Lebendigkeit gestalten

Entfaltende Prozesse erwecken Orte zum Leben

von Sonja Hörster erschienen in Hagia Chora 31/2008

Können Sie sich an einen Moment erinnern, als an einem wundervollen Ort die Welt in einen seligen Zustand geraten ist und Sie sich vollkommen wohlgefühlt haben? Die Zeit verlangsamte sich, Ihre Umgebung gewann an Intensität und Kraft, Farben leuchteten stärker als sonst, der Ort strahlte voller pulsierender Wärme, und Sie waren wach und ganz im Hier und Jetzt. … Was hat diesen Moment ausgemacht? Wie konnte dieses Gefühl intensiven Lebens entstehen? Und welche Rolle hat der Ort selbst dabei gespielt?

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 Können Sie sich an einen Moment erinnern, als an einem wundervollen Ort die Welt in einen seligen Zustand geraten ist und Sie sich vollkommen wohlgefühlt haben? Die Zeit verlangsamte sich, Ihre Umgebung gewann an Intensität und Kraft, Farben leuchteten stärker als sonst, der Ort strahlte voller pulsierender Wärme, und Sie waren wach und ganz im Hier und Jetzt. … Was hat diesen Moment ausgemacht? Wie konnte dieses Gefühl intensiven Lebens entstehen? Und welche Rolle hat der Ort selbst dabei gespielt?
Diese Fragen beschäftigen Laien ebenso wie professionelle Gestalterinnen und Gestalter, weil sie uns berühren und von unserer Suche nach authentischer Lebendigkeit, die uns Menschen gemeinsam ist, befeuert werden. Mit meinen Team vom Institut für Partizipatives Gestalten (IPG) versuche ich, in unserer praktischen Arbeit Freiraumgestaltung und Beteiligungsprozesse miteinander zu verbinden. Das Besondere dabei ist, dass wir bei unseren Aufträgen, auch solchen im öffentlichen Raum, alle Interessierten und an einem Projekt Beteiligten in den Gestaltungsprozess einbeziehen, indem wir sie auf eine gemeinsame Erfahrungsreise mitnehmen, die die Gestaltung lebendiger Orte möglich macht. Im Folgenden will ich Ansätze des Architekten Christopher Alexander, die für mich immer wieder spannende Entdeckungen bereithalten, aus der Perspektive einer Freiraumgestalterin näher beleuchten und im Anschluss daran anhand eines eigenen Projekts darstellen, wie sie in die kreative Praxis einfließen können.

Muster und Strukturen
Bekannt geworden ist Alexander zunächst durch die Veröffentlichung seiner Idee zu Mustersprachen, die im Artikel „Qualität ohne Namen“ in der Ausgabe 29 von Hagia Chora bereits vorgestellt worden sind. Mit deren Hilfe gestaltete und dokumentierte er seit den späten 70er-Jahren zahlreiche internationale Projekte. Alexander beobachtete, dass jeder Ort seinen besonderen Charakter durch wiederkehrende Muster von Strukturen und dort stattfindenden Ereignissen erhält, die sich in etwas ausdrücken, für das er zunächst keinen passenden Ausdruck fand und das er daher als die „Qualität ohne Namen“ umschrieb. Im Jahr 2002 überraschte er mit seinem Opus Magnum: einem vierbändigen Werk mit dem Titel „Die Natur der Ordnung“. Seine alte Frage ist geblieben, jetzt deutlicher formuliert: Was ist das Wesen von Raum, und wie können wir dazu beitragen, dass lebendige Orte, Gebäude und Ereignisse entstehen? Auf fast 2000 reich bebilderten Seiten nimmt er uns mit auf eine Forschungsreise, die 27 Jahre seines Lebens umspannt. Er legt uns seine Gedanken, Erfahrungen und Ansichten minutiös dar, für mich ein oft mühsames, aber immer anregendes Lesevergnügen.
