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Feng Shui im Nomadenland

Eigenständige Kulturimpulse in der tibetischen Architektur

von Andreas Gruschke erschienen in Hagia Chora 30/2008

Der junge tibetische Architekt Sonam Topgyal baut in der Hochlandsteppe der osttibetischen Yushu-Nomaden eine moderne buddhistische Akademie im traditionellen Stil. An einem Ort mit einzigartigem Feng Shui zeigt er, wie sich tibetische Kosmologie und die Prinzipien des chinesischen Feng Shui ergänzen.

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Bei uns im Westen ist Tibet ein Thema, das entweder rein politisch oder religiös besetzt ist. Die vorherrschenden Bilder davon sind die einer politischen Vorhölle, in der Tibeter unter der Bürde chinesischer Besatzer schmoren, oder eher folkloristischer Natur, womit in der Reisebranche das verlorene Paradies des alten Tibet doch noch irgendwie Bestand zu haben scheint – als ein touristisches Disneyland, in dem rezitierende Mönche, inbrünstig betende Pilger, eine einzigartige Architektur, ­farbenprächtige Malereien sowie Nomaden, die gefälligst noch in ihren Zelten zu hausen haben, eine vermarktungsfähige Fotokulisse abgeben. Doch die gängigen westlichen Klischees der negativen wie positiven Art gehen in vieler Hinsicht an der harten, dennoch oft überaus faszinierenden Rea­lität Tibets vorbei. Am ärgerlichsten ist, dass sich der Begriff der Kultur in Betrachtungen Tibets fast ausschließlich auf die Vorstellung eines alten, durch und durch buddhistisch geprägten Landes und seiner Gesellschaft stützt, in der die Menschen zwar arm, aber glücklich gewesen seien. Damals, in der sogenannten guten, alten Zeit, wurden sie von ihren Lamas zur Glückseligkeit geleitet, heute aber von „den Chinesen“ ins Verderben geführt. Kaum jemandem scheint dabei aufzufallen, dass der tibetischen Bevölkerung in solcherart Kulturverständnis immer nur eine passive Rolle zugedacht wird.
Während der Westen in der Betrachtung seiner eigenen kulturellen Leistungen den Fortschritt in den Mittelpunkt stellt, wird die tibetische Zivilisation gleichsam am Bestand seines buddhistischen Inventars gemessen. Demzufolge wird selbst nach zweieinhalb Jahrzehnten, in denen ­Klöster und Tempel zu Tausenden wieder aufgebaut wurden, Mönche in sie zurückgekehrt sind und Gebetsfahnen auf Bauernhäusern wie Nomadenzelten flattern, über seine Kultur immer noch gern in der Vergangenheitsform gesprochen – und über die zeitgenössische tibetische Kultur fast immer im Tenor der erfolgten Auslöschung. Eines ist gewiss: Das neue Tibet ist dem alten in vieler Hinsicht nicht mehr gleich. Ein schönes, fast schon extravagantes Beispiel ist der Dzong, die Burg von Shigatse, ­Tibets zweitgrößter Stadt. Als in den 1980er-Jahren die Klöster nach und nach wiedererrichtet und mit Leben erfüllt wurden, blieben Burgen und Landgüter der Adeligen in ihren Ruinen versunken. Den einfachen Menschen, die nach Jahrzehnten der unseligen politischen Unruhen wieder Trost und Muße in den Ritua­len ihrer Religion finden konnten, wäre es nicht im Traum eingefallen, die alten Herrschaftssitze von sich aus wieder aufzubauen. Noch um die Jahrtausendwende, als die meis­ten Tempel und Klöster schon wieder aktiv waren und Klöster mancherorts sogar frühere Dimensionen sprengten, ragten zwischen den Flachdächern der Altstadthäuser von Shigatse und den golden glänzenden Tempeln des Klos­ters Tashilhunpo die stumpfen, grauen Ruinen der im 17. Jahrhundert dem Bau des Potala-Palasts in Lhasa zum Vorbild dienenden Festung auf. Welch Überraschung, als diese Festung 2005 bis 2007 rekonstruiert wurde – mit Spendengeldern aus Shanghai und mit Zement und Beton.
