Sinnesräume im Untergrund

Ein ungewöhnlicher Erholungsbereich in einer Reha-Klinik

von Urs Halter erschienen in Hagia Chora 31/2008

Mit Feingefühl für eine Sprache, die Bauherren, Planer und Handwerker verstehen können, ­gelingt manches geomantisch inspirierte Projekt auch in konventionellem Rahmen. So konnte der Künstler Urs Halter den Umbau ehemaliger Lagerräume einer Rehaklinik im schweizerischen Bellikon zu einem Erlebnis- und Erholungsbereich mit Erfolg geomantisch begleiten.

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Die Rehaklinik Bellikon bei Baden im Kanton Aargau ist die Unfallklinik der Schweizer Unfallversicherung (Suva), in der vom Schicksal erschütterte Menschen Heilung finden. Menschen mit folgenschweren Verletzungen, die ein Körperteil verloren oder Verbrennungen erlitten haben, halten sich in der Klinik meist für längere Zeit auf, um behandelt und rehabilitiert zu werden. In dieser Klinik entstand eine Freizeitanlage nach geomantischen Kriterien, um den Patienten neben der besten medizinischen Betreuung in einer modernen Anlage auch einen Regenerationsort für die Seele zu geben. Eine ganzheitliche Einrichtung mit der Bezeichnung „Yin City“ wurde geboren.

Am Anfang war der Regenbogen
Bei einer Farbausstellung im Emmen-Einkaufszentrum bei Luzern hatte ich im Jahr 2007 die einmalige Gelegenheit, einen 45 Meter langen Regenbogen zu malen. Dieser sorgte auch beim regionalen Fernsehsender Tele Tell für Aufmerksamkeit, und ich durfte bei einem Interview meine malerischen Fähigkeiten als Kunst-, Bau- und Bühnenmaler und Farbdesigner darlegen.
Durch diesen Fernsehbeitrag wurde der Marketingleiter der Rehaklink Bellikon auf mich aufmerksam, hatte er doch genau zu diesem Zeitpunkt den Auftrag von der Direktion erhalten, eine Idee für eine Freizeitanlage in der Klinik zu entwickeln. Bei einem ersten Gespräch erklärte er mir sein Anliegen und die Begeisterung gegenüber meiner Arbeit im Emmener Einkaufszentrum. Er schilderte, dass auch er sich eine farbenfrohe Gestaltung für die Rehaklinik und deren Patienten wünsche.

Der Auftrag: ein Ort für die Seele
Das Anliegen der Direktion war, durch die Gründung einer Regenerations- und Freizeitstadt im zweiten Untergeschoß der Klinik den Patientinnen und Patienten einen sinnvollen Ausgleich zum Rehabilitations­alltag zu ermöglichen. Es sollte ein Ort entstehen, an dem sich die Menschen zurückziehen können, entspannen, wohlfühlen und sicher fühlen, sich amüsieren und Kontakte knüpfen können. Bereits bei einem ersten Rundgang in der Klinik mit dem Marketingleiter sprudelten die Ideen, und ich war begeistert von der Philosophie, einen Ort zu erschaffen, der den Menschen ermöglicht, schwere Schicksale zu verarbeiten, wieder Mut und Vertrauen zu finden und sich sowohl emotional, psychisch und seelisch zu regenerieren. Mit dem Motto „von der Ergebnisqualität hin zur Erlebnisqualität“ wollte die Klinik mit einem innovativen Vorzeigeprojekt nach außen gehen.
Bereits bei den ersten Gesprächen entstand eine sympathische Ebene zwischen dem Marketingleiter und mir. Er war von der Idee, ein ganzheitliches Gestaltungskonzept zu entwickeln, begeistert. Es sollte eine etwas andere Freizeitstadt entstehen, ein Ort für Körper, Geist und Seele, der Kraft und Motivation für die Zukunft gibt und dazu beiträgt, positive Erinnerungen an den Aufenthalt in der Klinik mit nach Hause zu nehmen. Um dies zu erreichen, machte ich den Vorschlag, ein Konzept nach geomantischen Kriterien, nach Feng Shui und der Farbenpsychologie zu entwickeln.