Zu Beginn des Werks beschreibt er seine Hypothese zum Thema Lebendigkeit und Raum: „Was wir Leben nennen, ist ein genereller Zustand, der graduell mehr oder weniger existiert, in jedem Teil des Raums: in Steinen, in Gras, in Flüssen, in Gemälden, in Gebäuden, in Narzissen, in Menschen, im Wald, in Städten. Und noch weitreichender: Der Schlüssel zu dieser Idee ist, dass jedem Teil des Raums – jeder Region, jedem Winkel – zu einem gewissen Grad Lebendigkeit innewohnt und dass dieser Grad von Lebendigkeit objektiv existiert, messbar ist und sich definieren lässt. Diese Hypothese bedeutet, dass jeder Teil eines Hauses – jedes Fensterbrett, jede Stufe, jedes Staubkorn, der Raum zwischen diesem Stuhl und der Wand, das Dach, der Raum unter der Dachtraufe, der gepflasterte Weg, Parkplätze und die Abgrenzung zwischen den einzelnen Parkbuchten – zu einem gewissen Grad Lebendigkeit besitzt. Die Hypothese ist einfach, aber sicherlich keine, die als etabliert bezeichnet werden könnte.“ (Alexander 2002; NOI S. 77)

Alles ist lebendig
Alexander versteht die Entwicklung des Kosmos als einen sich entfaltenden Lebensprozess. Ihm geht es dabei nicht um Leben im biologischen Sinn, sondern um Lebendigkeit als einem allgemeinen Zustand, dessen Möglichkeit überall im Raum existiert, quasi in der Natur der Dinge selbst liegt. Ein hoher Grad an Lebendigkeit bedeutet, dass das Potenzial an Lebendigkeit, das im Raum immer vorhanden ist, sich voll entfaltet hat, während ein geringer Grad an Lebendigkeit aufzeigt, dass die Entwicklung der Lebendigkeit im Raum unter ihren Möglichkeiten geblieben ist. Dieser Sichtweise folgend, ist es selbstverständlich, dass auch jedes Gebäude und ebenfalls jeder Teil eines Gebäudes zu einem größeren oder kleinem Grad lebendig ist.
Das graduelle Maß an Lebendigkeit eines Orts oder Gebäudes ist nach Alexander nicht subjektiv, sondern objektiv wahrnehmbar. Jahrelange praktische Versuche überzeugten ihn und seine Kolleginnen und Kollegen, dass unsere Gefühle ein hervorragendes Messinstrument sind, wenn es darum geht, den Grad von Lebendigkeit in vergleichender Bewertung zu beurteilen und dabei unabhängig von unserem persönlichen Geschmack oder unserer Erziehung eine hohe Übereinstimmung (zwischen 80 % und 90 %) zu erreichen. Um dies zu illustrieren, möchte ich Sie an einem seiner Beispiele teilhaben lassen: Alexander bat in einer Vorlesung 110 Architekturstudenten folgende Frage zu beantworten: „Welches dieser beiden Häuser ist lebendiger?“ Er zeigte ihnen die beiden auf der folgenden Seite dargestellten Bilder. Die Studentinnen und Studenten sollten kein fachliches Urteil über die beiden Häuser abgeben, sondern, ihrem eigenen Gefühl folgend, entscheiden, welches von beiden lebendiger zu sein schien. Dazu konnten sie sich drei möglichen Gruppen zuordnen:
• denjenigen, die das Gefühl hatten, das Slumhaus aus Bangkok sei lebendiger,
• denjenigen, die das Gefühl hatten, das postmoderne Haus sei lebendiger, oder
• denjenigen, für die diese Frage keinen Sinn ergab oder die ­diese Frage nicht beantworten mochten, auch wenn sie zur Beantwortung nur ihr eigenes Gefühl befragen mussten.
Das Resultat war, dass 89 Personen der Ansicht waren, das Slumhaus aus Bangkok (links) sei lebendiger, 21 konnten oder wollten die Frage nicht beantworten. Niemand bewertete das postmoderne Haus als lebendiger.