Genau Letzteres ist es, was uns im Wes­ten das Klagelied über den Untergang der tibetischen Kultur anstimmen lässt. Im Westen nimmt jedoch niemand den Untergang unserer eigenen Zivilisation als gegeben hin – obwohl hierzulande Zement und Beton doch die gängigsten Baumaterialien sind. Freilich haben wir begonnen, bei uns Synthesen zu schaffen, Verbindungen aus modernen Baumaterialien mit ganzheitlichem Denken: Wir gestalten neu und holen uns Anregungen aus anderen Kulturen. Nichts anderes geschieht unter modernen Tibetern. Da sie jedoch keine Stimme bei uns haben, ist darüber nichts bekannt – weshalb alles vom tibetischen Imago Abweichende als sinisiert bezeichnet wird. Damit wird den Tibetern ihre Fähigkeit zu kulturellem Wandel aus eigener Kraft und eine eigenständige Motivation abgesprochen; dabei ist Tibet voller Beispiele solcher von ihnen selbst geschaffenen, zeitgenössisch-traditionellen Fusionen. Dies beginnt in modernen Stadthaushalten und setzt sich über von Exil­-Lamas finanzierte Tempelhallen aus Zement und Beton fort, bemalt mit Acrylfarben und ausgestattet mit sanitären Anlagen. Solche Dinge spielen sich in den – nur aus unserer Sicht – abgelegensten Ecken des tibetischen Hochlands ab, und die Akteure stammen von dort. Aus diesem Grund soll hier einer dieser bemerkenswerten Tibeter samt einem seiner zentralen, zur Zeit im Entstehen begriffenen Projekte vorgestellt werden, der tibetische Architekt ­Matsa Sonam Topgyal.

Baumeister aus der Hochlandsteppe
Der junge Architekt Matsa Sonam Topgyal, mit chinesischem Zweitnamen Ma Yonggui, stammt aus einem nomadischen Gebiet im Herzen des tibetischen Hochlands, aus dem Dorf Baqên im Grenzgebiet der Autonomen ­Region Tibet zur tibetischen Präfektur Yushu in Qinghai, wie die chinesische Provinz auf der Nordhälfte des Hochplateaus heißt. Ein ländlicher geprägtes Umfeld ist kaum vorstellbar, und der Gegensatz zu seiner heutigen Tätigkeit entsprechend groß: Architektur wird in einer Steppenlandschaft, in der Nomaden bis heute in 4000 bis 5000 Metern Höhe mit ihren Yak- und Schafherden durchs Grasland ziehen, kaum nachgefragt.
Von Gestaltungsprinzipien beim Bau von Gebäuden werden Hirten uns wenig berichten können – und doch wird schnell augenfällig, dass sich Nomaden bei der Auswahl ihrer Zeltplätze nach ihrer natürlichen Umwelt richten. Es sind Regeln, die an wichtige Elemente des Feng Shui erinnern: Exposition an Südhängen, Fließgewässer in der Nähe vor dem Zelt, einge­rahmt von Bergzügen und anderes mehr. Im Zelt selbst ist gleichfalls eine gewisse Ordnung vorgegeben, wie der auf den Ehrenplatz beim Altar gegenüber dem Eingang platzierte Gast schnell erkennt. Hinter dem in der Mitte aufgebauten Ofen, Sitz des Herdgottes und gesellschaftlicher Mittelpunkt im Zelt, ragt meist eine Stange zur himmelwärtigen Öffnung in der Zeltdecke auf, die keine Funktion als tragendes Teil hat, da das Zelt von außen über mehrere Stangen und spinnwebartig darüber gespannte Seile stabilisiert wird. Wie in Zelten anderer Hirtenkulturen stellt sie – als Weltenachse – im praktischen wie im übertragenen Sinn die Verbindung mit der überirdischen Sphäre her und macht den sozialen Mittelpunkt auch zu einem rituellen. In gewisser Weise zeigt die umweltorientierte Standortwahl der Nomaden, wie Prinzipien des Feng Shui einmal entstanden sind.
