Heilige Steine

von Johannes Groht erschienen in Hagia Chora 31/2008

Der zweite Teil der Artikelserie über die
Menhire in Deutschland veranschaulicht,
wie tief die Menhirsitte in der Spiritualität des Megalithikums verwurzelt war – und
auch lange darüber hinaus bedeutsam blieb.

Im Jahr 1987 stieß man beim Pflügen in Langeneichstädt, Landkreis Merseburg-Querfurt, Sachsen-Anhalt, auf eine etwa 4 500 Jahre alte Grabkammer. Einer ihrer Decksteine erwies sich als kleine Sensation: Zwischen den Platten lag ein länglicher, leuchtend heller Sandstein. Offensichtlich handelte es sich um einen Menhir, der für den Bau zweitverwendet worden war. Auf der der Kammer zugewandten Seite trug er das eingeritzte Bild einer auf wenige Striche abstrahierten Göttin, wie sie auch aus anderen verzierten Grabkammern bekannt ist. Seine betont phallische Form sowie die deutlichen Spuren häufiger Berührungen weisen deutlich auf seine Verwendung in einem Fruchtbarkeitskult hin.
Auch ein Stück des zerbrochenen, mit 21 Metern ehemals höchsten Menhirs Europas, des Grand Menhir Brisé auf der Halbinsel Locmariaquer in der Bretagne, wurde sekundär als Deckstein eines Dolmens verbaut.
Beide Funde deuten darauf hin, dass die Menhirsitte älter ist als die eigentliche Megalithkultur. Möglicherweise steht sie sogar in der Tradition der hölzernen Grab- und Opferpfähle mittelsteinzeitlicher Jägerkulturen zwischen 10 000 und 4 500 v. Chr.
Stehen Menhire auch meist nicht direkt in Verbindung mit Gräbern, so sind doch offenbar viele eng mit dem Ahnenkult verknüpft. Vereinzelt wurden aufgerichtete Steine in Megalithgräbern gefunden, ebenso auf neolithischen Grabhügeln, namentlich in Mitteldeutschland. In Nord- und Westdeutschland gibt es „Wächtersteine“ an Megalithbauten, einzelne, besonders hohe Steine, die entweder in die Hügelfassung integriert wurden oder etwas außerhalb des eigentlichen Grabes stehen.