Vergleichende Bewertung
Diese Form der vergleichenden Bewertung erscheint Christopher Alexander zentral. Durch diese Methode wird deutlich, dass unsere Wahrnehmung eine verlässliche Größe ist. Mit ihrer Hilfe eröffnet sich die Möglichkeit, die Lebendigkeit von Orten oder Gebäuden zu beurteilen. Vergleichende Bewertung hilft, unsere Wahrnehmung zu schulen, und weist uns auf die Existenz von Verbundenheit hin, denn es wird erlebbar, dass viele Menschen das gleiche Gefühl teilen.
In einem Interview gefragt, wie er eigentlich an das Material seiner Arbeit zu Mustersprachen gekommen sei, antwortete Alexander: „Es war wie bei anderer wissenschaftlicher Arbeit auch. Meine Kollegen und ich beobachteten, was funktionierte, studierten es, versuchten das Wesentliche herauszufinden und zu beschreiben. Aber eines machten wir anders: Wir gingen davon aus, dass sich alles auf die Realität menschlicher Gefühle gründet und – das ist der ungewöhnliche Ansatz – dass menschliche Gefühle meist übereinstimmen. Das gilt zwischen zwei Personen, aber auch bei mehreren Personen. Natürlich gibt es auch Gefühlsbereiche, wo wir uns alle unterscheiden, jeder hat seinen individuellen Charakter und seine unverwechselbaren Besonderheiten. Darauf konzentrieren sich Menschen üblicherweise, wenn sie über Gefühle sprechen. Aber diese Besonderheiten machen nur ca. 10 Prozent unserer Gefühle aus. 90 Prozent unserer Gefühle drehen sich um Dinge, die wir ganz gleich empfinden. Wenn wir also eine Mustersprache suchen, dann konzentrieren wir uns auf jenen Teil menschlicher Gefühle, die wir alle teilen. Das ist es: eine Aufzeichnung der 90 Prozent unserer Gefühle, die sich gleichen und die uns als Menschen verbinden.“ (Leitner 2007; S. 101)
Auch Architektur hängt für Alexander von Verbundenheit ab, doch diesmal nicht zwischen uns als Menschen. Architektur ist für ihn der Versuch, in den Dingen eine lebendige Ordnung zu erzeugen, die Bezogenheit hervorbringt. Gebäude, die in einem vitalen Sinn gelungen sind, sind diejenigen Architekturen, die eine gefühlte Verbundenheit zwischen sich und einem Menschen herstellen können.
Wenn Lebendigkeit etwas ist, was in der Welt überall als Potenzial existiert und sich in struktureller Ordnung ausbildet, wo und wie kann dann diese Ordnung erkannt und beschrieben werden? Alexander wendete sich hier erneut seiner Wahrnehmung zu und beobachtete gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen über drei Jahrzehnte in der Natur, in Kunstwerken, in Gebäuden, auf Straßen, Plätzen und in Ereignissen, wie ordnende Strukturen sich entfalten und Lebendigkeit graduell entsteht. Seine Erkenntnisse beschreiben die Entstehung von Lebendigkeit durch generative Prozesse, die räumlich geordnete Formen hervorbringen. Prozess und Form sind dabei untrennbar miteinander verbunden. Der Prozess bestimmt die Qualität der Form.