Sonam Topgyals Geburtsort Baqên ist abgelegener kaum vorstellbar. In seinem Büro in der Provinzhauptstadt Xining erzählt uns Sonam von den beschwerlichen Wegen in seine Heimat: „Zunächst muss man bis in die Distrikthauptstadt Gyêgu fahren. Heute kann man die 900 Kilometer auf einer gut ausgebauten Straße gerade so innerhalb eines Tages bewältigen, aber noch vor zwanzig Jahren fuhr ein Bus drei Tage. Von dort führte eine Piste in die 200 Kilometer entfernte kleine Kreisstadt Zadoi, Hauptort eines Nomadengebiets, das in meinem Geburtsjahr 1974 auf einer Fläche, die größer ist als Belgien, gerade einmal 20 209 Einwohner hatte. In etwa fünf Tagesritten erreichte man von dort mein Heimatdorf. Heute kann den größeren Teil davon ein Jeep über eine 2006 ausgebaute Piste bewältigen.“
Als Kind lebte Sonam Topgyal noch im Zelt, aber er erinnert sich kaum dar­an. Als sein Vater Staatsangestellter wurde, errichtete die Familie am Ortsrand von Gyêgu ein einfaches Lehmhaus. Sein Vater schickte ihn zur Schule, und nach dem Unterricht zog er mit den Yaks auf die Weide. In der Schule lernte er früh Chinesisch, so dass ihm der spätere Hochschulbesuch in der chinesischen Großstadt Xining wenig Probleme bereitete. In den späten 1980er-Jahren baute seine Familie ein größeres Haus. „In diesem Haus erhielt ich erstmals ein eigenes Zimmer“, erzählt er. „Es hat mich sehr beeindruckt, die Entstehung dieses Hauses mitzuerleben, vermutlich wurde damals mein Interesse an Architektur geweckt.“
Nach Abschluss seines Studiums in Xi’an, inzwischen 20 Jahre alt, erhielt er eine Anstellung im Stadtbauamt von ­Yushu. Da die Tätigkeit im öffentlichen Amt ihn nicht ausfüllte, folgte er 1997 einem Ruf an die Akademie für Architekturdesign in Xining, wo er bis 2005 unterrichtete. In dieser Zeit, um die Jahrtausendwende, begann er mit tiefergehenden Studien der tibetischen Architektur. Zudem kam er mit tibetischen Lamas, ­großen buddhistischen Lehrern, in Kontakt, die sein Gespräch suchten, weil sie Tempelanlagen vergrößern oder neu errichten wollten. Die Geldmittel dafür erhalten ­diese meist von chinesischen Anhängern aus chinesischen Provinzen, aus Taiwan und Südostasien. Durch die intensiven Kontakte mit den Lamas wurde sein Interesse für den Buddhismus vertieft, und er begann, kanonische Schriften und klassische Lehrbücher zu studieren. So entwickelte er ein Verständnis von Architektur, das die buddhistische Vorstellungswelt eng in seine Arbeiten einbezog. Je mehr Aufträge er übernahm, um so mehr wurde ihm bewusst, dass es nicht genügte, klassische Vorbilder zu kopieren. Er wollte die zugrundeliegende Gedankenwelt, die deren Essenz ausmachte, verstehen und dar­aus eine moderne Architektur entwickeln. Im Jahr 2005 gründete er schließlich sein eigenes Architekturbüro, die Tibetan Culture Construction Development Company.

Bauprojekte in ganz Osttibet
Es ist beeindruckend, was der 34 Jahre junge Architekt bereits realisiert hat. Alle modernen Hotelneubauten in Gyêgu, dem Hauptort seines Heimat-Distrikts Yushu, tragen seine Handschrift – angefangen mit dem siebengeschoßigen Yushu Hotel, das mit dem ersten Fahrstuhl in tibetischen Nomadengebieten als mondänstes Gebäude dort gilt und zur Sehenswürdigkeit für wohlhabendere Nomaden der Region geworden ist. Für etliche der öffentliche Bauten im Kern der Neustadt wurde ihm der Auftrag für deren Design gegeben. In der seiner Heimatprovinz benachbarten Provinz Sichuan hat er nicht nur wesentlichen Anteil an der Planung klös­terlicher Bauten – wie dem Museum des Buddhismus in Serxu – sondern auch an der Gestaltung weiterer Behördengebäude in Kangding, dem politischen Zentrum des Distrikts Garzê.
