Sinn und Krise

Ein Gespräch mit Jochen Kirchhoff

von Jochen Kirchhoff , Johannes Heimrath erschienen in Hagia Chora 31/2008

Der Philosoph Jochen Kirchhoff hat in der Edition Hagia Chora im Drachen Verlag mehrere Bücher veröffentlicht. Seine Gedanken drehen sich um die Stellung des Menschen im Kosmos, den er nicht als toten, leeren Raum, sondern als bis in den letzten Winkel beseelt und lebendig begreift. Im Sommer dieses Jahres führte er ein ausgedehntes Gespräch mit seinem Verleger Johannes Heimrath. Ihr Dialog ist auf www.geomantie.net als Video veröffentlicht und wird hier in Auszügen wiedergegeben.

Der Philosoph Jochen Kirchhoff hat in der Edition Hagia Chora im Drachen Verlag mehrere Bücher veröffentlicht. Seine Gedanken drehen sich um die Stellung des Menschen im Kosmos, den er nicht als toten, leeren Raum, sondern als bis in den letzten Winkel beseelt und lebendig begreift. Im Sommer dieses Jahres führte er ein ausgedehntes Gespräch mit seinem Verleger Johannes Heimrath. Ihr Dialog ist auf www.geomantie.net als Video veröffentlicht und wird hier in Auszügen wiedergegeben.

Johannes Heimrath: Unser letztes intensives gemeinsames Gespräch anlässlich der Veröffentlichung Ihres Buchs „Die Anderswelt“ liegt nun schon sieben Jahre zurück. Die Welt hat sich in diesen sieben Jahren drastisch verändert. Ich würde gerne darüber nachdenken, wie wir im Moment den offensichtlich kritischen Zustand der Welt empfinden.
Es gibt ja diesen Witz: „Fragt ein Planet den anderen: Wie geht es dir? Antwortet der: Schlecht, ich hab Homo Sapiens. Darauf der erste: Macht nichts, das geht vorbei.“ Das sagt viel über die verbreitete pessimistische Einschätzung des menschlichen Potenzials aus.


Jochen Kirchhoff: Die Frage der ökologischen Krise ist die Frage nach dem Menschen: ­War­um sägt er mit einer gewissen Inbrunst an diesem Ast, auf dem er sitzt? Viele erwidern darauf, dass doch nur die „Mächtigen“, die Wirtschaft und das Militär an diesem Ast sägten, sie selbst seien nur Opfer. Aber das lenkt von der eigentlichen Frage ab: Hat der Mensch ein Aufgabe, oder ist er ein Schädling, ein Irrläufer der Evolution?
Der Witz hat etwas Verlogenes. Der Mensch kann sich nicht selbst verneinen und so tun, als sei es besser, er wäre gar nicht da. Wir sind Teil eines lebendigen Ganzen, wir spiegeln das Ganze, und es gibt etwas in den Menschen Angelegtes, das auch im Gesamtzusammenhang angelegt ist: Einen Plan, einen höheren Logos, das, was gemeint ist. Darin kann sich der Mensch einfügen. Zugleich gibt es das mysteriöse Element der Freiheit, sich dagegen zu entscheiden, sich selbst zu verneinen. Wie das ontologisch möglich ist, weiß man nicht. Wir kennen aus der Pathologie das Phänomen der Selbstzerstörung, und in der Tat scheint es heute so, als sei die Gesellschaft auf Selbstzerstörung programmiert.


Gehört auch diese Pathologie zum „Gemeinten“, zur Freiheit? Oder ist sie ein Unfall?


Wenn man sich mit dem Lebendigen verbindet, spürt man deutlich einen Zusammenhang, der darauf angelegt ist, nicht zerstört zu werden. Es ist doch etwas Ganzheitliches, Sinnhaftes in allem angelegt. Der menschliche Körper beispielsweise ist etwas extrem Sinnhaftes. Deshalb halte ich es für unwahrscheinlich, dass die Selbstzerstörung in uns angelegt ist. Es ist eher anzunehmen, dass es eine polare Gegenkraft gibt, die sicherlich auch zum Ganzen gehört, aber für diese kosmische Region, in der wir leben, so etwas wie den „Widersacher“ darstellt. Ich mag solche harmlosen, „advaita-mäßigen“ Gedanken der spirituellen Szene nicht, dass alles doch irgendwie in Ordnung sei. Wer die Ernsthaftigkeit der Lage erkennt, weiß auch, wie wichtig und stark er als Einzelner ist, selbst gegen­über den sogenannten Mächtigen.
Wir hatten es in der Vergangenheit oft mit physisch in der Welt manifestierten Gegenkräften zu tun, und bei diesen Ausein­andersetzungen habe ich gelernt, sie als komplemetäre Kräfte zu begreifen.
Ich habe eine starke Sympathie zum Komplementären. Selbstverständlich muss man auch den „Gegner“ im Sinn einer Komplementarität betrachten, Brücken bauen, ihn als Mensch ernstnehmen. Was ist denn eigentlich dieser Gegensatz? Das ist ja nicht der Ökomensch, der Gute auf der einen Seite und auf der anderen irgendwie der Sklave des „megatechnischen Pharao“, wie ich das Zerrbild unserer Zivilisation gerne nenne. Wo laufen denn wirklich die Fronten? Was ist die ökologische Krise in Hinblick auf das Bewusstsein? Was für ein Weltbild steht dahinter? Ist es zu korrigieren? Warum haben sich die Dinge so entwickelt? Das Christentum spielte dabei eine große Rolle. Man kann nicht alles daran festmachen, aber es hat eine mächtige Leib- und Naturfeindlichkeit in die Seele gebracht. Oder der Sokratismus, der absolut gesetzte Rationalismus. Aber es ist nicht sinnvoll, nach dem Erz-Bösewicht zu suchen. Wenn man fragt, warum der Mensch die Erde zerstört, muss man in unsere inners­te Wurzel hineingehen, und das tut wirklich weh. Dort liegen schmerzliche Tabus.