Ein generativer Prozess ist ein Prozess, der sich aus sich selbst heraus ausdifferenziert und in dem sich nach und nach eine ordnende Form herausbildet. Dabei entwickelt sich eine Eigendynamik, in der Form und Prozess sich durch Feedbackschleifen beständig selbst korrigieren und sich aus sich selbst heraus entfalten. Solche lebendigen Prozesse respektieren die Beschaffenheit und Form der Struktur, die bereits existiert. Die nächste Adaption eines Prozesses enthält daher immer die vorangegangene Struktur und erhält, entwickelt und erweitert diese, während sich die Struktur im Wandel weiter entfalten kann. Dabei schreitet der Prozess zu der reinsten und einfachsten geordneten Form, die möglich ist, voran. Er folgt dem Prinzip des geringsten Widerstands, und alles, was nicht notwendig ist, wird entfernt. Beide, Prozess und Form, werden komplexer an sinnvollen Beziehungen und sind gleichzeitig voll innerer Ruhe und Leere. Jede Adaption hilft, das Ganze in Schönheit und Lebendigkeit zu bereichern.

Das Gewebe des Raums
Alexander stellt sich Raum als Strukturen von Mustern vor, die er „Zentren“ nennt. Für ihn sind sie die Funken des Lebendigen im Gewebe des Raums. Zentren besitzen räumliche Charakteristika, die Alexander als Lebenseigenschaften bezeichnet. Durch sie können Zentren unterschiedliche lebendige Formen schaffen und sich dabei gegenseitig in ihrer Lebendigkeit intensivieren. Die Eigenschaften, die er aufzählt, sind: Größenabstufungen, wie in der Verhältnismäßigkeit des Stamms eines Baums zu seinen Ästen, der Äste zu den Blättern und der Blätter zu den Blattnarben; starke Zentren wie der Zellkern einer Zelle; durchlässige Grenzen, wie das Ufer eines Flusses; rhythmische Wiederholungen, wie die Dünen am Strand und die Wellen in einem im Wind wogenden Kornfeld; positive Zwischenräume, wie die Leere zwischen den Blättern eines Farns; angepasste Formen, wie die der Wassertropfen; lokale Symmetrien, wie in Kristallen; wechselseitige Durchdringungen und Zweideutigkeit, wie in der Randzone eines Walds; Kontraste, wie bei Komplementärfarben; graduelle Veränderungen, wie bei der Entwicklung eines Embryos; Irregularität, wie bei den Zellen einer Honigwabe; Selbstähnlichkeit (Echo), wie die der Falten auf einem schön gealterten Gesicht; Leere und Freiraum, wie im Mittelpunkt eines Orkans; Einfachheit und innere Ruhe, wie die toskanische Landschaft; sowie ganzheitliche Verbundenheit, wie bei einer Oase in der Wüste oder dem blauen Himmel und seinen Vögeln. Der Aufbau eines Zentrums ist verschachtelt: Es besteht aus Zentren, die wiederum aus weiteren Zentren bestehen.
Wir fragen uns in unserer Arbeit als Gestalterinnen immer wieder, wie wir die Entfaltung von Lebendigkeit unterstützen und dazu beitragen können, dass jeder Ort und jedes Gebäude mit seinen Elementen und Details, jeder Weg und jeder Garten sich zur vollen Lebendigkeit entfalten kann. Alexander schreibt hierzu: „Wir können Mutter Natur nur dafür bewundern, wie sie die zutiefst schöne Einfachheit und gleichzeitige Komplexität der Narzisse hervorbringt. Das ist der Weg, und tatsächlich gibt es keinen anderen. Und da wir nicht Mutter Natur sind, bedeutet das für uns, wenn wir unsere Städte hervorbringen, unsere Computerprogramme und unsere Annäherungen an große Kunst, dass wir sie aus uns herausschwitzen müssen, mit größter Aufmerksamkeit auf das gerichtet, was wir tun.“ (Alexander 2002, NOII S.201)
Und er schlägt vor, generative Gestaltungsprozesse zu entwickeln: Prozesse, die sich in und durch sich selbst ausdifferenzieren, und in denen sich allmählich räumliche Gestalt herausbildet. In evolutionärer Adaption erwächst der nächste notwendige Schritt aus dem Bestehenden, das sich bis zu diesem Zeitpunkt schon entfalten konnte. Die Schrittfolgen, die hierbei sinnvoll aufeinander aufbauen, nennt Alexander „Sequenzen“. Wenn wir also gestalten, bedeutet das übertragen, dass jede Gestaltungsentscheidung in Bezug auf ihren Kontext und in ihrer jeweiligen Sequenz getroffen werden muss, da das notwendige Wissen für eine sinnvolle Entscheidung erst vorhanden ist, wenn sich die jeweilige Phase voll entfaltet hat. Die Schrittabfolge kann nicht im Voraus festgelegt werden, sondern ist Resultat des Prozesses. Die lebendigen räumlichen Strukturen, die in einem konkreten Gebäude oder an einem konkreten Ort entstehen, werden im Gestaltungsprozess ebenfalls nach und nach generiert.