Sein augenblicklich überragendstes Projekt jedoch ist die Umsetzung einer Klosteranlage in der alpinen Steppe westlich von Gyêgu, angeregt von dem bedeutenden Lama Khamchog Rinpoche. Letzterer ist die 14. Reinkarnation des Gründers von Kloster Ranyag in einer Seitenschlucht des Jangtse-Oberlaufs in Yushu. Im Bewusstsein, dass sowohl das geistige als auch leibliche Wohl der Menschen in der schwierigen Lebensumwelt seiner überwiegend nomadischen Heimat in Nord-Kham ganz wesentlich von Bildung abhängt, hat er den Plan gefasst, mitten in dieser Steppenlandschaft eine außergewöhnliche Bildungseinrichtung zu schaffen, die schulische Ausbildung und die Möglichkeit zum weiteren Studium von Geisteswissenschaften, insbesondere des Buddhismus, ermöglichen soll.
Die Wahl des Orts fiel bewusst auf die Großregion Yushu, die beider Heimat ist. Das Projekt ist für die Menschen vor Ort gedacht, zielt jedoch auch über die Region hinaus. Immerhin haben überregionale Kontakte buddhistischer Lehrer aus ­Yushu eine gewisse Tradition. Das Außergewöhnliche des Projekts ist nicht allein dessen Ausführung und Größe, sondern besteht darin, dass ein ehemals peripheres Gebiet nun mit Deutlichkeit auf sich aufmerksam macht, weil beide Akteure über den Raum hinaus wirken und ihre Heimat mit dem Rest der Welt in Verbindung bringen bzw. bringen wollen.
Feng Shui in Tibet?
Feng Shui ist die chinesische Ausprägung der Geomantie, und geomantische Konzepte finden sich in vielen traditionellen Kulturen. Daher ist es naheliegend, dass auch die Nachbarn Chinas entsprechendes Gedankengut pflegten und man sich gegenseitig beeinflusste. „Was einst dem Feng Shui zugeschrieben wurde“, meint Sonam Topgyal, „wird heute von vielen als Verschmelzung der Architektur mit der sie umgebenden Landschaft angesehen. Solche Vorstellungen sind verbreitet, auch in Tibet, selbst wenn sie in andere Denksysteme eingebettet sind. Dass man sich in Tibet mit Fragen des Feng Shui auseinandersetzte, geht auf die Zeit nach König Songtsen Gampo (7. Jahrhundert) zurück, der das erste tibetische Schrift­system einführte und damit die Verbreitung gelehrter Traktate ermöglichte. Durch seine Heirat mit der chinesischen Prinzessin Wencheng fanden zusammen mit einer Vielzahl von Handwerkern und Künstlern aus dem Reich der Mitte auch theoretische Erwägungen zur Architektur ihren Weg aufs Dach der Welt – und damit das Feng Shui. Dort ententwickelte sich ein neues, buddhistisch geprägtes System, in welchem Fragen der Harmonie mit der Umwelt ihren festen, wenn auch nicht mit Feng Shui benannten Platz hatten.“
Der Gedanke, die Geister der Luft und des Wassers einem Ort geneigt zu machen, war schon im vorbuddhistischen Tibet ein wichtiges Prinzip und drückt sich im alten chinesischen Begriff für Feng Shui, Kan Yu, ebenfalls aus. Als Kurzformel besagt es, man müsse „den Himmel und die Erde beobachten“. Genau dies tat Khamchog Rinpoche, als er den Ort für seine Akademie auswählte – allerdings intuitiv. Der Architekt Sonam Tobgyal dagegen kann uns die aus dem Feng Shui abgeleiteten dahinter stehenden Prinzipien erläutern:
„Die enge Beziehung zur natürlichen Umwelt spielt in den oft menschenleeren Gebieten des tibetischen Hochlands eine sehr viel größere Rolle als dies in den dichten Siedlungsgebieten Chinas der Fall war. Wer Gebäude in einer Stadt errichten will, kann nur sehr begrenzt auf die umgebende Landschaft Rücksicht nehmen, die Feng Shui-Lehre in den Städten hat sich im Lauf der Zeit mehr auf den Grundriss der Hallen und die Ausstattung der Innenräume konzentriert.“
Bei einem in der freien Natur gelegenen Kloster wie Ranyag Gompa steht dessen Lagebeziehung zur Umgebung im Vordergrund. Lassen wir uns daher die Feng-Shui-Qualitäten des Orts von Sonam Topgyal erläutern.

