Wie uns das Geld zur erdfernsten Kultur machte

von Beatrix Pfleiderer erschienen in Hagia Chora 31/2008

Als ich ein Kind war, erschien es mir, als hätten wir zwei Religionen. Der einen folgten wir beim sonntäglichen Kirchgang, wo wir stillsitzen mussten, während uns vom lieben Gott und seinen Wundern erzählt wurde. Sobald wir die Kirche verlassen hatten, verschwanden diese Wunder jedoch alle und meistens der liebe Gott auch. Wir betraten dann eine andere, wundersame Welt, in der alles, was uns umgab, beständig wuchs. Alles wurde immer größer, immer schöner, immer mehr. Immer üppiger. Die Tanten sagten, wir müsssten uns eine Spülmaschine anschaffen, weil die Hände das Spülwasser nicht vertrugen. Die Onkel sagten, wir müssten den alten Volkswagen ersetzen, er sei den neuen Straßen nicht mehr gewachsen. Jedesmal, wenn unser altes Auto, das ich lieb gewonnen hatte, vom Hof gefahren wurde und durch ein neues ersetzt wurde, versuchte ich mir vorzustellen, was mit ihm nun geschehen würde.
Da es niemand wusste, stellt ich mir einen Drachen vor, der all die Autos und Spülmaschinen dringend brauchte, um überleben zu können. Die gelebte Religion der Erwachsenen war die des Immerbesserimmerschönerimmermehrimmerneuer. Mir als Kind erschien es, als glaubten sie von Montag bis Samstag an das Wachstum der äußeren Dinge und taten alles, um dem materiellen Wachstum zu dienen. Ich weiß noch, wie betroffen mich das als Kind machte. Dass es immer mehr sein musste. Noch mehr. Und noch neuer. Aber niemand wollte wissen, wo die braunen Häufchen herkommen, welche die Regenwürmer am Morgen auf dem Wiesenboden hinterlassen. Niemand wollte wissen, wie es aussieht, wenn eine Schnecke aus der Erde herauskriecht. Schon als Kind fühlte ich, dass diese Kultur des Immermehr wehtut, uns allen wehtut. Und dass das Eingestehen dieses Schmerzes eines Tages Experten hervorbringen würde, die sich dieses Schmerzes annehmen werden müssen, dieses inneren Schmerzes. Schon als Kind notierte ich, dass wir in einer Kultur leben, die schmerzt.