Aus der Einsicht, nur innerhalb eines Kontextes passende Lösungen finden zu können, ergibt sich für Alexander auch die Notwendigkeit, Nutzerinnen und Nutzer direkt in die Gestaltung einzubeziehen. Professionelle Gestalterinnen und Gestalter sind für ihn Begleiter, die mit ihrer Fachkompetenz dazu beitragen, dass generative Prozesse entstehen können und das Wissen um räumlich lebendige Strukturen zugänglich wird. Daraus ergibt sich, dass Prozess, Gestaltung und der Ort der Gestaltung nicht untrennbar verbunden sind. Die heutige Baupraxis, die Entwurf und Ausführung stark voneinander trennt und oft ohne direkten Ortsbezug stattfindet, sieht Alexander entsprechend kritisch.

Ein Beispiel: Freiraumgestaltung mit Bürgerbeteiligung
In unserer eigenen Arbeit als Freiraumplanerinnen und Moderatoren von Beteiligungsverfahren verstärkt sich unser Gefühl, der Gestaltung von Orten in und mit generativen Prozessen auf die Spur zu kommen. So schreiben wir, um ein Angebot zu erstellen, unsere ersten Konzeptideen erst nach intensiven Expeditionen ins Feld der Aufgabe. Zu einer solchen Expedition gehören Begegnungen mit den jeweiligen Orten, mit den beteiligten Personen und den zugehörigen räumlichen, historischen, finanziellen und rechtlichen Kontexten. Darauf aufbauend, entwerfen wir ein individuell angepasstes Beteiligungskonzept, das offene Prozessstrukturen und die Unvorhersehbarkeit des Ergebnisses zulässt. In der tatsächlichen Arbeit entwickelt sich dann die von Alexander beschriebene Eigendynamik des Prozesses. An dieser Dynamik partizipieren im weiteren Verlauf sowohl die Orte als auch die betroffenen Menschen mit ihren jeweils eigenen Prozessen.
Als Beispiel dafür möchte ich eine Freiraumgestaltung vorstellen, die wir seit 2004 mit unserem Büro (damals noch „Die Planungswerkstatt“) begleitet haben. Der Auftrag beinhaltete, eine ungefähr einen Hektar große innerstädtische Grünfläche, den Anger im Saarbrückener Stadtteil Dudweiler, in Kombination mit Beteiligung der Öffentlichkeit neu zu gestalten. Durch die gemeinsame Arbeit von Interessenvertretern, Anwohnerinnen, Bürgern der Stadt sowie Expertinnen aus der Verwaltung entstand in einer dreieinhalbtägigen Planungswerkstatt die gestalterische Grundkonzeption, die von uns im Nachgang in Kooperation mit weiteren Büros zu einem ausführbaren Gesamtkonzept weiterentwickelt wurde. Die Teilnahme stand allen Interessierten offen. Einzige Voraussetzung war die Bereitschaft, an allen Tagen anwesend zu sein. Die Teilnahme wurde als Fortbildung, Bildungsurlaub oder durch ein Sitzungsgeld anerkannt. Es nahmen 24 Personen im Alter zwischen 16 und 74 Jahren mit den unterschiedlichsten Hintergründen und Motivationen teil.