Die Lagebeziehungen der Ranyag-Klosterakademie in der Landschaft
Um das zur Zeit noch im Bau befindliche Ensemble zu erreichen, verlässt man ­Gyêgu westwärts und gelangt nach rund 50 Kilometern über einen Pass in ein weites Hochtal, in dessen Westen sich die Wasserfläche des Rongpo-Sees (chin. Longbao Hu, „See das Drachenschatzes“) abzeichnet. Auf halbem Weg zwischen Pass und See erstreckt sich nördlich der Straße auf einem wenig ansteigenden Hang das Gelände der zukünftigen Klos­terakademie. Um die Feng-Shui-Qualitäten des Orts abzuschätzen, müssen wir die Streichrichtung und die Form der Berge, das Aussehen des Wasserkörpers, dessen Fließrichtung sowie die ­Vegetation betrachten – im Fall eines Wäldchens auch dessen Lage. Die Gegend um das Ran­yag-Kloster ist verkarstet und sehr karg, die Hänge sind lediglich von mageren Weiden überzogen, eine andere Vegetation gibt es hier nicht.
Die Energie eines Orts gilt als größer, wenn sich mindestens ein oder zwei der vier mythischen Fabeltiere, die wir am Firmament als Symbole der chinesischen Sternenkonstellationen kennen, in den umliegenden Bergen wiederfinden. Es sind dies der Blaue Drache 青龍 (qinglong), der Weiße Tiger 白虎 (baihu), der Rote Pfauenvogel 朱雀 (zhuque) und der Schwarze Krieger des Nordens 玄武 (xuanwu). Als mächtige Wächterfiguren wurden sie bereits vor zweieinhalbtausend Jahren in herrschaftlichen Grabanlagen auf die Wände gemalt, um in jeder Himmelsrichtung alle Übel abzuwehren. Im Fall von Ranyag Gompa sind entsprechende Berge identifiziert. Darüber hinaus werden die Zuordnung zu den fünf Elementen Metall, Holz, Wasser, Feuer und Erde betrachtet, die acht Trigramme und manches mehr. Sonam Topgyals Analyse des Orts:
„Der Bergkamm im Osten windet sich wie eine Schlange – er steht für den ­Blauen Drachen. Zwar nicht sehr hoch, so ist er doch sehr windungsreich, das ist ausgezeichnet. Im Westen müssen wir nach einem Berg schauen, der die Kraft des Tigers repräsentieren kann. In der chinesischen Kultur stellt man sich den Tiger würdevoll und ehrfurchteinflößend vor, daher sollten die Berge auf der Westseite etwas schroffer wirken. Und in der Tat: Auf der Westseite des Ranyag-Klosters ragen steile Berge auf, wie majestätische Häupter. Auf der Rückseite aber muss sich ein ‚Ruheberg‘ 安山 (anshan) erheben, einer, der Ruhe und Sicherheit ausstrahlt. Er darf auf keinen Fall geologisch instabil sein. So darf sich hier zum Beispiel kein Schluchtausgang befinden, denn sonst bestünde die Gefahr von Überflutungen. Die ‚Bauökologie‘ des Feng Shui verlangt, dass nichts auf diesem Berg liege, das den Eindruck erweckt, es könne herabstürzen. Ein großer, massiger Berg ist als anshan bestens geeignet, so derjenige hinter der zukünftigen Klosterakademie. Zu beiden Seiten sind zwei Taleinschnitte, die im Fall von Starkregen das Wasser an der Anlage vorbeiführen würden. Gegenüber, auf der Südseite, liegt der zhaoshan 照山 oder ‚Spiegelberg‘, dem es obliegt, das Qi zu reflektieren, damit es sich nicht im Raum verliert. Der zhaoshan soll sanft sein und einen optimalen visuellen Eindruck vermitteln: Eine schöne Landschaft betrachten zu können, weckt das Wohlbefinden.“
Nun gilt es, eine mingtang 明堂 zu identifizieren, in Anlehnung an die kaiserlichen Audienzhallen auf Deutsch als „lichte Halle“ oder „Klarer Palast“ wiedergegeben. Sie ist eine eher weite, offene Landschaft – eine Art landschaftlicher Vorhof der Architektur – und wird als energetisches Zentrum, als Quelle der Lebenskraft 生气 (shengqi) für das zu errichtenden Gebäude angesehen.