Herausforderung auf allen Ebenen
Die Herausforderung war, auch die Direktion und die dahinterstehende Unfallversicherung von dieser mutigen Idee zu überzeugen. Die Geldgeber mussten zunächst Vertrauen in meine Person gewinnen und den „persönlichen Draht“ finden. Bei einem Gespräch vor Ort zeigte ich Entwürfe, Bilder und Fotos von früheren Arbeiten und erklärte die jeweilige Philosophie zum Projekt. Bei solchen Konferenzen muss es gelingen, die leitenden Personen persönlich zu erreichen. Auch die Geldgeber wollen spüren, dass sie in den Prozess integ­riert werden und dass man auf ihre unternehmerischen Bedürfnisse achtet. So war es auch bei Yin City. Im Gespräch mit dem Direktor ergab sich die Anforderung, dass die Freizeitstadt möglichst ohne Personal selbsterklärend funktionieren sollte. Ein weiterer wichtiger Aspekt war eine gute Öffentlichkeitswirksamkeit für die Klinik. Kliniken sind dem unternehmerischen Wettbewerb ausgesetzt, Betten sind wie in der Hotelbranche zu füllen. Dazu muss sich die Klinik bei den Fachärzten, Arztpraxen, anderen Spitälern und auch im Ausland als Fachklinik hervorheben. Darüber hinaus galt es, Bedürfnisse der Patienten nach einer Cafeteria, einem Kino, einer Internetstation und einer Werkstatt zu erfüllen.
In der Konzeptionsphase entstand die Idee, ganz nach geomantischen Kriterien auf Symboliken zu setzen. Aus dem Symbol „das Licht am Ende des Tunnels“ entstand der „Lichttunnel“, ein Gang von 30 Metern Länge, in dunklen Farben gestaltet, der am Ende des Wegs in helle, leuchtende Farben wie Sonnengelb und Orange wechselt. Auf der Basis einfacher Symbole und Zeichen sollten das Unterbewusstsein und die Gefühlsebene der Menschen angesprochen werden, um Hoffnung im Leben zu vermitteln. Auch die Klinikleitung hatte sich für Einfachheit entschieden. Eine Herausforderung, die anfangs nicht immer ganz leicht schien. Deshalb setzten wir anstelle von Überwachungs­kameras Spiegel in den Ecken ein, um ein Sicherheitsgefühl zu erzeugen. Seit der Inbetriebnahme vor einem Jahr gab es bisher in der Klinik keinerlei Vandalismus oder andere Gewalttätigkeiten.
Während der gesamten Gestaltungsphase hatten wir mit der Unsicherheit zu kämpfen, ob eine solche Anlage im zweiten Untergeschoß der Klink denn überhaupt von den Patienten angenommen werden würde. So war es eine gewisse Herausforderung für mich, die Projektgruppe während der Planungs- und Bauphase zu motivieren. Die Gruppe bestand aus der Gastronomieleitung, der Leitung Technik, Internet-Technologie und Freizeit, dem Marketingchef, dem Bauleiter und dem Bauherrn. Ich hatte die gestalterische Leitung inne und die Aufgabe, auch die anderen Maler anzuweisen. Alle Handwerker wurden von mir über das Projekt aufgeklärt. Dabei musste es in die Handwerkersprache übersetzt werden. Zu esoterisch durfte es nicht sein. Alle mussten den Sinn des Projekts verstehen, sollten sich ernstgenommen fühlen und stolz auf ihre Mitwirkung sein können. Maßgeblich war, mit allen Leitern aus der Projektgruppe Entscheidungen gemeinsam zu fällen. Es stellte sich immer wieder die Frage, wie geomantische Aspekte am besten erklärt werden können und warum wir uns für ein derartiges Gestaltungskonzept entschieden hatten. Mit der Zeit konnte sich das persönliche Feuer unter den Arbeitern verbreiten. Man muss Geduld haben und Zeit investieren, um ein Team zu bilden.

