerrissenheit hat sich inzwischen aufgelöst, sie genießt ihren neuen Raum zwischen Himmel und Erde. Oft sind Freunde zum Barbecue eingeladen und die Terrasse ist im Kollegenkreis der Kundin als Ort zum Entspannen sehr beliebt – ein Kreativraum mit Blick auf den Alex. +

Literatur: Yi Jing, von Gia Fu Feng, Theseus Verlag München Zürich 1991