Wenn diese Krise uns zwingt, uns mit der Wurzel zu beschäftigen, könnte ja genau ­darin ihre Aufgabe liegen.

Rudolf Bahro hat genau das gesagt: „sich endlich der eigenen Wesenskräfte zu erinnern“. Das gilt auch für die individuelle Biografie. Erst wenn ein Schicksalsschlag kommt oder der Tod in die Nähe rückt, bist du gezwungen, dich mit dem auseinanderzusetzen, was ohnehin in dir angelegt ist. Die Krise könnte uns dazu zwingen, nach uns selbst zu fragen. – Was ist der Mensch überhaupt?
Ich denke, er ist ein Doppelwesen, ein bio­logisches und metaphysisches Wesen. Der Ökologismus verkürzt den Menschen auf einen beliebigen Strang im ökologischen Netzwerk, aber diese Reduktion blickt über das Wesentliche hinweg. Alle Musiker, Denker und spirituellen Lehrer wissen es in der Tiefe, dass der Mensch auf etwas Höheres angelegt ist. Wir müssen uns bewusst machen, wozu der Mensch fähig ist: Die Atombombe ist nicht vom Himmel gefallen, sondern entstanden aufgrund der langen europäischen Geistesgeschichte.


An diese Geistesgeschichte können wir uns erinnern und aus ihr einen Sinn ableiten. Kürzlich hatte ich einen interessanten Austausch mit Ervin Laszlo anlässlich der Veröffentlichung seines Buchs „Science and the Akashic Field“. In seinem Feld-Konzept steckt auch das Element des Erinnerns. Wäre die Evolution ein zufälliger Prozess, wäre die Fähigkeit der Erinnerung unsinnig. Indem wir uns erinnern und einen Begriff wie „Sinn“ erfahren, entsteht für mich die Verbindung zu diesem „Höheren“, von dem Sie sprechen.


Zum Sinn gehört die Erkenntnis. Anders, als viele Neurobiologen behaupten, denke ich nicht, dass die Gewissheit einer Erkenntnis eine Projektion unseres Gehirns ist. Sinn und Erinnerung sind eng miteinander verbunden. Darin liegt auch die Würde des Menschen: Du musst dich nicht zum Idioten machen lassen, du hast deine Erkenntniswürde, du kannst dich erinnern. In meinem Buch „Die Anderswelt“ appelliere ich unermüdlich an die Erinnerungsfähigkeit des Menschen, nicht weil es mein philosophisches Konstrukt wäre, sondern weil diese Erkenntnis aus meiner inneren Erfahrung stammt.

Ich habe vorhin meinen heute früh geborenen Quasi-Enkelsohn bestaunt. Als wer ist er wohl gekommen – in diese heutige Zeit? Es ist so erstaunlich, dass da ein Wesen ankommt, mit dem ich mich verständigen kann – in unserem auratischen Dialog war keine Babysprache, sondern ich spreche mit einem voll ausgebildeten Wesen, das sich als „kosmischer Anthropos“ inkarniert hat. In der Geburt liegt eine große Sinnhaftigkeit: Warum macht sich jemand die Mühe, in diese Welt einzutauchen? Das Neugeborene gibt Mut, aber wir kennen den „megatechnischen Pharao“. Wir sind die erste Generation der Menschheit, die darüber entscheidet, vielleicht auch die letzte zu sein. Was beschreiben Sie persönlich als Ihre Aufgabe in dieser Zeit?