Die Umsetzung
Yin City sollte einen Ausgleich zum aktiven Rehabilitationsgeschehen (= Yang) schaffen. Der Ausgleich dieser Polaritäten war der Hauptaspekt bei der Gestaltung. Im Gegensatz zum modernen Design in den oberen Stockwerken nutzten wir bei Yin City das „Nicht-Perfekte“ als Symbolsprache. Durch das Schicksal eines schweren Unfalls wird der Mensch in seinen Grundfundamenten erschüttert. Er sucht nach Halt, Sicherheit und Stabilität in seinem Leben. Der Weg entlang der Boccia-Bahn wurde sinnvoll genutzt, um diesem Thema symbolisch Ausdruck zu verleihen. So entstand die sogenannte Flaniermeile. Sie verbindet die fünf Elemente­häuser, die als Rückzugsort und Entspannungszone dienen, mit der Boccia-Bahn und den Fußballkickern. Dieser Weg versinnbildlicht eine Art Außencharakter einer Stadt, um nach innen, ins Stadtinnere, zu kommen. Die Wand entlang der fast 60 Meter langen Flaniermeile zeigt eine solide, stabile Mauer, die immer wieder Ausblicke zulässt. Mit der Technik der Bühnenmalerei gestaltete ich einen Durchbruch in der Mauer, der Hoffnung und Zuversicht symbolisiert. Über der Mauer lichtet sich ein hellblauer Himmel und sorgt für Leichtigkeit und Freiheit und Perspektiven für die Zukunft. Dekorative Schmetterlinge lenken vom alltäglichen Kummer ab.
Für mich war Yin City eine persönliche Schwelle. Als Bau-, Kunst-, Kulissen- und Bühnenmaler verband ich mein handwerkliches Können mit meinem Wissen aus der Farbenpsychologie und meinen energetischen Kenntnissen aus dem Bereich des Feng Shui und der Geomantie. Meine Philosophie ist, Bühnen für das Leben zu schaffen, die den Menschen emotional berühren und das Herz für Empfindungen und neue Erlebnisse öffnen. Als Maler nutze ich die Kunst, der Farbe Lebendigkeit und Ausdruckskraft einzuhauchen. Jeder Pinselstrich hat einen Auftrag. Farbe ist nicht gleich Farbe. Deshalb mische ich jede Farbe von Hand und verwende vorwiegend mineralische Farben. Sie werden auf den Ort, den Menschen und die Bedürfnisse der Bewohner, die Unternehmer oder, wie in diesem Fall, auf die Patienten und Mitarbeiter abgestimmt. Entscheidend dabei ist die Art der Mischtechnik. Sie erfolgt mit Konzentration, einer genauen Absicht und dem Bewusstsein, dass der Mischvorgang liebevoll und bewusst für die jeweilige Aufgabe des Raums erfolgen soll. Das ist für mich ein geomantischer Akt, der den Geist in die Farbe bringt und die Räume schwingen lässt.
Für die Freizeitstadt habe ich ein individuelles Farbdesign entwickelt, dessen Ziel ist, Orte und Menschen in ihrer Einzigartigkeit wahrzunehmen und zu erfassen. Indem ich das Wesen und den eigentümlichen Charakter des Orts erkenne, komme ich auf das Thema, zum „springenden Punkt“, und damit zum Herzstück meiner Arbeit. Bei Yin City stellten uns die langen Korridore, die zu den einzelnen Unterhaltungsbereichen führen, vor große Herausforderungen. So gab es z. B. einen 90 Meter langen, vormals grauen Gang, der den Eingang mit dem Kino und der neuen „Relax-Zone“ verband. Wir verwandelten ihn in einen Regenbogenkorridor nach dem Vorbild der sieben Chakren. Durch intensive Farben soll der Patient beim Beschreiten des Gangs förmlich getränkt und aufgeladen werden. Ich sehe die Farben wie Götter oder Wesenheiten, die uns helfen können, in unsere Kraft und in unser Gleichgewicht zu kommen. Wer heute an diesem Farbenspektakel entlangwandert, erlebt eine wahre Bezauberung der Sinne.
Ansätze aus Geomantie und Feng Shui fanden in diesem Projekt auch in der baulichen Umsetzung ihren Niederschlag. So musste ich darauf beharren, dass die beiden Fenster mit der Türe in der Mitte jeweils am Eingang zur „Smokers-Lounge“, zur „ Creative Corner“ und beim sogenannten Bürgermeisterbüro wie ein Gesicht mit zwei Augen und einem Mund aussehen, um den freundlichen und typischen Gassencharakter eines italienischen Dörfchens zu unterstreichen. Das zweite Untergeschoß führt symbolisch in die eigene Tiefe, ins Unterbewusste, und ermöglicht den Zugang zur Erde. Aus diesem Grund wurden diverse Decken in der Farbe Rosa gestrichen, damit der Blick nach innen geht, der Patient sich zentrieren kann und das Gefühl der Geborgenheit unterstützt wird.
Das Symbol von Yin City wurde ein Kreis mit dem Ypsilon. Es wurde auf einem zentralen Platz, von dem drei Gänge abgehen, als Omphalos auf den Boden gemalt, so dass es verschiedene Bereiche miteinander verbindet. Das zentrale Thema „Erlebnisse spüren und Begegnungen schaffen“ erhielt somit eine Bühne.
Als Kulissenmaler schlüpfte ich auch bei diesem Projekt gerne in die Rolle des Schauspielers und spielte zum Beispiel Patient oder Arzt, um eine Geschichte zu erzählen oder eine Thematik zu erklären. Somit konnten sich die Bauherren oder Handwerkerkollegen in verschiedene Situationen einfühlen, die Distanz löste sich und Leichtigkeit kam ins Spiel. Auf diese Weise kam ich weg von einer zu sehr fachlich-einseitigen Art und Weise der Vermittlung. Dies hat mir am Bau und bei der Arbeit als geomantischer Berater schon oftmals Türen geöffnet. +