Am ersten Tag starteten wir direkt ins praktische Tun. Alle Teilnehmenden zeichneten den Anger aus ihrer Erinnerung und stellten sich dann mit dieser Zeichnung vor. Erste Aha-Effekte: Hier wurde nicht doziert, die eigene Erfahrung konnte eingebracht werden, und das nicht allein durch Sprache, es wurde gezeichnet. Im Vergleich zu den anderen war die eigene Zeichnung auch nicht so übel … nur die Erinnerung, da war doch einiges unklar oder vergessen … aber der Brunnen auf dem Anger, der war auf jeder Zeichnung zu sehen. Ein wichtiges Merkmal. Der eine oder andere konnte gar nicht warten, musste entwerfen, anstatt zu erinnern, und unmittelbar seine Interessen kundtun, um sie dann doch beiseitezulegen. Ein Teilnehmer beschrieb diesen Effekt in der Abschlussrunde: „Da war ich mit einem ­großen Koffer von Vorstellungen angereist, gab sie ziemlich direkt an der Tür ab, und nun gehe ich mit einer Reisetasche gemeinsamer Ideen nach Hause – welch ein Glück!“

Kreatives Entwerfen
Ein Beobachtungsgang brachte weitere Aufschlüsse. Es war erstaunlich, wie sehr man sich doch in der Erinnerung irren konnte. Die Erkenntnis, dass Wahrnehmung eine wichtige Grundlage des Entwerfens ist, stellte sich von selbst ein. Jede spätere Idee wurde draußen in Gruppen, direkt vor Ort, in heißen Diskussionen auf Herz und Nieren überprüft. Aber noch sollte es fast zwei ganze Tage bis zur Entwurfsarbeit dauern. Wie sich zeigte, waren noch viele moderierte Dialoge im Forum, viele Vorarbeiten und Wahrnehmungsgänge nötig, bis alle das Gefühl hatten, reif für die Entwurfsentwicklung zu sein. Auch auf der kreativen Ebene ging die Arbeit weiter. So machten wir z. B. ein Zeichenspiel, bei dem drei vor Ort gesammelte Gegenstände zufällig auf einem Blatt Papier angeordnet werden. Über die Beschreibung der so entstandenen Blattstruktur und einer folgenden Schraffur entstand langsam eine zusammenhängende Form auf dem Papier, die sich in einem weiteren Arbeitsschritt zu einem Phantasieentwurf entfaltete. Die Verblüffung und Begeisterung darüber, dass man ohne Absicht gezeichnet hatte und dabei ein Entwurf entstanden war, traf manche wie ein Donnerschlag und beflügelte die Atmosphäre der nächsten Tage enorm: Es war also tatsächlich machbar! Manche Details dieser ersten Entwürfe konnte man später adaptiert in den Plänen wiederfinden, hier schienen bereits erste Ideen als Blitzlichter auf spätere Ideen auf, und so wurde praktisch das erlebt, was Alexander als einen sich nach und nach verdichtenden und ausdifferenzierenden Prozess beschreibt, indem sich die räumliche Struktur ebenfalls allmählich herausbildet. Hätten wir jetzt bereits entworfen, so hätten wir versucht, etwas viel zu früh ans Tageslicht zu ziehen, eine diffuse Form.