Allein im Südwesten gibt es einen kleinen Makel am Feng Shui des Bauplatzes: Hinter dem Zhaoshan ragt eine felsige Spitze wie ein Zahn hervor, was etwas schlechtes Qi 煞气 (shaqi) verursacht. Dies muss beim Bau der Gesamtanlage berücksichtigt werden. Auch einen anderen Aspekt gilt es nicht aus dem Auge zu verlieren: Die beiden genannten Taleinschnitte links und rechts der Anlage werden als Drachenadern 龍脈 angesehen; ihnen entströmt nach traditioneller Auffassung der Atem des Drachen, die Kraft der sich durch das Land bewegenden Energieströme, die es nicht zu unterbrechen gilt. „Im Fall des Ranyag-Klosters haben wir das große Glück, dass diese Adern sanft bei ihm enden, und es heißt, je mehr Adern allmählich in einen Ort münden, um so mehr Energie werde dieser sich die lebenspendende Energie des Drachen einverleiben. Wir errichten unsere Akademie also in einer Drachenhöhle 龍穴 (longxue).“
Mit solchen Dingen hat sich Khamchog Rinpoche als buddhistischer Lehrer nicht bewusst auseinandergesetzt. Wie andernorts auf der Welt galt es zunächst, die Finanzierung eines architektonischen Komplexes, der sich immerhin über einen Quadratkilometer Fläche erstrecken soll, und die behördlichen Genehmigungen sicherzustellen. Dass die Finanzfrage lösbar sein würde, war im Vorfeld bereits deutlich, da der Lama aus dem Ranyag-Kloster eine spendenwillige chinesische Anhängerschaft im Mittelstand chinesischer Großstädte, aber auch in Taiwan und Hongkong hat. Anders als in Teilen Zentraltibets ist in Yushu zudem das Verhältnis zwischen Lamas und Behörden ein gutes, weshalb letztere nicht nur die Genehmigung erteilten, sondern mehrere Bauplätze zur Auswahl stellten. Diese begutachteten Lama und Architekt gemeinsam, und Khamchog Rinpoche wählte zielsicher den beschriebenen Ort aus, die „Drachenhöhle“, die als Stätte mit der vielleicht höchsten Konzentration von Drachenenergie in ganz Yushu gelten kann.

Planung und Umsetzung
Die natürlichen Gegebenheiten werden selbstverständlich auch im Design der Gesamtanlage berücksichtigt. Ein dritter wichtiger Punkt ist die Oberflächengestalt des Bauplatzes. So sollte er beispielsweise möglichst nicht ausgehoben oder aufgeschüttet werden; dann wäre der Platz nur wie eine Beule oder Blase aufgewölbt. Hier am Ort der Klosterakademie ist der Bauplatz natürlich zwischen zwei Bachläufen aufgewölbt und damit voll und rund. „In China sagt man: ‚Deine Stirnmitte sei voll und rund, und so sei es in deiner natürlichen Umgebung.‘ Eine gewölbte Stirnmitte bedeutet ein glückliches Schicksal, und solches erwartet man auch vom irdischen Grund“, erklärt der Architekt.
