Kein vollständiger Zusammenbruch
Ein neuer Bericht zum Zustand der Welt:
„Global Trends 2025: A Transformed World“
Kulturkreative wissen: Das alte System ist nicht mehr zu retten. Nun hat der Kollaps des globalen Wettsystems, hochtrabend Finanzkrise genannt, viele Menschen aufgerüttelt, die bisher wenig über die Perspektiven der nächsten zwanzig Jahre nachgedacht haben. Mit dem folgenden Textauszug bringen wir Ihnen diesmal näher, was eine Organisation denkt, die in unserer Szene den meisten fremd sein dürfte: der Expertenrat der amerikanischen Geheimdienste.
Das internationale System, wie es sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs herausgebildet hat, wird sich bis zum Jahr 2025 durch den Vormarsch aufstrebender Mächte, eine zunehmend globalisierte Wirtschaft, den in historischem Ausmaß stattfindenden Transfer relativen Wohlstands und wirtschaftlicher Macht von West nach Ost sowie den zunehmenden Einfluss nicht-staatlicher Akteure fast bis zur Unkenntlichkeit verändert haben: zu einem globalen multipolaren System, in dem sich die Kluft zwischen der nationalen Macht von Industriestaaten und Entwicklungsländern weiter verringern wird. Zusammen mit der Machtverlagerung zwischen den Nationalstaaten steigt die relative Macht diverser nicht-staatlicher Akteure, darunter Unternehmen, Stämme, religiöse Organisationen und kriminelle Netzwerke. Doch nicht nur die Akteure, auch die Tragweite und Bandbreite transnationaler Belange, die für den anhaltenden globalen Wohlstand von Bedeutung sind, verändern sich. Durch eine Überalterung in den Industriestaaten, eine zunehmende Energie-, Nahrungsmittel- und Wasserverknappung sowie durch Probleme im Zusammenhang mit dem Klimawandel wird zwar der Wohlstand begrenzt und geschmälert, dennoch wird die kommende Zeit von historisch einzigartigem Wohlstand geprägt sein.
Historisch betrachtet, sind aufstrebende multipolare Systeme instabiler als bipolare oder unipolare Systeme. Trotz der momentanen Volatilität der Finanzwelt, die dazu führen könnte, dass sich viele gegenwärtige Trends beschleunigen, gehen wir nicht davon aus, dass wir auf einen vollständigen Zusammenbruch des internationalen Systems zusteuern, wie zwischen 1914 und 1918 geschehen, als eine frühere Phase der Globalisierung endete. Dennoch bergen die kommenden zwanzig Jahre, in denen sich der Übergang zu einem neuen System vollziehen wird, Risiken. Obwohl sich die strategischen Rivalitäten aller Wahrscheinlichkeit nach um Handel, Investitionen sowie technologische Innovation und Akquisition drehen werden, können wir ein an das 19. Jahrhundert gemahnendes Szenario von Wettrüstung, territorialer Expansion und der militärischen Auseinandersetzungen nicht ausschließen.
Derzeit ist kein eindeutiger Ausgang dieser Entwicklungen auszumachen. Obwohl die Vereinigten Staaten der mächtigste einzelne Akteur bleiben dürften, wird die relative Macht der USA abnehmen und ihr Einfluss immer stärker eingeschränkt werden. Zugleich ist unklar, inwieweit andere staatliche und nicht-staatliche Akteure willens oder in der Lage sein werden, die zunehmenden Belastungen zu schultern.
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