Der Umgang und die Arbeit mit Plänen, das Zeichnen und Präsentieren gewannen nach und nach an Selbstverständlichkeit und Professionalität. Für uns als fachliche Begleiterinnen und Moderatorinnen war es berührend, mitzuerleben, wie viele der Teilnehmenden über sich hinaus- und in ihre Rolle als Gestaltende hineinwuchsen. Nach zwei Tagen der intensiven Auseinandersetzung mit Ort und Aufgabe, ohne nur eine Minute über mögliche Lösungen zu sprechen, konnten die Entwürfe nicht mehr länger warten. Alle waren angekommen und übervoll mit Ideen. Es entwickelte sich eine intensive, produktive Arbeitsatmosphäre und Dynamik. Wir gerieten in einen gemeinsamen Rausch: überall Bewegung, überall Tassen, Stifte, Skizzenrollen, überall diskutierende und zeichnende Gruppen, die Kaffeemaschine brodelte ununterbrochen. Wir unterstützten dabei die einzelnen Gruppen, ohne uns inhaltlich einzumischen. Das war auch nicht nötig. Die Konzepte, die da langsam Gestalt annahmen, waren sinnvoll und entsprachen auch den Bildern meiner Kolleginnen und mir, die über die vergangenen zwei Tage auch in jedem von uns gewachsen waren. Gute Ideen anderer Gruppen durften übrigens in die eigenen Entwürfe übernommen, angepasst und in diese eingebaut werden; das hatte sich als ein probates Mittel quasi von selbst entwickelt. An diesem Tag wurde gearbeitet, bis uns der Hausmeister des Bürgerhauses ermahnte und wir den Tag beenden mussten – niemand war gegangen, als der Tag seinen offiziellen Abschluss gehabt hatte.
Am vierten Tag wurden die Ergebnisse der Planungswerkstatt der interessierten Öffentlichkeit präsentiert. Hier standen nun 24 Profis, die mit Feuereifer ihre Ergebnisse präsentierten und alle beeindruckten – auch die Vertreter der Politik, die diesem Experiment größtenteils sehr kritisch gegenübergestanden hatten, die aber im weiteren Verlauf diesem Projekt viel Unterstützung gaben. Nach einem letzten Feedback und Forum neigte sich die Planungswerkstatt ihrem Ende zu. Wir waren erschöpft und sehr glücklich, manche hatten vor Aufregung nicht geschlafen. Die Entwürfe wurden von uns mitgenommen und in zehn Tagen zu einem Gestaltungskonzept verdichtet. Während eines weiteren Treffens besprachen wir mit allen Beteiligten den Gesamtentwurf und arbeiteten weitere Anregungen ein, bevor er der Verwaltung und den Entscheidungsträgern vorgestellt wurde.
In den vier Jahren Bauzeit, die nun folgten, ist ein Ort entstanden, der es vielleicht nicht in die Hochglanzmagazine der Architekturwelt schafft, der aber auf eine schlichte Art und Weise gelungen und wieder intakt ist. Beigetragen haben viele Menschen in den Ämtern, in der Politik und als Aktive vor Ort. So ist z. B. auch der heutige Spielplatz im gemeinsamen Spiel von Erwachsenen und Kindern unter der Obhut der Baumeister der „Ochsenfurter Spielbaustelle“ entwickelt und gebaut worden.
In den Gestaltungsprojekten, die seitdem gefolgt sind, zeigt sich die Kraft generativer Prozesse für uns immer deutlicher. So arbeiten wir heute wesentlich freier, was die Vorplanung der einzelnen Prozessschritte angeht. In der Konzeption legen wir die erste Sequenz fest und überlegen, wie wir der Gruppengröße angemessen das Arbeiten auf verschiedenen Ebenen, wie der Dialogebene, der Wahrnehmungsebene, der Kreativitäts- und der Fachebene, einführen können. Dann übergeben auch wir uns dem Prozess und entdecken gemeinsam mit unseren Teilnehmenden passende Methoden und ordnende Strukturen. Und jede und jeder von uns spürt es, wenn der Raum in uns und zwischen uns und um uns herum erwacht und lebendig wird.

Literatur: Alexander, Christopher: The nature of order. The phenomeon of life/book one. Center for Environmental Structure, Berkeley 2002. (NOI) • Alexander, Christopher: The nature of order. The process of creating life/book two. Center for Environmental Structure, Berkeley 2002. (NOII) • Leitner, Helmut: Mustertheorie. Einführung und Perspektiven auf den Spuren von Christopher Alexander. Nausner & Nausner, Graz 2007. (MT)