Betrachten wir als nächstes das Wasser. Zu beiden Seiten des Bauplatzes fließt ein Bach, beide vereinigen sich zu einem Fluss, der schon bald in den Rongpo-See, den Longbao Hu, mündet. Dieser von der leichten Anhöhe des Klosters sichtbare See bildet, wie gesagt, die Mingtang der Gesamtanlage, jenen „Palast der Klarheit“, der das Shengqi aufnimmt und bewahrt. Dieses Qi wird durch den im Süden sich erhebenden Zhaoshan reflektiert und in den Brennpunkt der heiligen Landschaft gelenkt. Am Rongpo-See halten sich Schwarzhalskraniche bevorzugt auf. Der Staat hat dort ein Schutzgebiet für diese seltene, noch einen geschätzten Bestand von etwa 5600 bis 6000 Tiere umfassende Vogelart eingerichtet. „In der Vorstellungswelt des tibetischen Buddhismus sind diese Vögel geheiligt“, erzählt Sonam Topgyal, „auch sind sie bemerkenswert intelligent. Eine wirkungsvollere Mingtang als dieser See ist für ein Bildungszentrum wie die Ranyag-Klosterakademie daher kaum vorstellbar. Außerdem ist die Fließrichtung des Wassers von Osten nach Wes­ten, und da der Osten nach traditioneller chinesischer Vorstellung die soziale Moral, das gesellschaftliche Empfinden für das, was recht und billig ist, hervorbringt, ist dies ein gutes Vorzeichen für eine Bildungsstätte im klösterlichen Rahmen.“

Die Klosterarchitektur
Die Haupthalle der gesamten Kloster­akademie wird der Platz der Drachenhöhle tragen. Ihr Gelände wird kreisförmig angelegt – entsprechend dem buddhis­tischen Symbol des achtspeichigen Rads der Lehre. Auf jedem wichtigen Verknüpfungspunkt wird ein Gebäude stehen, womit jeder Gesichtspunkt der Landschaft in der Anlage seine Entsprechung findet. Wenn man von der Hauptblickrichtung der Hauptgebäude ein wenig nach Wes­ten abweicht, gerät jener spitze, felsige Gipfel ins Blickfeld, der die positiven Eigenschaften der Landschaft ein wenig beeinträchtigt. Seine schlechten Einflüsse sollen durch eine Gruppe von acht Stupas (tibet. Chörten, chines. „Pagoden“) gebannt werden. Die Han-Chinesen im chinesischen Kernland würden hierfür Steine bzw. Felsen, die vom heiligen Berg Tai Shan geholt wurden, einsetzen, da diese böse Geister vertreiben sollen. In Tibet ist es seit Einführung des Buddhismus Tradition, Übel durch den Bau von Stupas zu unterdrücken, wie ja schon in der frühen Geschichte Tibets davon berichtet wird, dass das Land dadurch befriedet wurde, dass eine menschenfressende Dämonin durch den Bau von 108 Tempeln an die Erde „genagelt“ und somit ihrer üblen Kräfte beraubt wurde.
Der südliche Scheitelpunkt des Kreises, der die Gesamtanlage umfasst, liegt nahe der von Gyêgu nach Westen zum Rongpo-See und weiter tief ins Nomadenland führenden Straße. Von hier führt ein Fußweg in den sakralen Klosterbereich, dessen Aufbau an ein Mandala erinnert. Dort, wo der Sakralbereich durchbrochen wird, erhebt sich eine von einem Fußwalmdach bekrönte Torhalle, die in chinesisch-buddhistischen Tempeln unweigerlich den vier sogenannten Himmelskönigen, den Lokapalas, geweiht ist. Hier mag durchaus der Ort sein, an welchem zukünftige Studenten und Pilger einem Maitreya, dem Buddha der Zukunft, oder einer mächtigen tibetischen Schutzgottheit ihre Reverenz erweisen werden. In der architektonischen Gliederung sind lamaistische Klöster sehr viel freier gestaltet als chinesische Tempel, wenngleich frühe Einflüsse aus dem alten Reich der Mitte in Ost­tibet deren strenge Symmetrie und Abfolge der Hallen zuweilen manifestiert haben. Dem Prinzip, dass das wichtigste Gebäude auf der Hauptachse liegt, folgt die Ranyag-Akademie.
