Der richtige Weg ist das Ziel

Raum-Dynamik und die Bewegung des Menschen

von Reiner Padligur erschienen in Hagia Chora 30/2008

Die Planung einer Raum- oder Landschaftsgestaltung nach Feng Shui führt häufig zu Ergebnissen, die auch nach den Prinzipien der modernen Verkehrsplanung zu erwarten sind. Der Mensch folgt der Dynamik des Raums. Jede gute Planung muss diese erkennen, berücksichtigen und verstärken, wenn sich am gegebenen Ort ein positives Lebensgefühl einstellen soll.

Das Qi ist im Feng Shui die Qualität, welche die feinstoffliche Wirkung eines Raums definiert. Das Qi soll eine für den Menschen günstige Qualität haben, um seine Nutzungswünsche und Ziele zu unterstützen. Man kann das Qi als die an einem Ort vorhandene Lebenskraft beschreiben. Die Regeln zum Verlauf des Energieflusses, der Dynamik des Qi, sind aus der menschlichen Raumwahrnehmung abgeleitet. Das unbewusste Fußgängerverhalten auf Wegen, Straßen, Fluren und auf freien Plätzen steht in diesem Artikel als Beispiel dafür, wie Menschen auf einen Raum reagieren und dabei eine Tendenz haben, ihren richtigen, guten Weg zu finden und zu gehen. Diese Tendenz, sich an bestimmten Orten länger aufzuhalten und bestimmte Wege lieber zu gehen als andere, kann man durch Beob­achtungen statistisch erfassen.
Der Physiker Dirk Helbing, Direktor des Instituts für Wirtschaft und Verkehr an der Technischen Universität Dresden, veröffentlichte ein Buch über die „Verkehrsdynamik“, in dem von ihm unter anderem auch das Fußgängerverhalten untersucht wurde. Es stellt die Beziehung zwischen einem Raum und seiner Wirkung auf den sich bewegenden Menschen vor, indem die statistischen Ergebnisse des menschlichen Verhaltens als „evolutionäre Algorithmen“ in bestimmte Formelgrößen zur Berechnung des Fußgängerverhaltens gebracht werden. Helbings Ziel ist es, bereits in der Planung den Aspekt des menschlichen Verhaltens zu berücksichtigen.
Praxisbeispiel Trampelpfad
An den sichtbaren Spuren des sich bewegenden Menschen, den Trampelpfaden in einer Parklandschaft, will ich diese Erkenntnisse und Prinzipien erläutern.
In öffentlichen Parkanlagen und Grünflächen werden von Städteplanern und Landschaftsarchitekten Wegeflächen gebaut, auf denen der Park durchquert oder über eine Grünfläche geschlendert werden soll. Der Verlauf der Wegeflächen wird dabei oft nach architektonischen Gesichtspunkten, z. B. bestimmten Linienachsen oder geometrischen Formen, oder nach ökonomischen Aspekten, z. B. der sparsamsten (oftmals der geraden) Wegeführung, geplant. Die Bedürfnisse der späteren Nutzer des Parks oder der Grünanlage stehen dabei selten im Vordergrund.
Bald entstehen zwischen den befes­tigten, offiziellen Wegen Trampelpfade. Ihr Verlauf ist die materielle Manifestierung der sich in diesem Raum frei bewegenden Menschen. Trampelpfade entstehen nach Dirk Helbing immer dann, wenn der vorhandene Weg einen gewissen Umwegs-Toleranzwert überschreitet, wobei Umwege bis zu 25 Prozent von den Fußgängern noch akzeptiert werden.
Wenn der Mensch sich in einer Grünfläche seinen eigenen Weg aussucht, wählt er nicht den geometrisch geplanten (Um-)Weg, allerdings auch nicht den kürzesten Weg. Obwohl vermeintlich alle Fußgänger meinen, durch das Begehen eines Trampelpfads den eigentlich vorgesehenen Weg abzukürzen, sind die realen Trampelpfade erstaunlicherweise nie die kürzeste Verbindung zwischen dem Anfangspunkt und dem Ziel. Trampelpfade entstehen zwar vordergründig aus dem Wunsch, eine Abkürzung zu gehen, aber ihr Verlauf ist immer kurvenförmig. Er entspricht dem strömungsförmigen Verlauf eines Bachs oder, mathematisch gesehen, einer perfekten Bézierkurve und kann dementsprechend auch berechnet werden.
Trampelpfade sind die Kombination von einer rational gewünschten, optimalen Distanzverkürzung und einem angenehmen Gehgefühl. In den Trampelpfaden hat sich immer die positive Lebenskraft der Menschen manifestiert, die ihren eigenen und für sie richtigen Weg gegangen sind. Die dadurch entstehenden Windungen entsprechen dabei interessanterweise auch oft dem Verlauf der Qi-Dynamik des jeweiligen Geländes.
Die Parallelität zwischen der wissenschaftlichen Beschreibung solcher Bewegungsmuster und der Struktur des Qi im Feng Shui ist erstaunlich und könnte Skeptiker vielleicht von den tieferen Erkenntnissen und der Tragweite der alten Kunst des Feng Shui überzeugen.

Der Mensch im Raum
Ähnlich wie aus der Analyse des Qi im Feng Shui Empfehlungen abgeleitet werden, einen Raum energetisch für den jeweiligen Zweck optimal so zu gestalten, dass der Raum dem Menschen ein positives Lebensgefühl vermittelt, leitet Professor Helbing aus seinen Erkenntnissen der „evolutionären Algorithmen“ Empfehlungen für eine Optimierung von Wegeflächen ab. Seine Frage ist dabei, wie zum Beispiel bei Fußgängerströmen eine Steigerung der Durchflussmenge und Geschwindigkeit (besonders in Notfallsituationen) erreicht werden kann. Sein Ziel ist eine bessere Effizienz, aber auch eine Einsparung von Wegeflächen.
Trotz des unterschiedlichen Ziels ergeben beide Analysen im Prinzip die gleichen Empfehlungen. Wie im Feng Shui berücksichtigen auch Dirk Hel­bings „evolutionäre Algorithmen“ den Faktor Mensch, die subjektive Wirkung eines Raums und die Reaktionen des Menschen, so dass seine Planungsempfehlungen von den Nutzern wohl als stimmig, angenehm und positiv empfunden werden.