Feng Shui im Nomadenland
Eigenständige Kulturimpulse in der tibetischen Architektur
Der junge tibetische Architekt Sonam Topgyal baut in der Hochlandsteppe der osttibetischen Yushu-Nomaden eine moderne buddhistische Akademie im traditionellen Stil. An einem Ort mit einzigartigem Feng Shui zeigt er, wie sich tibetische Kosmologie und die Prinzipien des chinesischen Feng Shui ergänzen.
Bei uns im Westen ist Tibet ein Thema, das entweder rein politisch oder religiös besetzt ist. Die vorherrschenden Bilder davon sind die einer politischen Vorhölle, in der Tibeter unter der Bürde chinesischer Besatzer schmoren, oder eher folkloristischer Natur, womit in der Reisebranche das verlorene Paradies des alten Tibet doch noch irgendwie Bestand zu haben scheint – als ein touristisches Disneyland, in dem rezitierende Mönche, inbrünstig betende Pilger, eine einzigartige Architektur, farbenprächtige Malereien sowie Nomaden, die gefälligst noch in ihren Zelten zu hausen haben, eine vermarktungsfähige Fotokulisse abgeben. Doch die gängigen westlichen Klischees der negativen wie positiven Art gehen in vieler Hinsicht an der harten, dennoch oft überaus faszinierenden Realität Tibets vorbei. Am ärgerlichsten ist, dass sich der Begriff der Kultur in Betrachtungen Tibets fast ausschließlich auf die Vorstellung eines alten, durch und durch buddhistisch geprägten Landes und seiner Gesellschaft stützt, in der die Menschen zwar arm, aber glücklich gewesen seien. Damals, in der sogenannten guten, alten Zeit, wurden sie von ihren Lamas zur Glückseligkeit geleitet, heute aber von „den Chinesen“ ins Verderben geführt. Kaum jemandem scheint dabei aufzufallen, dass der tibetischen Bevölkerung in solcherart Kulturverständnis immer nur eine passive Rolle zugedacht wird.
Während der Westen in der Betrachtung seiner eigenen kulturellen Leistungen den Fortschritt in den Mittelpunkt stellt, wird die tibetische Zivilisation gleichsam am Bestand seines buddhistischen Inventars gemessen. Demzufolge wird selbst nach zweieinhalb Jahrzehnten, in denen Klöster und Tempel zu Tausenden wieder aufgebaut wurden, Mönche in sie zurückgekehrt sind und Gebetsfahnen auf Bauernhäusern wie Nomadenzelten flattern, über seine Kultur immer noch gern in der Vergangenheitsform gesprochen – und über die zeitgenössische tibetische Kultur fast immer im Tenor der erfolgten Auslöschung. Eines ist gewiss: Das neue Tibet ist dem alten in vieler Hinsicht nicht mehr gleich. Ein schönes, fast schon extravagantes Beispiel ist der Dzong, die Burg von Shigatse, Tibets zweitgrößter Stadt. Als in den 1980er-Jahren die Klöster nach und nach wiedererrichtet und mit Leben erfüllt wurden, blieben Burgen und Landgüter der Adeligen in ihren Ruinen versunken. Den einfachen Menschen, die nach Jahrzehnten der unseligen politischen Unruhen wieder Trost und Muße in den Ritualen ihrer Religion finden konnten, wäre es nicht im Traum eingefallen, die alten Herrschaftssitze von sich aus wieder aufzubauen. Noch um die Jahrtausendwende, als die meisten Tempel und Klöster schon wieder aktiv waren und Klöster mancherorts sogar frühere Dimensionen sprengten, ragten zwischen den Flachdächern der Altstadthäuser von Shigatse und den golden glänzenden Tempeln des Klosters Tashilhunpo die stumpfen, grauen Ruinen der im 17. Jahrhundert dem Bau des Potala-Palasts in Lhasa zum Vorbild dienenden Festung auf. Welch Überraschung, als diese Festung 2005 bis 2007 rekonstruiert wurde – mit Spendengeldern aus Shanghai und mit Zement und Beton.
Genau Letzteres ist es, was uns im Westen das Klagelied über den Untergang der tibetischen Kultur anstimmen lässt. Im Westen nimmt jedoch niemand den Untergang unserer eigenen Zivilisation als gegeben hin – obwohl hierzulande Zement und Beton doch die gängigsten Baumaterialien sind. Freilich haben wir begonnen, bei uns Synthesen zu schaffen, Verbindungen aus modernen Baumaterialien mit ganzheitlichem Denken: Wir gestalten neu und holen uns Anregungen aus anderen Kulturen. Nichts anderes geschieht unter modernen Tibetern. Da sie jedoch keine Stimme bei uns haben, ist darüber nichts bekannt – weshalb alles vom tibetischen Imago Abweichende als sinisiert bezeichnet wird. Damit wird den Tibetern ihre Fähigkeit zu kulturellem Wandel aus eigener Kraft und eine eigenständige Motivation abgesprochen; dabei ist Tibet voller Beispiele solcher von ihnen selbst geschaffenen, zeitgenössisch-traditionellen Fusionen. Dies beginnt in modernen Stadthaushalten und setzt sich über von Exil-Lamas finanzierte Tempelhallen aus Zement und Beton fort, bemalt mit Acrylfarben und ausgestattet mit sanitären Anlagen. Solche Dinge spielen sich in den – nur aus unserer Sicht – abgelegensten Ecken des tibetischen Hochlands ab, und die Akteure stammen von dort. Aus diesem Grund soll hier einer dieser bemerkenswerten Tibeter samt einem seiner zentralen, zur Zeit im Entstehen begriffenen Projekte vorgestellt werden, der tibetische Architekt Matsa Sonam Topgyal.
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