Von der Torhalle beginnt der leichte Anstieg über einen Reihe von Treppenstufen in einen inneren, von einer quadratischen Mauer umgrenzten Bereich, der im Mandala als „himmlischer Palast“ bezeichnet würde. Er steht als Sinnbild für das Gebäude des Bewusstseins und der Weisheit – und damit für den im engeren Sinn buddhistischen Tantriker, im weiteren Sinn für den Wissensdurstigen, die beide beim Vordringen ins Innerste dieser Stätte Verwirklichung suchen. Im Überblick erscheinen die geometrischen Grundrisse auch als Sinnbilder für die irdische und überirdische Welt, die in der alten chinesischen Kosmogonie quadratisch (Erde) und kreisförmig (Himmel) vorgestellt wurden.
Der innerste Bereich der Klosterakademie gliedert sich in drei Ebenen. Die ­erste Treppe trennt den Bereich der Laien von jenem der Mönche, d. h. die unterste Plattform, die man durch das Tor betritt, dient den Laien als Wohnbereich und für die Administration der Klosterakademie. Die beiden Gebäude links und rechts sind entsprechend als Hotel und Verwaltungsgebäude vorgesehen. Die anschließenden Stufen führen auf eine Plattform, die als offener Platz gestaltet ist und zur Durchführung buddhistischer Zeremonien dienen soll – wie Klosterfeste, Maskentänze und gelehrte Disputationen der Mönche. Am oberen, nördlichen Ende erhebt sich auf der abermals über Treppen zu erreichenden dritten Ebene die Hauptversammlungshalle (dukhang), das spirituelle, zeremonielle und architektonische Zentrum des Ranyag-Klosters. Sie setzt sich aus der dreigeschoßigen eigentlichen Versammlungshalle der Mönche und einem über sechs Stockwerke aufragenden Lama-Residenz- und Tempelbereich zusammen. Mit einer Grundfläche von über 8000 Quadratmetern ist sie nicht nur zehnmal größer als der Dukhang des alten Klosters, sondern ist womöglich die monumentalste Halle, die in tibetischen Nomadengebieten zu finden ist. Ihre Komposition trägt deutliche Züge des tibetischen Exilklosters Sera im südindischen Bylakuppe, wo sich Khamchog Rinpoche mehrere Jahre aufhielt. Zwei pavillonartige Dachaufbauten zu beiden Seiten der Halle stehen symbolisch für den Buddha und seine beiden Lieblingsschüler und versinnbildlichen noch einmal die Aufgabe der Akademie: die Lehre und ihre Verbreitung.
In der Anlage vorgesehen sind auch vier unterschiedlich gestaltete Schutzgöttertempel. Sie schirmen den Südwes­ten ab – und damit jeglichen schlechten Einfluss der jenseits des „Spiegelbergs“ aufragenden Felsspitze. Eine der Schutzgottheiten ist eine alte, auf die vorbuddhis­tische Zeit zurückgehende Gottheit namens Gyilang, der insbesondere abends niemals der Weg verstellt werden sollte. Daher ist im Oberstock der ihr geweihten Tempelhalle auf einander gegenüberliegenden Seiten je ein offenes, dreieckiges Fenster in die Wand eingelassen. Damit wird Gyilang die Bereitschaft der Menschen gezeigt, ihren Wünschen jederzeit zu entsprechen. So erhofft man sich zu den positiven Kräften, die Sonam Topgyal im Kontext der Feng-Shui-Lehre für den Ort erschlossen hat, noch den Beistand der göttlichen Schutzmacht.


Resümee
Zweifellos ist Matsa Sonam Tobgyal einer der, wenn nicht der einflussreichste der einheimischen Architekten in Osttibet. Auf einzigartige Weise gelingt es ihm, traditionelle Architektur, Feng Shui und moderne Baumaterialien ins Einvernehmen zu bringen. Seine Arbeiten deshalb als chinesisch anzusehen, wäre eine Fehleinschätzung. Anders als viele westliche Betrachter, die aus Tibet gerne ein unveränderbares Museum machen würden, vertritt Sonam Topgyal die Auffassung, dass eine Kultur umso lebendiger ist, je mehr sie andere Einflüsse auf eigene Weise einbezieht. Nur muss man diesen Wandel selbst gestalten. Damit dies in Harmonie geschieht, hat er Feng Shui in sein Denken einbezogen. Damit ist ihm etwas Beeindruckendes, Modernes und gleichwohl typisch Tibetisches gelungen.