Nicht-Orte an wirklichen Orten
Vor nicht allzu langer Zeit hat in der Stadt Cambridge ein riesiges Einkaufszentrum namens „The Grand Arcade“ seine Pforten geöffnet: eine Stahlrahmenkonstruktion auf einem Betonunterbau mit viel glänzendem Metall, spiegelndem Glas und polierten Steinplatten daran. Unten ist alles bis in den letzten Winkel mit energieverschwendenden Lampen ausgeleuchtet, und die unermüdlich fahrenden Aufzüge schaufeln die Besucher in die oberen Etagen, wo es auch nicht anders aussieht. Außen wollen uns „Original“-Backsteinfassaden von Häusern aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert glauben machen, dass dieser Ort tatsächlich noch zu Cambridge gehört. Der nähere Blick auf diese Hülle zeigt jedoch, dass die ursprünglichen, handgefertigten Glasscheiben durch industriell produzierte ersetzt worden sind; anstelle der originalen, handgeschlagenen Schieferschindeln liegen nun völlig gleichförmige Platten aus irgendeinem Kunststoff auf dem Dach.
Hinter der Fassade hat man alles weggerissen, so dass das neue Interieur mit keiner Faser an die Geschichte des Orts oder gar an jenen Handwerker erinnert, der einst die Balken, Vertäfelung und Türen gesägt, gehobelt und verziert hat. An die Stelle der nachhaltigen Häuser aus früherer Zeit, die vom Tageslicht erhellt wurden und zu Fuß zugänglich waren, ist ein extrem energieabhängiges Gebäude getreten.
Politiker sprechen heute gerne von der Umwelt und davon, dass wir alle aufgefordert seien, unseren Energieverbrauch zu reduzieren. Doch während sie solche Reden schwingen, werden immer größere Bauten errichtet, die sich nicht ohne extrem hohe Energiezufuhr betreiben lassen. Am selben Tag wie das Cambridger Grand Arcade eröffnete im Flughafen Heathrow das neue Terminal 5, dessen Grundfläche sage und schreibe die des Londoner Hyde-Parks übertrifft. Wie das Arcade setzt sich auch Terminal 5 durch seine schiere Größe über die natürlichen Maße der Umgebung hinweg, und ebenso wie das Arcade benötigt auch das Terminal sogar innen Personentransporthilfen.
Wenn wir Bauten wie diese betreten, lassen wir den eigentlichen Ort hinter uns. Diese Konstruktionen besitzen keinerlei Verbindung zu den Orten, auf denen sie stehen, da sie Teil der multinationalen Konzern welt sind, die weder die Feinheiten von Orten noch von lokaler Kultur kennt. Einmal abgesehen vom Aussehen der Menschen, dem römischen Alphabet und der englischen Beschilderung, könnte das neue Arcade überall auf der Welt stehen.
Ich verließ das Gebäude eine Stunde nach den hehren Eröffnungsreden und -zeremonien, erschrocken über die Assoziationen an die Berliner Reichskanzlei der Nazis oder an andere Riesenbauten sowjetischer oder imperialer Machart, an die es mich erinnerte. Durch die turmhohe Vertikalität seiner inneren Struktur kommt sich im Arcade auch der größte Mensch wie ein Winzling vor; jeder scheint sich hier der Macht der Konzerne unterordnen zu müssen. Ebenso wie totalitäre Regimes spiegeln auch die Entwürfe dieser riesigen Monumente zu Ehren der Konzernmacht den übergroßen Maßstab, in dem sie operieren: ein Maßstab, der keinen Platz für das Individuum und keinen Platz für das Außergewöhnliche kennt.
Man muss wissen, dass das neue Arcade eine Bebauung ersetzt, die erst in jüngerer Zeit, nämlich 1975, an die Stelle eines Teils des alten Cambridge getreten war: ein Hausviertel, dessen Gründung in mittelalterliche Zeiten zurückreichte. Für die seinerzeitige Neuplanung waren sechzehn denkmalgeschützte Gebäude abgerissen worden, darunter ein Haus aus dem sechzehnten Jahrhundert sowie ein altes Pub namens Bun Shop („Brötchenladen“), das bis zu seinem Ende den schönen Brauch pflegte, zu Beginn jedes Wochenendes frische Gratis-Brötchen an die Kundschaft zu verteilen. Der neue Arcade-Komplex wurde also gleich zweifach aus seinem historischen Kontext gerissen. Wo einmal der Bun Shop stand, klafft heute ein riesiges Loch in der Erde mit einer Zufahrtsrampe für Lieferwagen.
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