Ich gehöre nicht zu den Menschen, die angesichts des Zustands der Welt in Aktionismus geraten. Es gibt da eine schöne schamanische Geschichte: Während einer Schlacht begibt sich der Schamane auf sein Lager und bleibt dort still liegen. In der Schlacht tritt ein Bär auf, der die Feinde niedermäht. Es macht sich Empörung breit über den Schamanen, der auf seinem Lager liegt, doch als man ihn weckt, ist der Bär verschwunden.
Als jemand, der jahrelang in der Öffentlichkeit tätig war, ziehe ich mich heute bewusst zurück, vielleicht in höherem Sinn ähnlich wie der Schamane, der auf seinem Lager liegt und den Bären ausschickt.


In meiner eigenen biografischen Situation bereite ich mich darauf vor, noch mehr als sonst unterwegs zu sein. Doch auch diese noch stärker nach außen gerichtete Tätigkeit soll kein Aktionismus sein. Ich suche eine Art Quadratur des Kreises: Ich möchte, dass mein aktives Wirken von Weisheit getragen ist.


Das Wort Weisheit mag ich sehr, im Gegensatz zur Klugheit, zur reinen Intellektualität. Intellektualität verlangt nach einem Getragensein auf der Ebene einer höheren Vernunft. Darunter oder darüber liegt so etwas wie Weisheit – der Philosoph ist schließlich der weisheitsliebende Mensch. Ich glaube, dass es so etwas wie Weisheit gibt und dass der Mensch auch die Fähigkeit hat, in diese hohe Zone zu gelangen. Schelling sagte sehr schön, der Begriff Philosophie wäre sinnlos, wenn es keine Weisheit in der Welt gäbe. Viele der heutigen Denker würden allerdings argumentieren, das sei doch die alte Philosophie, wir als Erkenntnistheoretiker hätten das alles schon abgehakt. Das Gute, Wahre und Schöne halten viele für eine neo­platonische Fiktion, aber wenn ich das ganz aufgebe, wo lande ich da? In einem für meine Begriffe ziemlich öden Zustand. Ich lasse mich schnell entflammen für die richtigen und guten Dinge. Diese scheinbar altmodischen Begriffe korrespondieren doch mit lebendiger Erfahrung. So ist es auch mit dem Begriff des „höheren Selbst“, zumindest wenn man ihn aus der esoterischen Verflachung herausführt.


Ein schwieriger Begriff. Ich kann mit ihm nur umgehen, wenn ich mit „höher“ nicht etwas Räumliches assoziiere. Warum schauen wir immer nach oben, wenn wir über Geist sprechen, warum nicht nach unten, zur Erde?


Er kommt natürlich aus der geozentrischen Kosmologie, wo das Höhere wirklich das Höherwertige war, wo jenseits der Mond-Sphäre das Höherwertige kommt. Symbolisch betrachtet, waren die verschiedenen Sphären wie verschiedene Ebenen des Bewusstseins. Es ist ja so, dass sich Gestalten zu immer komplexeren Stufen auf etwas hin entwickeln, zu einem umfassenderen Geist hin, der von vornherein schon angelegt ist.


Ich habe Mühe mit dem Begriff, dass man sich auf etwas hin entwickelt. Warum ist damit ein Vektor verknüpft – und kein Kreis?


Sicherlich ist das Ende im Anfang angelegt, auch umgekehrt ist es so. Aber der Kosmos ist ein geistiges Etwas, das sich in die Zukunft entwickelt. Wir kennen das doch, dass etwas in der Zeit liegt, das uns vorantreibt, es gibt Situationen in der Biografie, wo man ahnt, fast sogar weiß, was noch gar nicht ist. Man begreift, dass dieses Phänomen mit dem Zeitstrom verbunden ist, und vermutet, dass dieses Ziel, woraufhin sich ein Wesen entwickelt, bereits in ihm vorhanden ist.


Dann ist die Zeit nicht linear. Wenn wir ahnen, was vor uns steht, können wir aus der Ahnung heraus aktuell handeln, können den Schrecken, der sonst einträfe, verwandeln. Das hat eine ­enorm transformierende Wirkung.


In meinem Buch „Die Anderswelt“ verwende ich das Bild eines Boten der Zukunft: Vielleicht bist du als Bote einer helleren Zeit in diese Zeit hineingeschickt, gehst den Weg als der bereits Angekommene, beginnst mit der Arbeit an der Aufgabe, weil du sie schon erfüllt hast. Damit kommt man selbstverständlich in ein Paradoxon. Die Zukunft greift dann in die Gegenwart hinein, sie zieht dich. Eigentlich erinnert man sich jeweils doppelt, senkt das geistige Lot in eine Tiefenschicht, so dass sich das Vergangene und das Zukünftige auf eine rätselhafte Weise berühren. Das gibt die Kraft, angesichts des Zustands der Welt nicht in Resignation zu verfallen.

Herr Kirchhoff, herzlichen Dank für das Gespräch.